Die große Eskapist*innen-Wanderung: Romantasy, LitRPG und wo das Genre hingeht
Swantje Niemann, 02.04.2026
Swantje Niemann denkt darüber nach, was der Erfolg von Romantasy und LitRPG darüber verrät, was sich Menschen von Fantasy wünschen – und wie das über den Moment hinausgeht, in dem das Buch geschlossen wird.
Das Ende eines Hiveminds
Für Jahrzehnte lautete eine beliebte Kritik an epischer Fantasy, dass sie so widerwillig sei, Tolkiens Fußstapfen zu verlassen. Mittlerweile sind wir an dem Punkt, an dem Autor*innen das Genre als Einladung auffassen, alles zu tun, was ihnen so einfällt. Es ist schwierig geworden, in Form von Klischees oder ihrer Subversion über das Genre zu sprechen, weil es einfach keine dominanten Klischees mehr gibt. Es hat die Ära, in der man sich über Bauernjungen mit großem Schicksal und arrogante Elfen oder später routinierte Grimdark-Brutalität lustig machen konnte, hinter sich gelassen. Und auch Urban Fantasy besteht nicht länger immer nur aus Mythology-Kitchen-Sink-Detektivgeschichten. Das Genre zieht nun munter Einflüsse aus allen möglichen anderen Genres und dem realen Leben.
Mir fallen auch keine Megabestseller ein, die nicht nur in Verkaufszahlen, sondern auch an Einfluss mit dem Erfolg von „Game of Thrones“ vergleichbar wären. Da sind zwar Sandersons spektakulär erfolgreiche Romane, vor allem im „Cosmere“-Universum. Dank seiner kostenlos auf YouTube veröffentlichten Vorlesungen und Podcast-Auftritte hat sich auch seine Schreibphilosophie, die z.B. Begriffe wie „Window Pane Prose“ oder die „hartes/weiches Magiesystem“-Dichotomie popularisiert hat, weit verbreitet. Aber auch hier sehe ich vorerst den Höhepunkt seines Einflusses auf das Genre überschritten.
Mir fallen einige weitere positiv aufgenommene Bücher mit großer Reichweite ein, aber außerhalb von Subgenres - auf die ich noch zurückkommen werde - ist keines davon die Sorte Bestseller, die einen neuen Trend auslöst und zu der alle eine Meinung haben. Und Diskussionen über Tolkien, „Das Spiel der Götter“ oder „Das Rad der Zeit“ – also die r/fantasy-Säulen – werden allmählich alt. Klar, einige Bücher lassen sich in kleinere Trends einordnen oder thematisch gruppieren. Ich denke z.B. an das Aufgreifen von Dark Academia in Fantasy, wobei in vielen Fällen zum Glück mehr als reine Ästhetik herauskommt. Oder mein geliebtes „Guckt euch diese düstere, abgedrehte Stadt an!“-Cluster (ein paar Beispiele findet ihr in meinem „Mehr Stadt pro Stadt“-Artikel). Und mit „Piranesi“ von Susanna Clarke haben wir vor einigen Jahren ein sehr erfolgreiches Buch bekommen, bei dessen Lektüre sich Fantasy- und Hochliteratur-Fans treffen können.
Aber die Zeit, wo es in den Fantasy-Bubbles, in denen ich herumhing, gefühlt ein Schwarmbewusstsein mit gemeinsamen Vorlieben und eigener Terminologie zur Beschreibung von Büchern gab („Keine Plot Armor und originelles hartes Magiesystem = Gut, Love Triangle = Schlecht“), ist vorbei. Auch das ritualhafte Besprechen bestimmter Themen hat abgenommen. Teilweise, weil Dinge tatsächlich besser geworden sind – die Repräsentation von Frauen zum Beispiel –, teilweise, weil sich der Zeitgeist weiterbewegt hat und z.B. Fantasy ohne „Plot Armor“ oder mit detailliertem Magiesystem längst nicht mehr subversiv oder innovativ wirkt.
Autor*innen machen genau das, was lange von ihnen gefordert wurde: ihr eigenes Ding – und das oft mit einer großen Prise literarischem Ehrgeiz. Dabei kommen oft sehr lesenswerte Bücher heraus. Aber diese Hinwendung zum Originellen macht es auch schwerer, Bücher in großen Gruppen zu diskutieren oder massive Fandoms rund um einzelne Titel oder Trends zu entwickeln. Das Genre ist experimenteller und teilweise literarischer geworden, aber auch fragmentierter. Entsprechend sind Diskussionen über Fantasy mittlerweile häufiger auf die kleineren Personenkreise beschränkt, die das gleiche Buch gelesen haben, und sie haben gefühlt an Intensität nachgelassen, auch wenn nach wie vor spannende Dinge gesagt werden. So zumindest mein Eindruck, der sich daraus speist, dass ich viel zu viel Zeit auf Fantastik-Subreddits und „BookTube“ verbringe und sich dadurch ein Vergleich verschiedener Fan- und Diskussions-Communitys aufdrängt.
Meine These: Das „allgemeine“ Fantasy-Genre hat sich zumindest ein Stück weit von allgegenwärtigen Tropes und Mega-Trends verabschiedet und ist nicht länger der gemeinschaftsstiftende Eskapismus-Garant von früher. Diese Funktion wird jetzt verstärkt von den in den letzten Jahren explodierten Subgenres Romantasy und Progression Fantasy/LitRPG übernommen, in einer spannenden Wechselwirkung mit Plattformen und Fankultur. Ich sehe darin eine Nachfrage nach Büchern, die zuverlässig bestimmte Gefühle liefern, aber über die es sich auch einfach gut reden lässt.
A Canon of Books and Tropes
Wer nach Megabestsellern und Trendsettern sucht, wird im Romantasy-Subgenre fündig. Hier gibt es Phänomene wie „A Court of Thorns and Roses“ oder „Fourth Wing“ plus Fortsetzungen, dank denen eine Menge Leute tatsächlich die gleichen Bücher gelesen haben. Ein großes Fandom verlängert das Leseerlebnis durch Diskussionen, Fan-Art und Fanfiction über die tatsächliche Lektüre hinaus.
Ein wichtiges Charakteristikum von Romantasy ist auch ein großes Set etablierter Genre-Tropes, mit denen Autor*innen „Mix and Match“ spielen können. Diese sind allgegenwärtig in Gesprächen zwischen Leser*innen, aber auch in der Vermarktung von Büchern. Auf Instagram-Kacheln zeigen krakelige Pfeile, welche Tropes man im Buch findet, auf romance.io lässt sich hochdifferenziert nach dem perfekten Buch für die eigenen Lesevorlieben filtern und auch der Thalia-Onlineshop hat mittlerweile einen Trope-Filter. Romantasy-Leser*innen haben auch ihre eigene, von Romance-Spaces geprägte Terminologie, voll von Abkürzungen und Annahmen über Bücher. Z.B. wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass die meisten Bücher einen FMC und einen MMC haben (female main character und male main character) und welche narrative Funktion jeweils mit diesen assoziiert ist. Eine Menge Menschen wissen, was mit einem HEA (Happily Ever After) oder HFN (Happy For Now) gemeint ist oder welche Bücher sich hinter ACOTAR oder FBAA verbergen. Das ist ein gemeinschaftsstiftendes Element.
Tropes bieten eine Sprache für und einen Gegenstand von Unterhaltungen und ermöglichen einen Austausch über Romantasy oft auch zwischen Menschen, die nicht die gleichen, aber ähnliche Bücher gelesen haben. Und diese Unterhaltungen finden häufig und leidenschaftlich statt. Wer Romantasy liest, kauft sich tendenziell nicht nur Bücher, sondern auch Gemeinschaft. Und wenn mehr über ein Buch geredet wird, hören natürlich mehr Menschen davon und werden neugierig.
Hier überlege ich, ob vielleicht noch eine weitere Plattform-Entwicklung am Werk ist: Ich erinnere mich noch gut an die Ära der schriftlichen Buchblogs mit ihren Meinungen, Rezensionen und Schreibtipps, welche der Feuilleton-Ersatz der Fantastik waren. Es gibt sie noch immer (was mache ich sonst hier?), aber sie haben gegenüber Diskussionen und Empfehlungen auf sozialen Medien, oft in kürzerer und stärker visueller Form, an Zahl und Sichtbarkeit verloren. Kodifizierte, allgemein bekannte Tropes, mit denen sich in kürzester Form Vorstellungen von dem Buch und den Gefühlen, die es hervorrufen wird, abrufen lassen, erlauben Werbung auf kleinstem Raum und ein Gerüst, um Bücher zu beschreiben und zu vergleichen.
Diskussionen von Tropes sind nichts Neues. Die Seite tvtropes.org ist ein gutes Beispiel dafür. Sie existiert seit vielen Jahren und wird laut Google weiterhin stabil gesucht und genutzt, fühlt sich aber gleichzeitig ein bisschen wie eine Zeitkapsel an: Die Seiten und Beispiele sind häufig älter und auch die Art, wie Tropes benannt und diskutiert werden, ist anders als auf Social Media – sie ist sehr neutral und geradezu komisch kleinteilig. Tropes identifizieren und beschreiben erscheint hier mehr als gecrowdsourcte Medienanalyse und Mustererkennung als Selbstzweck, als ein Spiel von Taxonomie-Nerds und Autor*innen, die Inspiration suchen. Auch durch das Format – lange Seiten mit Aufklappboxen mit Beispielen – liegt ein analytischerer Zugang nahe.
Aber zurück zur Rolle von Tropes und der Ähnlichkeit von Büchern bei deren Vermarktung: In „Dangerous Books for Girls – The Bad Reputation of Romance Books Explained” geht Maya Rodale darauf ein, dass Romance bei allem Positiven, was sie darüber zu sagen hat, traditionell ein sehr kommerzielles Genre ist, in dem Bücher mehr über ihre Ähnlichkeit miteinander als darüber beworben wurden, was sie einzigartig macht. Das scheint auch für den Fantasy-Ableger zu gelten – oder Genre-Fiction allgemein. Aus einem Vortrag über Übersetzungen von Fantasy habe ich mitgenommen, dass auch der Amazon-Algorithmus es belohnt, wenn man viele ähnliche Bücher schreibt. Das ist eine interessante Parallele zu LitRPG und Progression Fantasy, die ihre eigenen Ökosysteme wie z.B. die Plattform RoyalRoad haben, wo auch die Orientierung an beliebten Tropes und lange, zuverlässig geupdatete Geschichten belohnt werden.
Ich frage mich, ob Fantastik dank Webnovels oder dem rasanten Veröffentlichungstempo von Indie-Autor*innen nicht zumindest in einigen Genres ein bisschen zu ihren Pulp-Wurzeln zurückkehrt – eine interessante Parallelentwicklung zum Trend hin zu immer opulenteren Hardcover-Ausgaben. Das muss nicht notwendigerweise etwas Schlechtes sein. Wenn Monate statt Jahre in ein Buch fließen, sind vielleicht die Hemmungen geringer, zwischen den garantierten Erfolgen etwas Experimentelles zu machen – ein Potenzial, das auch Maya Rodale anspricht. Auch schnell produzierte Fortsetzungsromane können originell und subversiv sein. Ich denke nur an Michael Moorcocks „Elric“-Romane, deren Einfluss sich nicht mehr aus der Fantastik wegdenken lässt. Gleichzeitig weiß ich nicht, wie gut Analytics und Trope-Filter der Kreativität im Genre tun. Experimentieren und dem Publikum etwas ebenso Unerwartetes wie Willkommenes geben, ist schwieriger, wenn so gut ersichtlich ist, was gerade gefragt ist und gefunden wird.
Eskapismus und garantiert gute Gefühle
Romantasy übernimmt meiner Meinung nach ein Stück weit auch das implizite Versprechen von Eskapismus und guten Gefühlen, das für viele Lesende den Reiz des Romance-Genres ausmacht, und das so von „klassischer“ Fantasy nicht länger gemacht wird. In ihrem Schreibratgeber „7 Figure Fiction“ erklärt z.B. Autorin Theodora Taylor, die Romance mit und ohne Fantastik-Elemente schreibt, das Bedienen von „Universal Fantasies“ zum offenen Geheimnis ihrer erfolgreichsten Bücher – also mehr oder weniger Wish Fullfillment.
Ein weiterer Selling Point ist beruhigende Vorhersehbarkeit. Diese wird oft noch vom Paratext unterstützt: Oft verrät schon der Klappentext, ob das Happy End bereits in diesem Buch oder erst später in der Serie eintritt. Vorworte bereiten Lesende zum Teil sehr detailliert darauf vor, was sie erwartet und womöglich aufwühlend sein könnte und gehen dabei in ihrem Detailreichtum weit über Content Notes hinaus, wie sie in anderen Genres gebräuchlich sind. Die Möglichkeit, nach Büchern mit bevorzugten Inhalten zu filtern, habe ich bereits erwähnt.
Es ist auch das Subgenre, in dem explizite Inhalte erlaubt sind und oft sogar erwartet werden. Liebe, Beziehungen und Begehren sind für viele Menschen eine wichtige Facette ihrer Lebenserfahrung und Motivation, und als solche verdienen sie es, in Büchern dargestellt zu werden. Mir sind mehrfach Kommentare gerade von Leserinnen begegnet, die dank Romance / Romantasy Scham rund um ihre Sexualität überwinden konnten – meiner Meinung nach ein echter Verdienst des Genres.
Auch LitRPG und Progression Fantasy haben zwar Potenzial für unbehagliche, gesellschaftskritische Geschichten – Matt Dinnimans Mega-Erfolg „Dungeon Crawler Carl“ balanciert z.B. bizarre Leben-oder-Tod-Situationen und vulgären Humor mit unübersehbarer Gesellschaftskritik –, aber sie haben auch ihre bequemen Szenarien. Beliebte Tags wie „OP MC“ (Overpowered Main Character) auf RoyalRoad helfen Lesenden, Power Fantasies zu finden. Und das grundlegende Versprechen des Genres ist ja eine Entwicklung hin zu mehr Macht und allgemeiner Agency in der Welt und einer Belohnung für harte Arbeit.
Der Erfolg dieser Genres lässt mich überlegen, ob der Teil der Fantastikleser*innen, der Bücher experimenteller und unbequemer sehen wollte, nicht schon immer eine laute Minderheit von Vielleser*innen war. Oder ob wir uns einfach in einer Zeit bewegen, in der fantastische Literatur wieder vermehrt als Wish Fulfillment und Erholung statt als Quelle von Warnungen oder Anregung, die Welt und die Zukunft anders zu denken, gefragt ist. Ich denke hier auch an den Erfolg von „Cozy Fantasy“. Vielleicht steckt in der Hinwendung zu Dopaminschleuder-Genres auch Widerstand gegen die Idee, auch die Freizeit produktiv nutzen und Bücher zu Bildungs-/Selbstverbesserungs-/Food-for-Thought-Zwecken lesen zu müssen. Gerade in Zeiten, in denen wir uns aus der Politik dreiste Beschimpfungen unserer Produktivität anhören müssen, fühlt sich das wie eine sehr verständliche Rebellion an.
Fazit (ft. Feuilleton Redemption Arc?)
Meine Beobachtungen zu den Romantasy/Prog Fic/LitRPG-Communities waren für mich eine gute Erinnerung daran, dass genau die Aspekte von Fantasy, deren Subversion gerne gefordert wird – Geschichten über individuelle Agency und Erfüllung, die ein gewisses Maß an Vorhersehbarkeit bieten – wahrscheinlich einen größeren Reiz des Genres ausmachen, als man angesichts mancher Diskussionsbubbles annehmen könnte. Ein weiterer Aspekt ist die soziale Dimension des Lesens und die Wechselwirkung mit den Plattformen für das Veröffentlichen, Vermarkten und Diskutieren von Literatur.
Mich persönlich sprechen nicht alle Entwicklungen an (ja, ich gehöre zu den anstrengenden Leuten, denen man ein Buch über die Themen und stilistischen Innovationen verkaufen kann), aber ich sehe auch den Wert davon, Subgenres mit einem Set von gut wiedererkennbaren Konventionen zu haben. Es tut Communitys gut, darüber reden zu können, und Schreibenden, weil sie damit spielen oder in Dialog treten können.
Gleichzeitig frage ich mich, wo dies die experimentellere Fantastik und den Austausch über diese lässt. Lange stand für die Fantastik infrage, ob wir überhaupt in den Feuilleton- und Hochliteraturklub wollen (auch, weil Besprechungen von Journalist*innen ohne Genrekompetenz mitunter zum Fremdschämen einladen). Aber vielleicht wäre es doch gar nicht so schlecht, weiter an einem öffentlichen Bewusstsein dafür zu arbeiten, dass Fantastik etwas zu literarischer Innovation und einem Austausch über die Realität beizutragen hat, und die Grenze zu allgemeiner Literatur weiter zu vermischen. Und vielleicht sind wir ja schon in diese Richtung unterwegs. „Babel“ wurde zum Beispiel nicht von einem klassischen Fantasy-Verlag veröffentlicht und der Carcosa-Verlag macht „seriös“ aussehende Ausgaben von anspruchsvollen Genre-Klassikern. Mithu Sanyals „Anti-Christie“ (brillantes Buch, bitte lest es) war für einen Fantastik-Preis nominiert und Climate Fiction verwischt die Grenze von Science-Fiction und Belletristik über die großen Probleme der Gegenwart. Mal sehen, wie sich das weiterentwickelt.
Swantje Niemann
Swantje Niemann wurde 1996 in Berlin geboren. Als Leserin, aber auch als Autorin ist sie am liebsten in den verschiedenen Subgenres der Phantastik unterwegs und teilt auch gerne in Blogposts und Rezensionen ihre Eindrücke von Büchern. Sie schreibt unter anderem für das Fanzine „Phantast“. 2021 erschien ihr vierter Roman, „Das Buch der Augen“. Mehr Informationen findet ihr unter https://www.swantjeniemann.de