Mehr Phantastik

TikTok und die neue Weltordnung

Im Hintergrund die US-Flagge. Davor eine Smatphone mit dem TikTok-Logo.

Lars Schmeink, 19.03.2026

Was bedeutet es für uns und die Buchbranche, wenn Tech-Milliardäre mit fragwürdigem Demokratieverständnis wie Larry Ellison (TikTok) die sozialen Medien kontrollieren, auf denen wir uns austauschen? Lars Schmeink hat sich ein paar Gedanken dazu gemacht.

Spätestens seit Elon Musk Twitter gekauft und in X verwandelt hat, dürfte der Welt klar sein, dass die Tech-Milliardäre (oder sind es schon alles Billionäre?) nicht mehr nur am Geld verdienen allein interessiert sind, sondern auch an einer neuen Weltordnung basteln, die mehr ihrer Ideologie entspricht. Was Musks Einfluss auf Twitter bewirkt hat, ist schnell deutlich geworden: sein rechtsextremes Gedankengut verbreitete sich auf der Plattform rasant und seine Zensur „unpatriotischer“ Meinungen macht die App zu seiner persönlichen politischen Spielwiese mit globalem Einfluss. Und Musk ist wohl kaum der einzige Techbro, der sich in Trumps Amerika (und Welt) politisch einmischt und gleichzeitig sein Ego streicheln lässt – und vielleicht auch nicht der gefährlichste.

Aktuell in den Fokus gerückt ist Larry Ellison, der mit seiner Firma Oracle gerade TikTok in den USA gekauft hat (vereinfacht ausgedrückt) und auch sonst still und leise ein Medien- und Datenimperium aufbaut, das die Daten von vielen hunderten Millionen Nutzern von Services wie Amazon oder Netflix verwaltet, aber auch Sender wie CBS und Paramount und Verlage wie Simon & Schuster besitzt. Insbesondere progressive Kräfte, die TikTok nutzen, um Reichweite zu erlangen und so ihre Botschaften sichtbar zu machen, schlagen jetzt Alarm, vom Datenschützer bis zur Menschenrechtsorganisation. Zusätzlich findet sich die Sorge auch in speziellen Teilbereichen der Plattform wie BlackTok, QueerTok oder auch BookTok, die ein ausgewähltes Publikum mit Inhalten jenseits des Mainstreams bedienen und nun fürchten, zensiert oder mit einem „shadow ban“ (also einem Aussortieren durch den Algorithmus) belegt zu werden. Doch was genau passiert da gerade mit Ellison und dem neuen US-TikTok? Ist das alles wirklich so schlimm?

Ist bei TikTok alles so schlimm

Eine Antwort darauf wäre wohl „Nein, ist es nicht“, da sich gar nicht so viel ändert. Denn Oracle war etwa schon seit 2020 für die Datensicherheit bei TikTok zuständig und konnte auf Nutzerdaten zugreifen. Noch wichtiger aber scheint, dass bislang keine stichfesten Belege dafür existieren, dass Oracle direkt auf den Algorithmus Einfluss genommen hat, um ungeliebte Inhalte zu unterdrücken. Es gab zwar anfänglich anekdotische Hinweise (etwa auf das Verschwinden von „Epstein“-Posts), aber diese konnten Journalisten nicht als systemisch nachweisen. Vielmehr besteht für TikTok ein wirtschaftliches Interesse, den größten Markt mit 200 Millionen Nutzern nicht zu verprellen und möglichst alles beim Alten zu belassen. Keine neue App runterladen, keine massive Disruption der User-Erfahrung, kein Shift zu Hatespeech oder Fakenews wie auf X – zu genau wird nach dem Exodus der User auf Musks Plattform gerade hingeschaut und zu wichtig sind Werbekunden für das Unternehmen.

Und doch könnte man, wenn man den Blick weitet, auch auf die Antwort „Ja, ist es“ kommen. Zum einen ist das Problem welche Daten TikTok erhebt und was mit diesen dann geschieht, wie es Patrick Lyn, ein Datenschutz-Forscher der Harvard University erklärt, denn seit der Übernahme durch Oracle gelten neue AGBs, die es TikTok erlauben präzise Geolocation-Daten zu erfassen, also wo man sich befindet, wenn man die App nutzt. Das ist ein riesiger Gewinn für gezielte Werbung und eine erhebliche Monetarisierung von Nutzerdaten. Zu diesen Geolocation-Daten kommen dann auch noch die Daten, die von den KI-Features der App gesammelt werden. Die Erneuerung der AGB erlaubt es, Daten wie Prompts, Anfragen, oder auch hochgeladene Files der KI und die dazugehörigen Metadaten (wer, wann, wo) auszuwerten und zu nutzen. Für Lyn ist TikTok damit Teil einer immer stärker werdenden Schubrichtung des Kapitalismus, die sich auf die Überwachung der Nutzer*innen spezialisiert und diese Daten auch politischen Akteuren wie autoritären Systemen zur Verfügung stellt – so wie Peter Thiels Firma Palantir, die Gesichtserkennungs-KI für die brutalen ICE-Kampagnen der Trump-Regierung bereitstellt.

Die Abschaffung demokratischer Strukuren

Dass diese Sorge vor dem Vermischen von staatlicher Macht und überwachungskapitalistischen Instrumenten nicht unbegründet ist, kann man in der Person Larry Ellison selbst gespiegelt sehen. Wie seine Tech-Mitstreiter Thiel oder Musk ist auch Ellison gegen lästige Eingriffe des Staates in private Unternehmen und für eine Abschaffung demokratischer Strukturen. So spricht Ellison gerne darüber, dass totale Überwachung und die Nutzung von KI ein viel besseres gesellschaftliches Miteinander produzieren würden: „Bürger benehmen sich dann besser, weil ja alles aufgezeichnet und überwacht wird“. 

Darüber hinaus hätte er gerne, dass seine KI alle Datenbanken bündeln und durchsuchen darf, um daraus Informationen zu ziehen. Kombiniert man diese Überwachungs-Ideologie mit der Tatsache, dass Ellisons Firma mehr Daten verwaltet als alle staatlichen Akteure zusammen und gerade an dem Bau der größten KI-Rechenzentren der Welt beteiligt ist (einfach mal Stargate, KI und USA googeln), dann kann man darin schon eine Bedrohung unserer Weltordnung sehen.

Und was bedeutet das nun für uns, wenn wir hier in Deutschland ein Teil des BookTok sind, so wie viele kleine Autor*innen oder Verlage, die einfach nur Bücher einem größeren Markt vorstellen wollen? Im Grunde erstmal nichts, selbst dann nicht, wenn diese Bücher den Kapitalismus, die TechBros oder Autokraten kritisieren. Zum einen ist TikTok in Deutschland nicht TikTok in den USA, zum anderen ist die Plattform seit jeher ein wenig problematisch mit aus Sicht der App schwierigen Themen und zensiert bestimmte Dinge – wie Creator*innen immer wieder feststellen, wenn sie über Themen wie Suizid, Mord, Vergewaltigung oder Sexualität Videos drehen, auch wenn diese „nur“ aufklärende Informationen vermitteln. Inhalte sind alle immer schon kuratiert, da ändert sich nichts.

 Andererseits sollte man sich der großen Stoßrichtung dieser politisch-kapitalistischen Vermischung bewusst sein. Es gehört zum Playbook von Autokraten, sich Einfluss über die Medien zu sichern und so Informationen und Meinungen zu steuern. Aber das ist nicht erst durch TikTok und Ellison so, das passiert seit Jahrzehnten bei Axel Springer oder Rupert Murdoch. Hier ist europäische Politik gefragt, solche Einflussnahme stark zu begrenzen, Monopole zu zerschlagen und Milliardäre endlich gerecht zu besteuern, damit demokratische Strukturen gestärkt werden können. Und wir alle können natürlich versuchen, weniger unserer Daten solchen Unternehmen zu geben, und uns anderen Medien zuzuwenden. Ein Weg dafür könnte das sein, was hinter der Idee des Digital Independence Day steckt – weg von den Monopolen von Amazon und Google und hin zu demokratischen Alternativen.  

Lars Schmeink

Lars Schmeink

Dr. Lars Schmeink ist freier Journalist und Medienwissenschaftler. Er ist Gründer der Gesellschaft für Fantastikforschung und hat an verschiedenen Universitäten zu Science Fiction und anderen Fantastikthemen geforscht, gelehrt und publiziert.

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