Fantasy

Enemies to Lovers: Wenn aus Hass Liebe wird

Enemies to Lovers: Wenn aus Hass Liebe wird
© Kilian Wycisk

Judith Madera, 21.05.2026

Wenn Feinde ihre Differenzen überwinden und ihre Gefühle füreinander entdecken, fliegen die Seiten nur so dahin. Viele Leser*innen lieben die widerstreitenden Emotionen und die explosive Spannung, die Enemies to Lovers bietet und so auch in der Phantastik zu einem der beliebtesten Tropes macht.

Enemies to Lovers begeistert nicht nur in der Romantasy mit heftigen Emotionen und sehnsüchtig erwarteten Wendungen. Hier werden Konflikte ausgetragen, Vorurteile überwunden und Taten der Vergangenheit verstanden und vergeben. Hinter manch kalter und harter Fassade verbirgt sich ein verletztes Herz und es ist unglaublich spannend, zu sehen, wie sich Bilder von Figuren wandeln. In der Dark Romantasy liegt zudem eine erotische Spannung in der Feindschaft, die sich in Gewalt und Sex entlädt. Enemies to Lovers ist ein äußerst vielseitiger Trope, der insbesondere in der Phantastik hohes Konfliktpotential bietet. Hier stehen die Protagonist*innen oftmals auf verschiedenen Seiten eines epischen Krieges oder sind als magische Kreaturen quasi von Natur aus Feinde wie Vampire und Hexen oder Engel und Dämonen. Für zeitgenössische Romance ist „Feind“ hingegen oft ein zu starker Begriff, meist handelt sich hier eher um Rivals to Lovers wie im Bestseller Heated Rivalry (2019) von Rachel Reid. 

Enemies to Lovers funktioniert so gut, dass der Begriff inzwischen inflationär gebraucht und als Tag zu gefühlt jeder Neuerscheinung genutzt wird, in der sich zwei Figuren nicht leiden können. Viele Geschichten basieren dabei weniger auf wirklichen Feindschaften, sondern mehr auf Missverständnissen, die schnell aus der Welt geräumt sind, oder schlichter Antipathie, die schnell überwunden wird. Nicht überall, wo Enemies to  Lovers draufsteht, sind echte Feinde drin. In diesem Artikel wollen wir uns auf richtige Feindschaften konzentrieren und schauen uns an, wie Enemies to Lovers in der Phantastik umgesetzt wird:  

Verbotene Liebe

Als einer der ältesten Enemies-to-Lovers-Geschichten gilt Shakespeares Romeo und Julia (1597), wobei hier die Protagonist*innen keine Feinde sind, sondern ihre Familien, die sich bis aufs Blut hassen und so das junge Paar ins Unglück stürzen. Es handelt sich eher um eine verbotene Liebe, also Forbidden Love, welche bereits in der Antike in der Sage von Pyramus und Thisbe thematisiert wurde. Auch hier sind die Familien verfeindet und die Protagonist*innen führen eine heimliche Beziehung, bei der sie lediglich durch einen Spalt in der Wand miteinander kommunizieren können. Als das Paar sich treffen und gemeinsam die Flucht ergreifen will, kommt es zur Tragödie, als Thisbe von einer Löwin angegriffen wird und Pyramus glaubt, sie sei getötet worden.

Olivia Blakes Für immer dein Feind (2024) ist ein Retelling von Romeo und Julia und verbindet ebenso Forbidden Love mit Enemies to Lovers. Der Roman handelt von der unmöglichen Liebe zwischen Lev und Sasha, deren Hexenfamilien miteinander verfeindet sind. Für die beiden ist es Liebe auf den ersten Blick, doch diese Liebe könnte ganz New York in den Schauplatz eines blutigen Hexenkampfes verwandeln. Die Romantasy bietet reichlich Konfliktpotential, während in Rückblenden erzählt wird, wie die Feindschaft der Familien entstand. Diese handeln mit magischen Drogen und Gefallen und so erinnern die Hexenclans an Mafiaclans.

Vorurteile überwinden

Viele Leser*innen schätzen an Enemies to Lovers, dass die Protagonist*innen ihre Vorurteile Stück für Stück überwinden und so aus erlerntem Hass langsam Respekt erwächst und schließlich Liebe wird. Meist kennen sich die Protagonist*innen anfangs nicht und wissen über den anderen nur, was ihnen erzählt wurde. Im Verlauf der Handlung sind sie dann dazu gezwungen, zusammenzuarbeiten, um beispielsweise einen Dämon zu besiegen, müssen dabei Zeit miteinander zu verbringen und sich kennenlernen. Und so erkennen sie Stück für Stück, dass nicht alles, was sie über ihren vermeintlichen Feind zu wissen glauben, der Wahrheit entspricht.

In The Icebound Kingdom (2025) von Juno Reeves wird ein Dorf von einem Elementargeist des Eises, der Dunkler Fürst genannt wird, in einem ewigen Winter gehalten. Das Leben ist hart und die Dorfbewohner*innen hassen ihren Herrscher, so auch Izra. Sie ist eine Außenseiterin und als der Bruder des Dunklen Fürsten vorschlägt, eine Frau solle dessen Herz erwärmen, um so dem Dorf Wärme zu bringen, meldet sich Izra überstürzt freiwillig. In seinem Schloss aus Eis sieht sie zunächst all ihre Vorurteile übertroffen und bereut ihre Entscheidung – ein solcher Tyrann kann kein Herz haben! Doch Izra gelingt es bald, hinter die eiskalte Fassade des Dunklen Fürsten zu blicken.

Ständiger Regen, verfeindete Imperien, verfluchte Untote – Annette Juretzkis Regentänzer (2019) ist ein düsterer, eisenzeitlicher Fantasyroman mit zwei sehr unterschiedlichen Protagonisten. Soldat Riagh ist desertiert, um seine Schwester zu suchen, und trifft auf seiner Flucht auf den Feuermagier Nuzar, der von Fischern misshandelt wird. Nuzar ist ein Ash’Bahar und damit ein Feind des Imperiums, der jeden Schmerz verdient, doch Riagh kann nicht zusehen, wie ein wehrloser Mann geschlagen wird. Er hilft Nuzar und gewinnt mit ihm einen Verbündeten, der angeblich weiß, wie der Fluch, unter dem beide Reiche leiden, zu brechen ist. Die beiden reisen fortan gemeinsam, doch Riagh braucht lange, um seine Vorurteile zu überwinden, Vertrauen zu fassen und Nuzar nicht mehr als Monster zu betrachten. Durch gemeinsame Kämpfe, gemeinsame Erlebnisse und viele Gespräche wird aus ihrem Zweckbündnis schließlich Freundschaft – und mehr.

Auch in Klinge & Blutmagie (2023) von Kaja Evert geht es um einen Krieger und einen Magier, die einander näherkommen. Doch erst gilt es, ihre Vorurteile, die durch eigene, traumatische Erlebnisse bestätigt wurden, zu überwinden. Für Inquisitor Kjeld sind alle Schwarzmagier verdammte Seelen und gefährlich, während für Schwarzmagier Nino die Inquisition das wahre Übel ist, das Menschen wie ihn verfolgt und niedermetzelt. Beide sind auf der Jagd nach einem extrem gefährlichen Dämon und nur wenn sie ihre Fähigkeiten vereinen, haben sie eine Chance. Kjeld und Nino fällt es lange schwer, im jeweils anderen mehr zu sehen als ihren Feind, immer wieder führen ihre Vorurteile zu Missverständnissen. Doch mit jedem gemeinsam bestrittenen Kampf wächst der Respekt füreinander. Daraus wird aufrichtiges Interesse und Begehren – und fragiles Vertrauen.

Dark Romantasy

Erst wollen sie einander töten, dann fallen sie übereinander her. Enemies to Lovers in der Dark Romantasy ist oft extrem, die Protagonist*innen hassen einander und lieben sich später umso leidenschaftlicher. Nicht selten versuchen sie, den anderen zu töten, doch in der Gewalt liegt auch Anziehung und aus Hass wird Begehren und Liebe. Dabei knallt es heftig.

In Marie Grasshoffs I am the Blade (2026), dem ersten Band der Dilogie House of Blades, tötet die Assassine Seren den Rebellen Vale und verwandelt seine Seele in eine mächtige Waffe. Doch diese Waffe lässt sich kaum bändigen. Vale existiert nun in einer Art Zwischendimension und bekommt alles von Seren mit. Er versucht, ihr das Leben zur Hölle zu machen und mehrmals sie zu töten. Die beiden könnten sich gegenseitig vernichten – oder gemeinsam überleben in einer Welt aus Verrat und Intrigen.

The Book of Azrael (2025) von Amber V. Nicole lässt zwei Erzfeinde aufeinander los: Dianna befehligt eine Armee aus Monstern und hält sich selbst für eins, immerhin agiert sie skrupellos und brutal. Bei einem Auftrag wird sie zur Gefangenen ihres Erzfeindes, dem Gott Samkiel, den sie aus tiefstem Herzen verabscheut – was auf Gegenseitigkeit beruht. Samkiel ist verschlossen, hart und trägt eine schwere Last. Durch besondere Umstände werden die beiden zu Verbündeten und es entwickeln sich ganz langsam Verständnis und Zuneigung, wobei es Dianna ist, die den dunklen Gott aus der Reserve lockt.

In The Deathless One (2025) von Emma Hamm wird Jessamines Königreich von einer mysteriösen Seuche heimgesucht. Die Prinzessin geht eine Vernunftehe mit dem Prinzen des Nachbarreichs ein, der sie vor dem Altar kaltblütig ermordet und so ihr Reich an sich reißt. Nein, dieser Prinz ist nicht ihr Love-Interest, er ist ein Verräter und Jessamine, deren Seele in einem Zwischenreich landet, schwört Rache. Sie trifft auf den Todlosen, einen ermordeten Gott, der in ihre Welt zurückkehren will und ihre magischen Fähigkeiten dazu braucht. Auch der Todlose sinnt auf Rache, was aus ihm und Jessamine Schicksalsgefährten macht. Dabei sind sie eigentlich Feinde, immerhin ist sie eine Hexe und Hexen für den Mord an den Göttern verantwortlich.

Friends to Enemies to Lovers

Eine besondere Variante von Enemies to Lovers vereint die Tropes  Friends to Enemies und Friends to Lovers. Hier entsteht aus einer Freundschaft, die oft in der Kindheit wurzelt, eine erbitterte Feindschaft, die im Verlauf der Handlung überwunden wird und in eine romantische Beziehung übergeht. Einzelbände bieten für eine glaubhafte Entwicklung meist zu wenig Raum, wobei es Tamsyn Muir in Ich bin Gideon (2020) durchaus gelingt: Schwertkämpferin Gideon hasst Nekromantin Harrow aus tiefstem Herzen und will ihren verdammten Planeten schnellstmöglich verlassen. Doch dann wird sie gezwungen, mit Harrow zusammenzuarbeiten und extrem gefährliche, morbide Prüfungen mit ihr zu bestehen. Während sie die dunklen Geheimnisse eines gruseligen Palastes ergründen, erfährt man, dass die beiden früher einmal Freunde waren – und bald sind sie mehr als das, wobei sich die Leserschaft nicht einig darüber ist, ob es tatsächlich Liebe ist. Ich bin Gideon ist keine Romantasy, sondern sehr düstere Space Fantasy, und hat mit Ich bin Harrow einen noch düstereren Folgeroman.

Auch Synaptic Shadows (2025) von Vinachia Burke und Juliet May verbindet Fantasy mit Science Fiction:  Im zukünftigen Seoul gibt es sogenannte Begabte, die telepathisch mit Nanobots kommunizieren können und so den Fortschritt vorantreiben. Alexym und Jin sind solche Begabte und entstammen verschiedenen Gesellschaftsschichten. Sie könnten kaum gegensätzlicher sein, freunden sich jedoch in der Highschool miteinander an, ehe ihre moralischen Glaubenssätze einen tiefen Graben zwischen ihnen aufreißen und sie auf verschiedene Seiten eines gesellschaftlichen Konflikts treiben.

Enemies to Lovers als romantische Fernbeziehung

Zuletzt möchte ich gerne zwei meiner persönlichen Highlights mit Enemies to Lovers empfehlen, die zeigen, wie kreativ, vielseitig und poetisch der Trope umgesetzt werden kann. In beiden Romanen führen die (vermeintlichen) Feinde eine Art Fernbeziehung und nähern sich dabei an:

Eine der schönsten und zugleich ungewöhnlichsten SF-Geschichten mit Enemies to Lovers ist Verlorene der Zeiten (2022, original: This Is How You Lose the Time War (2019)) von Amal El-Mohtar und Max Gladstone: Rot und Blau sind Agentinnen, die Zeitlinien manipulieren, um die Zukunft zu ihren Gunsten umzuschreiben. Sie sind Gegnerinnen und führen einen ewigen Krieg gegeneinander. Siege und Niederlagen halten sich die Waage, doch eines Tages hinterlässt Blau Rot einen Brief, eine Herausforderung. Fortan hinterlassen sie einander überall Briefe, auf Raumschiffen, im alten Rom, im sagenumwobenen Atlantis und auf gänzlich unbekannten Welten. Sie leben unterschiedlichste Leben, pflegen unterschiedlichste Freund- und Liebschaften – und warten doch immer wieder auf einen Brief, ein Zeichen der anderen. Sie lernen einander kennen, überwinden den erlernten Hass aufeinander und aus wachsendem Respekt wird schließlich mehr und sie führen inmitten der Sinnlosigkeit des Krieges eine zutiefst romantische Fernbeziehung.

Eine ebenfalls ungewöhnliche, liebevolle und weniger düstere Umsetzung von Enemies to Lovers bietet Der Nachtzirkus (2012) von Erin Morgenstern. Hier geraten zwei Zauberer/Magier in Streit und lassen ihre Schüler*innen gegeneinander antreten. Schauplatz ihres Wettstreits ist ein Zirkus, dessen Attraktionen sie gestalten und sich in ihrer Kreativität immer wieder überbieten. Sie erschaffen Wundersames wie einen Eisgarten und ein Wolkenlabyrinth oder weißes Feuer, das niemals erlischt. Während zwischen dem Zauberer und dem Magier ein Machtkampf tobt, nutzen Schülerin und Schüler ihre Magie immer öfter, um dem anderen eine Freude zu machen. Auch hier entwickelt sich eine Art Fernbeziehung, die eine alte Feindschaft überwindet und dabei einen magischen Zirkus gestaltet, der vielen Menschen, inklusive der Leserschaft, in Staunen versetzt.

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Judith Madera

Judith Madera ist Literatopia-Chefredakteurin und Herausgeberin des Online-Fanzines PHANTAST. Seit 2019 schreibt sie gelegentlich für TOR online über Science Fiction, Anime und Manga. Mehr unter https://www.literatopia.de

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