
Backrooms, Obsession - Gibt es bald ein New New Hollywood?
Lars Schmeink, 23.07.2026
Statt inhaltsloser Spektakelberieselung und dem xten Melken der IP-Kuh bieten Filme wie Backrooms und Obsession Stoff für kontroverse Diskussionen über Kunst und Gesellschaft. Lars Schmeink geht der Frage nach, ob daraus ein New New Hollywood entstehen könnte.
Trends und Veränderungen sind Teil des täglichen Geschäfts in Hollywood und waren es schon immer. Als das alte Studiosystem Ende der 1960er Jahre nur noch die immer gleichen, teuren und bombastischen Historienschinken und ausgelutschten klassischen Western produzierte, da schickte sich eine Riege junger hungriger Regisseure (ja, männlich) an, Hollywood zu revolutionieren. New Hollywood war geboren und veränderte die Filmproduktion nachhaltig. Neue Genres, neue Idee, neue Konzepte. Filme wie Easy Rider, Der weiße Hai, 2001: Odyssee im Weltraum oder Die Nacht der lebenden Toten waren radikal anders und wandelten, wie Hollywood Geschichten erzählte. Es entstand ein neues Studiosystem, das bis heute beliebte Intellectual Properties (IP) etablierte, die auf den kommerziellen Erfolgen der 1970er bis 1990er Jahre beruhen: Star Wars, Alien, He-Man, Indiana Jones, Transformers, Jurassic Park, usw. Aber mit den Jahren verkrustete auch dieses System und produzierte nichts Neues mehr. Und so wundert es nicht, dass Hollywood in einer ähnlichen Krise steckt, wie schon Ende der 1960er Jahre.
Große Produktionen wie Star Wars: The Mandalorian and Grogu oder die neue He-Man-Verfilmung Masters of the Universe leiden an Einfallslosigkeit und verlassen sich einzig auf ihren IP-Appeal. Diese IPs aus den 1980er Jahren zielen aber vornehmlich auf die Generationen, die mit ihnen aufgewachsen sind – nicht auf das Publikum der Gen Z, das gerade zwischen 16 und 29 ist. Dass dank KI und immer billiger werdendem CGI auch die Qualität der Filme sinkt wird diesem Trend nicht helfen. Dabei ist es gerade die Gen Z, die aktuell die Kinos bevölkert. Eine aktuelle Studie zeigt, dass ein größerer Prozentsatz der 16 bis 29-Jährigen ins Kino geht und das auch deutlich häufiger als etwa die Boomer oder Gen-Xer. Es stimmt also nicht, wenn Hollywood ganz klagend davon spricht, Gen Z und die Pandemie hätten das Kino zerstört – vielmehr ist das Problem, dass es keine Filme gibt, die speziell das neue Publikum anlocken könnten. Alte IPs und platter AI-Slop sind es jedenfalls nicht – wie es Christopher Nolan in einem aktuellen Interview schön ausdrückte. Vielmehr, so Nolan, sei die Zeit für „taktilere, realere Formen des Erzählens“.
Und genau das scheint die Lösung des Problems: ein radikal reales Erzählen des Kinos, das sich gerade in zwei besonders düsteren Filmen Bahn bricht – in Curry Barkers Obsession und Kane Parsons Backrooms. Stimmig ist, dass sowohl Barker (26 Jahre jung) als auch Parsons (gerade einmal 20) ihren Fame in den sozialen Plattformen und via Webseries auf YouTube erworben haben. Und beiden Filmen ist gemein, dass sie low-budget produzierte Horrorfilme sind, die vor allem von der psychologischen Tiefe ihrer jeweiligen Prämisse leben, von ihrer realen Aussage über die Abgründe des Menschlichen, und eben nicht von Effekten, großen Namen oder der Anbindung an ein bekanntes virtuell-generiertes Multiversum.
In Backrooms verirrt sich ein abgehalfterter Möbelverkäufer in ein extradimensionales Labyrinth untereinander verbundener Hinterzimmer und Lieferantengänge, den sogenannten Backrooms, in denen unbeschreibliche Wesen auf der Jagd nach verirrten Menschen sind. Die Geschichte basiert auf einer Creepypasta, einer Internet-Urban-Legend, die von Fans weitergetragen und ausgebaut wird. Parsons entwickelte schon mit 16 seine ersten Kurzfilme zu genau diesen Backrooms und verteilte sie mittels YouTube an Millionen von Fans. Der Film ist vielseitig interpretierbar, liefert aber vor allem ein intensives Porträt von Trauma, zwischen Freudschem Unbewusstem und Jungschem Schatten-Selbst. Alternativ repräsentieren die Backrooms aber auch die sich ewig kopierenden und immer mehr im Uncanny Valley verschwindende Welten, die von künstlicher Intelligenz produziert werden und keine Orientierung mehr zulassen. Alles Menschliche wird aufgefressen – hohle Echos sind alles, was bleibt.
Ähnlich verstörend und den Menschen aushöhlend ist die Erfahrung von Bear und Nikki in Obsession, der von Barker für gerade einmal 750.000 USD gedreht wurde und bereits mehr als 400 Millionen USD eingespielt hat. Ohne große Effekte zeichnet der Film ein tief beunruhigendes Porträt einer einseitigen Liebe, das sich eigentlich nur als exzessive Allegorie für eine traumatisierende Vergewaltigungserfahrung lesen lässt. Protagonist Bear, der keinerlei verzeihbare Momente in seinem Handeln aufweist, verflucht seine Angehimmelte Kollegin Nikki in einem Anfall von Incel-Wut dazu, ihn zu lieben „wie noch nie ein Mensch zuvor geliebt hat.“ Der Rest der Geschichte ist zwar vorhersehbar – von verstörenden Liebesbeweisen bis zur exzessiven Gewalt gegen Rivalen – aber doch so direkt und tiefgründig erzählt, dass er zur Diskussion einlädt.
Originelle Diskussionsvorlagen
Und genau darum geht es. Im Gegensatz zum Spektakelkino des CGI-Blockbusters bieten Filme wie Obsession oder Backrooms endlich wieder etwas, das sich heiß und kontrovers diskutieren lässt. Es ist die rohe Emotion, die jede Szene versprüht und die sich auf das Publikum ergießt und hinterher verarbeitet werden will. Diese Filme verweigern die Erklärung, sie sind sperrige Kunst im besten Sinne des Wortes. Und sie haben einen nicht visuell weggebombt, während die Story vor sich hin rieselt. Im Gegenteil, weil sie so kryptisch und minimalistisch sind, laden sie ein, eigene Backstorys zu erschaffen, in die sie eingebettet sind. Ganz so wie die narrative Mosaikhaftigkeit der Creepypasta oder die kurze, knackige Form der YouTube-Webseries es fordern. Und genau so, wie das Publikum der Gen Z es aus diesen Medien gewöhnt es.
Die Frage, die nun also im Raum steht ist, ob Gen Z mit ihren neuen Sehgewohnheiten, mit ihrer Forderung nach tiefen, bedeutungsvollen Stories und irgendwie greifbaren Wahrheiten über die menschliche Existenz, ob diese Generation einen Wandel im Denken Hollywoods produzieren kann. Damit wir nicht in den x-ten Remakes und tausendsten Teilen einer ausgelutschten IP festhängen, ist es vielleicht an der Zeit für eine Revolution im Sinne eines New New Hollywood? Denkbar ist es. Und zu hoffen allemal. Erlauben uns doch Filme wie Obsession oder Backrooms, und weitergefasst auch Filme wie The Drama oder Talk to Me, wie Infinity Pool oder Bugonia endlich wieder ein Gespräch – ein Gespräch über Film, Kunst, Wahrheit, Bedeutung.



