Science Fiction

Future Cities: Berlin

Coverausschnitt aus
© Pabel Moewig

Judith Madera, 12.03.2026

Berlin: Metropole der Goldenen Zwanziger, Machtzentrum des Nationalsozialismus, zerstört im Zweiten Weltkrieg und Jahrzehnte geteilt in Ost und West. Die deutsche Hauptstadt hat eine bewegte Geschichte – doch wie sieht ihre Zukunft aus?

Städte sind nicht nur in der Fantasy beliebte Schauplätze, sondern auch aus so manchem Science-Fiction-Genre nicht wegzudenken. Cyberpunk ohne düstere, neonschillernde Straßenschluchten? Den scharfen Kontrast zwischen spiegelnden Wolkenkratzern und tristen Sprawls? Schwer denkbar. Auch Near Future nutzt gerne Städte als Setting, denn hier werden Veränderungen zuerst sichtbar. In Städten ist vieles, was uns in der Zukunft erwartet, bereits angelegt und wer genau hinschaut, kann recht gute Prognosen treffen.

Inspiriert von Alessandra Reß‘ Magischen Metropolen möchte ich mir unterschiedliche Visionen der Großstädte der Welt anschauen und in Berlin beginnen. Die deutsche Hauptstadt blickt auf eine einzigartige, bewegte Geschichte zurück. Im 19. Jahrhundert wurde Berlin zur Kaiserstadt und viele Prachtbauten stammen aus dieser Epoche. In der Weimarer Republik erblühte Berlin zur liberalen Weltstadt, keine andere deutsche Stadt verkörperte die „Goldenen Zwanziger“ so schillernd. Zugleich war Berlin Schauplatz politischer Kämpfe und kippte in den Nationalsozialismus, der von einer Neuerschaffung der deutschen Hauptstadt als monströse Welthauptstadt Germania träumte. Es kam anders, Berlin wurde großflächig zerstört und im Konflikt zwischen West und Ost für Jahrzehnte zur geteilten Stadt. Nach dem Mauerfall gilt Berlin nun wieder als liberal und weltoffen. Berlin ist heute laut und bunt, hat ein gigantisches Kulturangebot und ein großes Gefälle zwischen reichen und armen Stadtteilen. Wie wird es in zwanzig, dreißig oder hundert Jahren dort aussehen? Wird Berlin eine düstere Cyberpunk-Megacity oder ein grünes Solarpunk-Paradies? Und wird die Stadt überhaupt fortbestehen?

Berlin in der nahen Zukunft

Bereits jetzt spüren wir, wie die Klimakrise Deutschland verändert. Berlin könnte in naher Zukunft ein Klima wie das heutige Norditalien haben, vor allem wird es trockener und die Sommer heißer. Christian Endres greift dieses Szenario in Wolfszone (2024) auf und beginnt seinen Thriller in Berlin, wo Menschen für und gegen Cyborgwölfe demonstrieren, während Kameradrohnen fleißig Gesichter scannen. Die Handlung führt jedoch bald hinaus in die brandenburgische Pampa, wo die Hitze ebenso unerträglich ist und eine Sperrzone rund um ein technologisch mutiertes Wolfsrudel errichtet wurde.

Tom und Stephan Orgel zeigen in ihrem Biothriller Der Skandal (2023) Berlin im Winter. In naher Zukunft macht der Konzern Light Food Profit mit Laborfleisch, das als umweltfreundlich gilt und vor allem kein Tierleid bedeutet. Als die neuartige Hirn- und Nervenkrankheit TASE auftritt, führt die Spur zu Light Foods. Hier wirkt Berlin ebenfalls leicht dystopisch, hat sich aber vergleichsweise wenig verändert.

Anders sieht es in einem Neustart der größten SF-Serie der Welt aus: Perry Rhodan Neo spielt in einer alternativen Zeitlinie. In Band 76, Berlin 2037 (2014), entwirft Frank Böhmert ein cyberpunkiges Berlin, in dem die Protagonist*innen Körpermodifikationen vornehmen lassen und davon träumen, Cyborgs zu werden. Die Erde wurde vom Großen Imperium der Arkoniden unterworfen und Berlin wird zu einem der wichtigsten Stützpunkte der Außerirdischen. Menschenmassen strömen zum Brandenburger Tor, wo von einem Raumschiff arkonidische Kampftruppen abgesetzt werden, um die Stadt unter Kontrolle zu bringen. Der ehemalige Flughafen Tempelhof wird zum Standort der Besatzungstruppen, die die Invasion mit Brutalität durchsetzen. Als gebürtiger Berliner hat Frank Böhmert natürlich auch einiges an Lokalkolorit zu bieten.

Berlin an der Schwelle zum 22. Jahrhundert

Aiki Mira sieht in Neurobiest (2023) das zukünftige Berlin zugleich als Dystopie und Utopie: Im Jahr 2100 ist die Stadt ein Zentrum der Synthetischen Biologie, die unter anderem das Amazonasgebiet als riesiges Freiluftlabor nutzt, um neuartige, ans veränderte Klima angepasste Organismen anzusiedeln. Auch auf Berlins Dächern leben mutierten Organismen, produziert von Biohackern, die sich dort oben ihre eigenen Biotope geschaffen und sogar ihre eigenen Körper verändert haben. Im zukünftigen Berlin sind die Sommer unerträglich heiß und die Stadt changiert zwischen Cyberpunk und Solarpunk. Es gibt erstaunlich viel Grün auf den Dächern der Stadt, doch es ist wenig im Vergleich zu einem Solarpunk-Paradies wie Paris, zu dem die Protagonist*innen einen Ausflug unternehmen.

Der Comic Metropolia (2025) von Fred Duval und Ingo Römling zeigt ein Cyberpunk-Berlin im Jahr 2099, in dem ähnlich wie in Neurobiest auch die Klimakrise sichtbar wird. Berlin ist zur größten Metropole Europas angewachsen und auch wenn vieles sich Richtung Dystopie entwickelt hat, hat sich die Stadt immerhin für Klimaanpassungen entschieden. So gibt es begrünte, schattige Alleen für Fußgänger und Radfahrer und jeder klimafreundliche Schritt wird vergütet, während Energieverbrauch besteuert wird. Metropolia denkt den CO2-Fußabdruck konsequent durch, bietet neben der Climate Fiction jedoch auch klassischen Cyberpunk inklusive Ermittlungen in einem Mordfall, dunklen Konzernmachenschaften, autarken Wolkenkratzern und KIs.

Neu-Berlin

Nicht in allen Zukunftsvisionen besteht das heutige Berlin fort. In Tom Hillenbrands Lieferdienst (2025) wurde Berlin zerstört und quasi nebenan neu aufgebaut. Die neue Stadt besteht überwiegend aus gleichförmigen, riesigen Wohnblöcken, auf deren Dächern sich Öffnungen befinden, um Lieferungen einzuwerfen. In den Straßen tobt ein Kampf der Lieferdienste: alles ist jederzeit mittels 3D-Druckern produzierbar. Die Bestellungen gehen gleichzeitig an mehrere Produzenten raus und sogenannte Bringer rasen in Neu-Berlin um die Wette. Wer zuerst kommt, bekommt das Geld, die anderen bleiben auf ihrer Ware sitzen. Tom Hillenbrand projiziert in Lieferdienst den heutigen Konsumwahn in die Zukunft und hat aus Berlin eine Cyberpunk-Stadt gemacht, in der die Menschen mit Ankleide-Androiden zusammenleben und von Kellner-Drohnen bedient werden. Die Currywust gehört nach wie vor dazu und gibt es hier im „Schärfegrad Nuklearkrieg“.

Im geplanten Cyberpunk-Videospiel Neo Berlin 2087 steht das alte Berlin zwar noch, hat sich aber in eine düstere Mega-City verwandelt, die von gigantischen Stadtmauern geschützt wird. Außerhalb davon: Ödland, das von Kriminellen und Maschinen beherrscht wird. Innerhalb der Mauern leben die meisten Menschen in Armut, während eine reiche Elite Partys im Fernsehturm feiert. Protagonist von Neo Berlin 2087 ist genretypisch ein Noir-Detektiv mit mieser Laune und schwieriger Vergangenheit. Spannendes Gameplay-Detail: Je nachdem, wie brutal man bei den Ermittlungen vorgeht, soll sich der Ausgang der Geschichte verändern. Das Spiel steckt noch in einer frühen Entwicklungsphase, hat aber laut GameStar gute Chancen, fertiggestellt zu werden und Spieler zu begeistern.

Auch in der Dystopie New Berlin: Die Kinder des Ikarus (2023) von Karsten Krepinsky kann man bekannte Sehenswürdigkeiten entdecken, doch Berlin ist kaum wiederzuerkennen: Die Stadt wurde bei einer Explosion großflächig zerstört. Der Himmel ist von den noch immer brennenden Feuern rußgeschwärzt und auf den noch stehenden Gebäuden wuchert ein seltsamer Pilz. Es herrscht seit zwanzig Jahren Krieg und die Menschen leben nun in New Berlin im Untergrund. Protagonist Max Hofstetter ist Kopfgeldjäger und soll einen Mord aufklären. Dabei werden seine Überzeugungen auf den Kopf gestellt.

Berlin in den Schatten

Shadowrun schreibt die bewegte Geschichte der deutschen Hauptstadt in einer alternativen Zeitlinie fort, in der seit der sogenannten Goblinisierung Metatypen wie Orks und Zwerge unter Menschen leben. Berlin erlebt in dieser Zukunft unter anderem den Bau einer zweiten Mauer, die um die Stadt herum errichtet wird, um Flüchtlinge abzuhalten. Diverse Kriege, darunter die Eurokriege und der Große Dschihad, führen zum Zerfall Deutschlands, aus dem in Shadowrun die Allianz Deutscher Länder (ADL) wird. Berlin erlebt in den 2040ern und 2050ern ein Jahrzehnt Anarchie, als „Status F“ bezeichnet, in dem es etwas ruhiger wird und eine Utopie möglich scheint – bis schließlich Konzerne eine Allianz mit anti-anarchistischen Gruppen eingehen und Teile der Stadt gewaltsam unter ihre Kontrolle bringen. In den späten 2050ern ist Berlin erneut geteilt: Im Westen regieren Konzerne, während der Osten von Anarchisten kontrolliert wird.

2072 wird Berlin zu einem mit der ADL assoziierten Freistaat, der sich grob in drei Teile gliedert: die Konzernbezirke, die alternativen Bezirke und sogenannte „Normbezirke“, die sich jeweils stark in ihrer Architektur, ihrer Bevölkerung und in ihren Lebensweisen unterscheiden. Berlin ist in den 2070ern ein politischer Flickenteppich voller Spannungen, die in den deutschsprachigen Romanen thematisiert werden. An dieser Stelle seien Alter Ego (2018) und Alter Ratio (2020) von Mike Krzywik-Groß empfohlen, die sich in dieser Reihenfolge, aber auch sehr gut einzeln verschlingen lassen.

Für Rollenspieler gibt es mit Berlin 2080 einen eigenen Quellenband inklusive detaillierter Informationen über die unterschiedlichen Stadtviertel.  Wer mehr über die fiktive Geschichte des Shadowrun-Berlins wissen will, dem sei der Wiki-Eintrag auf Shadowhelix empfohlen. Eine so detailliert durchdachte Zukunft Berlins bekommt man nur in Shadowrun geboten.

Funkelnde Alternativwelt

Redfern Jon Barrett zeigt in Proud Pink Sky (2025) den ersten homosexuellen Stadtstaat, erbaut auf den Trümmern Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg und erblüht zu einer schillernden, pinken Cyberpunk-Metropole. Ein Paradies voller Pride-Paraden mit einer eigenen Sprache: Polari. Ein toleranter und sicherer Ort für Schwule und Lesben und – naja, nur für Homosexuelle. Geschlechtervielfalt wird abgelehnt, trans und nicht-binäre Personen in ein Ghetto verdrängt. Auch für Bisexuelle gibt es kaum Toleranz und heterosexuelle Menschen werden ähnlich abgelehnt wie in der Realität leider immer noch zu oft queere Menschen. Der Staat in Proud Pink Sky ist erschreckend konservativ und bekämpft Veränderungen mit Propaganda und Gewalt. Die Utopie wird zur Dystopie und es steckt viel Hässliches in diesem Buch, aber auch viel Menschliches und Hoffnung, sowie Bezüge zum realen Berlin.

Berlins ferne Zukünfte

Widmen wir uns abschließend der ferneren Zukunft Berlins, die tatsächlich selten erdacht wird. Je weiter Science Fiction in der Zukunft spielt, desto seltener widmet sie sich noch unserem eigenen Planeten – und wenn doch, gibt es Städte wie Berlin nach globalen Katastrophen und Kriegen nicht mehr. In Berlin – Rostiges Herz (2018) von Noah Stoffers alias Sarah Stoffers allerdings wurde die deutsche Hauptstadt nach einer apokalyptischen Zeit neu aufgebaut. In einer nicht näher bestimmten, fernen Zukunft hat sich das Klima stark verändert, die Sommer sind fürchterlich heiß und Berlin liegt direkt am Meer – und ist abermals eine geteilte Stadt. Auf der einen Seite leben Zauberer, die die Menschheit einst vor dem Niedergang bewahrten, und auf der anderen Seite Erfinder, die noch immer für die Übel der Vergangenheit verantwortlich gemacht werden. Berlin ist hier eine magische Metropole mit Steampunkflair, in der sich Zauberer und Erfinder bekämpfen und unerwartete Allianzen eingehen.

Auch in Anne Reineckes Hinter den Mauern der Ozean (2024) ist das Meer bis nach Berlin vorgedrungen, es umschließt gar die Stadt, die einst von den Fluten zerstört wurde und deren Stadtkern von einer gigantischen Mauer geschützt wird. Es leben nur noch fünf Menschen in der ehemaligen Millionenstadt: Friedrich, Wilhelm, Alexander, Else und Lola. Sie werden von außen mit Lebensmittelspenden versorgt und gelten als „Ewige“. Sie sollen das Erbe der Stadt bewahren. In diesem Berlin gibt es keinerlei moderne Technik, es wirkt wie aus der Zeit gefallen. Hinter den Mauern der Ozean ist eine Dystopie, die viele Fragen aufwirft und in der Zukunft und Vergangenheit verschmelzen.

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Judith Madera

Judith Madera ist Literatopia-Chefredakteurin und Herausgeberin des Online-Fanzines PHANTAST. Seit 2019 schreibt sie gelegentlich für TOR online über Science Fiction, Anime und Manga. Mehr unter https://www.literatopia.de

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