Lieben, was wir nicht verstehen. Science Fiction als Praxis der unmöglichen Empathie
Aiki Mira, 19.03.2026
Der Beitrag untersucht Science Fiction als eine Praxis, die uns in Beziehung mit radikaler Fremdheit bringt. Anhand von Werken wie Le Guins Die linke Hand der Dunkelheit und Butlers Bloodchild zeigt Aiki Mira, wie Science Fiction uns ermöglicht, Liebe und Verbundenheit jenseits eines vollständigen Verstehens zu denken. Eine Fähigkeit, die in Zeiten von KI, Neurodiversität, queeren Identitäten, aussterbenden Arten und ökologischem Kollaps zunehmend notwendig erscheint.
Es gibt eine Szene in Ursula K. Le Guins Die linke Hand der Dunkelheit, die mich nicht loslässt. Genly Ai erlebt zum ersten Mal, wovor er sich gefürchtet hat: sein Freund Estraven vom Planeten Gethen ist sowohl Mann als auch Frau. Trotz seiner Furcht erkennt Genly Ai in diesem Moment, dass seine Freundschaft zu Estraven eine Liebe ist, die
»entstand aus dem Unterschied zwischen uns, nicht aus der Affinität und Ähnlichkeit; sie entstand aus dem Unterschied und war die Brücke, die einzige Brücke über das, was uns beide trennte.«
Die linke Hand der Dunkelheit, S.325-326
Der menschliche Gesandte Genly Ai steht vor einem fundamentalen Problem. Er kann die emotionale Realität der Humanoiden von Planet Gethen nicht wirklich erfassen, weil ihre geschlechtslose Existenz, nur unterbrochen durch kurze sexuelle Phasen, eine Gefühlswelt erschafft, für die ihm jeder Referenzpunkt fehlt. Was bedeutet Liebe oder Freundschaft ohne stabiles Geschlecht? Wie funktioniert eine Gesellschaft ohne festgelegte Geschlechterrollen?
Le Guin lässt Genly Ai – und uns – das eigene Unverständnis immer wieder neu befragen. Zugleich lässt sie uns die besondere Freundschaft von Genly Ai und Estraven erleben. Eine Freundschaft, bei der sich Liebe und Unverständnis nie ausschließen. Denn wie Genly Ai später reflektiert:
»…die Öffnung, die so zwischen uns entstanden war, ließ weniger Licht herein, als ich eigentlich erwartet hatte, sie ließ uns vielmehr das Ausmaß an Dunkelheit erahnen, das zwischen uns lag.«
Die linke Hand der Dunkelheit, S.333
Trotz dieses Ausmaßes an Dunkelheit – ihrem gegenseitigen Unverständnis – entsteht eine einzigartige Freundschaft und Gefährt*innenschaft.
Das Fremde, das Andere näher zu bringen, ohne es dabei zu zerstören, genau darin sehe ich das Potenzial einer Science Fiction als literarische Praxis.
In Denial of Service sagt eine Figur: »Weißt du, es ist auch möglich, zu lieben, was du nicht verstehst.« (DoS, S. 137) und sie meint das menschliche Gegenüber. Beim Schreiben dieser Zeile war mir wichtig, dass das, was wir nicht verstehen, nicht gleich Aliens oder Roboter sein müssen. Als eine Leserin mir diese Zeile im Feedback zurückspiegelte, erkannte ich, dass der Satz den Kern meines Science-Fiction-Projekts umreißt. Eine Einsicht, die wiederum zu diesem Essay führte.
Die Unzugänglichkeit fremder Erfahrungen
Wie schwer es ist, andere Menschen zu verstehen, zeigt eine merkwürdige Parallele zwischen Science Fiction und Geschichtsschreibung: Beide versuchen, uns Zugang zu Welten zu verschaffen, die uns fremd erscheinen und es tatsächlich sind. Historiker*innen blicken zurück in vergangene Psychologien, SF-Autor*innen blicken vorwärts in zukünftige und posthumane. Beide Projekte sind, wenn wir ehrlich sind, zum Scheitern verurteilt. Und beide sind trotzdem – oder gerade deshalb – unverzichtbar.
In einem faszinierenden Essay von Gal Beckerman für The Atlantic stellt der Historiker Rob Boddice die Frage: Was fühlte ein Zimmermann im Mittelalter, als er sich mit dem Hammer auf den Daumen schlug?
Die offensichtliche Antwort – Schmerz, natürlich Schmerz – ist für Boddice nur der Anfang einer viel komplexeren Untersuchung. Denn Schmerz ist eine kulturell geformte Erfahrung, kein Naturzustand, der durch Zeit und Raum hindurch konstant bliebe. Unser Gehirn konstruiert ihn aus Signalen, aber auch aus kulturellen Konzepten, religiösen Überzeugungen und sozialen Kontexten.
Dementsprechend könnte für einen Zimmermann im Mittelalter, dessen gesamte Lebenswelt von christlicher Theologie durchdrungen war, körperliches Leiden untrennbar mit Vorstellungen von Sünde, Reinigung und Passion Christi gewesen sein.
Boddices Herangehensweise ist Teil eines wachsenden Feldes, das er »History of Experiences« (Geschichte der Erfahrungen) nennt, und seine zentrale These ist radikal: Nichts an unserem Menschsein verschafft uns irgendeine Einsicht in die Menschheit.
Boddice zufolge können wir uns also nicht einfach in frühere Menschen hineinversetzen, weil deren gesamte Art, die Welt zu erfahren – ihre Emotionen, ihre Sinneswahrnehmungen, ihre Bedeutungssysteme – fundamental anders konstruiert war als unsere.
Das untergräbt eine Vorstellung von gemeinsamer Menschlichkeit. Boddice geht so weit zu sagen: Nieder mit der Empathie (»down with empathy«). Stattdessen fordert er eine radikale Anerkennung historischer Differenz, die nicht vorgibt, vergangene Gefühlswelten nachempfinden zu können.
Aber was, wenn wir dieselbe Frage an die Zukunft statt an die Vergangenheit richten?
Science Fiction als inverse Geschichtsschreibung
Wenn Historiker*innen mit den Bruchstücken der Vergangenheit arbeiten – mit Briefen, Tagebüchern, materiellen Artefakten –, um zu rekonstruieren, wie Menschen vor Jahrhunderten fühlten, dann sind Science-Fiction-Autor*innen im Grunde inverse Historiker*innen. Wir versuchen, zukünftige Erfahrungswelten und zukünftige Artefakte zu imaginieren, um daraus zukünftige Psychologien und posthumane Gefühlsspektren zu entwickeln. Wir bauen spekulative Welten mit derselben Hingabe, die Boddice für die Geschichtswissenschaft fordert, nämlich möglichst viele Dimensionen einer Welt zusammenzubringen – Technologie, Biologie, Soziologie, Ökologie – um zu verstehen, wie sich daraus ein Bewusstsein formen könnte.
Und wir scheitern natürlich. Genau wie die Historiker*innen.
Aber auch dieses Scheitern kann produktiv sein.
Was, wenn das Fremde nicht nur unverständlich, sondern zugleich auch körperlich bedrohlich ist?
In ihrer berühmten Kurzgeschichte Bloodchild, ausgezeichnet mit Nebula und Hugo Award, zeigt Octavia E. Butler, wie die Außerirdische T‘Gatoi den Körper eines Menschen aufreißt. Gan, der jugendliche Protagonist, sieht zum ersten Mal, was es wirklich bedeutet, ein »Wirt« (»host«) für die außerirdischen Tlic zu sein, zu der T‘Gatoi gehört. Er beobachtet, wie T‘Gatoi, die für ihn zugleich lebenslange Gefährtin und zweite Mutter ist, den Bauch eines Mannes aufschneidet und wurmartige Larven aus seinem Fleisch zieht. »Ich hatte das Gefühl, als würde ich ihr dabei helfen, ihn zu foltern«, denkt Gan, »Ich wusste, dass ich bald erbrechen würde«[1] (Bloodchild, S. 9). Und er tut es. Er rennt aus dem Haus und erbricht sich unter einem Baum, während ihm Tränen über das Gesicht laufen. Am Ende der Geschichte entscheidet sich Gan trotzdem dafür, T‘Gatois Eier in sich zu tragen und ihr nächster »Wirt« zu werden:
»Und um dich für mich zu behalten«, sagt er zu ihr, während sie die Eier implantiert, »Es war so. Ich verstand es nicht, aber es war so.«
Bloodchild, S. 19
Wie kann das sein? Wie können Liebe und Horror in derselben Geste existieren? Wie kann Gan etwas wählen, das ihn so fundamental verstört? Und ist das überhaupt Liebe? Oder ist es Zwang, der sich als Liebe tarnt? Bloodchild lässt diese Fragen offen, und das ist die eigentliche Stärke der Geschichte. Ohne einfache Antworten lässt sie uns in dieser Spannung verweilen: zwischen Ekel und Zärtlichkeit, zwischen Autonomie und Abhängigkeit, zwischen Verstehen und radikalem Nicht-Verstehen-Können.
Können wir nachvollziehen, was so eine Beziehung bedeutet? Nein. Aber Octavia E. Butler zeigt sie uns trotzdem. Sie ermöglicht uns die Erfahrung unseres Nicht-Verstehens. Sie macht die Grenzen unserer Empathie sichtbar.
[1] Alle Zitate aus Bloodchild sind eigene Übersetzungen
Die produktive Spannung: Nähe und Alterität zugleich
Hier ist der Punkt, an dem ich von Boddice abweiche. Ich denke nicht: »Nieder mit der Empathie«. Ich denke, ein empathisches Imaginieren beinhaltet zugleich Scheitern und Ermöglichen. Eine produktive Spannung, die wir halten müssen, ohne sie aufzulösen.
Empathie – die Fähigkeit, sich in andere hineinzudenken und mitzufühlen – macht Science Fiction als literarische Erfahrung überhaupt erst möglich. Wenn ich in Denial of Service über ein schroffes, vapendes Botmädchen schreibe, das zum ersten Mal Freundschaft erfährt, dann lade ich Leser*innen ein, sich hineinzufühlen, auch wenn diese Figur in Prozessen denkt, die anders sind als unsere. Doch die Nähe, die wir vielleicht zu ihr empfinden, ist real und wertvoll.
Empathie kann jedoch auch bedeuten, unsere eigenen emotionalen Kategorien auf ein Gegenüber zu projizieren, das vielleicht gar nicht in diesen Kategorien operiert. Daher ist auch das Scheitern produktiv. Science Fiction gelingt beides zugleich: Nähe schaffen und Eigenständigkeit bewahren. Sie lädt uns ein, mit dem Anderen mitzufühlen, während sie uns gleichzeitig daran scheitern lassen kann, uns Grenzen zeigt, die wir nicht überschreiten können.
Was Gan tut, lässt sich nicht einfach mit Empathie beschreiben. Er versteht T‘Gatoi nicht besser am Ende der Geschichte. Was er tut, ist etwas anderes: Er antwortet. Er tritt in Beziehung. Donna J. Haraway nennt das »response-ability«.
In ihrem Buch Staying with the Trouble argumentiert Haraway, dass es darum geht, sich verwandt zu machen (»making kin«) mit dem radikal Anderen, Differenz bleibt dabei bestehen, wird aber zur Grundlage von Beziehung (Staying with the Trouble, S.99-103). Mit »response-ability« beschreibt sie die Fähigkeit zu antworten, zu reagieren, in Beziehung zu treten, ohne zu behaupten, vollständig zu verstehen (Staying with the Trouble, S.110-111). Vielleicht ist das eine Form von Empathie, die immer unvollständig bleibt: eine unmögliche Empathie, die auf Beziehung zielt statt auf Verstehen.
Die Erfahrung des Unübersetzbaren
Unmögliche Empathie bedeutet auch: in Beziehung treten mit dem, wofür wir noch keine Sprache haben. Und hier liegt eine der größten Herausforderungen, sowohl für Historiker*innen als auch für SF-Autor*innen: nicht alle Erfahrungen lassen sich übersetzen.
Anthropologie zeigt, dass Übersetzung immer Verlust bedeutet. Manche Konzepte existieren nur in einer Sprache und in einem bestimmten Weltbild. In Die linke Hand der Dunkelheit bleibt »Shifgrethor« (S. 324) – eine komplexe Mischung aus Ehre, sozialem Prestige und viel mehr – für uns Lesende unklar. Genly Ai versucht es zu verstehen, scheitert immer wieder, verletzt es unbeabsichtigt und begeht »shifgrethor-Fehler« (S. 324).
Was Homer als mênis bei Achilles beschreibt, wird oft als Wut oder Zorn übersetzt, aber der Historiker Boddice zeigt, dass es etwas viel Spezifischeres ist: eine Art kosmisches Unbehagen, ein »cosmic sulk«, wie er es nennt, das mit unserem modernen Verständnis von Wut wenig zu tun hat.
SF-Autor*innen wie Le Guin machen dasselbe in die Zukunft gerichtet: Sie suchen wie Boddice nach Erfahrungen für die unübersetzbaren Worte, nach Emotionen, die noch nicht existieren, und die uns heute fremd sind wie Shifgrethor.
In ihrem Essay The Carrier Bag Theory of Fiction argumentiert Le Guin, dass Geschichten heroische Eroberungen hinter sich lassen können. Stattdessen können sie Behälter sein, die vielfältige Dinge sammeln und tragen. Dazu gehören für mich die Gefühle und Beziehungen, die ich nicht vollständig begreife. Science Fiction als Tragetasche, carrier bag, bedeutet dann, sie trägt all die fremden Erfahrungen für uns, ohne zu behaupten, sie vollständig zu besitzen.
Der produktive Glitch
Octavia E. Butler und Le Guin zeigen, dass wir am Rand des Unverständnisses trotzdem lieben können. Legacy Russell fragt, was passiert, wenn diese Kluft mitten durch unsere eigenen Kategorien verläuft. Legacy Russells Glitch Feminismus bietet damit eine weitere Perspektive auf das produktive Scheitern, auf das Nicht-Verstehen. Russell untersucht, wie digitale Körper und queere Identitäten die Kategorien stören, die wir normalerweise verwenden, um Selbst und Andere zu beschreiben. Der Glitch, also der Fehler, das Scheitern des Systems, ist nach Russell etwas Produktives und kein Defekt, der behoben werden muss. Ein Moment der Offenbarung, der uns zeigt, wo die Kategorien selbst versagen:
»Glitch bedeutet, sich nahe an Abgründe zu bewegen und bis an Grenzen zu gelangen, die wir besetzen und auf unserem Weg, uns selbst zu definieren, hinter uns lassen«
Glitch Feminismus, S.27
Science Fiction ist voller produktiver Glitches. Wenn Ann Leckie in Die Maschinen eine Figur wie Breq schreibt, die Geschlechter nicht wahrnimmt und deshalb alle mit sie-Pronomen bezeichnet, dann ist das ein bewusster Glitch in unserem Lesesystem. Es stört. Es lässt uns erleben, wie sehr wir Geschlecht als fundamentale Kategorie verwenden, um Charaktere zu verstehen.
Wenn Becky Chambers in ihrer Wayfarer-Serie Aliens beschreibt, die über Farben kommunizieren und ihre Haut als Display benutzen, erzeugt das Glitches in unserer Sinneserfahrung. Wir können nie wirklich nachempfinden, was es heißt so zu kommunizieren. Aber die Glitches zeigen uns die Grenzen unserer sensorischen Matrix.
Wie der produktive Glitch bringt uns Science Fiction an Ränder, an denen unsere gewohnten Kategorien nicht mehr greifen und lässt uns dort ausharren, am Abgrund. Diese Grenzerfahrungen berühren direkt die Gegenwart, in der unsere Kategorien längst zu bröckeln beginnen.
Die Parallele zur Gegenwart
Boddice schreibt im Atlantic-Artikel, dass seine Arbeit »ethisch dringend« (»ethically urgent«) ist, weil wir uns durch reduzierte emotionale Vokabulare wie Emoji-Gefühle selbst flachmachen. Wir verlieren an möglichem Erfahrungsreichtum.
Ich sehe noch eine andere Dringlichkeit: Wir leben in einer Zeit, in der wir mit immer neuen Anderen konfrontiert werden. Künstliche Intelligenzen denken nicht wie wir, Biotech-Modifikationen verändern menschliche Erfahrungen. Neurodiversität zeigt uns, dass selbst innerhalb unserer Spezies »normales« Bewusstsein eine Illusion ist. Trans- und nicht-binäre Erfahrungen wiederum offenbaren, dass Geschlechter und Körper fließender und vielfältiger sind als gedacht. Ökologische Krisen zwingen uns, mit nicht-menschlichen Anderen wie Tieren, Ökosystemen, vielleicht dem Planeten selbst, in Beziehung zu treten.
Die Frage ist also nicht, ob wir mit Alterität leben, sondern wie.
Donna J. Haraway schreibt: »we are compost, not posthuman.« (Staying with the Trouble, S.55). Wir sind schon immer mit dem Anderen verwoben gewesen, mit Bakterien in unserem Darm, mit den Pflanzen, die wir essen, mit den Technologien, die uns erweitern.
Science Fiction ist für mich eine Praxis, ein Tun für das Leben mit diesen vielen Anderen.
Ein Tun mit besonderer Konsequenz: SF baut Figuren und Beziehungen, vor allem aber die Bedingungen – die Welten – unter denen neue Erfahrungen entstehen können.
Lieben, was wir nicht verstehen
Am Ende des Atlantic-Artikels gibt es eine Gegenstimme zu Boddice. Der spanische Historiker Javier Moscoso sucht nach Universalien, nach Strukturen der Wiederholung (»structures of repetition«) nach Kontinuitäten menschlicher Erfahrung über alle Zeiten hinweg. Und er findet sie: Pyramus und Thisbe bei Ovid, die chinesischen Schmetterlingsliebenden, Romeo und Julia. Von Ovid bis Shakespeare, vom antiken China bis heute stößt Moscoso auf Geschichten der verbotenen Liebe, immer wieder, in völlig verschiedenen Welten.
Die Idee einer geteilten Menschlichkeit ist die Grundlage für Menschenrechte, für Demokratie, für viele politische Philosophien, die auf Gleichheit beruhen.
Ich denke, wir brauchen beides: Wir brauchen Moscosos Suche nach Verbindung und Boddices Beharren auf Differenz. Wir brauchen die Fähigkeit, Beziehungen zu schaffen, die nicht auf vollständigem Verstehen basieren.
Menschen sind dazu fähig zu lieben, ohne zu behaupten, genau zu wissen, was das Gegenüber fühlt. Das neurodivergente Kind lieben, ohne zu behaupten, dass sein Bewusstsein genau wie das eigene funktioniert. Tierischen Gefährt*innen zur Seite stehen, ohne ihr Innenleben genau zu kennen. Mit der natürlichen Welt in Beziehung treten, ohne anthropomorphe Projektionen.
Science Fiction ist für mich also keine Flucht aus der Gegenwart, sondern eine Übung für sie: das Erproben von Beziehungen, die nicht auf Verstehen warten.
Science Fiction als Praxis
Lasst mich zum mittelalterlichen Zimmermann zurückkehren, oder besser, vorwärts zu seinem Gegenstück: Kat, Bauarbeiterin in Frankfurt am Main und Veteranin der Mondkriege aus meiner Kurzgeschichte »Die Grenze der Welt«. Zurück auf der Erde steigt Kat in einen Mega-Body-Extender der Kategorie Super Shell, um auf einer Baustelle zu arbeiten. Das von Elektromotoren angetriebene Mensch-Maschine-System ist fast zwanzig Meter hoch und wiegt eine Tonne: »Sobald sie drin ist, fühlt sie sich komplett, ganz sie selbst – endlich vollkommen!« (Die Grenze der Welt, S.157)
Was bedeutet es, sich »vollkommen« zu fühlen im Inneren einer Maschine? Wenn Kat den Biochip in ihrem Gehirn aktiviert und sich an »die sanfte Fremdbestimmung durch die KI« längst gewöhnt hat (Die Grenze der Welt S.157), wo endet dann ihr Körper und wo beginnt die Maschine? Ihr biologischer Körper ist vom Leben auf dem Mond geschrumpft, die Muskeln verkümmert, die Knochen »wie Gummi«. Auf der Erde fühlt er sich »schwer und nutzlos« an. Aber in der Super Shell ist Kat ein Koloss. »Mit einer Handbewegung könnte sie ihn zerdrücken«, den Mann, der ihr Fragen stellt, der nicht größer ist »als ein Insekt« (Die Grenze der Welt, S.158).
Was fühlt Kat in diesem Moment? Ist es Macht? Oder ist es etwas anderes, eine Form von Ganzheit, die wir nicht benennen können, weil sie auf einer Verschmelzung mit Technologie basiert, die für uns nicht existiert?
Ich kann es nicht wissen. Aber als SF-Autor*in kann ich versuchen, die Welt zu bauen, in der diese Erfahrung Sinn ergibt. Ich kann fragen: Wie hat das Leben auf dem Mond Kats Verhältnis zu ihrem Körper verändert? Welche kulturellen Narrative über Mensch-Maschine-Symbiose existieren in ihrer Welt? Auf der einen Seite sind da Leute, die Roboter heiraten oder Roboterkinder adoptieren, auf der anderen Seite Leute, die mit Ekel darauf reagieren, und von »Konversionstherapie« sprechen. Ist Kats Sehnsucht nach der Super Shell eine Form von Liebe? Ist es eine Sucht? Oder ist es etwas Drittes, für das wir noch kein Wort haben?
Heute Abend im Bett wird sie sich in Schaumstoffplatten einwickeln und dem Gefühl von Geborgenheit – von Eingeschlossensein im schützenden Leib der Super Shell – hinterhertrauern.
Die Grenze der Welt, S.158
Bezieht sich das Wort »Geborgenheit« hier auf dasselbe Gefühl, das ein Kind spürt, wenn es gehalten wird? Oder ist es etwas grundlegend anderes, eine posthumane Emotion, die erst in der Verschmelzung mit einer Maschine entsteht, die zugleich Werkzeug, Waffe, Schutzpanzer und vielleicht ein Zuhause ist?
Der Text gibt Hinweise: neurookulare Schäden, die Skotome in Kats Sicht, die Halluzinationen vom Biochip, die sie mit synthetischem Psilocybin behandelt. Der Text schafft Nähe, indem er erzählt, wie Kat sich in die riesigen pneumatischen Polster schmiegt. Aber er bewahrt auch Fremdheit, indem er zeigt: Für Kat ist ihr biologischer Körper das Fremde geworden, und die Maschine das Vertraute. Das ist eine Umkehrung unserer aktuellen Gefühlsgeographie. Und genau deshalb ist es für mich interessant.
Boddice fordert von Historiker*innen, dass sie viele verschiedene Disziplinen zusammenbringen, um eine 360-Grad-Sicht vergangener Erfahrung zu konstruieren. Das ist ambitioniert, wie der Artikel zugibt, aber notwendig.
Science-Fiction-Autor*innen machen dasselbe nach vorne gerichtet: Wir bauen Welten aus Fragmenten. Aus aktueller Wissenschaft, aus philosophischer Spekulation, aus beobachteter menschlicher Natur und wilder Imagination. Für »Die Grenze der Welt« recherchierte ich über Exoskelette, über die Auswirkungen von Mikrogravitation auf den menschlichen Körper, über Brain-Computer-Interfaces. Ich las über Phantomschmerz und fragte mich: Werden zukünftige Menschen den Verlust ihrer technologischen Erweiterungen so spüren wie heute Amputierte ihre verlorenen Gliedmaßen? Science Fiction schreibe ich aus der Gegenwart heraus und suche von da die Brücken ins Unbekannte.
Im Nachwort von Bloodchild berichtet Octavia E. Butler, dass die Geschichte aus ihrer Angst vor Dasselfliegen geboren wurde. Insekten, die ihre Eier in Wunden legen und deren Larven dann im Wirt wachsen, um das Fleisch zu essen.
Wenn mich etwas so sehr verstört wie damals die Dasselfliege, schreibe ich darüber« erklärt Butler, »Das Schreiben von ‹Bloodchild› hat mich nicht dazu gebracht, Dasselfliegen zu mögen, aber für eine Weile waren sie dadurch interessanter als nur schrecklich.
Bloodchild, S.2, eigene Übersetzung
Das ist es, was Science Fiction kann: Sie verwandelt Horror in Interesse. Sie macht das Fremde durch Begegnungen zugänglich, schafft dabei kein vollständiges Verstehen, aber ermöglicht eigene Erfahrungen.
Wenn Kat in ihrer Super Shell steht und auf die »weite kahle Landschaft aus Sand und Beton« blickt, wenn sie von »wogenden Staubpartikelwolken fantasiert, deren Teilchen so gezackt und schroff sind, dass sie die Lungen zerstören« (Die Grenze der Welt, S. 159), dann beschreibe ich eine neue Form von Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die nur existieren kann in einer Welt, in der Menschen auf anderen Himmelskörpern gelebt haben, in der die Maschine vertraut, der eigene Körper jedoch fremd geworden ist. Ich kann Kats Sehnsucht nicht vollständig nachvollziehen. Aber ich kann versuchen, ihr eine Form zu geben.
Die Frage, die uns ausmacht
Am Ende des Atlantic-Artikels schreibt der Autor:
Welche Spezies außer der unseren fragt: Wie hat es sich angefühlt? Welches Tier außer uns schaut Fremden oder den eigenen Großeltern in die Augen und baut ganze Philosophien um diese Frage?
Science Fiction fragt: Wie wird es sich anfühlen? Wie wird es sein, in Maschinenkörpern zu existieren? Was werden unsere Nachfahr*innen fühlen, wenn sie Welten besiedeln, die keine Sonnenaufgänge haben?
All diese Fragen sind nicht beantwortbar.
Vielleicht ist das die Versöhnung zwischen Moscoso und Boddice, zwischen Universalität und Differenz. Was uns verbindet, ist das gemeinsame Begehren, etwas verstehen, etwas empfinden zu wollen, auch wenn wir es nie vollständig können.
Science Fiction ist eine Praxis der unmöglichen Empathie
In Zeiten, in denen wir zunehmend mit neuen Anderen konfrontiert werden, die unsere Kategorien sprengen – KI, Neurodivergenz, trans* Körper, Post-Klima-Landschaften –, erscheint mir Science Fiction als Praxis notwendig.
Wir bauen mit Science Fiction Brücken zu Ufern, die wir vielleicht nie erreichen werden. Aber die Brücken selbst, unsere Versuche, sind der Wert. Sie zeigen, dass wir bereit sind, in Beziehung zu treten mit dem, was wir nicht verstehen. Sie zeigen, dass wir lieben können, ohne vollständig zu begreifen.
Kat steht in ihrer Super Shell und blickt auf die Erde, die ihr fremd geworden ist. Gan trägt T‘Gatois Eier in sich und versteht nicht, warum er es tut. Estraven überquert das Eis mit einem Menschen, der ihn nie ganz begreifen wird.
Vielleicht ist Liebe keine Frage des Verstehens, sondern die Entscheidung zu antworten, obwohl uns die Sprache fehlt. Das ist die unmögliche Empathie. Science Fiction ist der Ort, an dem wir sie üben.
Literaturverzeichnis
Beckerman, Gal (2026): What if Our Ancestors Didn't Feel Anything Like We Do? erschienen in The Atlantic im Januar 2026. Online: https://www.theatlantic.com/magazine/2026/01/human-ancestors-emotion-history/684959/ Zugegriffen: 09.02.2026
Butler, Octavia E. (1995): Bloodchild. Online: https://static1.squarespace.com/static/574dd51d62cd942085f12091/t/5ae0e84e562fa74f9c6773a5/1524688975128/octavia-butler-bloodchild.pdf Zugegriffen: 09.02.2026
Chambers, Becky (2016-2021): Die Wayfarer Serie. Buchreihe besteht aus: Die lange Reise zu einem kleinen, zornigen Planeten. Zwischen zwei Sternen. Unter uns die Nacht. Die Galaxie und das Licht darin. Frankfurt am Main: Fischer Tor Verlag.
Haraway, Donna J. (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. Durham, North Carolina: Duke University Press.
Le Guin, Ursula K. (2019): The Carrier Bag Theory of Fiction. London: Ignota Books.
Le Guin, Ursula (2014): Die linke Hand der Dunkelheit. München: Heyne.
Leckie, Ann. (2013-2017): Die Maschinen. Trilogie besteht aus: Die Maschinen. Die Mission. Das Imperium. München: Heyne.
Mira, Aiki (2026): Die Grenze der Welt. In: Deshalb kann ich nicht fort. Erzählungen. Wittenberge: Carcosa Verlag.
Mira, Aiki (2025): Denial Of Service. Frankfurt am Main: Fischer Tor Verlag.
Russell, Legacy (2021): Glitch Feminismus. Leipzig: Merve Verlag.