Science Fiction

Anti-Dystopie in der Demokratie – wie geht das zusammen?

Ausschnitt aus dem Buchcover von
© Laura Voss/oekom

Isabella Hermann, 26.02.2026

Viele SF-Storys erzählen vom Kollaps der politischen Ordnung und den Chancen auf einen Neuanfang, die sich daraus ergeben. Aber müssen politische und gesellschaftliche Systeme tatsächlich erst scheitern, bevor Veränderungen möglich werden? Isabella Hermann über Form und Funktion von Anti-Dystopien in der Demokratie.

In anti-dystopischen Geschichten leisten Menschen Widerstand gegen negative Zukünfte und setzen sich für gerechtere Strukturen und solidarische Gemeinschaften ein. Häufig beginnt der anti-dystopische Kampf dort, wo staatliche Ordnung bereits zerfallen ist oder sich in ihr Gegenteil verkehrt hat. Der Staat ist dysfunktional, autoritär oder wurde gekapert, sodass ein besseres Leben nur noch jenseits der bestehenden Institutionen denkbar ist. Dieser Erzählaufbau erlaubt es, aktuelle Konflikte zuzuspitzen, Machtverhältnisse zu entlarven und anschließend völlig neue alternative Strukturen zu entwerfen.

Schauen wir uns einige Ausgangslagen solcher Science-Fiction-Geschichten an, in denen eine Verbesserung der Situation nur noch außerhalb der staatlichen Ordnung möglich erscheint. In Octavia Butlers Roman Parable of the Sower aus dem Jahr 1993 werden die USA als ein Ort extremer Ungleichheit und brutaler Gewalt beschrieben, in dem staatliche Schutzfunktionen faktisch nicht mehr existieren. In Sarah Halls The Carhullan Army von 2007 erleben wir ein Großbritannien, das sich unter dem Druck ökologischer Krisen in ein autoritäres Regime mit massiven Einschränkungen individueller Bürger*innenrechte verwandelt hat. Auch im Roman Drei Phasen der Entwurzelung oder die Liebe der Schildkröten aus dem Jahr 2022 von Lisa J. Krieg, der im Nahen Osten spielt, sowie im Kurzfilm Pumzi von 2009 von Wanuri Kahiu, der in einer Community in Kenia angesiedelt ist, werden zerrüttete beziehungsweise autoritäre staatliche Gebilde nach ökologischen Desastern gezeigt. Im Roman Sordidez von 2023 von E. G. Condé werden Teile Mexikos zunächst von einem Caudillo terrorisiert und anschließend durch ein neokolonial agierendes United Nations Government verwaltet, während in Cory Doctorows Walkaway von 2017 Kanada quasi von einer ökonomischen Elite gekapert wurde, die das Gemeinwohl ihrem eigenen Profit unterordnet. Im Film Vesper Chronicles von 2022 von Kristina Buožytė und Bruno Samper schließlich lebt eine Elite vollständig abgeschottet in schwebenden Zitadellen über der Erde und kontrolliert das Saatgut, während der Großteil der Menschheit unter prekären Bedingungen auf der zerstörten Erde überleben muss.

Vom Kollaps in die neue Ordnung

All diese Geschichten überzeichnen gegenwärtige negative Tendenzen wie wachsende Ungleichheit, ökologische Zerstörung und autoritäre Entwicklungen zu dunklen Zukunftsbildern, denen sich die Menschen dann entgegenstellen. Das kann als Warnung und als Weckruf dienen, die beschriebenen Zustände nicht eintreten zu lassen und entsprechend zu handeln. Auffällig ist jedoch, dass der Weg zu einer besseren Ordnung fast immer über den Zusammenbruch der bestehenden führen muss. Erst wenn das System kollabiert ist, scheint Veränderung möglich. Selbst in Geschichten, in denen tatsächlich utopische Verhältnisse entstehen, geht dem häufig ein Systemzusammenbruch voraus, bevor neue, nachhaltige und faire Strukturen aufgebaut werden können, etwa in Lino Zeddies Utopia 2048 aus dem Jahr 2020, in Luise Meiers Hyphen von 2024 oder in Sibylle Bergs PNR La Bella Vita von 2025. Auch ich selbst habe in meinem Beitrag für The Palgrave Handbook of Global Politics in the 22nd Century diesen Ansatz gewählt, um meine Beschreibung der Welt in einhundert Jahren zu entwerfen.

Doch genau hier zeigt sich eine zentrale Leerstelle vieler dystopischer und antidystopischer Erzählungen, da sie häufig mit einer binären Logik arbeiten. Entweder funktioniert das Gemeinwesen als schützende Ordnung oder der Staat erscheint als geschlossene und feindliche Einheit, die zur Bedrohung wird und überwunden werden muss. Der Widerstand richtet sich folgerichtig gegen den Staat als Ganzes. Diese Erzählweise ist in fiktionalen Zusammenbruchsszenarien plausibel, da sie klare Frontstellungen und dramatische Wendepunkte ermöglicht. Für das Hier und Jetzt einer demokratischen Gesellschaft greift diese Gegenüberstellung jedoch zu kurz. Demokratie ist kein guter oder schlechter Endzustand, sondern ein offener Prozess permanenter Aushandlung.

Hinzu kommt eine politische Verschiebung, die diese Logik im gegenwärtigen Kontext besonders problematisch macht. Ausgerechnet jene Akteure, die den demokratischen Staatsaufbau derzeit am vehementesten kritisieren und einen grundlegenden Umbau fordern, sind rechtspopulistische und rechtsextreme Bewegungen. Ihr Ziel ist jedoch nicht die Ausweitung von Rechten, Vielfalt oder Solidarität, sondern deren gezielte Einschränkung. Staatskritik ist damit keineswegs automatisch progressiv oder emanzipatorisch, sondern kann ebenso Teil autoritärer Projekte sein.

Diese Erzählmuster führen daher zu grundlegenden Fragen. Müssen politische und gesellschaftliche Systeme tatsächlich erst scheitern, bevor Veränderungen möglich werden? Ist anti-dystopisches Denken überhaupt vorstellbar, ohne den Staat selbst zum Gegner zu machen? Und wie lässt sich anti-dystopisches Handeln in einer Demokratie übersetzen, ohne in staatsfeindliche oder systemverneinende Reflexe zu verfallen?

 

Der Staat als umkämpfter und wandelbarer Raum

Antidystopie in der Demokratie verlangt daher eine Perspektivverschiebung. Nicht der Zusammenbruch des bestehenden Systems bildet den Ausgangspunkt für Veränderung, sondern die bewusste Transformation von innen heraus. Der Staat ist dabei weder ein monolithischer Akteur noch ein zentraler Antagonist, sondern ein umkämpfter und wandelbarer Raum, der aus gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen hervorgeht. Seine Institutionen, Verfahren, Zuständigkeiten und handelnden Personen mögen widersprüchlich, träge und konfliktbehaftet sein wie die Gesellschaft, die er organisiert, doch sie sind veränderbar.

Antidystopisches Handeln richtet sich folglich nicht gegen die Demokratie, sondern auf die Einlösung ihrer normativen Versprechen, auf Teilhabe, soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit, den Schutz von Minderheiten und ökologische Verantwortung. Es zielt auf die Ermöglichung eines gelingenden und erfüllten Lebens. Der antidystopische Kampf richtet sich daher nicht gegen den Staat als solchen, sondern gegen staatliche Strukturen, Praktiken und Logiken, die Ungleichheit erzeugen, Solidarität untergraben oder Teilhabe erschweren. Er setzt dort an, wo Institutionen formal demokratisch sind, faktisch jedoch exkludierend wirken, etwa in Bildungssystemen, die soziale Herkunft verfestigen, in Verwaltungsprozessen, die Menschen überfordern statt zu unterstützen, oder in Sozial- und Wirtschaftspolitiken, die Effizienz und Wachstum priorisieren, ohne gesellschaftliche Folgen mitzudenken.

In diesem Verständnis äußert sich eine anti-dystopische Haltung nicht im großen Bruch, sondern im Sichtbarmachen struktureller Schieflagen, im Öffnen von Institutionen und im Erproben neuer politischer und sozialer Praktiken wie Reallabore, missionsorientierte Politik oder soziale Innovationen. Veränderung muss sich dabei nicht zwangsläufig in großen Reformakten vollziehen, sondern kann auch kleinteilig und schrittweise innerhalb bestehender Strukturen stattfinden, etwa durch neue Verwaltungspraktiken, partizipative Verfahren oder Programme, die gesellschaftliche Bedürfnisse systematisch einbeziehen. Gerade weil der Staat aus vielen Einzelteilen besteht, eröffnen sich zahlreiche Ansatzpunkte für Transformation und ebenso viele Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen.

Diese Perspektive verändert auch das Verständnis von Widerstand. Widerstand bedeutet hier nicht den Bruch mit der Demokratie, sondern ihre Weiterentwicklung. Er äußert sich nicht im Rückzug oder in der pauschalen Ablehnung staatlicher Institutionen, sondern in ihrer kritischen Veränderung. Antidystopisch zu handeln heißt, sich einzumischen, Regeln zu hinterfragen, Verfahren neu zu gestalten und staatliches Handeln konsequent an sozialen und ökologischen Zielen auszurichten.

Gerade angesichts gegenwärtiger Krisenerfahrungen ist diese Haltung zentral. Wenn der Staat als überfordert, ungerecht oder abgehoben wahrgenommen wird, entsteht ein Vakuum, das autoritäre und populistische Kräfte gerne füllen. Ein antidystopisches Narrativ für demokratische Gesellschaften muss dem eine andere Vorstellung entgegensetzen, nämlich die eines lernenden und veränderbaren Staates, der nicht perfekt ist, aber gestaltbar bleibt, sofern seine Strukturen immer wieder an den Maßstäben sozialer Gerechtigkeit überprüft werden.

Antidystopie in der Demokratie bedeutet daher nicht, den Staat zu bekämpfen, sondern ihn neu zu denken, als Instrument kollektiver Fürsorge, als Ermöglichungsraum gesellschaftlicher Innovation und als Ausdruck eines solidarischen Gemeinwesens. Vielleicht liegt genau hierin der entscheidende Unterschied zwischen fiktionalen Zukunftsentwürfen und unserer Gegenwart. Während Science Fiction den radikalen Bruch benötigt, um Alternativen erzählbar zu machen, besteht die Herausforderung demokratischer Gesellschaften darin, Alternativen zu entwickeln, ohne den Zusammenbruch abzuwarten. Antidystopie wird so zu einer Frage politischer Vorstellungskraft, und der antidystopische Kampf findet nicht außerhalb, sondern innerhalb demokratischer Strukturen statt.

Isabella Hermann
© Stiftung Zukunft Berlin

Isabella Hermann

Dr. Isabella Hermann ist Politikwissenschaftlerin und analysiert Science Fiction. Sie geht in ihrer Arbeit der Frage nach, wie das Genre die Narrative rund um „Zukunftstechnologien“ und deren sozialpolitische Herausforderungen prägt. Sie ist Autorin von „Science-Fiction zur Einführung“ im Junius Verlag und präsentierte zusammen mit Aiki Mira den SWR-Podcasts „Das war morgen“ zum Thema deutsche Science-Fiction-Hörspiele.

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