Mehr Phantastik

Zehn Jahre Fischer Tor – Ein kurzer Rückblick aus dem Lektorat

Ein geflügeltes Spielzeugeinhorn vor einigen Büchern aus dem Fischer-Tor-Programm

Andy Hahnemann, 06.08.2026

Das Imprint Fischer Tor feiert zehnjährigen Geburtstag. Grund genug für einen kurzen Rückblick. Was hat sich verändert, was ist geblieben? Und warum machen wir das Ganze eigentlich?

Im Herbst 2016 ist unser erstes Programm erschienen, und jetzt, zehn Jahre später, veröffentlichen wir unser – wir haben nachgezählt – 199tes Buch. Dazwischen lagen unzählige Programmkonferenzen, Buchmessen, Redaktionsgespräche, Fahnenkorrekturen, Strategie-Workshops und Mittagessen mit Übersetzer*innen und Autor*innen, eine Restrukturierung (das betriebswirtschaftliche Äquivalent zu einer Zahnwurzelbehandlung) sowie ein Umzug. Auch wenn wir manchmal vielleicht ein klein wenig zu optimistisch, zu wirklichkeitsfremd oder zu hochnäsig waren: langweilig war es bei Fischer Tor nie.

Was war unsere Vision, als wir vor zehn Jahren angefangen haben, Science Fiction und Fantasy zu veröffentlichen? Wir wollten hier in Deutschland so etwas wie Tor Books aufbauen. Wir hatten natürlich nie vor, so viele Bücher wie unser großer Bruder aus den USA rauszubringen. Aber wir wollten wie Tor Books das gesamte Spektrum der Fantastik abbilden und all die neuen Ideen, Geschichten und Ästhetiken aufgreifen, die in der globalen SFF-Community kursierten.

Und es war eine aufregende Zeit für die fantastischen Genres! Science Fiction und Fantasy öffneten sich gerade für queere und postkoloniale Perspektiven (nicht ohne das übliche Gejammer und Gezeter) und alle paar Monate wurde ein neues Subgenre durchs Dorf getrieben. Manchmal blieb ein Label kleben, manchmal nicht. Grim Dark Fantasy war mal der heiße Scheiß; heute gilt das eher für die Cozy Fantasy. Solar Punk hätte ein großes Ding werden können, ist aber nie aus dem Schatten der Climate Fiction herausgetreten, die aber auch Nische geblieben ist. 

»Tropes« statt Genres

Ehemals weit verbreitete und gut etablierte Begriffe wie High Fantasy, Völkerfantasy, Urban Fantasy und Sword & Sorcery müssen heute in sorgsam vorbereiteten Geschichtsstunden an die nächste Generation weitergegeben werden. Sie sind nicht mehr selbstverständlicher Teil der Genrelandschaft, die in den letzten Jahren von der Romantasy und mit großer libidinöser Energie umgegraben wurde. Seitdem reden wir ohnehin eher in Tropes als in Subgenres. Enemys to Lovers, Forced Proximity, Second Chance usw., aber auch das haben wir gelernt, safe. Schön auch zu sehen, wie ein fast schon vergessenes Genre wie die Dystopie durch eine Neuabmischung von Sex & Revolution wieder jede Menge Leser*innen findet. The Times They Are A-Changin.

Woran wir Lektor*innen uns immer gern erinnern, sind natürlich die Bestseller. Und wir hatten einige: Ready Player One, Mortal Engines, Das unsichtbare Leben der Addie LaRue, The Atlas Six, Das Reich der Vampire oder jüngst unseren neuen Liebling Dungeon Crawler Carl. Woran sie sich aber noch lieber erinnern, sind die Bücher, die im Kopf mal klein angefangen haben, die aber immer bekannter und größer geworden sind, bis sie sich gegen jede Wahrscheinlichkeit in Klassiker verwandelt haben: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten, The Electric State, Pantopia, Emily Wildes Enzyklopädie der Feen oder Spellshop.

Das Schmerzgedächtnis

Woran wir uns nicht so gern erinnern, sind die Bücher, die erfolglos geblieben sind. Was nur wenige Menschen wissen: Einmal im Jahr treffen sich alle deutschsprachigen Lektor*innen an einem geheimen Ort, um die Bücher zu betrauern, die eigentlich super erfolgreich hätten werden müssen, die aber nach Erscheinen wie ein nasses Handtuch zu Boden gefallen sind. Lang ist die Liste der Namen, heiß sind die Tränen. Der Abend endet zumeist spät mit vielen, vielen Umarmungen.

Aber da das Schmerzgedächtnis kurz ist – und sein muss, wenn man als Lektor*in arbeiten möchte –, sind wir schon am Folgetag dabei, das nächste geniale Buch zu akquirieren und zu hoffen, dass Instabooktok doch zumindest dieses eine Mal Gnade zeigen möge und das Licht der Aufmerksamkeit auf genau diesen Titel lenkt. Wir schreiben auch Mails an die Marketingabteilung, aber manchmal hilft eben nur beten.

Stichwort Religion: Ebenfalls einmal im Jahr verspüren wir Lektor*innen den Drang, still in uns zu gehen und die unsterbliche Dankesrede von Ursula K. Le Guin zur Verleihung des National Book Awards anzusehen, in der sie uns daran erinnert, dass wir Fantasten eigentlich die „Realisten einer größeren Realität“ sind und Kunst wichtiger ist als Kommerz. Oder sein sollte. Es ist dies eine halbe Stunde, die wir vor unseren Controller*innen und Vertriebskolleg*innen verheimlichen. Die uns aber immer wieder mit dem in Verbindung bringt, was das fantastische Schreiben im Kern ausmacht und immer ausmachen wird: die Suche nach einer besseren Welt.

Auf die nächsten zehn Jahre!

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Andy Hahnemann

Andy Hahnemann, geboren 1975, ist Lektor für Science-Fiction und Fantasy im S. Fischer Verlag.

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