Fantasy

Mehr Gott spielen, bitte! Ein Loblied auf viele unvollständige Perspektiven

Coverausschnitt
© Knaur

Swantje Niemann, 12.02.2026

Welche Rolle spielt eigentlich die Erzählperspektive? Es gibt Leser*innen, die mögen die Ich-Perspektive nicht oder die allwissende auktoriale. Swantje Niemann zeigt uns die Möglichkeiten der Form in Fantasy-Romanen auf.

Wie wahrscheinlich viele Lesende habe ich meine Lieblingsbücher und bin immer versucht, nach Gründen zu suchen, warum die objektiv großartig sind und von so vielen Leuten wie möglich gelesen werden sollten. Meine befinden sich oft an den Enden des Anzahl-von-Erzählperspektiven-Spektrums: Ich liebe meine zutiefst voreingenommenen Ich-Erzähler*innen, bei denen die Persönlichkeit von jeder Zeile trieft und die toten Winkel der Geschichte unübersehbar sind. Aber fast noch mehr mag ich Bücher, in denen die Perspektiven vieler, relativ gleichberechtigt nebeneinander stehender Figuren ein Mosaik formen, sei es durch personales oder allwissendes Erzählen.

Nicht zufällig werde ich als Beispiele so einige Bücher nennen, die ich bereits in meinem letzten Artikel über Politik und die Auseinandersetzung mit Strukturen und Institutionen in Fantasy erwähnt habe. Denn Erzählen aus vielen Perspektiven ist zwar nicht unbedingt erforderlich, aber macht es sehr viel leichter, politische Systeme und große gesellschaftliche Entwicklungen zu beleuchten. Schließlich präsentieren sich diese je nach gesellschaftlicher Position sehr unterschiedlich. Um kurz ein Beispiel aus der Science-Fiction heranzuholen: Malka Older zeigt uns in ihrem „Centenal Cycle“ zahlreiche Figuren, die auf verschiedenen Positionen innerhalb, aber auch gegenüber der „Micro-Democracy“ und des daran hängenden Politikbetriebs stehen, und kann so dieses System; seine Stärken, Schwächen und die Arbeit, die seine Erhaltung erfordert, gut erforschen.

„Jade City“ von Fonda Lee ist ein gutes Beispiel für Fantasy, die sich für gesellschaftliche Trends und Strukturen interessiert und viele Perspektiven nutzt, um sie zu erkunden. Hier erleben wir gesellschaftlichen Wandel aus der Perspektive von Menschen aus verschiedenen Generationen und Schichten. Wir sehen eine Kultur und ihre Veränderungen über Jahrzehnte sowohl aus den Augen von Menschen, die sich gut in diese einfügen, und aus denen der Unzufriedenen und Außenseiter*innen.

Fantasy ist – nicht immer, aber häufig – ein Genre, in dem wir Menschen mit einer Menge historischer Agency über die Schulter schauen. Ein Buch, das viele Points of View hat, kann ein paar davon darauf verwenden, zu zeigen, wie sich diese Entscheidungen auf andere auswirken. In Ken Lius „Seidenkrieger“ sehen wir zum Beispiel zwei gar nicht so ungewöhnliche Brüder, die jeweils Gefolgsmann eines anderen charismatischen Anführers werden und deren Leben dadurch in bestimmte Bahnen gelenkt wird. Und Joe Abercrombies „Age of Madness“-Trilogie (auf Deutsch: „Zauberklingen“, „Friedensklingen“ und „Silberklingen“) arbeitet mit Kapiteln, in denen wir die Köpfe der großen politischen Spieler*innen verlassen und stattdessen in die Perspektiven verschiedenster Menschen eintauchen, die von den Ereignissen mitgerissen werden. Wir erleben das ganze Spektrum von Verzweiflung bis Opportunismus. Vor allem aber vermitteln die Bücher damit einprägsam, dass die Leben, mit denen die Hauptfiguren spielen, mehr als abstrakte Zahlen sind.

Oft ist es realistisch, dass keine Figur den Überblick und jede nur einen Informationsbrocken hat – oder gelegentlich auch nur Fehlinformation, deren Wandern durch verschiedene Hände sich mit multiplen Erzählperspektiven gut nachvollziehen lässt. Hier muss ich wieder an „City of Last Chances“ von Adrian Tchaikovsky denken. Die Erzählinstanz des Buches macht das Zusammensetzen verschiedener Perspektiven zu einem Gesamtbild, in dem keine Figur je die Kontrolle oder den Überblick hat, sehr explizit. Erzählen aus vielen Perspektiven passt im Fall dieses Buches gut zu einem gewissen Blick auf Geschichte und Politik, den ich sehr sympathisch und erfrischend finde: Es ist ein Blick, der keine überlebensgroßen Held*innen und allwissenden Verschwörer*innen im Hintergrund kennt, sondern nur Menschen, die das Beste aus einer unübersichtlichen Situation herausholen wollen. Es ist ein Aspekt der Wirklichkeit, den ich selten, aber unglaublich gerne in Fantastik widergespiegelt sehe. In der Fähigkeit, dies abzubilden, sehe ich eine der größten Stärken von Büchern, die in viele unvollständige Perspektiven eintauchen.

Das Problem mit den Protagonist*innen

Genau dazu gibt es auch einen fantastischen Artikel von Jo Walton und Ada Palmer. In „The Protagonist Problem“ denken sie das früher von Jo Walton erdachte Konzept von „Protagonismos“ weiter. „Protagonismos“ ist der Funken des Protagonistentums, der in besonderen Menschen wohnt und sie zum Mittelpunkt und zum*zur Beweger*in von Geschichten macht. Sie ziehen auch Verbindungen und Parallelen zu verschiedenen Arten der Geschichtsschreibung und zum politischen und gesellschaftlichen Geschehen. Sie werten sehr auf Einzelpersonen fokussiertes Erzählen nicht pauschal ab. Aber sie argumentieren, dass eine davon übersättigte Gesellschaft schnell in die Falle tappen kann, historische und politische Agency nur bei besonderen Menschen zu sehen, also auch die reale Welt in Protagonist*innen und Nebenfiguren einzuteilen. Das wiederum könne dazu fühlen, Gefühle der Machtlosigkeit bei vielen Menschen zu verstärken. Ich musste da an den Trend in den letzten Jahren denken, NPC als Beleidigung zu nutzen. Als Gegenstück zum protagonist*innenzentrierten Erzählen nennen Palmer und Walton „Tapestry Books“, in denen Agency nicht dauerhaft bei einzelnen Figuren liegt und an das Vorhandensein eines vollständigen Character Arcs gebunden ist, sondern wo sich Agency von Figur zu Figur bewegt. Sie nennen als Beispiele zahlreiche Bücher aus dem späten 20. Jahrhundert, aber auch die allwissenden Erzähler des 19, und als moderne Beispiele in Fantasy Guy Gavriel Kay und Steven Erikson. Ich kann den Artikel mit seinen historischen Einordnungen wirklich sehr empfehlen.

Erzählen aus vielen Perspektiven ist auch eine schöne Gelegenheit, Diversität abzubilden und Figuren mit den verschiedensten Hintergründen gleichberechtigt Tiefe zu geben. In Multi-PoV-Büchern, die das Portrait einer Gesellschaft oder Epoche zeichnen wollen, begegnet mir seltener das Gefühl, dass sie sich stark den Blick einer bestimmten Zielgruppe zu eigen machen und dieser bestimmt, wer für Identifikation bestimmt und wer mit mehr Distanz geschildert ist. Dank meiner demografischen Merkmale sind eine Menge Bücher theoretisch dafür maßgeschneidert, von mir “bewohnt” zu werden. Trotzdem oder vielleicht gerade, weil ich meine eigene Perspektive schon kenne und nicht unbedingt mehr davon brauche, genieße ich häufig jene Bücher mehr, die eine Vielzahl verschiedener Figuren beherbergen, die alle gleichberechtigte Betrachter*innen ihrer Welt sind und gleichermaßen durch den erzählerischen Blick kontextualisiert werden.

Von ihren Anreizen dafür, über Geschichte und Gesellschaft nachzudenken, abgesehen, bietet diese Art des Erzählens noch eine der klassischen Stärken von Fantasy: eine gute alte eskapistische Fantasie. In ihrem Artikel weisen Palmer und Walton nicht umsonst auf die historische Verbindung zwischen allwissendem Erzählen und der Perspektive Gottes hin. Eine komplexe Geschichte erzählt zu bekommen, in denen ein allwissender Erzähler oder die Hand hinter der Auswahl der Szenen uns zeigen, was wir wissen müssen, versetzt uns in die luxuriöse Position, mit all unseren Informationen über den Ereignissen zu schweben und sie auf eine Art zu analysieren, die den Figuren entzogen ist. Die ultimative Power Fantasy ist, zu wissen, was los und was von den vielen Ereignissen wichtig ist. Und weil ich mich - wie wahrscheinlich viele Menschen - im Alltag von Informationen überflutet sehe und gleichzeitig unzählige wichtige Dinge nicht mitbekomme, bin ich sehr anfällig dafür.

Swantje Niemann
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Swantje Niemann

Swantje Niemann wurde 1996 in Berlin geboren. Als Leserin, aber auch als Autorin ist sie am liebsten in den verschiedenen Subgenres der Phantastik unterwegs und teilt auch gerne in Blogposts und Rezensionen ihre Eindrücke von Büchern. Sie schreibt unter anderem für das Fanzine „Phantast“. 2021 erschien ihr vierter Roman, „Das Buch der Augen“. Mehr Informationen findet ihr unter https://www.swantjeniemann.de

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