Fünf Fantasybücher mit Katzen
Markus Mäurer, 27.05.2026
Katzen haben etwas unnahbar Erhabenes, ja fast schon Mystisches an sich. Gelten als erbarmungslose Raubtiere, sind gleichzeitig aber total knuddelig. Markus Mäurer stellt uns fünf phantastische Bücher mit Katzen in all diesen Variationen vor.
Dass mit Katzen etwas nicht stimmt, dass mehr hinter ihnen zu stecken scheint, als es den Anschein hat, dass sie über den Dingen stehen und sich verhalten, als würde ihnen die Welt gehören (was sie vermutlich auch tut), das zeigt sich schon in der Rolle, die sie in der Mythologie einnehmen. Der Aberglaube, es würde Unglück bringen, einer schwarzen Katze über den Weg zu laufen, ist weit verbreitet und war zumindest in meiner Kindheit in den 80ern unter der Generation meiner Großeltern noch Thema. In Indien ist es übrigens umgekehrt, da gelten sie als Glücksbringer.
Im alten Ägypten galten sie als Symbol für Fruchtbarkeit, Schutz und Wohlstand, hatten sogar mit Bastet eine Göttin in Katzengestalt. Dass sie sich um Mäuse und Ratten gekümmert haben, die die Ernte bedroht und Krankheiten verbreitet haben, dürfte dabei eine Rolle gespielt haben. Es dürfte vor allem die Unnahbarkeit sein – dieser Widerspruch zwischen knuddeligem Haustier und erbarmungslosem Jäger –, der Katzen ein mythologisches Potenzial verleiht, das sich auch in der phantastischen Literatur widerspiegelt. Weshalb ich hier fünf phantastische Bücher mit Katzen vorstelle – und natürlich, um den gerade erschienene Roman Agnes Auberts zauberhafte Katzenzuflucht von Heather Fawcett zu promoten. ;)
Maurice der Kater | Terry Pratchett
Der einfallslose deutsche Titel ist leicht irreführend, zwar spielt Maurice eine wichtige Rolle im Buch, aber nicht die zentrale. Im Original heißt das auf der Scheibenwelt spielende Märchenbuch, das sich fleißig bei der Legende vom Rattenfänger von Hameln bedient, The Amazing Maurice and his Educated Rotends, womit es nicht nur den Tonfall vorgibt, sondern auch die gebildeten Ratten mit ins Zentrum rückt. Die können nicht nur reden, sondern auch lesen und bilden sich weiter, während sie mit dem sprechenden Kater Maurice und einem etwas naiven Jungen, der nur Flöte spielen will, durchs Land ziehen und Kleinstädte mit gefakten Rattenplagen abzocken. Bis sie in die falsche Stadt geraten.
Einerseits ist das hier ein Buch für junge Leser*innen, anderseits erzählt es mit viel Weisheit von der Entstehung einer Gesellschaft, und den Hindernissen, die diese zu überwinden hat, um mit einer anderen in Koexistenz zu leben. Maurice der Kater heißt das Buch auf Deutsch, und der schelmische Trickster, der im Verlauf eine Wandlung durchmacht, ist nicht die Hauptfigur. Das sind die Ratten. Also eigentlich ist es ein Ratten-Buch, aber wir wollen mal nicht so pedantisch sein.
Dt. Übersetzung Andreas Brandhorst
Nevernight | Jay Kristoff
Das hier ist so ein bisschen geschummelt, passt aber auch wieder zum mystischen Charakter von Katzen, denn Herr Freundlich ist ein Daemon in Form einer schwarzen Katze, der Mia Covere auf ihrem Rachefeldzug gegen die Mörder ihrer Eltern unterstützt. Was sie unter anderem an eine Akademie für Assassine führt, wo Mia sich das notwendige Rüstzeug für ihre Mission zulegt.
Angelegt in einer Welt, die an das Römische Imperium erinnert, erleben wir hier eine klassische Rachegeschichte, in der eine Jugendliche zu Attentäterin ausgebildet wird, verborgene Kräfte in sich entdeckt und den Feind infiltriert, der nicht ahnt, mit wem er es da zu tun hat. Und begleitet wird sie die ganze Zeit von dem katzenhaften Dämon, was zu pointierten Dialogen führt. Insgesamt geht die Reihe über drei Bände und ist abgeschlossen.
Dt. Übersetzung von Kirsten Borchardt
Agnes Auberts zauberhafte Katzenzuflucht | Heather Fawcett
Ein Buch über eine Katzenzuflucht, mehr cozy geht kaum. Und das Ganze noch in einer Welt voller Magie (Montreal, irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts), in der die Katzenretterin Agnes Aubert an einen dunklen Lord mit illegalem Zauberladen gerät. Es gibt ein paar unvergessliche Katzengestalten: Von der besitzergreifenden, fast schon tyrannischen „Seine Majestät“, die nicht nur die Menschen verachtet, sondern auch ihre Artgenossen, bis hin zur extrem einfühlsamen Tigerkatze „Banshee“, die zwar keinen Laut von sich gibt, aber eine tiefe Zuneigung zum Schwarzmagier Havelock Renard fasst. Alle Katzenfans (und natürlich die Freund*innen von Fawcetts Emily Wildes Enzyklopädie der Feen) werden sich hier sofort zuhause fühlen.
Dt. Übersetzung von Eva Kemper
Inspector Mouse oder der Gang in die Tiefe | Caroline Ronnefeldt
Ein sprachlich sperriger und origineller, aber auch eleganter und altmodischer Katzenkrimi, dessen Reiz vor allem in der Verkatzung der Gesellschaft liegt, da die eigentliche Krimihandlung relativ simpel gestrickt ist. In diesem Buch ersetzen die Katzen die Menschen, tragen Kleidung, fahren Auto, gehen auf zwei Beinen, besaufen sich in Kneipen, besuchen Prostituierte und ermorden schon mal jemanden. Das Ganze passiert in Kratzburg, einer Hafenstadt, die Hamburg ähnelt. Inspector Mouse muss im Fall des geraubten Tresors eines einflussreichen Unternehmers ermitteln und kommt so einigen Gangstern und Verschwörungen auf die Spur.
Streng genommen ist Inspector Mouse kein phantastischer Roman, es gibt keine übernatürlichen Elemente, wir erleben eine Welt, die an Deutschland in den 1920ern erinnert, die Gereon-Rath-Romane von Volker Kutscher kommen mir hier in den Sinn. Aber die Figuren sind halt Katzen. Was sich vor allem in der wunderbaren Sprache Ronnefeldts bemerkbar macht, die alle möglichen Begriffe ins Katzische übersetzt und so einen ganz eigenen phantastischen Wortschatz erschafft. Und sie behält auch den Stil der Zeit bei. Für zusätzliche Atmosphäre sorgen ihre schicken Zeichnungen der verschiedenen Figuren.
Dungeon Crawler Carl | Matt Diniman
So war das nicht geplant, als Carl nur in Boxershorts barfuß der verdammten Katze seiner Exfreundin nach draußen folgt. Prinzessin Donut heißt das Vieh, das ihm dadurch das Leben rettet, als die ganze Welt plötzlich zur Belustigung einer intergalaktischen Zuschauerschaft in ein riesiges Dungeon verwandelt wird, in der Carl plötzlich Teil einer Reality-TV-Show ist und ums nackte Überleben kämpfen muss. Und dabei – ihr habt es sicher schon erraten – von dieser vorlauten Katze unterstützt wird. Die wurde nämlich aufgelevelt und kann jetzt nicht nur sprechen, sondern sogar Magic Missiles aus den Augen schießen, womit sie zum heimlichen Star der Show und des Buches wird.
Dungeon Crawler Carl ist ein herrlich alberner Spaß im LitRPG-Gewand, der sich selbst nicht zu ernst nimmt, aber durchaus Tiefgang besitzt und seine Charaktermomente hat, was die Katze und ihr Verhältnis zum Menschen angeht.
Dt. Übersetzung von Ruggero Leò
Markus Mäurer
Der ehemalige Sozialpädagoge und Absolvent der Nord- und Lateinamerikastudien an der FU Berlin, der seit seiner Kindheit zwischen hohen Bücherstapeln vergraben den Kopf in fremde Welten steckt, verfasst seit über zehn Jahren Rezensionen für Fantasyguide.de, ist ebenso lange im Science-Fiction- und Fantasy-Fandom unterwegs (Nickname: Pogopuschel), arbeitet seit einigen Jahren als Übersetzer phantastischer Literatur und ist auf Tor Online für das Content Management und die Redaktion verantwortlich.