Science Fiction

Urbane Zukünfte: Wo Stadtplanung auf Science Fiction trifft

Screenshot aus dem Werbevideo zum Stadtbauprojekt

Alessandra Reß, 23.04.2026

Städte unter der Erde, unter Kuppeln oder über den Wolken: In der Science Fiction sind der Fantasie wenig Grenzen gesetzt, wenn es um die Frage geht, wie und wo die Menschheit auf der Erde lebt. Ist das alles Zukunftsmusik? Wo hört Stadtplanung auf, wo beginnt Science Fiction? Ein Schlaglicht auf Stadtvisionen des Heute und Morgen.

Wie wird unser Stadtleben in Zukunft aussehen? Werden wir alles in fünfzehn Minuten erreichen können – oder wird uns alles gebracht? Werden unsere Häuser in die Wolken wachsen oder in die Tiefe? Gibt es mehr Raum für den Autoverkehr oder gehört die Zukunft Schiene und Pedal? Müssen Häuserschluchten Platz für Flugtaxis lassen? Wird unser Stadtbild eher grün oder grau?

Die Science Fiction hat hierauf zahlreiche Antworten gefunden. Sie hat uns in feudalen Wolkenkratzern leben lassen, in denen das Stockwerk über die Hierarchie entscheidet. Sie hat Wohnorte unter der Erde oder im Meer entworfen. Metropolen, die sich mit Kuppeln von der Außenwelt abschirmen. Fassaden, in denen Pflanzenranken der Natur ihren Platz geben. Himmel, die von tausend Neonlichtern flimmern. Straßen, durch die Züge brettern oder Taxis fliegen. Smart Cities mit eigenem Bewusstsein.

Schon allein für Berlin sind die Zukunftsaussichten sehr breit gestreut. Letztlich gibt es kaum ein Werk der Science Fiction, das ganz ohne Stadtdarstellung auskäme.

Kann das Genre damit der Stadtplanung und -entwicklung des Hier und Jetzt als Inspiration, gar als Vorbild dienen? Und wie viel Einfluss nimmt wiederum die urbane Planungspraxis auf die Science Fiction?

Science-Fiction-Städte in der Forschung

Solche Fragen beschäftigen sogar die Forschung: Bereits 2014/15 wurde hierzu im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg das Projekt „Sci-Fi-Cities – Stadtzukünfte in Kunst, Literatur und Video“ durchgeführt.[1] Anhand verschiedener Werke sollte untersucht werden, inwiefern sich SF- Stadtvisionen für die Planungspraxis nutzen lassen können.  Zu den herangezogenen Titeln gehörten vor allem Filme aus Nordamerika und Westeuropa, darunter z. B. „Metropolis“ (1927), „THX 1138“ (1971), „Das fünfte Element“ (1997) oder „Elysium“ (2013).

Eine Erkenntnis, die sich im Projekt früh herauskristallisierte: Science Fiction kreiert Alternativwelten, eignet sich aber nicht zwangsläufig als Zukunftstechnik. Nicht jedes Werk orientiert sich schließlich an tatsächlichen Machbarkeiten, zuweilen ist die Stadt schlicht Mittel zum Handlungszweck. Potenzielle Vorbilder für die Planungspraxis blieben daher unter dem untersuchten Pool die Ausnahme.

Trotzdem kann Science Fiction in Bezug auf Stadtentwicklung zwei wichtige Funktionen erfüllen: Erstens spielt sie gesellschaftliche Szenarien durch, die Ängste und Hoffnungen der Gegenwart aufgreifen. Was sind z. B. mögliche Folgen, wenn soziale Segregation stark räumlich gedacht wird?  Wie könnten sich Gesellschaften unter einer Kuppel entwickeln? Was könnten Gründe für eine zukünftige Stadtflucht sein?

Zweitens kann Science Fiction wiederum – bewusst oder unbewusst – Konzepte aus der Stadtplanung oder -soziologie umsetzen und so einem breiteren Publikum nahebringen. Bernward Joerges stellt das in einem Paper am Beispiel von „Blade Runner“ vor: „Blade Runner […] illustriert […] die Metapher von der "Dual City" oder der "Divided City" […]. Es geht dabei immer in der einen oder anderen Form um die These, große Städte folgten einem Grundmuster der fortschreitenden Spaltung in arm und reich, in eine offizielle und eine informelle Ökonomie […].“

 

[1] Ergebnisse des Projekts „SciFi-Cities“ lassen sich in einer Sonderpublikation (2016) und im Sammelband „Urbane Zukünfte im Science-Fiction-Film. Was wir vom Kino für die Stadt von morgen lernen können “ (2020) nachlesen. Einen Artikel zum Projekt hat zudem 2015 das Architektur-Fachmagazin Detail veröffentlicht.

Neom, Telosa & die Ästhetik der Mega-Planstädte

Die Macht, die solche Visualisierungen und inzwischen selbst die bloße Assoziation mit Science Fiction besitzen, um Zukunftsgewandtheit zu symbolisieren, hat auch das (Stadt-)Marketing für sich entdeckt. Eindrücklich zeigt sich das an den Prestige-Planstädten, wie sie im letzten Jahrzehnt designt wurden, und hier insbesondere am saudi-arabischen Siedlungsprojekt Neom. Neom vereint mehrere Bauvorhaben, darunter die vertikale Planstadt The Line, die ursprünglich für 2030 auf einer Länge von 170 Kilometern geplant wurde, oder das im Innern eines Hügels geplante Aquellum. Design und Werbevideos geizen nicht mit Zitaten auf Science-Fiction-Werke, im Analyse-Video von Arte sieht Alain Musset z. B. Anspielungen auf „Altered Carbon“.

Ähnlich wie bei den Silicon-Valley-Innovationen wird auch in diesen Fällen ausgeklammert, dass die zitierten Werke eher warnenden, dystopischen Charakter haben; von Interesse sind die Ästhetik und das damit verbundene Gefühl eines Aufbruchs in neue Welten. Die „revolution in civilization“, die „a healthier, more sustainable quality of life“ verspricht, so heißt es im Werbevideo zu The Line.

Neom ist nicht zuletzt deshalb ein dankbares Beispiel, weil mit dem gleichnamigen Roman von Lavie Tidhar bereits eine Erzählung erschienen ist, welche die Zukunft des Projekts in ferne Zukunft weiterspinnt. Ein eindrücklicher – und spezieller – Fall von einer Wechselwirkung zwischen Bau und Science Fiction.

Allerdings ist Neom keineswegs das einzige Projekt dieser Art. 2021 stellte z. B. der Unternehmer Marc Lore sein Konzept für die Planstadt Telosa vor, designt von der Bjarke Ingels Group (BIG), den Vorzeige-Visionären der Architekturbranche. 2030 sollen hier bereits die ersten 50.000 Menschen leben, 2050 sollen es fünf Millionen sein. Hier, das ist irgendwo in der Wüste zwischen Arizona, Utah und Nevada. Eine eher ungewöhnliche Wahl für eine Stadtvision, die nach eigenen Angaben eine gerechtere und vor allem nachhaltigere Zukunft („a more equitable and sustainable future“) entwerfen möchte.

Bei der ersten Ankündigung sorgte das Projekt prompt für hitzige Diskussionen u. a.  in der Solarpunk-Community. Wie die Wunderstadt umgesetzt werden solle inkl. Wasserversorgung, futuristischem Individualverkehr und dem angepriesenen erstklassigen Bildungssystem? Vier Jahre vor dem geplanten Start ist das noch ebenso unklar wie der genaue Standort.

Hier schließt sich der Bogen zu Neom, das inzwischen deutlich zurückstecken musste. The Line etwa wurde erst drastisch in der geplanten Länge gekürzt, im Herbst 2025 die Bauarbeiten gestoppt.

Andere Megaprojekte wurden zumindest in Teilen umgesetzt, zum Beispiel Masdar City (Abu Dhabi), die Forest City (Malaysia) oder die Neue Hauptstadt Ägyptens. Die Einwohnerzahlen lassen jedoch zu wünschen übrig, in einem Artikel auf Zeit.de war 2023 z. B. die Rede davon, dass in Masdar City nur etwa 3.500 Personen lebten. Obwohl Wohnraum zur Verfügung steht, mangelt es in den Planstädten an Gemeinschaft und dritten Orten, an Verwurzelung und einer verbindenden Identität. Selbst Nusantara, die geplante neue Hauptstadt Indonesiens, welche das von der Überflutung durch den steigenden Meeresspiegel bedrohte Jakarta ablösen soll, kämpft mit Akzeptanzproblemen.

Gewissermaßen sind solche Projekte oft selbst Science-Fiction-Szenarien.

Stadtplanung im Spannungsfeld

Was sind demgegenüber typische Themen, die die „alltägliche“ Stadtplanungspraxis in Deutschland beschäftigen? Mit welchen Hindernissen hat sie zu kämpfen und was ist für sie noch Science Fiction?

Diese Fragen haben für den Artikel zwei Planungs- und Architekturbüros beantwortet: Drei Eins Stadt Freiraum Architektur aus Frankfurt am Main sowie GSP Landschaftsarchitekten und Stadtplaner aus Nürnberg.

 „Die meisten unserer Projekte drehen sich um Schaffung von mehr Wohnraum und / oder mehr Gewerbeflächen“, so das Team von GSP Landschaftsarchitekten und Stadtplaner. „Dabei ist die Anpassung an den Klimawandel ein zentrales Thema. Wir arbeiten an mehr Resilienz für Städte und Siedlungen gerade im Umgang mit den zunehmenden Extremwetterereignissen. Dabei versuchen wir z. B. möglichst viel Wasser direkt vor Ort zu versickern, anstatt es in Kanäle einzuleiten, und dafür die nötigen Flächen zur Verfügung zu stellen.“

Ähnliche Schwerpunkte machen Beatrix Baltabol und Rebecca Faller von Drei Eins aus, auch in konkretem Bezug auf Frankfurt: „Freiflächen müssen geschützt und weiterentwickelt werden. Der Grüngürtel, Kaltluftschneisen und biodiversitätsreiche Grünräume sind essenziell für das Stadtklima und die Lebensqualität. Die Anforderungen der Klimaanpassung – insbesondere im Hinblick auf Hitze, Starkregen und die Umsetzung von Schwammstadt-Prinzipien – gewinnen weiter an Bedeutung und beeinflussen Planungsentscheidungen.“ Weltweit würden zudem Urban-Farming-Konzepte getestet. Zudem betonen beide die Bedeutung von bezahlbarem und qualitätsvollem Wohnraum sowie der Bereitstellung sozialer Infrastruktur: „Hierdurch bleibt eine soziale Duschmischung von Städten gewährleistet, eine wichtige Voraussetzung für sichere und lebenswerte Städte.“

Als zwei weitere angebundene Trends, welche Städte gegenwärtig nachhaltig verändern und beeinflussen, nennen Baltabol und Faller zum einen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, zum anderen Mobilität: „In vielen Städten beansprucht der motorisierte Individualverkehr nach wie vor überproportional viel öffentlichen Raum. Hier gilt es, Flächen für Begrünung, Erholung und Aufenthalt sowie für sichere und qualitätsvolle Rad- und Fußwege umzuwidmen. Einige Städte verfolgen erfolgreich durch verschiedene Maßnahmen das sogenannte Vision-Zero-Ziel, das bedeutet, dass langfristig die Zahl von im Verkehr getöteten und schwerverletzten Menschen auf null gesenkt wird. Die 15-Minuten Stadt, in der alle wichtigen Einrichtungen des täglichen Bedarfs innerhalb von fünfzehn Minuten zu Fuß oder mit dem Rad erreicht werden können, stellt ein weiteres Konzept dar, um den KFZ-Verkehr in Städten zu reduzieren.“

Die Umsetzung gestaltet sich gleichwohl nicht immer leicht. Beide Büros sprechen den Wettbewerb um verfügbare Flächen oder Interessenskonflikte insbesondere in Bezug auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit an. „Insgesamt bewegt sich die Stadtplanung im Spannungsfeld aus Flächenknappheit, Zielkonflikten und begrenzten Ressourcen“, so fassen es Baltabol und Faller zusammen.

Fliegende Taxis, aber kein Zero Impact

Und wie halten die Planer*innen und Architekt*innen es mit typischen Ideen aus der Science Fiction? „Neben dem Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln könnten autonom fahrende (und möglichst gemeinschaftlich genutzte) Fahrzeuge sowie vielleicht langfristig Flugtaxis die städtischen Straßen entlasten“, so die Einschätzung von Drei Eins. Allerdings: „Städte unter Glaskuppen, begrünte Hochhauskomplexe mit Verbindungswegen und -straßen auf mehreren Ebenen und dazwischen fliegende Autos – das sind Bilder von Städten der Zukunft, die wir in den nächsten zwei Jahrzehnten nicht umgesetzt sehen.“

Im Team von GSP Landschaftsarchitekten und Stadtplaner ist man pessimistisch, was autarke oder komplett fliegende bzw. schwimmende Städte angeht. Zudem: „Zumindest in Europa sind Zero-Impact-Städte, also Städte ohne ökologischen Fußabdruck hinsichtlich Produktion, Energie, Abfall, Mobilität, aber auch Lärm oder Luftschadstoffe auf absehbare Zeit Science Fiction.“

Dennoch bleibt Raum für optimistische Visionen: „Wir wünschen uns Städte mit einer hohen baulichen Dichte, aber nicht zu hohen Gebäuden, um den menschlichen Maßstab zu wahren“, so Baltabol und Faller von Drei Eins. „Straßen sind wieder Treffpunkte und Raum für soziale Interaktion. Kinder treffen dort ihre Freund*innen und haben ausreichend Platz zu spielen. Begrünung sorgt für Beschattung und Abkühlung sowie die Versickerung von Regenwasser. In den Städten gibt es für alle Kinder und Jugendliche moderne Schulen. Schwimmbäder, Sportplätze, Bibliotheken und kulturelle Einrichtungen stehen in ausreichender Zahl zur Verfügung.  Durch eine gemeinwohlorientierte Bodenpolitik, vereinfachte Baunormen und vorgefertigte Bauweisen konnte ausreichend kostengünstiger Wohnraum geschaffen und die Stadt wieder für alle Bevölkerungsschichten bewohnbar gemacht werden.“

Zurück in die Zukunft

Kommen solche Vorstellungen nicht wiederum bekannt vor aus der Science Fiction?

Wirft man einen Blick z. B. in die jüngere Climate-Fiction-Literatur, finden sich durchaus Titel, die den direkten Schulterschluss zur Planungspraxis suchen. Beispiele reichen von Kim Stanley Robinsons „New York 2140“ bis zum „Metropolia“-Comic von Fred Duval und Ingo Römling. Mal eher optimistisch, mal eher pessimistisch, stets mit Sinn für die Möglichkeitsräume.

„Städte sind nie nur Infrastruktur, sondern immer auch Erzählungen“, schreibt Aiki Mira im Artikel „Die Glitchy Stadt“ zum in Frankfurt angesiedelten SF-Roman „Denial of Service“. Ein Satz, der gleichermaßen für Science Fiction wie für Stadtplanung anleitend sein kann.

Wie wird unser Stadtleben also in Zukunft aussehen? Es hängt (auch) von den Erzählungen ab.

Alessandra Reß
© Pablo Lachmann

Alessandra Reß

Alessandra Reß wurde 1989 im Westerwald geboren, wo sie auch aufgewachsen ist. Nach Ende ihres Studiums der Kulturwissenschaft arbeitete sie mehrere Jahre als Redakteurin, ehe sie in den E-Learning-Bereich gewechselt ist.

Seit 2012 hat sie mehrere Romane, Novellen und Kurzgeschichten veröffentlicht, zudem ist sie seit mehr als 15 Jahren für verschiedene Fanzines tätig und betreibt in ihrer Freizeit den Blog „FragmentAnsichten“. Ihre Werke waren u. a. für den Deutschen Phantastik Preis und den SERAPH nominiert.

Mehr unter: https://fragmentansichten.de/

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