Fantasy

Rückblick durch die schlammbespritzte Brille: Grimdark – was war und was bleibt?

Coverausschnitt von
© Felix Oritz

Swantje Niemann, 30.07.2026

Ging das Grimdark-Genre wirklich erst mit Joe Abercrombie los, oder liegen die blutigen Wurzeln dieses düsteren Genres weiter in der Vergangenheit? Ist es wirklich so plump brutal, wie manche glauben, oder steckt mehr dahinter? Und wie ist der aktuelle Stand dieses Subgenres der Fantasy. All das und mehr erfahrt ihr von Swantje Niemann.

In meinem Rückblick zu Steampunk habe ich zwei Autor*innen erwähnt, die in den frühen 2010ern von dem Trend genervt waren. Sie hatten valide Argumente, aber man musste meiner Meinung nach schon tief in der Phantastikbubble sein, um einem Übermaß an Steampunk ausgesetzt zu sein. Anders sah es mit einem anderen Trend der Zeit aus. Grimdark-Fantasy war eine Welle von Büchern mit dem zentralen Merkmal, dass sich Menschen und Gesellschaften hier, gelinde gesagt, nicht von ihrer besten Seite zeigten. Es war die Romantasy der 2010er – ein Begriff und Trend, um den man nicht herumkam, der Bücher verkaufte und leidenschaftliche Positionierungen dafür und dagegen hervorbrachte. 

Das Subgenre teilt jedoch zwei Gemeinsamkeiten mit Steampunk: Einen nicht ganz ernstgemeinten Namen, und den Fakt, dass dieser fest im Bewusstsein von Leser*innen verankert geblieben ist. Doch auch wenn Google-Suchanfragen rund um Grimdark-Fantasy im letzten Jahrzehnt stetig zugenommen haben, und der Begriff weiterhin in Rezensionen auftaucht, sind die Diskussionen zur Ruhe gekommen. Also würde ich sagen: Zeit für einen Rückblick. Was war da los? Was war dran an Lob und Kritik? Und wie hat Grimdark-Fantasy das Genre verändert?

Was macht Grimdark grimdark?

Wenn man nach den Charakteristika von Grimdark fragt, fallen Stichworte wie eine düstere Atmosphäre, Anti-Held*innen in den Hautrollen und eine Welt, in der die Mächtigen und nicht die Guten gewinnen. Oft werden ein idealisiertes Fantasy-Mittelalter und heroische Tropes des Genres mit Nachdruck ins Gegenteil verkehrt. Michael Moorcock, der als früher Grimdark-Autor genannt wird, positionierte sich zum Beispiel in einem berühmten Essay gegen das seiner Meinung nach viel zu konservative und eskapistische Werk Tolkiens. Und Joe Abercrombies First Law ist berühmt dafür, klassische Fantasy-Archetypen mit zynischen Twists und geschliffenen Dialogen auf den Kopf zu stellen. 

Auch weil Das Lied von Eis und Feuer lange als das Paradebeispiel dafür gefeiert wurde, ist Grimdark typischerweise mit epischer Fantasy assoziiert. Aber er lässt sich auch auf andere Genres anwenden, sei es auf Superheldencomics oder Science Fiction. Vor einer ganzen Weile ist mir auch jemandes nachvollziehbarer Eindruck von Grimdark-Fantasy und Cyberpunk als verwandten Genres begegnet. 

Das Subgenre (vielleicht wäre „Modus”, „Bewegung” oder schlichtweg „Vibe” eine bessere Bezeichnung) ist sehr anschlussfähig für ausgedehnte, epische Geschichten. Oft finden wir hier düstere Panoramen, im Grimdark-Modus lassen sich aber auch Geschichten mit engerem Fokus erzählen. In diesem Fall steht oft eine charismatische, ebenso gebrochene wie gefährliche Hauptfigur mit einprägsamer Erzählstimme im Mittelpunkt, zum Beispiel Jorg of Ancrath in Mark Lawrence’ Prinz der Dunkelheit oder Thomas Piety aus Peter McLeans Priest of Bones.

Grimdark-Geschichten entwerfen Welten, in denen unfaire Systeme, schlechte Entscheidungen und schlichtes Pech auch Hauptfiguren schwere, bleibende Schäden zufügen können. Als das Genre aufkam, feierten so einige Lesende die Abwesenheit von „Plot Armor“, die Fantasy wieder aufregender mache, und tatsächlich bietet das Wissen, dass Grimdark-Fantasy auf das Auffangnetz verzichtet, das sich unter dem Plot vieler anderer Bücher erahnen lässt, ein besonders aufregendes Leseerlebnis. Aber schnell entdeckt man eigene Genre-Konventionen und Vorhersehbarkeiten. 

In Michael R. Fletchers Obsidian Path zum Beispiel bewegen sich der Plot und der Protagonist, der die Scherben seiner Macht und Vergangenheit einsammelt, mit all der mitreißenden Dynamik von Progression Fantasy vorwärts. Allerdings geht es nicht nur in Richtung von mehr Macht und einem besseren Verständnis der Welt, sondern auch ebenso vorhersehbar wie schwungvoll abwärts auf der Slippery Slope moralischer Korruption. Durch eine Kombination aus der Marke des Autors, dem Marketing des Buches und den Signalen im Text räumen Lesende dem Protagonisten schon früh kaum eine Chance ein, seinen Idealen treu zu bleiben. Joe Abercrombie nutzt in Age of Madness Karl Marx’ berühmtes Zitat darüber, dass sich Geschichte erst als Tragödie, dann als Farce wiederhole, als Einleitungszitat und damit ist eigentlich auch schon klar, was wir von der Revolution und den Beziehungen in der Trilogie erwarten können.

Für einen Überblick über Grimdark-Merkmale empfehle ich auch viele Jahre später noch gerne dieses Trinkspiel – angesichts der Temperaturen schlage ich vor, es aber lieber mit einem großen Glas Wasser zu spielen. Und Mark Lawrence hat – auch schon 2017, anscheinend war das ein Jahr der Debatten über die Definition von Grimdark – Grimdark-Ratings gecrowdsourced und verschiedene Romane danach sortiert.

Was Grimdark mit unserem Esstisch zu tun hat

Man kann gut darüber streiten, ob Grimdark-Fantasy wirklich ein neuer Trend war oder sich nicht in sehr alte Traditionen in der Phantastik einreiht, sogar einiges von deren ältester Inspiration aufgreift – wenn ich mir die Ilias oder so einige nordische Sagas angucke, fallen mir so einige Gemeinsamkeiten auf. Schließlich windet sich hier das Übernatürliche durch blutige Geschichten deren Hauptfiguren proaktive Protagonist*innen sind, aber kaum dem modernen Bild von Held*innen entsprechen.

Aber es gibt klar erkennbare Wendepunkte in der Geschichte des Trends oder Subgenres. Hier lassen sich zum Beispiel Michael Moorcocks und Glenn Cooks Romane in den 80ern nennen. Und dann ist da natürlich der Mega-Erfolg von George R.R. Martins Das Lied von Eis und Feuer. Die Reihe erreichte unter anderem durch die Serien-Verfilmung ein immenses Publikum und begeisterte zahlreiche Menschen für Fantasy-Welten, in denen sich allerlei unangenehme Dinge zutragen konnten. Ich zweifle nicht daran, dass das ein wichtiger Faktor für den Grimdark-Boom der 2010er war. 

Aber seit wann und warum heißt Grimdark Grimdark? Häufig gegoogelt wird der Begriff anscheinend etwa seit 2008, aber sein Ursprung liegt ebenfalls in den 80ern. Verantwortlich ist – wie übrigens auch für die längere Annexion unseres Esstischs durch Miniaturen und Plastikruinen – das Warhammer 40.000-Franchise. In aller Kürze: Warhammer 40.000 ist ein bewusst übertrieben düsteres Setting für Tabletop-Rollenspiele, Computerspiele und eine unübersichtliche Anzahl von Büchern. Deren ikonischer Einleitungstext verkündet: „In the grim darkness of the far future, there is only war”. Daraus wurde „grimdark“ als Bezeichnung für (übertrieben) düstere, brutale Phantastik.

Ich hatte bereits angesprochen, dass es so einige Diskussionen darüber gab und gibt, wann ein Text “grimdark” ist. Daran hängt auch, welche Wertung dem innewohnt. Je nachdem, wer den Begriff verwendet, kann es sich um eine kritische oder spöttische Bezeichnung mit Assoziationen von deprimierender, gleichförmiger Düsternis und leerer Provokation handeln. Aber es gibt auch zahlreiche Lesende und Künstler*innen, die ihn neutral bis positiv verwenden. In so einigen Autor*innen-Interviews aus den 2010ern finden sich Autor*innen, die sich nicht mit der Absicht hinsetzten, einen Grimdark-Roman zu schreiben, sich dann aber mit dem Label identifizieren konnten, als es von außen kam. 

Auf jeden Fall ist es ein Begriff von hoher Wiedererkennbarkeit und Wirkkraft. Das beweist das Aufkommen literarischer Gegenbewegungen, die sich in das Schema „zweisilbiges Wort aus zwei Adjektiven“ einreihen: Ich kannte schon „Noblebright“, bei der Recherche für diesen Artikel bin ich auch noch über „Sweetweird“ gestolpert. Die bekannteste Gegenbewegung, “Hopepunk” steht vor allem in der altehrwürdigen Tradition, Gruppen von Büchern mit geteilten Merkmalen zu einem „-punk“ zu erklären, wurde aber von Urheber*in Alexandra Rowland explizit zum Gegenteil von Grimdark erklärt. Entsprechend würde ich sie vorsichtig auch hier einsortieren. Was wir ebenfalls aus diesen Gegenbewegungen mitnehmen können: Der Grimdark-Trend war  – Überraschung! – nicht unkontrovers.

Doch nicht so erwachsen und realistisch – inflationsbereinigter Shock Value

Ein weiteres Wort, das in der Charakterisierung und vor allem dem Lob von Grimdark-Fantasy häufiger fiel, war „realistisch“ – und das war verständlicherweise eine sehr umstrittene Behauptung. Es geht in Diskussionen um Fantasy oft nicht nur um Fantasy, sondern um die reale Welt, um die Geschichts- und Menschenbilder, die sie transportiert. So ist Fantasy mit ihrem Aufgreifen von Topoi, die wir mit dem Mittelalter assoziieren, zum Beispiel stark an der Konstruktion populärer Mittelalterbilder beteiligt. Gerade Das Lied von Eis und Feuer ließ Diskussionen dazu hochkochen. George R.R. Martin sprach auch in einem Interview von seinem Anspruch, zu zeigen wie die mittelalterliche Gesellschaft war und gegen eine „disneyfizierte“ Darstellung der Epoche anzuschreiben. Prompt folgte die Kritik, dass seine Welt zu einseitig und überzeichnet sei, um das Mittelalter widerspiegeln zu können, und an der Gleichsetzung von Düsternis und Zynismus mit Realismus allgemein, zum Beispiel in diesem Artikel in The Public Medievalist. Dies leitet auch zu der ebenfalls verbreiteten Kritik am eher pessimistischen Welt- und Menschenbild des Genres über, das nicht gerade zum Glauben an unsere Kraft, eine bessere Zukunft zu gestalten, einlädt. 

Ein Genre, das brutale, zutiefst von Ungleichheit geprägte Welten zeichnet, kann auch leicht Bücher produzieren, in denen sich so einige Lesende nicht oder nur als Opfer repräsentiert sehen. Die Häufigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der zum Beispiel sexualisierte Gewalt in dieser Ära von Fantasy geschildert wurde, hat zurecht eine Menge kritische Aufmerksamkeit bekommen. Mitunter nahm sich das Genre wie ein Wettbewerb unter Autor*innen aus, wer die verstörendste Szene schreiben und einer Idee mit der größten Konsequenz zum bittersten Ende folgen konnte. Verständlicherweise hatten und haben viele Lesende da schlichtweg keine Lust drauf – oder zumindest nicht die ganze Zeit. 

Ich schließe mich davon keineswegs aus. R. Scott Bakkers Second Apocalypse zum Beispiel ist ehrgeizige Fantasy mit einer immensen Ideendichte, aber für mich bleibt halb die Erinnerung an eine spannende Lektüre, halb an ein Gefühl der Erschöpfung angesichts dessen, wie sehr die Pfade der Figuren von der erbarmungslosen Logik der Welt vorgezeichnet sind, wie sehr Geschlecht dort Schicksal ist.

Matthew Cropley – später mehr zu ihm – argumentiert, dass Grimdark-Literatur zwar einerseits für Gewaltdarstellungen bekannt ist, aber dass gerade die Schonungslosigkeit, mit der die unheroischen Seiten von Krieg und die oft lebenslangen Folgen von physischem und psychischen Trauma gezeigt werden, eine wichtige Absage an die Verharmlosung oder Glorifizierung von Gewalt darstellen. Wie immer ist es eine Frage der Umsetzung. Ich habe durchaus Bücher gelesen, deren Schilderungen von Gewalt von einer echten Auseinandersetzung getragen schienen, aber auch Bücher, in denen sie sich routiniert und wenig durchdacht anfühlten – allerdings ist das keineswegs ein Grimdark-exklusives Problem.

Die befreiende Macht der finsteren Prophezeiung und seltsamer Trost

Angesichts dessen, dass die Bezeichnung Grimdark Assoziationen von Schlamm und Blut, von makelbehafteten Figuren und vorgezeichneten Tragödien wachruft, stellt sich die Frage: Warum fand diese Art von Fantasy ein dankbares Publikum? Anderswo winkten glamouröse Settings und sympathische Helden mit echten Erfolgsaussichten. 

Ein Aspekt war vielleicht der Überdruss an Young-Adult-SFF und Paranormal Romance in der Zeit, aber es gibt meiner Meinung nach auch andere Gründe. Grimdark und Horror haben eine wichtige Gemeinsamkeit: Sie signalisieren durch ihr jeweiliges Label, durch ihre Aufmachung und ihr Marketing, dass Lesende hier mit unbehaglichen, aufwühlenden Inhalten und der Chance auf ein tragisches Ende rechnen können. Sie sind darin das absolute Gegenteil zu Romance, wo es keinen schlimmeren Verrat an Lesenden gibt, als dass die Figuren am Ende doch nicht zusammen und zumindest fürs Erste glücklich sind, oder zu Cozy Fantasy, die das Versprechen von Behaglichkeit im Namen trägt.

Dass Grimdark-oder Grimdark-nahe Literatur eine befriedigende Geschichte liefern, dabei aber nicht die Erwartung einer tröstlichen, sicheren Lektüre erfüllen muss, gibt ihr einige wichtige Freiheiten. Die Verräterin von Seth Dickinson zum Beispiel ist eine schonungslose, durchdachte Erkundung von Imperialismus in Form der Geschichte einer jungen Frau, die ein Imperium von innen heraus zerstören will. Sie kann ihrem Gegenstand auch deshalb gerecht werden, weil sie sich die Erlaubnis zu aufwühlenden Themen und Szenen und komplexen, moralisch grauen Figuren gibt. Nora Bendzkos Die Götter müssen sterben beginnt mit einem unübersehbaren Inhaltshinweis und adaptiert antike Sagen rund um den Trojanischen Krieg und Amazonen. Auch hier profitiert das Buch davon, dass es sich die Erlaubnis gibt, die unbehaglichsten Aspekte der Sagen aufzugreifen, mit großer Direktheit über Trauma und Gewalt zu sprechen und in seinen Amazonen-Figuren nicht nur Wohlfühl-Empowerment zu liefern, sondern die Figuren als Produkte ihrer brutalen Welt zu zeichnen.

Grimdark-Fantasy bietet Raum für Hässlichkeit und imperfekte Figuren, für Scheitern und Wut und die Anerkennung davon, dass die Welt ein sehr tragischer, ungerechter Ort sein kann. Ich denke hier zum Beispiel an das ikonische „Children are dying“-Zitat aus Steven Eriksons Deadhouse Gates (auf Deutsch als Das Reich der Sieben Städte und Im Bann der Wüste erschienen) und das wütende, oft hilflose Mitgefühl, das Das Spiel der Götter an vielen Stellen durchdringt. Es kann seltsam tröstlich sein, wenn Literatur bestätigt, dass man nicht allein mit Sorge, Wut und Frustration über den Zustand der Welt ist. 

In dem Artikel The Odd Hopefulness of Grimdark spricht der zuvor erwähnte Matthew Cropley an, dass Lesende in Grimdark Fantasy trotz der Unterschiede zwischen ihrer Lebenssituation und der ihrer Figuren dennoch einen emotionalen Zugang zu den Büchern finden können: Wie Grimdark-Protagonist*innen können sie alles richtig machen und trotzdem enttäuscht werden. Fehler können irreversible Konsequenzen haben und Figuren tragen Schuld und Scheitern, Trauma und manchmal bleibende physische Behinderungen mit sich – aber oft machen sie trotzdem weiter. Grimdark ermöglicht daher laut Cropley Identifikation mit den Figuren und einen seltsamen Trost, den strahlende, unkomplizierte Held*innen so nicht bieten könnten. Und auf der anderen Seite ist da der auch der Humor, mit dem viele Autor*innen des Genres die Düsternis ihrer Texte balancieren.

Literatur, in der niemand Figuren mit Vorbildcharakter erwartet, wo alle komplex und kaputt sind, ermöglicht es auch im besonderen Maße, Figuren aus marginalisierten Gruppen auf diese Weise zu zeichnen, ohne dass es als Kommentar zu ihrer Identität erscheint. Yoon Ha Lees ideenreicher, düster-schillernder Military-Science-Fantasy-Roman Ninefox Gambit zum Beispiel lässt in einem Setting, in dem Mathematik und Menschenopfer die Schlüssel zur Macht sind, ein sehr vielfältiges Figurenensemble Raumschlachten und Intrigen austragen.  

Nur so gut, wie die Welt erlaubt – Grimdark und sociological Storytelling

Grimdark wird manchmal als eine einzige, anstrengende Parade schlechter Menschen dargestellt, aber in so einigen Fällen ist die tatsächliche Charakterzeichnung komplexer. Das Argument ist oft nicht „der Mensch ist schlecht“, sondern ist vielmehr näher an dem Gedanken einer Figur aus Tad Williams’ Das Reich der Grasländer, die reflektiert, dass Menschen stets nur so gut seien, wie die Welt es ihnen erlaube. Übrigens haben sich Tad Williams und Georg R.R. Martin anscheinend munter gegenseitig Inspirationen zugespielt. Ich würde Der letzte König von Osten Ard, Williams Nachfolge-Trilogie für Das Geheimnis der großen Schwerter, tatsächlich als perfekte Mitte zwischen Das Lied von Eis und Feuer und Der Herr der Ringe charakterisieren. 

Genau diese Überlegung – wie gut können Menschen unter bestimmten historischen Umständen überhaupt sein – ist typisch für Grimdark. Und meiner Meinung nach einer der interessantesten Aspekte des Genres. Wo (wenn ich jetzt einen kleinen Strawman konstruieren darf) so einige Fantasy Auserwählte heraufbeschwört, die die Welt retten und verändern können, lotet Grimdark Fantasy gerne aus, wie sehr Figuren Produkte ihrer Umwelt sind und wie sehr diese ihre Motivation und Handlungsoptionen formt. Zeynep Tufekcis Blogpost über das enttäuschende Ende der Serie Game of Thrones machte eine ganze Reihe von Internet-Nutzer*innen mit einem hilfreichen Begriff für diese Art von Geschichten vertraut, die nicht primär die Psyche und das Schicksal einzelner Figuren erkunden, sondern einen besonderen Fokus darauf legen, wie sie von den Systemen beeinflusst werden, in denen sie sich bewegen: Sociological Storytelling. Eines meiner Lieblingsbeispiele dafür ist Fonda Lees Jade City. Die Reihe verbindet Fantasy und Mafia-Familiensaga in einem ostasiatisch inspirierten Setting. Sie begleitet ihr Figurenensemble über Jahrzehnte und überzeugt mit ihrer sensibel gezeichneten Koevolution der Figuren und der Gesellschaft, in der sie sich bewegen.

Die Settings von Grimdark-Fantasy reproduzieren oft die schlimmsten Seiten unserer Welt in Vergangenheit und Gegenwart oder treiben sie bis zur Absurdität auf die Spitze. Dies hat dazu beigetragen, dem Genre in bestimmten Bubbles seinen Ruf als edgy, apathisch und regressiv einzutragen. Gleichzeitig passt die eben beschriebene Aufmerksamkeit dafür, wie Institutionen und soziale Kontexte Verhalten formen, dafür, dass individuelle Tugend machtlos in zerstörerischen Systemen sein kann, eigentlich gut in eine Zeit, in der wichtige Debatten über systemische und institutionelle Probleme stattfinden. Literatur mit solchen Themen kann ein Bewusstsein für die Bedeutung und den Einfluss systemischer Faktoren hinter dem Verhalten und Schicksal von Menschen schaffen. Sie kann auch ein Gegengewicht zur Just-World-Fallacy liefern, weil Figuren hier eben typischerweise nicht bekommen, was sie verdienen, und ihr Schicksal oft nur begrenzt in der Hand haben. 

“Reine” Grimdark-Literatur (die ich tatsächlich für relativ selten halte) gerät jedoch naturgemäß an ihre Grenzen, wenn es darum geht, Lösungsvorschläge zu liefern und Menschen dazu einzuladen, an eine mögliche bessere Welt zu glauben und darauf hinzuarbeiten. Entsprechend sind die literarischen Gegenbewegungen oder Weiterentwicklungen sehr nachvollziehbar.

Grimdark heute

Heutzutage ist Grimdark-Fantasy auf den Ladentischen und in Diskussionen weniger präsent. Das liegt vielleicht daran, dass Lesende ihres Tons und ihrer Themen müde geworden sind, bestimmt aber auch an ihrer engen Verschränkung mit epischer Fantasy, die in den letzten Jahren stark an Sichtbarkeit verloren hat. Trotzdem erscheinen Bücher in dieser Tradition weiterhin. Richard Swans Im Namen des Wolfes, wo Fantasy auf Jurisprudenz auf Horrorelemente trifft, geht in diese Richtung, ebenso wie der kürzlich veröffentlichte historische Fantasy-Roman The Red Winter von Cameron Sullivan. 

Historisch inspirierte, düstere Fantasy, die Macht, Korruption und moralische Kompromisse erkundet, ist in den letzten Jahren auch in Gestalt von Tasha Suris Die brennenden Reiche und Shelley Parker-Chans Der strahlende Kaiser ins Deutsche übersetzt worden. Die Settings sind von indischer bzw. chinesischer Geschichte inspiriert, mit vielen Frauen- und queeren Figuren in den Hauptrollen, die sich in feindseligen Gesellschaften nach oben kämpfen.

Auch der Impuls, eine zynischere Antwort auf Mainstream-Fantasy zu geben, der für so einige Grimdark-Romane prägend war, lebt weiter. Aktuell ist es aber nicht mehr epische oder heroische Fantasy, gegen die sich eine entsprechende Subversion richten könnte - wie schon in meinem Artikel über die “Eskapist*innenwanderung” weg von klassischer Fantasy erkundet, gibt es aktuell nicht mehr genug klar erkennbare Tropes und Trends, an denen man sich abarbeiten könnte. Dafür sind mir in letzter Zeit Romane begegnet, die sich auf ähnliche Weise gegenüber Romantasy positionieren. Shen Taos The Poet Empress ist sich der Grenzen erlösender Liebe sehr bewusst und erkundet die korrumpierende Wirkung von Macht und zerstörerischen Familiendynamiken. Innamorata von Ava Reid ist zwar primär eine  gothic Hommage an Mervyn Peake, die vor allem durch das Cover und Marketing in die Nähe von Romantasy gerückt wurde, das Buch scheint aber zumindest ein wenig im Dialog mit dem Trendgenre zu stehen. Nicht nur ist wahre Liebe hier durchaus real, aber nicht immer gut für die Beteiligten, der sonst sehr stilisierte Roman bietet einen überraschend realistischen Twist, wenn die Figuren verzweifelt versuchen, die politischen Konsequenzen des jüngsten “Touch her and you die”-Moments zu mildern.

Während z.B. Steampunk ein Trend war, der von seinem Setting und seiner Technologie charakterisiert wurde, wird Grimdark-SFF von ihrem Ton und ihren Themen getragen. Ein Grimdark-Trend ist eine bissige Antwort auf die optimistischere Welle von Fantastik, die ihm vorausging. Entsprechend werden uns vergleichbare Bewegungen in der Phantastik in Abständen immer wieder begegnen. 

Phantastik in diesem Subgenre (Modus? Ton?) ist aber mehr als eine provokative Gegenreaktion auf das, was vorher kam. Sie bringt ihren eigenen Werkzeugkoffer zur Artikulation von Frustration, Wut und Angst angesichts sehr realer Probleme mit. Sie bietet Raum für die Schaffung von nicht durchgehend angenehmen, aber doch irgendwie kathartischen Leseerfahrungen. Entsprechend kann ich viel von der Kritik und dem Überdruss an der Welle von Grimdark-Literatur in den 2010ern nachvollziehen, sehe aber auch viele positive Impulse, die die Phantastik mitgenommen hat.

Swantje Niemann
© privat

Swantje Niemann

Swantje Niemann wurde 1996 in Berlin geboren. Als Leserin, aber auch als Autorin ist sie am liebsten in den verschiedenen Subgenres der Phantastik unterwegs und teilt auch gerne in Blogposts und Rezensionen ihre Eindrücke von Büchern. Sie schreibt unter anderem für das Fanzine „Phantast“. 2021 erschien ihr vierter Roman, „Das Buch der Augen“. Mehr Informationen findet ihr unter https://www.swantjeniemann.de

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