Prinzessin der tausend Diebe – Ein Werkstattbericht von Thea Hong
Thea Hong, 05.03.2026
In der Dilogie „Prinzessin der tausend Diebe“ geht es um Selbstfindung, moralische Grauzonen und die Frage, wie und wer die Welt retten kann. Thea Hong gibt Einblick in die Entstehung der Romane.
Alles begann mit einem abgelehnten Exposé und der Frage: Was wäre wenn?
Die Entstehungsgeschichte meiner Dilogie „Prinzessin der tausend Diebe“ ist eine Verkettung glücklicher Umstände – denn ich stand kurz davor, meinen schriftstellerischen Weg nicht weiterzuverfolgen. Ich habe mir noch einen letzten Hail Mary gegönnt: Ein Sachbuch-Exposé an meine spätere Agentur - wütend, roh und verwurzelt in meinem Leben zwischen zwei Kulturen. Manchmal sind Wörter auch nur zivilisiertere Formen des Angriffs und ich hatte es satt, so viel zurückzustecken und wollte zumindest literarisch austeilen. Ich wollte Wortsalven abfeuern, über soziale Ungerechtigkeiten, über die fehlende Repräsentation und das blendende Weißsein in manchen Räumen – ja, auch in der Buchbranche.
Dann kam alles anders, denn es war das Exposé, das mein Leben verändern sollte:
Es wurde abgelehnt.
Aber ich wurde gefragt: Hast du mehr? Welche Geschichten möchtest du noch erzählen? Wir suchen Own Voices mit authentischen Stories – für Romane.
Brauchte es wirklich das Sachbuch von mir? Was wäre, wenn ich mit Romanen dazu beitragen kann, damit unsere Geschichten aus der Diaspora nicht länger von anderen erzählt werden, sondern durch unsere eigene, authentische Stimme weitergetragen werden?
Der Rest ist Geschichte, denn nun sitze ich hier mit mehreren Veröffentlichungen, Übersetzungen und Folgeverträgen - und schreibe romantische Fantasy. Und zwar genau so, wie ich mein Sachbuch geschrieben hätte: etwas roh, ein wenig brutal und mit meiner eigenen Interpretation von (koreanischer) Repräsentation.
Universelle Themen in einer moralischen Zwickmühle
Mit jeder veröffentlichten Seite nehme ich mehr Raum ein und ich weiß, es ist endlich die Sichtbarkeit, die ich als Jugendliche und junge Erwachsene selbst gebraucht hätte. Gleichzeitig ist es mir sehr wichtig, zu sagen, dass ich Themen verarbeite, die jeden bewegen: Liebe, Verrat, Krieg und Hoffnung beschäftigten uns schon immer.
So trägt meine Protagonistin Sora aus dem ersten Band eine wütende Flamme in sich, sie brennt gegen Ungerechtigkeiten, ist gewollt unperfekt – und am Ende bleibt für sie die Erkenntnis, dass nicht alles in Gut und Böse aufgeteilt werden kann. Dass Grauzonen manchmal die einzige Möglichkeit sind, (weiter)zu leben.
In „Betrayed", dem ersten Band der Dilogie, befasse ich mich mit moralischen Fragen, die keine eindeutigen Antworten haben. Manchmal muss man nur die Perspektive wechseln und der Antagonist ist plötzlich der Held seiner eigenen Geschichte – bei mir gibt es keine abgrundtief bösen Charaktere, alle haben ihre eigenen, (für sie) validen Gründe für ihr Handeln. Sora muss sich oftmals damit auseinandersetzen, ob der Zweck nicht doch die Mittel heiligt – und vielleicht spiegelt das auch die reale Welt wider. Es ist nämlich sehr privilegiert und realitätsfern, zu glauben, dass Ungerechtigkeiten, Diskriminierung und oppressive Systeme nur durch nette Worte besiegt werden können. Aber was ist dann der richtige Weg und welche moralischen Prinzipien wendet man an, um zwischen richtig und falsch zu unterscheiden?
Diesen Fragen gehe ich in „Chosen“, dem zweiten Band der Dilogie nach, wo eine der früheren Antagonist*innen, Jia, als Protagonistin die Welt retten muss. Eine Welt, die ihr bislang nur Ablehnung entgegengebracht hat – und meine drei Lieblingsthemen Verrat, Rache und Sühne werden hier behandelt. Wie weit ist man als Individuum bereit, zu gehen, um das Kollektiv zu bewahren? Reicht es, aufopfernd zu sein, wenn es einem nicht gedankt wird?
Ich habe mich zeitweise auch gefragt, ob mein Buch nicht zu düster und zu wütend ist, weil man in der immer dystopisch werdenden realen Welt nach Eskapismus sucht und legitimerweise Zuflucht in Geschichten finden möchte, die einem sagen, dass alles gut wird. Aber Wut muss nichts Schlechtes sein. Denn manchmal ist die Wut die treibende Kraft, um die Hoffnung am Leben zu erhalten.
Was mich schreiben lässt
Mich faszinieren die Abgründe, zu denen wir Menschen fähig sind – physisch und psychisch – und die Emotionen, die nicht nur gefühlt, sondern auch gelebt werden. Das ist es doch, was uns „menschlich“ macht. Es ist auch der Grund, warum mich Mythen und Legenden interessieren und inspirieren, denn sobald man näher hinguckt, wird schnell sichtbar, wie tiefgründig und auch grausam scheinbar harmlose Märchen sein können. Die Metaphern aus den koreanischen Überlieferungen löse ich in „Prinzessin der tausend Diebe“ nicht auf. Weil ich der Meinung bin, dass es keiner Klärung bedarf, solange ich als Erzählerin weiß, was dahintersteckt. Zum einen traue ich meinen Lesenden zu, dass sie – bei Interesse – selbst herausfinden, um welches historische Ereignis oder fantastische Märchen es sich handelt. Zum anderen wünsche ich es mir, dass sie ihre eigene Interpretation der Geschichte finden – und sei es auch nur, dass die Geschichte sie unterhalten hat.
Das ist für mich das größte Kompliment: Es ist für mich eine Ehre, die Leute zu unterhalten, ganz in der Tradition koreanischer Sorikkun. Ein Sorikkun konnte in seinen Geschichten gewitzt über die moralische Verkommenheit singen, auf den Verfall der familiären Ordnung hinweisen und über die Gier reden, die einen ins Verderben reißt. Aber welches Fazit die Zuhörenden mitnahmen, das blieb ihnen selbst überlassen.
Wie geht es weiter?
Was mich aktuell am meisten mitnimmt, ist die schleichende Empathielosigkeit, die sich überall breit macht – und ich halte das für eine der größten Gefahren in den nächsten Jahrzehnten. So, wie die Welt sich entwickelt, glaube ich nicht dran, dass das nächste Superhirn (egal ob technisch oder menschlich) die Probleme unserer Zeit lösen wird. Sondern es werden die Menschen sein, die bereit sind, Dinge zu hinterfragen, die bereit sind, unbequeme Entscheidungen zu treffen – und auch die Konsequenzen ihres Handelns tragen wollen. Menschen, die gerade wegen ihrer Fehler mitfühlen und auch andere dazu motivieren, ihr Bestes zu geben. Eben Personen mit überfließender Empathie. Technik kann die Menschheit nicht retten, Empathie schon. Genau darüber und deswegen schreibe ich.
Haben meine Bücher also eine spezielle Botschaft? Das lässt mich nachdenken und fragen: Müssen Geschichten diverser Autor*innen einen moralischen Standpunkt vertreten und eine spezifische Message verbreiten? Erhält man nur dann den Raum für seine Geschichten, wenn man etwas Persönliches bloßlegt und sich den semi-voyeuristischen Blicken anderer stellt? Warum können diverse Stories nicht einfach durch den Raum schweben und für sich existieren? Ohne jeden Perfektionsanspruch.
Deswegen ist es eine bewusste und radikale Entscheidung von mir, wenn ich sage, ich möchte als Geschichtenerzählerin, dass meine Bücher unterhalten – einfach so.
Ich habe die Geschichte geschrieben. Was man mit ihr macht, wie man sie aufnimmt, verdaut und zurück in die Welt rein interpretiert... das ist die Sache der Lesenden.
Anmerkung der Redaktion: Falls ihr noch mehr von Thea über die mythologischen Hintergründe ihrer Dilogie erfahren wollt, empfehlen wir euch Folge 12 des Podcasts Randbemerkungen von Victoria Linnea.
Thea Hong
Thea Hong ist studierte Musikpädagogin und führte musikwissenschaftliche Forschungen in Seoul durch. Heute lebt sie mit ihrem Hund in Hamburg, wo sie als Projektmanagerin arbeitet. Ihre Lieblingsautor*innen sind bell hooks, Elizabeth Lim, Pablo Neruda und Rainer Maria Rilke. Sie liebt ihr Leben in Deutschland ebenso wie ihre Familienbesuche in Korea. Ihre Leidenschaft für K-Dramen, koreanische Mythologie und Geschichte spiegelt sich in ihrem Werk wider.
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Was mich schreiben lässt
Mich faszinieren die Abgründe, zu denen wir Menschen fähig sind – physisch und psychisch – und die Emotionen, die nicht nur gefühlt, sondern auch gelebt werden. Das ist es doch, was uns „menschlich“ macht. Es ist auch der Grund, warum mich Mythen und Legenden interessieren und inspirieren, denn sobald man näher hinguckt, wird schnell sichtbar, wie tiefgründig und auch grausam scheinbar harmlose Märchen sein können. Die Metaphern aus den koreanischen Überlieferungen löse ich in „Prinzessin der tausend Diebe“ nicht auf. Weil ich der Meinung bin, dass es keiner Klärung bedarf, solange ich als Erzählerin weiß, was dahintersteckt. Zum einen traue ich meinen Lesenden zu, dass sie – bei Interesse – selbst herausfinden, um welches historische Ereignis oder fantastische Märchen es sich handelt. Zum anderen wünsche ich es mir, dass sie ihre eigene Interpretation der Geschichte finden – und sei es auch nur, dass die Geschichte sie unterhalten hat.
Das ist für mich das größte Kompliment: Es ist für mich eine Ehre, die Leute zu unterhalten, ganz in der Tradition koreanischer Sorikkun. Ein Sorikkun konnte in seinen Geschichten gewitzt über die moralische Verkommenheit singen, auf den Verfall der familiären Ordnung hinweisen und über die Gier reden, die einen ins Verderben reißt. Aber welches Fazit die Zuhörenden mitnahmen, das blieb ihnen selbst überlassen.