Mehr Phantastik

„Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ – Über Eskapismus in der Science Fiction und Fantasy

Coverausschnitt aus der Neuen Rundschau. Darauf steht:

Andy Hahnemann, 16.07.2026

Fantasy und Science Fiction standen schon immer unter dem „Eskapismus“-Vorwurf. Aber wie schrieb schon Tolkien? „Die Einzigen, die etwas gegen Eskapismus haben, sind Gefängniswärter.“ Andy Hahnemann macht sich ein paar Gedanken zu Funktion und Poetik des Verschwindens.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in: Neue Rundschau 2026/2 - Gegenwartsliteratur 2000 – 2025

 

1. Gehen

Die Liste der 250 besten Filme in der International Movie Database (IMDb) wird seit vielen Jahren von Die Verurteilten angeführt (The Shawshank Redemption, 1994). Darin geht es um den unschuldig zu lebenslanger Haft verurteilten Bankangestellten Andy Dufresne, gespielt von Tim Robbins, der nach einer beispiellos gewitzten Vorbereitung aus dem Gefängnis ausbricht. Mit einem kleinen Geologenhammer, den er in einer Bibel versteckt, gräbt er sich im Laufe von 19 Jahren einen Tunnel. In einer Gewitternacht gelingt ihm schließlich die Flucht: Andy entkommt und realisiert sich seinen Traum: In der letzten Szene des Films sehen wir ihn, wie er an einem mexikanischen Pazifikstrand ein kleines Boot repariert. Das Meer. Ein Boot. Die Freiheit.   

Kinofans sind immer wieder überrascht, wenn sie lesen, dass die Vorlage des Films von Stephen King stammt. Dabei ist es längst nicht die einzige Ausbruchsphantasie, die King geschrieben hat: Auch The Green Mile dreht sich um das Thema der Gefangenschaft, und in Misery versucht ein gefesselter Schriftsteller einem sadistischen Superfan zu entkommen. Selbstbefreiungsphantasien prägen das Werk von King, er kann nicht nur als einer der größten phantastischen Erzähler des 20. Jahrhunderts gelten, sondern auch als einer der größten Escape-Artists.

Dabei liegt der Zusammenhang von Eskapismus und phantastischer Literatur auf der Hand: Schon Tolkien sah sich in seiner Theorie zur Fantasy genötigt, den Eskapismusvorwurf zu adressieren: »I have claimed that Escape is one of the main functions of fairy-stories and since I do not disapprove of them, it is plain that I do not accept the tone of scorn or pity with which ‘Escape’ is now often used. [...] Why should a man be scorned if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison-walls?«1

Für Tolkien bot Fantasyliteratur die Möglichkeit, dem Gefängnis der chaotischen Moderne eine kohärente Welt mit klareren Regeln entgegenzusetzen, eine Art Ersatzschöpfung, in der wir uns eine Zeit lang erholen und sicher sein können, dass in einer »Eukatastrophe« das Gute über das Böse siegt. Damit hat er der Fantasy eine stabile und emotional ertragreiche Erfolgsformel mit auf den Weg gegeben, die das Genre bis heute prägt. 

Anders als Tolkien ist Stephen King nicht für seine Happy Ends bekannt. Als prägende Figur der modernen Horrorliteratur kommt die Realitätsflucht mit einem anderen Gestus daher. In der Horrorliteratur lauert hinter dem Alltag das Grauen. Als Reaktion auf eine ohnehin schon unperfekte Welt, sagt der Horrorautor: Es ist alles so viel schlimmer, als du denkst. 

Perfektioniert wurde dieser Gestus schon von H.P. Lovecraft. In seinem Werk liegt hinter der uns bekannten Realität ein kosmisches Grauen, das den Menschen in jeder Hinsicht überfordert: Konfrontiert mit dem Übernatürlichen bleibt dem Menschen eigentlich nur Flucht oder Wahnsinn. Trotzdem scheint dem notorischen Rassisten Lovecraft der Gedanke an eine Begegnung mit dem riesigen außerirdischen Tentakelmonster Cthulhu deutlich mehr Spaß gemacht zu haben als beispielsweise die Fahrt in einem multiethnisch besetzten Straßenbahnwaggon. 

Das Grauen besitzt also seine ganz eigene Attraktion. Das Stichwort wäre hier Angstlust: Wir genießen es, uns imaginär dem größtmöglichen Schrecken hinzugeben, auch darin liegt ein Trost für die Zumutungen der modernen Welt. Horrorfilme und Horrorliteratur liegen wieder im Trend. Der allergrößte Teil der aktuellen Horrorproduktion steht allerdings nicht in den reaktionären Fußstapfen Lovecrafts, im Gegenteil. Sie zelebriert das Leiden daran, dass die transgressiven Glücksversprechen der Moderne leer bleiben, oder, wie Dietmar Dath in Die salzweißen Augen (2005) schreibt: Drastik, das ist die kulturindustrielle Form, »die das Selbstwunsch- und -angstbild von modernen Menschen annimmt, wenn die sozialen Versprechen der Moderne nicht eingelöst werden ...« 2

Die vielleicht bekannteste Figur wurde in dem Magazin Weird Tales von einem Briefpartner Lovecrafts erfunden, von Robert E. Howard. Conan der Cimmerier entstammt dem barbarischen Norden und durchreist den fiktiven Urkontinent Hyboria, immer auf der Suche nach Abenteuern und Beute. In jeder Erzählung – in vielen davon ist er als Pirat auf einem Segelschiff auf dem Ozean unterwegs – besteht er eine neue Herausforderung entweder durch seine Kraft, seine barbarischen Instinkte oder durch seine natürliche Schlauheit. Am Ende winken das Überleben, ein Schatz und ziemlich oft eine neue Sexualpartnerin. Auf Frauen wirkt Conan in all seiner barbarischen Wildheit unglaublich attraktiv. Auch Romantasy-Bestseller wie Fourth Wing oder Quicksilver sind wie die frühen Pulp-Stoffe ziemlich nah am Lustzentrum gebaut, nur eben um das weibliche. Conan würde hier zwar im Prinzip einen respektablen book boyfriend abgeben – beschützend, muskulös, kompetent, loyal, brooding –, aber Kleidung und Frisur wären ein klares No-go.

Für Figuren wie Conan wurde der Begriff »Eskapismus« geradezu erfunden. Dass Howard hier seine eigenen Schwächen überkompensiert hat, dürfte allen klar gewesen sein. Und es liegt auf der Hand, dass auch für den Leser die Gratifikation im Prozess der Lektüre mit der lustvollen Inszenierung von Sex und Gewalt zu tun hat, die allerdings in einer Welt stattfindet, die so gar nichts mit der unseren zu tun hat. Eben in einem exotischen Anderswo, wo man auf Segelbooten von einsamer Insel zu einsamer Insel fährt.

Zurück zu Die Verurteilten. Eine Pointe des Films liegt darin, dass das Loch in der Zellenwand, durch das Andy entkommt, von einem Filmplakat verdeckt wird, das eine nur notdürftig in Felle gekleidete Raquel Welch zeigt, ein Sexsymbol der sechziger Jahre. Dem Aussehen nach könnte das Bild aus einer solchen eskapistischen Conan-Verfilmung stammen, tatsächlich ist es aus dem Fantasyfilm Eine Million Jahre vor unserer Zeit (One Million Years B.C., 1965). Die Wärter schöpfen nicht den geringsten Verdacht, weil derlei Bilder in den Zellen der Gefangenen nichts Besonderes sind. Es schadet schließlich nicht, wenn die Gefangenen von Frauen und Abenteuern träumen. Oder doch? In Die Verurteilten ist das Bild der halbnackten Raquel Welch jedenfalls nur die offensichtliche Seite des Fluchtplans, die Ablenkung vom eigentlichen Verschwindetrick, der in die Freiheit führt.

  1.  J.R.R. Tolkien: On Fairy-Stories, London 2008, S. 69.
  2.  Dietmar Dath: Die salzweißen Augen, Frankfurt a.M. 2005, S. 167. 

Conan erscheint am 18.11.26 bei Fischer Tor

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2. Bleiben

In ihrem Buch Bleibefreiheit (2023) beschäftigt sich die Philosophin Eva von Redecker kritisch mit dem liberalen Freiheitsbegriff, der traditionell die Form von »Bewegungsfreiheit« annimmt, also die Möglichkeit, sich ungehindert über alle Grenzen und Einschränkungen hinwegzusetzen. Um zu illustrieren, was die Bewegungsfreiheit ausmacht, zitiert sie einen zwölfjährigen Jungen, der auf die Frage, was Freiheit sei, reflexartig sagt: »Am freiesten bin ich, wenn ich allein auf dem Mars bin.«3 So oder so ähnlich dürfte sich das auch Elon Musk denken, dessen Marseroberungspläne von Jahr zu Jahr aufgeschoben werden. Unabhängig von der Realisierbarkeit des Projekts lässt sich darin eine Idolatrie jener Bewegungsfreiheit erkennen, die Redecker kritisiert: »Freiheit ist, wenn nichts im Weg steht.«4 Wie dem 12-Jährigen geht es dem libertären Musk darum, als kleiner König durch nichts und niemanden gehindert sein neues Reich zu regieren. Es gehört zum Weltschmerz von Genreleser:innen, dass viele Leute Musks Pläne für »Science Fiction« halten.

Bei Ray Bradburys Mars-Chroniken (1950) handelt es sich ganz zweifellos um echte Science Fiction.5 In dem Geschichtenzyklus geht es um die Kolonisierung des Mars durch die Menschen. Zu den vielen Komplikationen, mit denen die Raumfahrer zu kämpfen haben, gehört die Tatsache, dass der Mars bereits bewohnt ist und das Verhältnis zwischen Neuankömmlingen und Ureinwohnern alles andere als friedvoll. Analogien zur Eroberung des Westens durch die Amerikaner waren dabei durchaus beabsichtigt. Bradbury gelingt es, in den Geschichten eine beeindruckende Palette an Themen zu verhandeln. Es geht um das destruktive Potenzial moderner Technologien, Selbstfindung, Umweltverschmutzung, Zensur und Herrschaft, Rassismus und Genozid. Man könnte sagen: Mit den Mars-Chroniken ist die Science Fiction erwachsen geworden, weil es hier um zahlreiche Themen geht, die in der McCarthy-Zeit in Amerika in der Luft lagen.6

Der Mars wird von Bradbury nicht als leeres, totes Proto-Eigentum behandelt wie von Musk7, sondern als Ort mit Geschichte und Vielfalt. Im Kern geht es in den Mars-Chroniken auch immer um die Fragen: Wie gehen wir mit der eigenen Sterblichkeit um? Wer hat eigentlich das Recht, an einem bestimmten Ort zu leben, und wer verfügt über die Mittel? Und wie muss der Raum, muss die Gesellschaft, müssen die Individuen beschaffen sein, damit dort alle Platz finden? Wie ist es um die kollektive Verantwortung für die gemeinsame Umwelt bestellt? Es sind dies auch die Fragen, die Eva von Redecker beschäftigen, wenn sie versucht, ihren Begriff der »Bleibefreiheit« zu umreißen. Freiheit in diesem Sinn schließt die Möglichkeit ein, auch auf lange Sicht ein erfülltes Leben in Gemeinschaft mit anderen an einem Ort zu leben, an dem wir bleiben können. 

Bradbury nähert sich diesen grundlegenden Fragen durch einen Akt der strategischen Dislozierung. Er fliegt zum Mars und betrachtet die menschliche Gesellschaft aus der Distanz. Auch das ist Eskapismus, allerdings einer, der Dinge sichtbar machen kann, die im Alltag oft unsichtbar bleiben.

3.  Eva von Redecker: Bleibefreiheit, Frankfurt a.M. 2023, S. 25Ebd., S. 28

4. Ebd., S. 28

5. Ray Bradbury: Die Mars-Chroniken, Zürich 2008.

6. Vgl. dazu Sam Weller: 75 Years Ago, The Martian Chronicles Legitimized Science Fiction, https://lithub.com/75-years-ago-the-martian-chronicles-legitimized-science-fiction/

7. Vgl. Redecker, S. 64

V.E. Schwab, Autorin der sehr erfolgreichen Shades-of-Magic-Fantasyserie (2015ff.)8, sagte anlässlich der sechsten J.R.R. Tolkien Lecture on Fantasy Literature am Pembroke College 2018 in Oxford in einem Vortrag: »The most beautiful part of writing fantasy is the freedom, not from rules […] but from the exact details of the present we inhabit. We have the opportunity to subvert the established tropes, to redefine power, to conceive of social landscapes and climates perpendicular to the ones in which we live. Fantasy allows us to explore the strengths and weaknesses of our own world through the lens of another.«9

Die Entscheidung für eine phantastische Poetik befreit zuallererst von dem Zwang zur Reproduktion bestehender sozialer Beziehungen und Hierarchien. Es ist eine Tabula-rasa-Geste der Selbstermächtigung. Dem Zwang zur Mimesis der wirklichen Welt, der mit realistischer Literatur in der Regel einhergeht, wird eine Absage erteilt. Im Gegenzug gewinnen andere Fragen an Gewicht: Wie soll die geschilderte Welt eigentlich aussehen? Welche Aspekte der Gegenwart nehme ich mit in die Fantasywelt (oder im Falle der SF: in die Zukunft?) Wer darf darin wie leben? Und wer nicht? Was ist wirklich neu in der geschilderten Welt?   

Es liegt auf der Hand, dass diesem Selektions- und Schöpfungsprozess etwas eminent Politisches innewohnt. Denn wenn man über fremde Phantasiewelten spricht, spricht man immer auch über die nicht realisierten Möglichkeiten der eigenen. Über das Randständige, Unterdrückte, das versteckte utopische Potenzial im Alltag, den man fluchtartig verlassen hat. Folgt man dem Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke, sind fiktionale Erzählungen nicht nur »eine Sonderwelt neben der Wirklichkeit«, sondern sie wirken in die gesellschaftliche Praxis zurück. Das Erzählen – auch und gerade das phantastische Erzählen – ist das »Organon einer unablässigen kulturellen Selbsttransformation«.10 Oder anders: Die durch den Eskapismus gewonnene Freiheit ist eine Ressource, die Victoria Schwab nicht nur eine privilegierte Beobachterposition ermöglicht, sondern echten Einfluss auf die wirkliche Welt haben kann. »Writers of fantasy possess a special kind of magic. We have the ability to change the world. […] To reinvent and reimagine. We have the power to create spaces where diverse readers can see themselves, not only as tangential, but as essential. [...] I wish that I could center women and LGBTQ and people of color in the real world as easily as in my books. But until that day, I am committed to doing it in fiction.«11

Phantastische Autor:innen können den in unserer Gesellschaft Marginalisierten und Zurückgesetzten eine angemessene Repräsentation ermöglichen – zumindest in der Fiktion. In der Literatur blitzt der utopische Vorschein auf eine bessere Welt auch, sie macht ein Versprechen: Nichts muss so bleiben, wie es ist. Manchmal wird sie deshalb als Bedrohung der bestehenden Ordnung wahrgenommen: Als A Darker Shade of Magic in Russland erschien, wurde kurzerhand die romantische Beziehung zwischen zwei der Protagonisten als »gay propaganda« herausgekürzt.12 Und auch die Entfernung phantastischer Literatur aus den öffentlichen Büchereien in den USA spricht Bände.

Andersherum geht es natürlich auch: Indem sich J.K. Rowling im echten Leben als TERF zu erkennen gegeben hat, hat sie eine ganze Generation von LGBTQ-nahen Jugendlichen aus der fiktiven Welt von Harry Potter vertrieben. Trans Personen wissen nur allzu gut, dass sie nie einen Brief mit einer Einladung nach Hogwarts bekommen werden.

Das Austauschverhältnis zwischen unserer sozialen Realität und den in der Fiktion entworfenen Welten ist also komplex und wechselseitig. Politische Prozesse haben einen Einfluss darauf, welche fiktiven Orte wem zugänglich sind, genauso wie Literatur unsere soziale Topographie zu verändern vermag. Wie ökologisches, politisches oder soziales Handeln kann das Geschichtenerzählen dazu beitragen, das Klima in einer Gesellschaft zu verändern und eine Wirklichkeit mitzugestalten, in der wir uns alle zu Hause fühlen können. Sie kann Freiheitsgrade sichtbar machen oder die Frage nach der gerechten Ressourcenverteilung aufwerfen.

In der aktuellen deutschsprachigen Fantasy- und Science-Fiction-Szene haben sich vor allem die Autor:innen der »Progressiven Phantastik« der Aufgabe gestellt, die traditionellen Hierarchien und Ausgrenzungsmechanismen sichtbar zu machen und als überwindbar zu gestalten. Unter Rückgriff auf die Klassiker des Genres wie Ursula K. Le Guin, Joanna Russ, Samuel R. Delany und in Anlehnung an zeitgenössische Autor:innen der angloamerikanischen SF wie N. K. Jemisin oder Ann Leckie wird hier die Agenda formuliert, die traditionellen Erzählmuster der Phantastik inhaltlich und formal mit Konzepten der Diversität und sozialen Gerechtigkeit zu versöhnen.13 Phantastische Literatur ist in dieser Perspektive ein Tool, um unseren Möglichkeitsraum multiperspektivisch, polyvokal und queer neu zu vermessen und zu vergrößern (→ Queer).14

Das klingt nun furchtbar ernst und verantwortungsbezogen. Dabei geht es in erster Linie um Spaß an der Lektüre. Wie anderen Fantasyautor:innen geht es auch den Progressiven um phantastische Abenteuergeschichten. In Vier Farben der Magie (dt. 2017ff.) erzählt Victoria Schwab etwa von der Diebin Delilah Bard, die durch ein Portal in London in eine Welt kommt, in der Magie etwas ganz Selbstverständliches ist. Lila ist tough, sexy, cool und kann in gewisser Hinsicht als Ausprägung einer »Mary Sue« gelten, als idealisierte und fast perfekte Kunstfigur, die eine Wunschvorstellung der Autorin ist. Nachdem Lila Bard einige Abenteuer besteht, gelingt es ihr, sich einen Traum zu erfüllen: Sie wird die Kapitänin ihres eigenen Schiffs und bereist als abenteuerlustige Piratin ähnlich gefährliche Meere wie Conan der Barbar. 

Kommen wir ein letztes Mal zurück zu Die Verurteilten: Am Ende des Films steht der übertölpelte und sadistische Gefängnisdirekter in der leeren Zelle von Andy Dufresne und erleidet einen Wutanfall. »Lord, it’s a miracle!«, schreit er. »A man vanished like a fart in the wind. Nothing left but some damn rocks on a window sill!« Und dann nimmt er einen der Steine und wirft ihn auf das Poster mit Raquel Welch. Das Poster geht kaputt, und so wird der Fluchtweg offenbart, der Tunnel, durch den Andy Dufresne in die Freiheit entkommen ist. 

Wir können daraus vielleicht etwas lernen. Wenn wir in der Gefängniszelle eines Mitinsassen oder einer Mitinsassin stehen – und, let’s face it, wir sind alle dazu verurteilt, mit einer Realität klarzukommen, die uns einschränkt und uns nicht immer gefällt – und das Poster einer Piratin sehen, eines Schwert schwingenden Barbaren oder einer halbnackten Fellnomadin, sollten wir keinen Stein darauf werfen. Schließlich können wir nie wissen, ob sich dahinter ein Fluchttunnel verbirgt, durch den irgendjemand eines Tages in die Freiheit entkommt.

 

8. Auf Deutsch: V.E. Schwab: Vier Farben der Magie / Die Verzauberung der Schatten / Die Beschwörung des Lichts, Frankfurt a. M. 2017, 2018.

9. V.E. Schwab: In Search of Doors, https://reactormag.com/in-search-of-doors-read-v-e-schwabs-2018-j-r-r-tolkien-lecture-on-fantasy-literature/

10.  Albrecht Koschorke: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie, Frankfurt a.M. 2021, S. 25

11.  Ebd.

12. Vgl. https://www.theguardian.com/books/2017/aug/16/authors-fury-russian-censorship-gay-scene-schwab-shades-magic

13. Vgl. Judith C. Vogt und James Sullivan: Lasst uns Progressive Phantastik schreiben, https://www.tor-online.de/magazin/fantasy/lasst-uns-progressive-phantastik-schreiben Eine Literaturliste mit progressiver deutschsprachiger Phantastik findet sich etwa hier: https://lfbrecht.de/literaturliste/progressive-phantastik/ Oder hier: https://www.tor-online.de/magazin/mehr-phantastik/phantastik-ist-fuer-alle-da-progressiv-phantastische-lesetipps

14.  Vgl. Aiki Mira: Unsere Zukünfte anders schreiben, https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/unsere-zukuenfte-anders-schreiben

 

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in: Neue Rundschau 2026/2 - Gegenwartsliteratur 2000 – 2025

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Andy Hahnemann


Andy Hahnemann, geboren 1975, ist Lektor für Science-Fiction und Fantasy im S. Fischer Verlag.

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