Carefree Future – eine Zukunft ohne Carearbeit?
Jol Rosenberg, 15.05.2026
Wird es in der Zukunft keine Krankheiten und Beeinträchtigungen mehr geben? Und was, wenn doch? Jol Rosenberg hat sich angeschaut, wie das Thema Pflege in der Science Fiction behandelt wird.
Wie werden pflegebedürftige Menschen versorgt? Und wer pflegt wen unter welchen Umständen? Mit diesen Fragen war ich im Privatleben konfrontiert. Kein Wunder, dass ich ihnen auch beim Lesen nachging. Das Ergebnis meiner nicht repräsentativen Auswahl ist ernüchternd: Bis auf wenige Ausnahmen kommen Pflegende in Texten über unsere Zukunft nicht vor. Pflegebedürftige dagegen – Kinder, Kranke, alte Menschen, Menschen mit Behinderung –, sind gelegentlich sichtbar. Allerdings sind sie entweder reines Ambiente, dazu verdammt, im Hintergrund passiv zu existieren, oder sie werden von Maschinen versorgt. In beiden Fällen sind sie überproportional häufig marginalisiert und verarmt, ohne dass dies in den Texten problematisiert wird.
In der Kurzgeschichte „In der Trockenzeit“ (in Klimazukünfte 2050) lässt Marcus Hammerschmitt seinen Protagonisten die eigene Mutter in den Trockenschlaf legen. Umsorgt wird sie nicht, sie ist eine Art Mumie, die aufgrund technischer Mängel (oder Sabotage) stirbt und aus der Not heraus trockenschlafen muss. Ein ähnliches Szenario prägt Kia Kahawas Roman „Endstation. Die Passepartout-Files“: Hier wird das Koma nicht künstlich induziert, sondern es entsteht aus zunächst ungeklärten Gründen. Die in Kahawas Welt zahlreichen komatösen Menschen werden von Maschinen versorgt, und, wenn niemand dafür bezahlen kann, „abgeschaltet“ – ein Euphemismus für „ermordet“.
In „Die Anspruchsvollen“ (In andere Welten) von Moritz Boltz lebt ein narzisstisch persönlichkeitsgestörter Vater in einer Simulation, die ihn über die eigene Pflegebedürftigkeit hinwegtäuscht. Hier gibt es betreuende Menschen und die Tochter des Vaters hat die Macht, über sein Schicksal zu entscheiden, was aber auch bedeutet, dass sie mit der Entscheidung weitgehend alleingelassen wird.
Yvonne Tunnat lässt in „Der Spielplatz“ (Jenseits der Traumgrenze) eine Mutter an ihrer Überforderung als Alleinerziehende zugrunde gehen, in Uwe Hermanns „Die End-of-Life-Schaltung“ (Exodus 46) helfen ein vereinsamter Rentner und ein alter Roboter einander, während der Sohn nicht persönlich verfügbar ist. Die Kurzgeschichte „Wagners Stimme“ von Carsten Schmitt (Wie künstlich ist Intelligenz?) erzählt von einem dementen Protagonisten, der zunächst allein lebt, während eine KI in seinem Kopf versucht, ihm ein gutes Leben zu ermöglichen, und daran scheitert. Auch in Janika Rehaks „Onkel Nate oder die hohe Kunst, aus dem Fenster zu schauen“ (Am Anfang war das Bild) lebt eine Person mit einem dement werdenden Onkel und leidet unter Einsamkeit und Überforderung.
All diese Texte haben eins gemeinsam: Die Pflege ist entweder weitgehend automatisiert, oder die Pflegenden sind allein(gelassen) und überfordert. Manche Texte, wie auch mein „Familienhilfe“ (In andere Welten), in der eine Cyborgfigur mit der titelgebenden Hilfe für eine Familie mit pflegebedürftigen Kindern überfordert ist, kombinieren beide Faktoren. Diese Zukunftsszenarien sagen viel darüber aus, wie wir Pflege im Heute politisch und sozial verhandeln: Suboptimale Zustände in Pflegeheimen sind zwar gelegentlich Thema in den Nachrichten, ebenso wie steigende Beiträge zur Pflegekasse, allgemein scheinen wir uns aber damit zufrieden zu geben, darauf zu hoffen, dass wir sterben, ohne extensive Pflege zu brauchen. Dass hier keine Flut warnender SF-Texte existiert, ist angesichts der bestehenden Zustände auffällig. Es scheint, als sei unser Umgang mit Pflegebedürftigkeit eine kollektive Abwehr unserer Angst vor der eigenen Vergänglichkeit und der tiefen Furcht vor Angewiesensein, Schmerz und Abhängigkeit. Gleichzeitig bleiben die Personen, die Menschen pflegen, und die Menschen, die Pflege benötigen, mit dieser Angelegenheit weitgehend allein und großenteils für die Öffentlichkeit unsichtbar.
Ein schwelendes Problem
Dass es hier ein Problem geben könnte, wurde mir erstmals vor rund 25 Jahren bewusst, als ich in einer rheumatologischen Reha-Einrichtung arbeitete und mir auffiel, dass viele der an entzündlichem Rheuma erkrankten Frauen eine Auslösesituation teilten: Sie pflegten jahrelang mindestens ein Eltern- oder Schwiegerelternteil zu Hause. Meine Literaturrecherchen zum Thema bestärkten damals meine Beobachtung: Der Zusammenhang zwischen dem Ausbruch von Autoimmunerkrankungen wie entzündlichem Rheuma und häuslichen Pflegesituationen tauchte in der einschlägigen Literatur immer wieder auf. Es sind vorwiegend Frauen, die ihre Erwerbsarbeit einschränken, um zu pflegen, und die zuständig sind, wenn jemand in ihrem Umfeld allein nicht mehr zurechtkommt. Dabei geht es um einen weiten Bereich von Hilfsbedürftigkeit: An einem Ende die bettlägerigen Personen, die beim Essen, Trinken und der Körperhygiene der Hilfe bedürfen, am anderen Ende (noch) mobile Personen, die bei einzelnen Tätigkeiten Unterstützung brauchen und vielleicht nur den Getränkekasten nicht mehr die Treppe hinauftragen können. Und dazwischen all die dementen, gebrechlichen oder anderweitig be_hinderten Personen1 jeden Alters, die vereinsamt und allein wohnen und bei denen eine Mutter, Tochter oder Schwiegertochter sich beim Versuch aufreibt, dem irgendwie gerecht zu werden – und daran scheitern muss.
Dies ist vielleicht eine geeignete Stelle, um zu betonen, dass Pflegebedürftigkeit nicht nur alte Menschen betrifft. Sie betrifft regelmäßig Kinder in den ersten Lebensjahren, Menschen nach zunehmend ambulantisierten Operationen (und somit regelmäßig trans Personen im Verlauf einer medizinischen Transition), Menschen mit verschiedenen chronischen Erkrankungen oder Be_hinderungen aller Altersstufen und, als sich damit überschneidende Gruppe, Menschen mit psychischen oder psychiatrischen Erkrankungen, die sich zeitweise oder langfristig nicht selbst versorgen können.
- ^ Der Unterstrich zeigt, dass Be_hinderung immer ein Zusammenspiel aus be_hindert sein und be_hindert werden ist, und dass fast jeder Mensch Bereiche hat, in denen er fähig und andere, in denen er es weniger ist
Science Fiction und die Pflege
Was hat das nun mit SF zu tun? Bemerkenswerterweise kenne ich nur einen einzigen Text oder Film, der eine positive oder auch nur nicht dystopische Antwort auf die Frage liefert, wie Pflege in Zukunft aussehen kann und das ist Luise Meiers „Hyphen“. Dort leben Menschen in einer postapokalyptischen Welt in Gruppen zusammen, in denen sie Sorgekreise bilden, sodass sich mindestens vier Personen für jede andere Person zuständig fühlen. Gruppenroutinen werden so geändert, dass sie für möglichst viele Menschen passen – der Roman macht so eindrucksvoll sichtbar, was und wie be_hinderte Menschen beitragen können.
Gleichzeitig kursieren seit einigen Jahren journalistische Berichte über Pflegeroboter, entweder als Dialogpartner für demente Personen oder als geriatrische Tages-Strukturierungshilfen für Menschen, denen ein fester Tagesablauf guttut, die aber nicht mehr in der Lage sind, ihn für sich selbst zu strukturieren, wie das bei vielen Demenzerkrankungen der Fall ist. Schon jetzt ist menschliche Zuwendung in Pflegeeinrichtungen eine rare und teure Ressource. Die Frage, welche Tätigkeiten an Roboter oder KI ausgelagert werden könnten, und wie diese gestaltet werden müssten, beschäftigt Ethikkommissionen, Entwickler*innen und Pflegeleitungen. In Interviews sagen pflegebedürftige Personen schon heute, dass sie sich lieber von einem Roboter waschen lassen würden als von einem Menschen, was vermutlich auch damit in Zusammenhang steht, dass von Robotern keine (sexualisierten) Übergriffe zu befürchten sind; Pfleger*innen berichten, dass Überwachungssysteme die Lücken in der Betreuung schließen könnten, wenn sie beispielsweise Stürze melden. Gleichzeitig braucht es nicht viel Fantasie, um zu prognostizieren, dass die Lücken größer werden, wenn sie durch Technik leicht zu schließen sind. Wer ist für diese Lücken verantwortlich? Das überlastete Pflegepersonal, das Management oder die politischen Rahmenbedingungen, die den Personalschlüssel festlegen? Und helfen technische Lösungen hier wirklich nachhaltig?
Wenn ich mir vorstelle, dass ich Unterstützungsbedarf habe, finde ich es eine eher angenehme Vorstellung, dass ich niemanden bitten muss, um mir die Schuhe anzuziehen. Mithilfe eines Robotersystems könnte ich autonom sein. Aber was, wenn ich nicht nur Hilfe beim Anziehen benötige, sondern mobilitätseingeschränkt bin? Hängt meine Präferenz dann nicht stark davon ab, wie der Roboter programmiert ist? Welche Rahmenbedingungen bräuchte es, damit ich mir sicher sein kann, dass das Gerät meine Interessen vor die der Firma stellt? Und welche Firma wäre das? Der Hersteller? Die Krankenkasse? Oder der Staat, der vielleicht in Zukunft gar nicht mehr so leicht von einem Konzern zu unterscheiden ist?
Und wenn Robotersysteme umso besser funktionieren, je mehr private Daten sie haben, was passiert dann mit diesen Daten? Wer darf wissen, welche Musik Opa beruhigt und welche Nachrichtensprecherin Oma aufregt? Ab wann wird eine Strukturierungshilfe zu Überwachung oder Bevormundung? Ist eine Autonomie, die von technischer Hilfe und den Firmen, die diese bereitstellen, abhängig ist, wirklich Freiheit? Und was passiert, wenn die Firma den technischen Support beendet, keine Ersatzteile bereitstellt oder keine Softwareupdates mehr liefert?
Ist eine Pflegeeinrichtung, in der keine Menschen mehr arbeiten, eine utopische oder eine dystopische Vorstellung? Gilt das auch, wenn die Pflege durch Robotersysteme in individuellen Wohnungen hinter verschlossenen Türen geschieht? Und wie sieht es mit der Pflege für marginalisierte Gruppen aus, mit kultur- oder transsensibler Pflege? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass gängige Robotersysteme dies mitbedenken?
Die Abwesenheit wichtiger Fragen
All das sind Fragen, die in der Science Fiction behandelt werden könnten und sollten, die aber kaum vorkommen. Es sind Fragen, die in die nahe Zukunft denken, und die viel mit dem Hier und Heute zu tun haben. In meinem Essay über Adultismus und Kinder in SF1 habe ich über die Zersplitterung von Räumen als Folge des Ausschlusses von Personen, die nicht mithalten können oder wollen, geschrieben. Science-Fiction-Welten sind oft voller gesunder, schlanker, normschöner Personen und immer wieder beinhalten sie die Vorstellung, dass chronische Krankheiten nicht mehr existieren. Diese auf den ersten Blick unproblematischen, vielleicht sogar utopischen Ansätze, erweisen sich auf den zweiten Blick als hochproblematisch, denn die Idee, dass mit den Krankheiten auch die Erkrankten verschwinden, schließen an Eugenik und menschenfeindliche Vorstellungen von Volksgesundheit an. Wie weit verbreitet diese Ideen schon jetzt sind, erlebte ich nach der Geburt meines Kindes, das sich im Alter von wenigen Monaten als nicht gesund herausstellte. Die Besonderheiten blieben zunächst weitgehend unsichtbar, aber natürlich wusste ich darum, dass mein Alltag mit Baby – anders als es die Annahmen vorsahen – von Krankenhausaufenthalten, Arztbesuchen, Frühförderung und immer wieder dem Kampf um Kostenübernahmen für Hilfsmittel geprägt war. Immer wieder hatte ich mit Bekannten oder Fremden dieselbe Unterhaltung:
„Ach da ist sie ja. Wie süß. Oh, weint sie viel? Naja, Hauptsache gesund.“
Irgendwann ärgerte mich das Nichtvorkommen unserer Lebensrealität so sehr, dass ich antwortete: „Und was, wenn nicht?“
Nur selten entstanden daraus produktive Gespräche über normative Annahmen und den Umgang mit kranken Babys. Stattdessen kam zum Ringen um die Gesundheit und Lebensqualität meines Kindes immer wieder die Frage, ob ich das denn nicht vorher gewusst hätte. Dass wir uns während der Schwangerschaft gegen genetische Untersuchungen entschieden hatten, wurde plötzlich zum – meist unausgesprochenen, aber manchmal auch explizit geäußerten – Vorwurf. Mein Kind, so erlebte ich nicht nur das Verhalten der Krankenkasse, ist weniger erwünscht, wenn es mehr Geld kostet und mehr Pflege benötigt als üblich. Denn, so hörte ich es unzählige Male über ein Kind mit Downsyndrom, das in unserer Kita den zweiten „Integrationsplatz“ belegte: Sowas sei ja heute nicht mehr nötig.
Ist das der Umgang, den wir uns für die Zukunft wünschen? Pflege unnötig zu machen, indem wir die Personen abschaffen, die sie brauchen? Wie im Film „Logans Run“ ( „Flucht ins 23. Jahrhundert“), wo Menschen in noch jungem Alter ästhetisch getötet werden, ein Thema, das ich auch in meiner Etomi-Dilogie ( Etomi. Erwachen“ und „Etomi. Aufbruch") aufgegriffen habe. Oder wie in Daniel Keyes’ bereits 1966 erschienen und immer noch lesenswerten Roman „Blumen für Algernon“ in der die intelligenzgeminderte Hauptperson mit einer neuen operativen Methode schlau wird – was dann allerdings nicht gut ausgeht. Oder wünschen wir uns eine Zukunft, in der Fürsorge füreinander als gesellschaftliche Aufgabe begriffen und nicht individualisiert wird? Was würde das heißen? Fände die Pflege in Institutionen oder zu Hause statt? Und wie wäre die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, die gesellschaftliche Teilhabe der zu Pflegenden und der Gepflegten geregelt? Ansätze hierzu gibt es und Luise Meier zeigt, dass es möglich ist, sie in spekulativer Literatur aufzugreifen.
Auch in „ernsthafter“ Literatur und in Filmen werden Pflege und Pflegebedürftigkeit wenig thematisiert. Die wenigen mir bekannten Ausnahmen richten sich an Menschen ohne Be_hinderung und Pflegebedarf und werden von Be_hindertenaktivist*innen als „inspiration porn“ bezeichnet: Sie setzen sich nicht wirklich mit den Lebenswelten be_hinderter oder pflegender Menschen auseinander, sondern nutzen be_hinderte Menschen als Inspiration. Be_hinderte Personen bleiben so die Anderen, die „gesunde“ Norm wird nicht hinterfragt
.
- ^ Bislang ist unklar, wo und wann der erscheint
Horror-Psychiatrie
SF-Texte zu diesem Thema bedienen sehr häufig das beliebte Narrativ der Horror-Psychiatrie. Beispiele hierfür sind Michael Schneibergs „Die Frau in der Wand“ und Toni Freys „Die Patientin“ aus der „Exodus 47“, sowie „Auszeit“ von Marianne Labisch und Andreas Müllers „Doktor T.“ aus der Anthologie „Diagnose F“. In allen diesen Texten gibt es neben „gefährlichen Patient*innen“, die unvorhersehbar handeln und zur gesellschaftlichen Gefahr werden, auch fiese Behandler*innen: Leute, die pflegen und heilen sollen, ihre Macht aber missbrauchen. In der heutigen Realität ist Gewalt in der Pflege ein ernstzunehmendes Problem, das in den meisten Fällen eine massive Überforderung anzeigt 1.
Die SF-Texte dagegen handeln von machtbesessenen oder einfach bösen Täter*innen, es sind „sie machen es, weil sie können“-Geschichten, in denen eine antagonistisch handelnde Person als reines Spannungselement dient, ohne dass deren Motivation erkennbar wird. Dabei wäre der enge Zusammenhang zwischen Gewalt in der Pflege und Überforderung der Pflegenden unter unpassenden Rahmenbedingungen ein Thema, das in Texten zu beleuchten sich lohnen würde und das leider auch häufig in der journalistischen Berichterstattung zu kurz kommt, werden hier doch meist die spektakulären Fälle benannt, ohne die Hintergründe umfassend darzustellen 2. Möglich wäre auch, in fiktiven Psychiatriegeschichten die schwierige Abwägung von Schutz und Bevormundung zu beleuchten, die Fürsorge gerade dann so schwierig macht, wenn Betroffene nicht mehr zur Realitätsprüfung oder Folgenabschätzung ihrer Handlungen in der Lage sind. Mir ist aber kein SF-Text bekannt, der dieses Thema behandelt.
Eine angenehme Abwechslung bietet Lena Richters Kurzgeschichte „Toter Winkel“ (Psyche mit Zukunft), die Überforderung und den Umgang damit gezielt thematisiert – und gleichzeitig die utopische Vision eines Umgangs aufscheinen lässt, der nicht auf Strafe, sondern auf Hilfe beruht. Auch in Kleinigkeiten zeigt sich hier eine technisch unterstützte stationäre Pflegesituation, die die Bedürfnisse der zu Pflegenden ins Zentrum stellt und beispielsweise transsensible Pflege anbietet.
Es gibt also ein sehr weites zu bearbeitendes Feld, mit dem die SF sich auseinandersetzen und zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskursen beitragen könnte. Neben dem Aspekt, wie gesellschaftlich und politisch mit Pflege und Krankheit umgegangen wird, könnte gefragt werden, welche technischen Lösungen in welchem Rahmen ge- oder missbraucht werden, was neben der Pflege an sich auch organisatorische Aufgaben rund um Care beinhalten sollte 3.
Wie könnte ambulante oder stationäre Pflege in Zukunft aussehen? Wie sähe wirkliche Inklusion aus, welche die später zu Inkludierenden gar nicht erst ausschließt, beispielsweise Mobilität für alle? Nicht zuletzt wären auch Fragen von Prävention und präventiv wirkenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein lohnendes Feld für soziale Fiktionen. Denn es gibt sie, die Ansätze, die Pflege und Integration als gesellschaftliche Aufgaben begreifen und sich damit beschäftigen, wie sich unser Wohnen, Leben und Arbeiten verändern müsste, um wirklich alle oder fast alle mitzunehmen 4.
Es ist nachvollziehbar, dass die Perspektiven der Gepflegten in der aktuellen SF genauso fehlen wie die der Pflegenden, denn einerseits haben beide Personengruppen vermutlich wenig Zeit fürs Schreiben und andererseits ist es mit großer Scham verbunden, so sehr auf Andere angewiesen zu sein und diese Abhängigkeit nach Außen zu tragen. Trotzdem glaube ich daran, dass es eine große Wirkmacht hätte, wenn wir Debatten über angebliche Sozialschmarotzer und zu teure Integrationshilfen positive Visionen gegenüberstellen könnten, die Verschiedenartigkeit als Bereicherung begreifen, ohne Schmerz und Leiden mit Einhornpupsen bedecken zu müssen. Dann können wir aus unserer Scham heraustreten und mit großer Überzeugung sagen: Ja, „sowas“ ist auch in Zukunft noch nötig. Und heute erst recht!
- ^ Insbesondere weiblich gelesene Pfleger*innen berichten auch von Gewalt, die von Pflegebedürftigen ausgeht, der Zusammenhang dieser zu Überforderung, patriarchaler Sozialisierung und manchen Erkrankungen wäre aber einen eigenen Essay wert
- ^ Eine Internetrecherche am 29.01.26 ergab mehrere Mordfälle in Pflegeheimen in den letzten Monaten, benannt wird meist nur die Art der Morde und in welchem Verhältnis Opfer und Täter*innen zueinander standen, meist handelt es sich bei den Täter*innen um Pflegekräfte
- ^ Auch hier findet sich mit „Der Hobbyfriedhof“ von Lee Doublee ein Text in „Psyche mit Zukunft“. Außerdem ist der Themenkomplex in meinem für Herbst 2026 geplanten Roman ausgiebig enthalten
^ Warum gemeinschaftsbasierte Ansätze zu Pflege so viel weniger bekannt sind als die Alternativen zu Verkehr, Klimawandel, Energiewende oder Schulen wäre wohl einen eigenen Essay wert
Literatur
„Klimazukünfte 2050. Geschichten unserer gefährdeten Welt“, Hirnkost
„In andere Welten“, herausgegeben von J. Tree und B.Q. Morris, A7l books
„Jenseits der Traumgrenze“, herausgegeben von Marianne Labisch, p.machinery
„Exodus 46“, herausgegeben von H.J. Kugler und R. Moreau, H. Wipperfürth
„Wie künstlich ist Intelligenz? Science-Fiction-Geschichten von morgen und übermorgen“, Plan9 „Am Anfang war das Bild“, herausgegeben von U. Bendick, A. Mira und M. Franke, Hirnkost
„Etomi. Erwachen“ und „Etomi. Aufbruch“, Plan 9
„Psyche mit Zukunft. Sieg über die Finsternis in mir“, herausgegeben von J. Rosenberg, ohneohren Verlag
Jol Rosenberg
Jol Rosenberg (ens/they/keine) landete 1976 auf der Erde und lebt noch dort. Science-Fiction und Queerfeminismus treffen sich auf Jols Blog unter https://www.jol-rosenberg.de und in ens Texten. Kurzgeschichten erschienen unter anderem in Queer*Welten, c't und Anthologien. Der Roman „Das Geflecht. An der Grenze“ erschien 2022 bei ohneohren. Darauf folgte 2023 und 2024 „Etomi. Erwachen“ und „Etomi. Aufbruch“ bei Plan9. Im Herbst 2024 gab ens die Anthologie „Psyche mit Zukunft“ bei ohneohren heraus.