Mehr Phantastik

Gewalt in der Phantastik – unvermeidliche Genrekonvention?

Coverausschnitt von »Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten«. Die Silhouette einer Person, die weiblich gelesen werden könnte, steht in einer Kuhle eines Hügels oder Berges vor einem grün leuchtenden Sternenhimmel.

Lena Richter und Judith Vogt, 15.01.2026

Kann Phantastik ohne Gewalt auskommen? Würde das die Spannung nehmen? Warum wird die Gewalt in der Phantastik eigentlich nicht viel öfters hinterfragt? Diese und mehr Fragen stellen Lena Richter und Judith Vogt.

Die Phantastik ist ein sehr „körperliches“ Genre: Wer mit Fantasybüchern sozialisiert wurde, hat darin mit hoher Wahrscheinlichkeit sowohl seine*ihre ersten expliziten Sexszenen als auch detailreiche Beschreibungen von Wunden und vielleicht auch zum ersten Mal Darstellungen von psychischen Traumata und posttraumatischen Belastungsstörungen gelesen. 

Wie Noah Stoffers in einem witzigen Instagram-Reel zwischen einem Küchenmesser und Chilischoten erklärte, haben Sex- und Kampfszenen nicht unwesentliche Überschneidungen: Spannung zwischen Figuren baut sich auf und entlädt sich in einem körperlichen Aufeinanderprallen, Körperteile müssen sortiert werden, Autor*innen müssen die Entscheidung treffen, wie explizit sie in der Beschreibung werden wollen – und nicht selten gerät beides mehr oder weniger unrealistisch. 

Worin sich diese beiden körperlichen Aspekte allerdings ziemlich unterscheiden, ist wie bzw. ob überhaupt darüber gesprochen wird – auch im Hinblick darauf, wie bzw. ob es beim Vermarkten des Buchs eine Rolle spielt. Da romantische und auch „smutty“ Fantasy aktuell Hochkonjunktur hat, sprechen Leser*innen offen darüber, was ihnen an Sexszenen gefällt, Autor*innen und auch Verlage teilen Büchern eine Anzahl Chilischoten zu, um das „Spice-Level“ vorab zu kommunizieren, und Schreibende denken auf Social Media laut darüber nach, ob ihre Bücher die angemessene Menge Sexszenen enthalten und in welchen Kapiteln wie viele davon zu finden sind. 

Vier von fünf gekreuzten Schwertern 

Eine vergleichbare Auseinandersetzung mit Kampfszenen gibt es nicht, auch keine Anzahl gekreuzter Schwerter oder vergossener Blutstropfen auf Verlagswebsite oder Buchrückseiten, die ankündigen, wie explizit der Roman Gewalt darstellt. Autor*innen fragen sich bislang auch nicht live, ob ihr Buch zu viele oder zu wenige Kampfszenen aufweist. Natürlich findet man auch in der Phantastik ab und an Inhaltshinweise, bei denen Gewalt, Waffen, Blut oder auch spezifischere Elemente wie Folter, Verlust von Gliedmaßen oder von vielen als eklig empfundene Dinge wie Body Horror, Nadeln oder irgendwas mit Augen (uaaah) aufgeführt sind, damit Leser*in weiß, worauf dey sich einlässt. An dieser Aufzählung lässt sich eigentlich schon ablesen, dass es so etwas wie „normale Fantasy-Gewalt“ zu geben scheint, einen Leser*innen-Autor*innen-Konsens darüber, dass wir Gewalt in der Phantastik erwarten und auch in etwa, welche. 

Das liegt sicherlich auch (oder vor allem?) daran, dass die Phantastik oft (nicht immer) Welten entwirft, in denen körperliche Gewalt zur „Realität“ gehört: Es herrschen Kriege, marodierende Söldner*innenbanden ziehen umher, Raumschiffe beschießen einander, Thronfolger*innen werden ermordet, Duelle werden verabredet, gewaltsame Intrigen geplant. 

Uns fällt noch eine andere Spielart der Genre-Literatur ein, in der Gewalt zur Konvention gehört: Thriller bzw. Krimi. Die Darstellung ist allerdings eine ganz andere als in der Phantastik. Die Lust am Voyeurismus und möglichst grauslichen Todesarten bei den ganz explizit gewaltsamen Ausprägungen dieser beiden Genres wirkt anders als Schwertkämpfe oder Raumschiffschlachten in der Phantastik. Das liegt unserer Meinung nach daran, dass im Krimi/Thriller die Gewalttat eine größere Grenzübertretung darstellt – unsere eigene Welt bildet den Hintergrund der Geschichte, und darin ist Gewalt zwar ebenfalls traurig allgegenwärtig (dazu später mehr), aber bis auf Institutionen, die das Gewaltmonopol innehaben, geächtet. 

In den phantastischen Genres greifen oft sowohl Antagonist*innen als auch Protagonist*innen auf Gewalt zurück. Phantastik existiert oft in einem Spannungsfeld zwischen „Was macht es mit Menschen, Gewalt auszuüben oder zu erleiden?“ und „Es ist trotzdem dramaturgisch meist das Mittel der Wahl“. Dabei kann man sicher den wenigsten Autor*innen Freude an Gewalt unterstellen – trotzdem entwerfen wir meist Settings, in denen Gewalt die Story antreibt und oft genug auch entscheidet. Warum ist das so? 

Gewalt als Spannungselement

Grundsätzlich setzen wir Action oft mit Gewalt gleich – einfach, weil wir es so gewohnt sind, auch aus den visuellen Medien wie Filmen und Serien. Action-Storytelling, gerade in visuellen Medien, beeinflusst das Schreiben, und viele Autor*innen orientieren sich an dem, was sie selbst gesehen haben, also beispielsweise an der Dramaturgie von Marvel-Filmen, Netflix-Serien und Co., obwohl die verschiedenen Medien nicht auf dieselbe Weise funktionieren (aber das ist vielleicht ein Thema für einen weiteren Essay).

Verbunden mit diesen filmischen Vorlagen, aber auch mit Computer- oder Pen-and-Paper-Spielen, ist ein oft vorhandener unrealistischer Umgang mit Verletzungen. In der Realität würde eine einzige mittelschwere Schnitt- oder Stichverletzung ausreichen, um Krankenhaus, Arbeitsunfähigkeit und womöglich auch Maßnahmen zur Wiederherstellung der Funktion eines Körperteils zu benötigen. In der Fiktion stellen schwere Verletzungen oft keine große Einschränkung dar – ein Streifen Stoff drumgebunden und weiter geht’s. Durchaus verständlich, denn wer möchte schon, dass der Actionfilm nach der ersten Kampfszene endet, weil die Hauptfigur ins Krankenhaus muss? Aber damit werden Gewalt und Verletzungen auch als weniger schlimm (und damit normalisierbar) gezeigt. Andere Darstellungen können aber auch sehr interessant sein: In Becky Chambers Roman „Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten“ gerät die zivile Crew der Wayfarer in einen bewaffneten Übergriff durch eine andere Raumschiffcrew. Wie sehr die Figuren davon mitgenommen werden, von einer Waffe bedroht worden zu sein und wie sie damit danach umgehen, ist sehr berührend (und wesentlich näher an der Realität).

Gleichzeitig sind Szenen, in denen Gewalt eine Rolle spielt, auch einfach oft das leichteste Mittel, um Spannung zu erzeugen. Ob Schwertduell, Autoverfolgungsjagd oder Kampf zwischen Raumschiffen: Es ist sofort klar, was auf dem Spiel steht, nämlich im Zweifel das Leben oder zumindest die Unversehrtheit der Figuren. In anderen Formen von Auseinandersetzungen ist es oft erstmal nötig, die Auswirkungen vorher zu erklären. So funktionieren zum Beispiel fast alle Courtroom Procedurals, in denen meist eine sympathische Figur als Symbol für ein rechtliches Problem fungiert und oft im Schnelldurchlauf erklärt wird, warum eine Zeugin, ein Schriftstück oder eine bestimmte Verhandlungstaktik jetzt aber wirklich das Einzige ist, was den Anwält*innen dabei hilft, diese sympathische Person zu retten. Diesen Vorbau braucht es aber, damit man mitfiebern kann. Bei zwei Personen, die ihre Waffen ziehen, braucht es ihn nicht. 

Elemente, die mit Gewalt zu tun haben, dienen außerdem oft als Grundlage für Figurenentwicklung und Weltenbau. Die Kämpferin, die Schwertkampf übt, bis sie ihre Ausbilderin endlich besiegen kann, bringt Motivation, Entwicklung und Agenda gleich mit. Die Raumschiffcrew, die als einzige für einen Auftrag infrage kommt, weil ihr Schiff die nötigen Waffen und Schilde besitzt, ist damit ebenfalls gleich charakterisiert und die Seltenheit solcher Waffen sagt auch etwas über das Setting aus. Natürlich kann man all das auch mit anderen Elementen erreichen, die nichts mit Kämpfen oder Gewalt zu tun haben – es ist aber, gerade in Buchform, schon eher die hohe Kunst, einen Backwettstreit, ein Rededuell oder eine langfristige politische Kampagne genauso mitreißend zu gestalten. Gleichzeitig liegt darin auch eine Herausforderung ans eigene Handwerk, die viel Spaß machen kann.

Wo beginnt Gewalt?

Es ist allerdings generell zu kurz gedacht, wenn man bei Gewalt nur an körperliche Gewalt denkt. In Realität wie Phantastik geht bewaffneten oder körperlichen Auseinandersetzungen oft das Auflehnen gegen andere Formen von Gewalt voraus. Staatliche und institutionelle Gewalt sind ebenso real und können ebenso tödlich sein. Manchmal geschieht das z. B. durch Polizeigewalt, aber es gibt auch tödliche Gewalt ohne das Ausüben eines Gewaltmonopols im körperlichen Sinne. Wir müssen dazu nicht in die Phantastik schauen, um Beispiele zu finden. Die juristische und gesundheitspolitische Gewalt gegen trans Menschen tötet; der kanadische Weg, kranken und behinderten Menschen statt Pflege und Therapien nur noch Sterbehilfe anzubieten, tötet; das Stigmatisieren und Im-Stich-Lassen der queeren Community in der AIDS-Krise hat unendlich viele Leben gekostet. Die Stonewall-Riots wurden genauso mit Gewalt geführt wie die Kämpfe um das Frauenwahlrecht, weil lieb sein und nett fragen, ob man bitte auch Rechte haben darf, gegen diese staatliche Gewalt nicht ausgereicht haben.

Es gibt Gewalt durch Regierungen, durch Organisationen, durch kapitalistische Strukturen, durch das Patriarchat. Es gibt psychische und finanzielle Gewalt, beispielsweise in Missbrauchsbeziehungen. Und das Auflehnen gegen diese Gewalt kann in körperliche, bewaffnete Konflikte münden – die aber eine Reaktion sind. (Hörtipp hierzu: Der Podcast „Nerd ist ihr Hobby“ hat zwei sehr gute Folgen zu queerer und weiblicher Wut gemacht, in denen das noch mal sehr schön aufgedröselt wird, u. a. am Beispiel von Stonewall.)

Gerade entlang des Konflikts, dass körperliche Gewalt vielleicht nicht wünschenswert, aber manchmal das letzte mögliche Mittel gegen andere Formen von Gewalt ist, lassen sich interessante Geschichten erzählen. Das gilt auch für Auseinandersetzungen, in denen gerade eskalierende Gewalt und größere Kämpfe um jeden Preis verhindert werden müssen, oft aus einer Position heraus, in der weniger mächtige Figuren das tun – hierzu gibt es beispielsweise mehrere sehr schöne und spannende Plots in der Serie „The Expanse“.

Bewusster Einsatz

Wenn wir uns fragen, ob in der Phantastik Gewalt einfach dazugehört, machen wir im Prinzip das, was die progressive Phantastik ohnehin tut: Wir nehmen den Rucksack mit den Genre-Elementen vom Rücken, packen ihn aus und schauen, ob wir all das, was sich schon gepackt darin befindet, überhaupt brauchen. 

Gewalt, auch explizite, grausame, brutale Gewalt kann genau das sein, was eine Geschichte braucht, gerade im Bereich Dark Fantasy oder Horror und gerade auch aus marginalisierter Perspektive. Über Gewalt zu schreiben oder zu lesen kann empowernd sein, kathartisch, befreiend. Wir lehnen es ab, Gewaltdarstellungen grundsätzlich abzulehnen.

Gleichzeitig kann es nicht schaden, den Einsatz von Gewalt zu reflektieren und zu hinterfragen. Befinden sich Gewaltszenen in der Geschichte, weil die Geschichte davon profitiert oder „weil man das eben so macht“? Braucht es eine beiläufige, fast computerspielartige Schilderung von Gewalt, um das Setting zu definieren, oder geht das auch mit anderen Mitteln? Wie stehen die Figuren der Geschichte zu körperlicher Gewalt? Sind sie überhaupt (alle) dazu in der Lage, diese auszuüben oder einzustecken? Wie realistisch soll die Darstellung sein, was z. B. die Folgen von Verletzungen angeht? Welche Formen von Gewalt kommen vor und wie werden diese von den Figuren der Geschichte bewertet?

Dabei ist es absolut wertvoll, sich vor Augen zu führen, aus welchen Gründen Strategien von Gewaltlosigkeit erfolgreich waren: Wer dahingehend Inspiration sucht, ist beim Sachbuch „Dies ist ein Aufstand – Wie gewaltfreier Widerstand das 21. Jahrhundert prägt“ von Mark und Paul Engler an der richtigen Adresse. Die Autoren sammeln in ihrem Buch vor allen Dingen Beispiele aus dem 20. Jahrhundert und arbeiten die Gemeinsamkeiten heraus. So kann gewaltfreier Widerstand dann gelingen, wenn die mächtigere Partei durch diese Gewalt etwas zu verlieren hat. Beispielsweise, wenn die Kinder der hochrangigen Militärs Teil der Protestbewegung sind, wie das in Jugoslawien der Fall war, oder wenn die öffentliche Stimmung kippt, weil sich Polizeigewalt gegen friedlich protestierende Schüler*innen richtet, wie es in der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung geschehen ist. 

Sich bewusst zu machen, wann und wie Gewaltlosigkeit funktionieren kann, öffnet auch die Tür zu einer größeren Vielfalt von Geschichten.

 

Um Gewalt in der Phantastik geht es auch in der aktuellen Folge des Podcasts Genderswapped von Lena Richter und Judith Vogt.

Lena Richter

Lena Richter

Lena Richter ist Autorin, Lektorin und Übersetzerin mit Schwerpunkt Phantastik. Ihre Science-Fiction-Novelle „Dies ist mein letztes Lied“ erschien im Februar 2023 beim Verlag ohneohren. Außerdem veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Essays und Artikel. Lena ist eine der Herausgeber*innen des Phantastik-Zines Queer*Welten und spricht gemeinsam mit Judith Vogt einmal im Monat im Genderswapped Podcast über Rollenspiel und Medien aus queerfeministischer Perspektive. Ihr findet sie auf ihrer Website lenarichter.com , auf Instagram unter @catrinity_ und auf BlueSky und Mastodon unter @catrinity

Judith Vogt

Judith Vogt

Judith Vogt, aufgewachsen in einem Hundert-Seelen-Dorf in der Nordeifel und gelernte Buchhändlerin, steht seit 2010 als Schriftstellerin am anderen Ende der Buchnahrungskette. Sie lebt in Aachen und schreibt Romane, Rollenspiele, journalistische Artikel und Übersetzungen in ihrem Lieblingsgenre Phantastik und SF.

https://www.jcvogt.de

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