Krieg in unseren Köpfen – Science Fiction und Propaganda
Judith Madera, 16.04.2026
Noch immer ist unsere Welt auch eine Welt der Kriege. Das Internet sollte die Menschheit verbinden, doch es spaltet sie in einem Krieg der Bilder. Propaganda hat ihr Gesicht gewandelt und ist so verbreitet wie nie zuvor. Wir alle sind mit ihr konfrontiert – und Science Fiction kann uns helfen, ihre Mechanismen zu durchschauen …
Propaganda ist auch im 21. Jahrhundert etwas erschreckend Alltägliches, das Menschen gerne anderen Menschen vorwerfen und wovon sie glauben, selbst nicht beeinflusst zu sein. Dabei ist es durch das Internet und insbesondere Social Media so leicht wie nie zuvor, Meinungen zu manipulieren und Menschen gegeneinander aufzuhetzen, um politische Ziele zu erreichen. Der Begriff Propaganda wird dabei oft falsch verwendet und missbraucht, um beispielsweise berechtigte Interessen von Minderheiten abzuwerten. Im Zeitalter allgegenwärtiger Desinformation ist es besonders schwer, sich auf Fakten zu konzentrieren und sich selbst eine Meinung zu bilden.
Science Fiction kann Orientierung bieten und dabei helfen, Propagandatechniken zu verstehen und zu durchschauen. Sie erlaubt einen Blick aus der Distanz und demonstriert in fiktiven Gesellschaften, was Propaganda bewirkt und wie jeder einzelne davon beeinflusst wird. Auch kann in der Science Fiction extrapoliert werden, wie Propaganda in der Zukunft aussieht und wie neue Technologien für ihre Zwecke missbraucht werden – und uns warnen. Im Folgenden schauen wir uns an, wie Propaganda in der Science Fiction dargestellt wird und was das Genre uns über sie lehrt.
Was ist Propaganda?
Ursprünglich war der Begriff Propaganda nicht negativ besetzt. Er leitet sich vom lateinischen propagare (ausbreiten/verbreiten) ab, wurde zunächst im Zusammenhang mit christlicher Missionierung genutzt und meinte seit der Französischen Revolution schlicht die Verbreitung gesellschaftspolitischer Ideen. Zu Beginn des 20. Jahrhundert wurde Propaganda Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und zunächst wertneutral betrachtet, ehe der Begriff durch diktatorische Regime wie dem Nationalsozialismus negativ konnotiert war.
Heute verstehen wir unter Propaganda unerwünschte Manipulation und denken sie zusammen mit Krieg, Diktaturen und Faschismus. Die Bundeszentrale für Politische Bildung definiert Propaganda als den „Versuch der gezielten Beeinflussung des Denkens, Handelns und Fühlens von Menschen“. Um politische Ziele durchzusetzen, werden Feindbilder konstruiert, Menschengruppen auf- und abgewertet, Gesellschaften gespalten. Die Methoden sind seit Jahrhunderten ähnlich, doch die Werkzeuge der Propaganda haben sich verändert:
Gesellschaftspolitische Ideen wurden lange mündlich und schriftlich verbreitet, in Form von Reden, Liedern und Diskussionen, Zeitungen, Plakaten und Flugblättern oder gar als Motive auf Münzen. Der technologische Fortschritt des 20. Jahrhunderts verschaffte der Propaganda neue Möglichkeiten, die unter anderem die Nationalsozialisten zu nutzen wussten: über das Radio als "Volksempfänger" wurden die Menschen mit Propaganda beschallt, im Kino strömten in der Deutschen Wochenschau bewegte Propagandabilder auf die Menschen ein, ergänzt durch kriegsverherrlichende Filme.
Mit der Erfindung des Internets wurde es nochmals leichter, Propaganda zu verbreiten, immerhin vereint es alle bekannten Propagandawerkzeuge: Wort, Schrift, Ton, bewegte Bilder. Soziale Netzwerke multiplizieren die Wirkung und sind inzwischen selbst Propagandainstrumente mit Algorithmen, die Aufregerthemen und Desinformation in die Timelines spülen. Und mit Künstlicher Intelligenz ist es so leicht wie nie zuvor, Lügen zu verbreiten und die Wahrheit zu zerstören.
Sprache formt Realität
Propaganda nutzt Worte beziehungsweise Sprache zur Manipulation. Bedeutungen existierender Wörter werden verändert, neue Wörter kreiert, Wörter und ganze Bücher verboten. George Orwell widmet sich in 1984 (1949) der sprachlichen Dimension der Propaganda, veranschaulicht durch die staatspolitisch veränderte Sprache der Dystopie, „Neusprech“ genannt. Sprache formt Realität und so soll Neusprech die Realität der Bevölkerung des fiktiven Staates Ozeanien verändern. Wer von der neuen offiziellen Sprache abweicht, begeht ein „Gedankenverbrechen“, das sichtbar sein soll durch ein „Gesichtsverbrechen“, abgeleitet vom Gesichtsausdruck, der durch verbotene Gedanken entsteht. Durch die Unterdrückung und Veränderung von Worten werden Gedanken ebenso unterdrückt und verändert, sodass der Bevölkerung die Vorstellung von Veränderung und Revolution nicht mehr möglich sein soll. Hinzu kommen aus der Dystopie bekannte Slogans wie „Krieg ist Frieden“, die zwei gegensätzliche Zustände gleichsetzten, was zu Verwirrung führen soll. Allgegenwärtige Überwachung ermöglicht die Kontrolle über die Sprache, während das Staatsfernsehen die Bevölkerung täglich mit Propaganda füttert und Hass auf den Staatsfeind schürt. 1984 wurde als Warnung verfasst – und scheint heute erschreckenderweise rechtsextremen Akteur*innen als Inspiration zu dienen.
Propaganda in der Postapokalypse
Wer die ersten Kapitel von Songlight (2024) von Moira Buffini liest, glaubt zunächst, die Handlung spiele in einer Fantasywelt, die dem früheren 20. Jahrhundert ähnelt. Doch wir befinden uns in einer Postapokalypse, in der ein erbitterter Krieg tobt und in der die Menschen im Staat Brightland massiv von Propaganda beeinflusst sind. So stark, dass selbst Minderheiten die Lügen, die über sie erzählt werden, glauben. Menschen, die über das sogenannte Songlight verfügen, eine telepathische Gabe, werden massiv verfolgt und unterdrückt. Sie werden Fackeln oder „Unmenschen“ genannt und glauben teilweise selbst, von der Propaganda beeinflusst, „Unmenschen“ zu sein. Auch Frauen werden unterdrückt und Mädchen dazu erzogen, Bräute für Kriegshelden zu werden. Sie werden zu Erst- und Zweitfrauen und sollen viele Kinder gebären, während diejenigen, die keinen Mann finden, zur Prostitution gezwungen werden. Wird jemand als Fackel erkannt, werden diese Menschen öffentlich vorgeführt und gedemütigt, als „Unmenschen“ bespuckt und geschlagen. Eltern verstoßen ihre Kinder, Freunde verraten einander – aus Überzeugung oder aus Angst. Moira Buffini zeigt eindrucksvoll, wie beides im Übermaß in dieser Gesellschaft vorhanden ist. So lassen die einen ihrem Hass freien Lauf, wenn eine Fackel entdeckt wird, während andere ihre Tränen kaum zurückhalten können. Aus Angst nehmen sie jedoch an den demütigenden Ritualen teil.
Die Methoden der Regierung Brigthlands in Songlight erinnern nicht zufällig an Orwells 1984: So wird der Staatsführer „Great Brother Peregrine“ genannt und Menschen mit Hilfe von Sprache entmenschlicht. Durch die Radiobine (quasi ein „Volksempfänger“) wird Propaganda verbreitet und Hass auf den Feind geschürt. Da die Menschen der Vergangenheit jedoch große Zerstörung hinterlassen haben und viel Wissen verloren gegangen ist, verfügt Great Brother Peregrine nicht über die technologischen Möglichkeiten, die Bevölkerung umfassend zu überwachen. Die Überwachung findet vor allem gegenseitig statt, inklusive Denunziantentum. Songlight erschien 2024 gefühlt zu spät, waren Dystopien mit jungen Protagonist*innen doch vor über zehn Jahren ein großer Trend – doch in der heutigen Zeit mit ihrer massiven Desinformation und im Angesicht der erneuten Ausbreitung faschistischer Ideen, ist Moira Buffinis Trilogie-Auftakt genau zur richtigen Zeit erschienen.
Science Fiction als Propagandawerkzeug
SF-Fans sehen sich mehrheitlich als wissenschaftlich interessiert und faktenorientiert; dass ihr Lieblingsgenre selbst Propaganda verbreiten könnte, ist für viele ein abwegiger Gedanke. Dabei wurde Science Fiction schon im frühen 20. Jahrhundert im Krieg instrumentalisiert: Im Propagandafilm Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner (1916) bleibt der Erste Weltkrieg auf dem Mars nicht unbemerkt. Ein marsianischer Journalist hört die Kommunikation der Franzosen und Engländer ab, laut derer in Deutschland alle in Armut und Elend leben. Der Journalist will sich selbst ein Bild machen und besucht gemeinsam mit einem Wissenschaftler die Erde, wo sie Deutschland als Paradies vorfinden und mit deutschen Spezialitäten verköstigt werden. Die Entdeckung Deutschlands ist eine abstruse Mischung aus SF-Geschichte und Filmpropaganda, die zu Recht beinahe in Vergessenheit geraten ist.
Mit den ersten Erfolgen der Raumfahrt in der Mitte des 20. Jahrhunderts gewann Science Fiction als Propagandamedium an Bedeutung. In Der schweigende Stern (westdeutsch: Raumschiff Venus antwortet nicht) wurde Stanislaw Lems Roman Die Astronauten (auch Der Planet des Todes) als Vorlage genutzt. Der Autor selbst äußerte sich kritisch zur "propagandistischen" Filmfassung seines Werkes. Zwar wird hier vor einer nuklearen Katastrophe, einer durchaus realen Gefahr damals, gewarnt, womit man von einem Antikriegsfilm sprechen könnte, doch er ist durchsetzt von sozialistischer/sowjetischer Propaganda.
Satire oder Propaganda?
Der Kultfilm Starship Troopers (1997), basierend auf Robert A. Heinleins gleichnamigem Roman, ist als Satire auf faschistische Propaganda gedacht. Der Film selbst ist jedoch nicht frei von dem Vorwurf, schlichte Militär-Propaganda oder gar Nazi-Propaganda zu sein. Regisseur Paul Verhoeven führte für seine Bildsprache Leni Riefelstahls NS-Propagandafilm Triumph des Willens als Inspiration an, hinzu kommen die Symbolik des Dritten Reiches und Soldaten, deren Kleidung an die Gestapo erinnert. Starship Troopers extrapoliert den Faschismus in den Weltraum und überzeichnet faschistische Kultur auf eine Art und Weise, die als Satire vorgesehen war und so verstanden werden kann, aber zugleich wie Glorifizierung wirken kann. In der deutschen Synchronisation wurde durch Textänderungen die antidemokratische Haltung der faschistischen Zwei-Klassen-Gesellschaft und damit auch die satirische Kritik daran verwässert.
Der Film zeigt eine militaristische Zukunft, in der die faschistische Terranische Föderation der Erde gegen außerirdische Insektoide kämpft. Die Geschichte dreht sich um junge Menschen, die zum Militär gehen, beeinflusst von der allgegenwärtigen Kriegspropaganda, laut der die Menschen die Herrscher der Galaxie sind. Zweifel an dieser Überzeugung kommen auch nach traumatischen Kriegserlebnissen nicht auf – im Gegenteil: der Film endet mit der fatalen Erkenntnis, noch mehr in diesen Krieg investieren zu müssen.
Kriegspropaganda im 24. Jahrhundert
Der Episode „Nemesis“ aus der vierten Staffel von Star Trek: Raumschiff Voyager gelingt es, innerhalb von 45 Minuten zu demonstrieren, wie Kriegspropaganda funktioniert und wie schnell geschickte Manipulation Hass erzeugt – selbst bei Menschen, die in der Sternenflotte stets für friedliche Lösungen eintreten und sich normalerweise nicht an Konflikten fremder Spezies beteiligen: Als Commander Chakotay, der 1. Offizier der Voyager, auf eine Forschungsmission unter Beschuss gerät und auf einem fremden Planeten strandet, erhält er Hilfe von einer Gruppe junger Soldaten. Diese berichten ihm von ihrer Nemesis – einem brutalen Feind, der nicht zwischen Soldaten und Zivilisten unterscheidet und die pure Grausamkeit und Bösartigkeit verkörpert. Chakotay bemüht sich, seine Objektivität zu bewahren, und betont, nur einen Weg zurück zur Voyager zu suchen. Ebenso stellt er in Frage, ob diese Nemesis tatsächlich so grausam und böse ist, da die Wahrheit im Krieg nicht viel zählt. Im Verlauf der Handlung wird Chakotay Zeuge, wie die jungen Soldaten ermordet und ihre Leichen geschändet werden, er wird Zeuge, wie der Feind ein Dorf mit Zivilisten überfällt und diese in Arbeits- und Vernichtungslager deportiert. Er entwickelt nun selbst Hass auf die Nemesis und erkennt nicht, dass er Opfer technologisch ausgefeilter Propaganda ist.
„Nemesis“ demonstriert eindrucksvoll, wie schnell ein friedlicher Charakter wie Chakotay innerhalb kurzer Zeit so manipuliert werden kann, dass er sich vom Hass leiten lässt. Die Simulation, in die er gerät, erzeugt schnell aufeinanderfolgende emotionale Ausnahmesituationen, die zu Abscheu, Verachtung und blankem Hass führen. Beim ersten Ansehen der Episode ergeht es vielen Zuschauer*innen wohl ähnlich, man fühlt mit Chakotay mit, der unverschuldet in einen grausamen Krieg geraten ist, in dem die kameradschaftlich agierenden jungen Soldaten brutal niedergemetzelt werden. Erst als Captain Janeway an Bord der Voyager einen Vertreter der vermeintlichen Nemesis trifft, der helfen will, Chakotay zu finden, setzt das kritische Denken wieder ein. Wie manipulativ und ausgefeilt die Propaganda ist, wird jedoch erst am Ende ersichtlich. Mit Hilfe von Technologie gelingt es, eine falsche Realität zu erzeugen und einen Menschen innerhalb weniger Tage zu radikalisieren.
Die Episode stimmt nachdenklich, inwiefern uns heutige Technologien bereits beeinflussen. Im Internet tobt längst ein Krieg der Bilder und Fake News. Dabei ist es schwer, sich nicht emotional mitreißen zu lassen, sondern kritisch zu hinterfragen, ob ein Bild oder eine Meldung tatsächlich echt sind. Und Künstliche Intelligenz macht diese Überprüfung immer schwieriger.
Wie man sich Propaganda widersetzen kann
Ursula K. Le Guin beschreibt in Die Überlieferung einen totalitären Konzernstaat, der auf dem Planeten Aka nach dem Erstkontakt zu den Terranern entstanden ist. Die Aussicht Teil einer intergalaktischen Gemeinschaft zu werden hat eine Kulturrevolution ausgelöst, inklusive Bücherverbrennungen und Verfolgung all jener, die sich der neuen Doktrin nicht beugen wollten. Menschen sind hier „Erzeuger-Verbraucher“ und werden so auf ihre Funktion im neuen Kapitalismus reduziert. Die Propaganda des Konzernstaats ist allgegenwärtig und staatliche Überwacher kontrollieren, ob die Menschen auf Linie sind.
Die terranische Observatorin Sati ist erschrocken über den Zustand der Gesellschaft Akas, sollte sie doch die Kultur dieser Welt erforschen. Während ihre Reise relativ kurz war, sind aufgrund der Zeitdilatation auf Aka Jahrzehnte vergangen. Von der ursprünglichen Kultur scheint nun nichts übrig zu sein. Sati beschließt, die Stadt zu verlassen und das Dorf Okzat-Ozkat zu besuchen, wo es zunächst ebenfalls danach aussieht, als wären die Menschen dem Konzernstaat treu ergebene „Erzeuger-Verbraucher“. Doch als sie sie näher kennenlernt, erkennt sie, dass sie ihre alte Kultur bewahrt haben. Sie verstecken Bücher in geheimen Bibliotheken und sogenannte Maz, spirituelle Führer*innen, geben die alten Geschichten weiter. All dies verbergen sie geschickt vor den wachsamen Augen der staatlichen Überwacher – beispielsweise indem sie vorgeben, gemeinsam Sport zu treiben, während sie in Wahrheit Geschichten teilen. Die Überlieferung ist ein komplexer und zugleich relativ kurzer Roman, der wunderbar die Überlagerung von äußerer und innerer Realität in einem autoritären Staat illustriert und dennoch Hoffnung schürt.
Was uns Science Fiction über Propaganda lehrt
Science Fiction eignet sich hervorragend, um innerhalb fiktiver Staaten und Gesellschaften Propagandatechniken und ihre Auswirkungen zu erforschen. Vor allem aber zeigt sie uns, wie leicht jeder einzelne und damit auch wir selbst Opfer von Propaganda werden können. Durch neue Technologien erscheint es erschreckend leicht, Menschen dazu zu bringen, einander abzulehnen und, oftmals erstarrt vor Angst, autoritären Regimen zu folgen. Doch Science Fiction kann uns auch zeigen, wie wir Propaganda durchschauen und uns gegen sie wehren können. Selbst in Diktaturen ist ein Festhalten an der Wahrheit zwar schwer, aber möglich.
Judith Madera
Judith Madera ist Literatopia-Chefredakteurin und Herausgeberin des Online-Fanzines PHANTAST. Seit 2019 schreibt sie gelegentlich für TOR online über Science Fiction, Anime und Manga. Mehr unter https://www.literatopia.de