
Wahrheit und die verpatzte Chance von Disclosure Day
Lars Schmeink, 09.07.2026
Wenn Wahrheit Verhandlungssache wird, haben Fakten es schwer und Lügen Hochkonjunktur. Am Beispiel des Science-Fiction-Films Disclosure Day von Steven Spielberg zeigt uns Lars Schmeink, wie der Umgang mit Wahrheit in der Fiktion scheitern kann.
„Ich will die Wahrheit“, könnte man eigentlich jeden Tag mit Daniel Kaffee, Tom Cruise Figur aus Eine Frage der Ehre, dem Angeklagten entgegenbrüllen. Die Wahrheit über Kriegspläne aus dem Weißen Haus; die Wahrheit über den politischen Willen, den Klimawandel anzugehen; die Wahrheit über die Strategie, wie man rechter Politik etwas entgegenzusetzen hofft. In unseren heutigen Zeiten ist Wahrheit ein seltenes Gut geworden – ausgelöscht durch Deep Fakes, halluzinierende AI, „Flooding the Zone with Shit“, Fake News, oder auch einfach nur willentliches Drehen an politischen Realitäten. Dem steht der Wunsch gegenüber endlich die Wahrheit zu erkennen und damit das Haus der Lügen in sich zusammenbrechen zu lassen. Ich will die Wahrheit und wenn ich sie nur hören würde, wenn wir alle sie nur hören würden, dann verändert sich alles. Wenn Trump wahrheitsgemäß sagen würden, warum er so handelt, so glauben wir, dann würde diese Wahrheit alle Zweifel über das Richtige, das Wahre in seinen Wählern zerstreuen und sein Support würde dahinschmelzen wie Eis in der Juli-Sonne.
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit
Schöne Idee eigentlich, und eine die Steven Spielberg in seinem aktuellen Film Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit zum zentralen Drehpunkt seiner Medien- und Gesellschaftskritik macht. Es geht um einen Whistleblower, der ein Archiv mit 70 Jahren Beweisen für die Existenz von Aliens auf der Welt gestohlen hat und dieses nun der gesamten Menschheit zur Verfügung stellen will. Protagonist Daniel (Josh O’Connor) argumentiert schon früh im Film, dass Wahrheit so etwas Grundlegendes sei wie Luft und Licht. Etwas, dass man den Menschen nicht vorenthalten dürfte, weil sie sonst nicht leben könnten. Spannend ist – Achtung Spoiler – dass es am Ende genauso kommt und Spielberg in seinem Film die Wahrheit wie Luft und Licht behandeln kann. Jeder Mensch, die ganze Welt zugleich, sieht und hört die Wahrheit und verstummt, erstaunt, schnappt nach „Luft“ und atmet sie tief ein. Keine Gegenstimme erhebt sich, kein Zweifel wird gesät, kein zynischer Kommentar versucht die Wahrheit anzuzweifeln.
Und genau damit verliert der Film seinen fiktionalen Anspruch auf Wahrheit, und darauf eine relevante und auf die Realität bezogene Erkenntnis zu liefern. Spielbergs Film ist nicht in der mimetischen Darstellung von Medienereignissen begründet, wie sie in den letzten Jahren unsere Realität bestimmen. Er verliert sich in einem Wahrheitsgedanken, wie er zuletzt mit Richard Nixon und Watergate die Welt geprägt hat – dass Wahrheit sobald sie ausgesprochen ist, die Welt verformt. Spielberg ignoriert willentlich den Zweifel an der Wahrheit, der heute überall in den Medien vorherrscht. Und damit verdeutlicht er, wie kontrovers die Verbindung von Wahrheit und Fiktion eigentlich ist. Aber ist es dem Film überhaupt anzulasten, dass in seiner fiktiven Welt die Menschen so überwältigend akzeptierend auf die Wahrheit reagieren? Was ist das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion heute und wie kann Science Fiction überhaupt wahre Behauptungen aufstellen?
Literatur und Wahrheit
In der Literaturwissenschaft gibt es diese Diskussion schon lange. Die Frage, ob der Wert der Literatur an der Wahrheit hänge, beschäftigt tausende Seiten wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Die „no-truth“ Fraktion sieht es als unmöglich an, in Literatur Wahrheit zu erzeugen – ihnen wäre also egal, ob Spielberg hier etwas Wahres über unseren Umgang mit der Wahrheit zu sagen hat. Die „pro-truth“ Fraktion hingegen sieht es als notwendig, für den Wert von Literatur (und im erweiterten Sinne Kultur wie Film etc.) eine wahre Aussage zu treffen. Ein Beispiel wäre ein Roman mit einem depressiven Protagonisten, der seine Welt durch die Linse der Depression beschreibt. Wenn wir, als reale Menschen, in dieser Repräsentation von Depression keinerlei Bezüge zu unserer Lebenswelt finden, wenn die Gedanken des Protagonisten uns völlig fremd erscheinen, dann werden wir keinen Wert in dem Roman sehen. Vielmehr muss die Repräsentation eine Wahrheit über Depression widerspiegeln, um in uns Wert zu erzeugen.
Und so ist es eben auch mit der Frage der Wahrheit in Spielbergs Film. Der Film suggeriert, dass es keinen Zweifeln an dem Wahrheitsgehalt eines Mediums wie dem linearen Nachrichtenfernsehen (in diesem Fall MSNBC) gibt. Doch die Realität, die wir kennen, sagt das genaue Gegenteil. Alternative Medien ziehen ihre Daseinsberechtigung aus der konstanten Kritik an und dem Dauerfeuer gegen die als Systemmedien verschrienen Leitbilder. Wahrheit ist in unserer Realität ein umkämpfter Begriff.
Die Wahrheit ist Verhandlungssache
Wie sehr ein fiktionales Werk eine solche Wahrheit zum Ausdruck bringen kann zeigt im Kontrast zu Disclosure Day der Film Don’t Look Up von Adam McKay. Auch in diesem Film wird eine weltverändernde Wahrheit ausgesprochen, aber die Reaktion darauf ist vielschichtiger. Kritik wird laut, persönlicher Nutzen bringt Leute dazu, die Wahrheit zu negieren, infrage zu stellen, zu verwischen. Obwohl beide Filme science-fictionale Themen behandeln und fiktive Skandale aufdecken, trägt Don’t Look Up eine markante Wahrheit in sich: Die Welt heutzutage akzeptiert Wahrheit nicht als solche, sie verhandelt darüber. Es ist geradezu pointiert also, dass die realen Reaktionen auf den fiktionalen Film von denselben Konflikten geprägt sind, wie die fiktiven Reaktionen im Film auf den einschlagenden Meteoriten. Der Film sei polemisch, zu „woke“, sei moralin-sauer und mit erhobenem Zeigefinger, sagen die einen. Der Film porträtiere perfekt das Gefühl, dass etwa Klimaforscher seit Jahren haben, wenn sie über ihr Fachgebiet reden, sagen die anderen. Beiden Positionen aber ist gemein, dass der Film etwas Reales im Zuschauenden berührt hat, er hat eine Wahrheit ausgesprochen, die es nun zu verhandeln gilt.
Gerade in den Welten der Science Fiction, die hochkomplexe und abstrakte Positionen einnehmen, ist es umso wichtiger, dass die literarische Wahrheit vorhanden bleibt. Vielmehr noch, ein SF-Werk ist in der Lage Wahrheiten auszusprechen, die der „realistischen“ Literatur oftmals verwehrt bleiben. Und so verschenkt Spielberg die Chance, eine Repräsentation unseres komplexen Verhältnisses zur Wahrheit zu erschaffen – mit all seinen Kontroversen, Manipulationen, Opportunisten und Idealisten. Stattdessen überlässt er seinen Showdown dem Live-TV mit seinem quasi-religiösen Wahrheitspostulat und seiner medialen Überzeugungskraft. Nirgends im Film existiert Social Media, nirgends entstehen Fake News, niemand schlägt Gewinn aus der Situation, niemand macht einen Remix, ein Meme oder einen Filter aus den Bildern. Aber vielleicht ist das ja der generationelle Unterschied, der Spielberg als Auteur des 20. Jahrhunderts kennzeichnet – wie Jack Nicholsons Charakter Colonel Jessep, in Eine Frage der Ehre, hält auch Spielberg sich für im Recht und brüllt uns entgegen: „Sie können die Wahrheit doch gar nicht ertragen!“



