Rückblick durch Goggles: Steampunk - was war und was bleibt?
Swantje Niemann, 11.06.2026
Was ist eigentlich aus dem Steampunk geworden? Swantje Niemann zeichnet für uns die Geschichte des Subgenres mit all seinen Abzweigungen nach und bringt uns auf den aktuellen Stand, wo es in der Phantastik noch überall dampft.
Vor mehr als acht Jahren hatte ich die vielleicht fragwürdige Idee, meine Bachelorarbeit über ein Genre zu schreiben, das in Deutschland eine Nische innerhalb der Phantastik-Nische war: Steampunk. Judith Vogt hat es auf dieser Website in „Steampunk - was du über das Genre wissen musst“ treffend als Phantastik charakterisiert, in der sich die Geschichte des 19. Jahrhundert mit Fantasy- und/oder Science-Fiction-Elementen vermengt, letztere oft in Form anachronistischer (Dampf)Technologien. Eine wichtige Inspiration sind H.G. Wells, Jules Verne und Mary Shelley. Ich würde als steampunktypisch auch noch Figuren und Archetypen der sonstigen Literatur des späten 19. Jahrhunderts ergänzen, die mit Geschichte und fantastischen Elementen geremixt werden. Und nicht zuletzt hat Steampunk einen unverkennbaren Look: Die Farbpalette von Sepia, Braun und blitzendem Messing, die Zeppeline, Goggles und Zahnräder. Es handelt sich nicht nur um ein literarisches Genre, sondern um eine Subkultur, die auch - vielleicht sogar vor allem - Technik, Mode und Musik umfasst.
In Deutschland war Steampunk-Literatur ein winziges Subgenre, getragen vom Enthusiasmus von Selfpublishern und Kleinverlagen. Im englischsprachigen Raum war es zwar ein Trend, aber nie die Sorte Megatrend, an der kein Phantastik-Fan vorbeikommt. Und zu dem Zeitpunkt, als ich zu schreiben begann, war der Zenit der Veröffentlichungen und Aufmerksamkeit für Steampunk schon überschritten. Ich rechnete also damit, eine Handvoll Blogs und entfernt verwandte akademische Literatur zitieren und das Beste hoffen zu müssen. Meine Sorge wurde jedoch schnell entkräftet: Menschen hatten offensichtlich ein Bedürfnis, über Steampunk zu reden. Das manifestierte sich in populären Sachbüchern, in Manifesten aus der Szene und mehr akademischer Literatur, als ich zu finden gehofft hatte.
Jetzt, einige Jahre nachdem das Genre wieder aus dem Rampenlicht verschwunden ist, lohnt sich ein kleiner Rückblick auf seine Geschichte und wieso es so vielen Menschen ein Bedürfnis war, über Steampunk als Phantastik-Subgenre oder medienübergreifendes Phänomen zu reden. Meine These: Die Beliebtheit des Genres und der Fakt, dass es so viele Gespräche und Reflektionen angestoßen hat, gehen auf seine Beziehung zu zwei großen Themenkomplexen zurück: Technologie und Geschichte.
Die Anfänge
Zunächst ein Mini-Exkurs über die Geschichte des Genres: Der Mann, der den Namen „Steampunk“ prägte, rechnete wahrscheinlich nicht mit den “Was ist ‘echter’ Steampunk und wie viel Punk gehört dazu?”-Debatten der Zukunft. K.W. Jeter schlug in einem mittlerweile berühmten Brief an die Zeitschrift Locus vor, Autor*innen von „victorian fantasies“ - spezifisch ihn und die beiden anderen Autoren James Blaylock und Tim Powers - als „steampunks“ zu bezeichnen - analog zu „Cyberpunk“, was der vorherige große Science-Fiction-Trend war. Später bestätigte Jeter, dass er sich mit der „-punk“-Endung vor allem über die Tendenz seiner Zeit lustig machen wollte, Romane mit einer Gemeinsamkeit zusammenzufassen und zu einem „-punk“ zu erklären (vgl. Perschon in Like Clockwork).
Die drei Autoren mit ihren Romanen Die Nacht der Morlocks, The Adventures of Langdon St. Ives und Die Tore zu Anubis Reich, aber auch Michael Moorcocks bereits 1970 veröffentlichtes Der Herr der Lüfte gelten als die ersten Steampunk-Romane. Es sind Bücher, die ihre Inspiration aus dem viktorianischen England ziehen und sie mit Zeitreisen, Anachronismen, alternativer Geschichte und manchmal Magie kombinieren. Die Verbindung mit Cyberpunk gibt es nicht nur im Namen des Genres: 1990 schreiben Bruce Sterling und William Gibson, der Autor von Neuromancer, Die Differenzmaschine, einen Roman über ein alternatives England, in dem Charles Babbage einen leistungsfähigen, dampfbetriebenen Computer konstruiert hat.
In den folgenden Jahren erschienen so einige, teilweise sehr unterschiedliche Steampunk-Romane. Z.B. Scott Westerfelds Leviathan, ein Jugendbuch, das ein alternatives Europa am Vorabend des 1. Weltkriegs zeichnet – inklusive biologischen und mechanischen Ungetümen, mit denen sich beide Seiten aufrüsten. Oder Gail Carrigers verspielte Parasol Protectorate-Romane in einem alternativen England mit Vampiren und Werwölfen. Oder Philipp Reeves’ Mortal Engines, wo London auf Rädern durch eine postapokalyptische Landschaft rollt. Auch Philipp Pullmans moderner Fantasy-Klassiker Der goldene Kompass und China Miévilles düsterer, vor Ideen übersprudelnder New-Weird-Roman Perdido Street Station werden auch gelegentlich als Steampunk charakterisiert, aber ich habe sie selten primär unter diesem Aspekt diskutiert gesehen.
2010 war Steampunk schließlich im englischsprachigen Raum bekannt genug, dass zumindest einige Autor*innen des Trends überdrüssig wurden - mehr dazu später. 2016 schreiben Rachel A. Bowser und Brian Croxall von „Steampunk’s Rise and Rise“ und kommentierten die rasant gestiegene Bekanntheit und den immensen Wiedererkennungswert des Genres (vgl. Bowser, Croxall in Like Clockwork).
Steampunk ist nicht ausschließlich ein literarisches Phänomen. Es gibt Spiele in Steampunk-Settings und Steampunk war auch auf der Kinoleinwand zu sehen (z.B. in Form der Verfilmung von Mortal Engines in 2018). Vor allem aber ist Steampunk eine Subkultur von Menschen, die Musik machen, Kostüme basteln und allerlei technische Spielereien in der unverwechselbaren verspielten Ästhetik konstruieren. Alex Jahnke und Marcus Rauchfuß sehen darin, dass Künstler*innen Steampunk für sich entdeckten und fantastische Maschinen in die berührbare Wirklichkeit holten, den Schlüssel zum Erfolg des Genres. Sie heben Steampunk-Kunstwerke beim „Burning Man“-Festival 1986 hervor, die dem Genre neues Leben einhauchten, und betonen die Verbindungslinien zur Bastler*innen- und Hacker*innen-Kultur. Case in point: Ihr Buch Steampunk – kurz und geek ist bei O’Reilly erschienen, einem Verlag, den viele mit Büchern über Programmiersprachen mit Tieren auf dem Cover assoziieren dürften.
Und tatsächlich lässt sich Steampunk als Phänomen eigentlich nicht gerecht werden, wenn man nur die Literatur betrachtet. Diese Überzeugung zieht sich auch durch Das große Steampanoptikum von Clara Lina Wirz und Alex Jahnke: Das durchgehend illustrierte Buch beleuchtet das Genre in Literatur, Musik, Mode und Technologie. Es stellt Steampunk-Bands und Schneider*innen vor, enthält Kurzgeschichten, Liedtexte und viele Fotos von liebevoll gestalteten Konstruktionen. Diese Mischung aus Politik, Literatur und DIY-Kultur findet sich z.B. auch im SteamPunk Magazine, das sich noch über Online-Archive finden lässt. Ausgabe 1 beginnt mit der leidenschaftlichen Aufforderung, das „Punk“ „zurück“ in Steampunk zu packen und auch mit dem Wunsch, Steampunk-Kultur ebenso offline zu leben. Es enthält sozialkritische Steampunk-Kurzgeschichten, ein Interview mit Ur-Steampunk-Autor Michael Moorcock, einen nicht ganz sympathiefreien Artikel über versuchte und erfolgreiche Herrschermorde im späten 19. Jahrhundert und jede Menge Anleitungen für spannende Steampunk-Basteleien wie z.B. ein Pyrophone, das seine Töne durch Flammen in Röhren verschiedener Länge erzeugt. Diese Anleitungen haben einen Fokus auf dem Ausprobieren und auf dem Nutzen und Umfunktionieren bereits vorhandener Materialien.
Steampunk ist also eine ganze Subkultur, mit einer Ästhetik, verschiedenen Medien und künstlerischen Praktiken und oft auch dem Anspruch, eine bestimmte politische und technologische Philosophie zu vertreten, wobei die Meinungen, was diese ist, auseinandergehen können. Steampunks tauschten sich über das Ganze in Blogs und Magazinen aus. Ein überraschend nostalgischer Teil meiner Recherche für diesen Artikel war, in Buchblogs und Online-Magazine der 2010er einzutauchen und festzustellen, dass ich diese Form der Internetkultur mit ihren langen Texten und gegenseitigen Verlinkungen vermisse. Ein netter Kontrast z. B. zu Seiten, die einen am ständigen Scrollen durch kurze Inhaltsbrocken halten wollen. (Wenn ich mir in einem Artikel über Steampunk nicht ein bisschen Technik-Nostalgie gönnen kann, wo dann?)
Steampunk in Deutschland
Wenn man sich Listen von Steampunk-Veröffentlichungen in Deutschland anschaut, taucht selten mal der Name eines Großverlags auf, aber viele der Veröffentlichungen stammen, wie schon erwähnt, von Selfpublishern oder Kleinverlagen – nicht alle davon Verlage, die heute noch existieren. Z.B. erschienen die Eis und Dampf-Romane von Judith und Christian Vogt – darunter der Phantastikpreis-Gewinner von 2013, Die zerbrochene Puppe – bei Feder und Schwert. Sehr typisch für das Genre waren auch bei Kleinverlagen erschienene Anthologien, die mal allgemeine Steampunk-Geschichten veröffentlichten, mal Steampunk-Geschichten zu einem bestimmten Thema.
Einige Bücher, wie z.B. das bereits erwähnte „Große Steampanoptikum“widmen sich Steampunk als multimedialer Subkultur. Beim gleichen Verlag erschien neben klassischeren Steampunk-Romanen auch Steampunk Mechanics von Admiral Aaron Ravensdale and Company. Dieser Bildband legt den Fokus ganz auf den Bastel- und Technologie-Aspekt der Subkultur. Ein relativ junges Beispiel für Steampunk-Literatur, das ich absolut empfehlen kann, sind Noah Stoffers’ Berlin-Romane. In Berlin – Rostiges Herz und Berlin – Magische Knochen treffen in der Zukunft Magie und Erfinder*innengeist aufeinander.
Technologie – das Greifen in Begreifen
Einer der Gründe für die Faszination des Genres ist sein Umgang mit Technologie und Wandel von Gesellschaften durch diese. Neue Technologien werden in Steampunk-Literatur oft mit einer gewissen Ambivalenz beschrieben. Aber auch wenn wir in rasanten Transformationen, Ausbeutung und Naturzerstörung historische Realitäten und Sorgen der Gegenwart wiedererkennen, ist da auch etwas Tröstliches. Das liegt nicht nur an der Distanz, die das historische oder historisch anmutende Setting schafft, sondern auch an den Technologien selbst.
Weil meine ersten veröffentlichten Romane High Fantasy und Steampunk kombinierten, habe ich vor einigen Jahren ein Modell einer Dampfmaschine geschenkt bekommen. Tatsächlich war es zu dem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahren kaputt, aber theoretisch lässt sich damit das Prinzip von Dampfkraft einfach zu Hause demonstrieren. Darauf basierende Maschinen sind komplex, aber es bleibt das Gefühl, dass sich ihre Funktion trotzdem gut nachvollziehen lässt. Die Welt des Steampunk ist eine Welt großer, klobiger Maschinen, denen man bei der Arbeit zusehen kann – ein Kontrast zu unseren winzigen Geräten, bei denen sich manchmal nicht einmal der Akku austauschen lässt, zum Knopfdruck auf einer Website, der eine Kette unsichtbarer Arbeit in Gang setzt, zu Daten in der “Cloud”, deren Bezeichnung verschleiert, dass irgendwo doch ein sehr greifbarer Server steht. Mit KI hat die Erfahrung, in eine Blackbox zu rufen und dann ohne sichtbaren Prozess eine Antwort zu erhalten, einen neuen Höhepunkt erreicht – allerdings lange nach der Verfestigung der Genre-Konventionen von Steampunk, ich zögere also, das allzu sehr in diesen Artikel einzubeziehen.
Die exzentrischen Erfinder*innen des Steampunk verstehen, womit sie es zu tun haben. Die Maschinen, die in Steampunk-Literatur die Welt verändern, sind auf eine Weise greif- und lesbar, wie es viele der Technologien, mit denen wir es im Alltag zu tun haben, nicht sind. Wenn etwas unerklärlich ist, dann besteht eine gute Chance, dass es tatsächlich übernatürlicher Natur ist. Neben Goggles und Luftschiffen sind der ikonischste Teil der Steampunk-Ästhetik offenliegende Zahnräder. Idealerweise haben sie tatsächlich eine Funktion und wir können ihnen beim Ineinandergreifen zusehen.
Steampunkliteratur kann Hoffnungen und Ängste in Bezug auf Technologien aufgreifen, auf Autonomiegewinne und -Verluste eingehen, doch dabei bleibt immer noch eine tröstliche Distanz. Magie und alternative wissenschaftliche Entwicklungen bringen einen Sense-of-Wonder ins Spiel und auch durch die Augen von Figuren, die diese zum ersten Mal sehen, können wir über vertraute Maschinen staunen wie über magische Artefakte. Technologie in Steampunkliteratur gibt auch einen spannenden Gegenstand für wissenschaftliche Auseinandersetzungen ab, z.B. Kathryn Crowthers Artikel über Steampunk-Prothesen, Behinderung und die Idee des „normalen“ Körpers im Dialog mit der (Technologie-)Geschichte des 19. Jahrhunderts (auch in Like Clockwork).
Jenseits der Literatur kommt der Bastel-Aspekt von Steampunk ins Spiel. Hier probieren sich Künstler*innen und Maker*innen aus und schaffen liebevolle Unikate - eine bewusste Abwendung von der weiter oben beschriebenen Blackbox-Technologie. Bastler Admiral Aaron Ravensdale schreibt in Steampunk Mechanics, dass er es als seine Aufgabe ansähe, junge Menschen für Technik und Wissenschaft zu begeistern und sie dazu zu animieren, selbst Maker zu werden. Er hebt die Bedeutung von DIY hervor, spricht vom „Greifen“ im „Begreifen“ von Technologie.
Die Praxis, Technologie zu begreifen, selbst zu bauen, zu reparieren und zu rekombinieren und mit allerlei unnötigen Details zu dekorieren, passt gut zu einer Haltung des Protests gegen geplante Obsoleszenz, zu Überdruss an Massenware und Unbehagen damit, bloß Konsument*in von Technologie zu sein, der*die wenige, exakt vorgegebene Dinge mit dieser machen kann.
Geschichte – gute, instabile alte Zeit
Ein weiteres Thema, über das es sich im Zusammenhang mit Steampunk wunderbar reden lässt: alternative und reale Geschichte. Mich verschlug es als Leserin und Autorin aus folgendem Grund in das Genre: Während der klischeehafte High-Fantasy-Roman in einem ewigen Mittelalter vor sich hindämmerte und man in einem stereotypen Urban-Fantasy-Roman einen übernatürlichen Kriminalfall aufklärte und sich verliebte, ohne am Status Quo und der Geheimhaltung des Übernatürlichen zu rütteln, ist das 19. Jahrhundert (oder die ähnlich anmutende Zukunft) des Steampunk in ständiger Bewegung. Figuren staunen über neue Technologien, mal berauscht von ihrem positiven Potenzial, mal besorgt über ihre Auswirkungen. Sie stellen gesellschaftliche Konventionen infrage und versuchen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse in ihr Weltbild zu integrieren. Das ist tatsächlich relativ nah an der historischen Realität und ein unglaublich spannender Hintergrund, vor dem sich Geschichten entfalten können. Auch Alex Jahnke hebt in seinen Sachtexten über Steampunk diese faszinierende Dynamik hervor.
Das 19. Jahrhundert war eine Zeit von Demokratie- und Emanzipationsbewegungen, aber auch von Imperialismus, extremer Ungleichheit und Elend. Es überrascht also nicht, dass Steampunks, für die das viktorianische Zeitalter ein wichtiger Bezugspunkt ist, so einige politische Manifeste produziert haben. Aber lieferte das Genre wirklich, was all die Texte darüber, was Steampunk sein könnte, versprachen? Zumindest zwei Autor*innen waren anderer Meinung. In Here I stand with Steam Coming Out of My Ears äußerte Catherynne M. Valente 2010 ihren Überdruss an dem Genre, das sie als zu konservativ, nostalgisch und bequem beschrieb, um das Suffix “Punk” zu verdienen. Sie kritisierte den Großteil von Steampunk für seine Oberflächlichkeit und seinen Mangel an Diversität, als zunehmend kommerzielle und massenproduzierte Sammlung von Tropes und Ästhetik ohne kohärente oder originelle Ideen dahinter, und dafür, dass viele Leute beschwören, was Steampunk sein/werden könnte, ohne dass sich das tatsächlich manifestierte. Auch Charles Stross verfasste im gleichen Jahr einen Artikel, in dem er neben anderen Kritikpunkten Steampunk-Literatur und Cosplay ebenfalls einen romantisierenden Blick auf das 19. Jahrhundert, ein bewusstes Übersehen von Rassismus und Ausbeutung in der Epoche vorwirft.
Dieser Aspekt von Steampunk wird in einer Szene in Max Gladstones und Amal el-Mohtars Verlorene der Zeiten thematisiert. Der Begriff „Steampunk“ fällt nicht, aber wir erkennen das London eines spezifischen Zeitstrangs, das Protagonistin Blue mit schuldbewusstem Vergnügen besucht, leicht wieder: Es ist eine Stadt, durch einen Sepiafilter gesehen, in der sich jeder Auseinandersetzung mit dem Imperialismus der Epoche leicht aus dem Weg gehen lässt. Im Himmel schweben Luftschiffe, alle haben gute Manieren, und Dreck und Gefahr existieren nur, wo die Geschichte es erfordert. Blue trägt eine aufwändige Frisur, ein schmeichelhaftes Kleid und freut sich auf exzellenten Tee, serviert in chinesischem Porzellan – ein bewusstes Nicken in Richtung des zuvor erwähnten Empire.
In der Steampunk-Bubble und -Literatur fand auch eine bewusste Auseinandersetzung mit den Themen statt. Diana M. Phos Artikel in Like Clockwork beschäftigt sich mit der Aushandlung britischer Identität in Steampunk-Medien, sowie nicht europäischem Steampunk wie z.B. der Steamfunk-Bewegung. Bis 2019 betrieb sie auch den Blog Beyond Victoriana über internationalen Steampunk und Fragen der Repräsentation nicht-europäischer Kulturen in der Subkultur. Auch in der Steampunk-Literatur finden sich Geschichten, die über Europa hinausblicken und/oder Gruppen und Personen hervorheben, die in populären Geschichtsbildern nicht oder eher als passive Opfer auftauchten.So verbanden in den späten 2010ern N.K. Jemisin mit der Kurzgeschichte The Effluent Engine und P. Djèli Clark mit The Black God’s Drums die haitianische Revolution mit anachronistischen Technologien und erinnern mit diesen Geschichten an eine erfolgreiche Auflehnung gegen Sklaverei.
Jeannie Lins Gunpowder Alchemy erzählt Steampunk im China zur Zeit der Opiumkriege und lässt seine alternativen Technologien halb klassisch steam- (bzw. gundpowder-)punkig sein, halb auf chinesischer Wissenschaft und Medizin basieren. Das Thema der kreativen Aneignung von Steampunk-Technologien und ihrer Verschmelzung mit verschiedenen Traditionen zieht sich noch durch viele andere Literatur, z.B. taucht es auch in Sabrina Zeleznys Kurzgeschichte Das Türkis des vergessenen Sommers (erschienen in Die dunkelbunten Farben des Steampunk) auf. Auch andere Aspekte von Diversität werden in Steampunkliteratur aufgegriffen. Amalia Zeichnerins Steampunk-Krimis spielen ganz klassisch im viktorianischen England, aber heben queeres Leben dort hervor. Noah Stoffers schon erwähnte Berlin –Romane bieten ebenfalls viel selbstverständliche Vielfalt im Figurenensemble.
Ein weiterer Aspekt ist das Spiel mit alternativer Geschichte, um Fragen nach historischer Agency und unserem Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse aufzuwerfen. Das ist zum Beispiel ein Thema in den Eis und Dampf-Romanen, aber auch in Fabian Dombrowskis Kurzgeschichte Der Automat, erschienen in der Anthologie Steampunk 1851.
Dieser Artikel ist bereits viel zu lang, aber ich denke, das bestätigt nur meinen Punkt: Steampunk ist ein vergleichsweise auffälliges, aber kleines Genre – doch weil es eben die beiden großen Themenkomplexe Technologie und die Aushandlung von Geschichtsbildern berührt, ist es leicht, Stoff für Analysen und Diskussionen zu finden. Aber wird das Genre diesen auch weiterhin liefern, nachdem es in den letzten Jahren eher stiller darum geworden zu sein scheint?
Steampunk heute (und morgen?)
Steampunk wird laut Search Console heute noch ähnlich oft gegoogelt wie zu den Hochzeiten des Genres auf dem Buchmarkt - der Begriff hat also seinen Weg ins Vokabular vieler Menschen gefunden und dürfte so schnell auch nicht mehr weggehen. Während ich für diesen Artikel recherchierte, bin ich auch über Werbung für das Steampunk-Festival Aethercircus im kommenden Jahr gestolpert - Steampunk als Subkultur existiert auf jeden Fall weiter.
Im literarischen Bereich, wo der Begriff immerhin geprägt wurde, sieht es etwas anders aus. Ich habe wenig vordergründig als Steampunk vermarktete Fantasy- und Science-Fiction-Neuerscheinungen gesehen. Gleichzeitig sind die Themen, Archetypen und Ästhetik des Genres im breiteren Fantasy-Genre aufgegangen. Eines der reichweitenstärksten jüngeren Beispiele dürften die beiden Staffeln von Arcane sein, einer eindrucksvoll und ungewöhnlich animierten Serie, die von dem Spiel League of Legends inspiriert wurde. Sie führt uns in die unbehaglich über- bzw. untereinander existierenden Städte Piltover und Zaun, wo Magie und Fantasy-Völker auf sich rasant entwickelnde magische Technologie („Hextech“) treffen und drastische soziale Ungleichheit herrscht. Es ist eine Serie, die sich der visuellen und thematischen Palette von Steampunk bedient.
Auf dem Buchmarkt griffen kürzlich August Clarkes Metal from Heaven und M.L. Wangs Blood over Bright Haven Steampunk-Motive, die Idee einer fantastischen Industrialisierung, ihrer Gewinner*innen und Opfer auf. Ein paar Echos von horror-nahem Steampunk habe ich kürzlich in Richard Swans Flintlock-Fantasy-Roman Grave Empire gesehen, wo gerade in einem Erzählstrang Wissenschaft und Mystizismus bei der Begegnung mit dem Jenseits verschwimmen.
Steampunk war schon immer anschlussfähig für verschiedenste Stimmungen und Subgenres der Fantastik, für abgedrehte alternative Geschichte, Horror, verspielte Pastiches oder für Paranormal Romance in alternativ-viktorianischen Settings. Es ist also nicht überraschend, dass Elemente und visuelle Marker des Genres immer wieder auftauchen, auch wenn explizite Steampunkromane und -anthologien selten geworden sind.
Ich prophezeie keine Rückkehr von „reinem“ Steampunk als Literatur-Trend – ich würde vorsichtig sagen, dass Steampunk, der sich primär auf anderen Steampunk bezieht, auserzählt ist –, aber ich denke, dass die Themen, Inspirationsquellen und visuelle Versatzstücke des Genres uns noch eine Weile begleiten werden. Alternative Technologien und alternative Geschichte sind eine spannende Spielwiese für Autor*innen und ein nützliches Werkzeug, um die Realität zu erkunden. Die gerne im Steampunk aufgegriffene Geschichte des 19. Jahrhunderts hat auf jeden Fall noch viel Potenzial, um Literatur zu inspirieren und tut dies auch. Eines der bekannteren jüngeren Beispiele ist Babel von R.F. Kuang: historische Fantasy mit magischer Technologie, welche die Mittäterschaft von Universitäten im britischen Kolonialismus thematisiert.
Ich kann mir aber durchaus ein intensives Aufleben von Steampunk als Subkultur vorstellen. Wie schon früher in diesem Artikel erwähnt: Steampunk als Teil der Bastel- und Hacking-Kultur war auch eine Reaktion gegen austauschbare Wegwerfware und Blackbox-Technologie. In Zeiten von KI und allgemeinem Überdruss an Doomscrolling kann ich mir eine Hinwendung zum Analogen und Selbstgemachten, zu verständlicher, beherrsch- und reparierbarer Technik gut vorstellen. Steampunk mit seiner verspielten Ästhetik passt gut dazu und ist außerdem noch fotogen. Ich prophezeie es nicht, aber wäre auch nicht übermäßig überrascht, wenn irgendjemand zum richtigen Zeitpunkt das richtige virale Tiktok macht und Steampunk einen größeren Bekanntheitsgrad verschafft.
Swantje Niemann
Swantje Niemann wurde 1996 in Berlin geboren. Als Leserin, aber auch als Autorin ist sie am liebsten in den verschiedenen Subgenres der Phantastik unterwegs und teilt auch gerne in Blogposts und Rezensionen ihre Eindrücke von Büchern. Sie schreibt unter anderem für das Fanzine „Phantast“. 2021 erschien ihr vierter Roman, „Das Buch der Augen“. Mehr Informationen findet ihr unter https://www.swantjeniemann.de