
Ritterinnen in der Fantasy - Und wie sie die Ritterlichkeit retten
Christian und Judith Vogt, 22.10.2026
Ritterliches Verhalten, gibt es das eigentlich noch? Und verstehen wir alle das Gleiche darunter? Christian und Judith Vogt zeigen uns, wie das Ganze aus weiblicher Perspektive aussehen könnte und welche Bereicherung Ritterinnen für die phantastische Literatur sind.
Uns Phantast*innen wird ja oft nachgesagt, dass wir eine engere Verbindung zu unserem inneren Kind haben als viele andere Menschen.
Und die meisten inneren Kinder in Europa kriegen leuchtenden Augen beim Gedanken an Ritter und Ritterlichkeit. Die Ideale des Rittertums wie Tapferkeit, Opferbereitschaft, Ehrenhaftigkeit, Höflichkeit, Loyalität, der Schutz der Schwachen berühren bei vielen etwas in der Seele.
Aber dieses Gefühl haben wir begraben.
Ritterlichkeit ist tot.
Waffenknechte und Raubritter
Schon im Mittelalter wurden ritterliche Ideale überhöht. In Form der Artussagen strahlt dies bis ins hier und jetzt, beeinflusst unsere Geschichten und Spiele. Aber spätestens seit Game of Thrones herrscht ein authentischeres Ritterbild in den Medien vor. Für historisches Rittertum waren Ideale eher ein Deckmantel, der den düsteren Kern verbarg, und im besten Fall seine schlimmsten Auswüchse im Zaum hielt.
Ritter waren Experten für Gewalt und machten von ihrer Expertise reichlich Gebrauch. Sie standen in einem feudalen System, das die überwiegende Zahl der Menschen zugunsten weniger Mächtiger benachteiligte, auf der Gewinnerseite. Ihr religiöser Fundamentalismus machte sie zu den ausführenden Organen der verbrecherischen Kreuzzüge. Einige scheuten auch nicht davor zurück, ihre militärische Macht als Raubritter außerhalb von Recht und Ordnung ausschließlich zur persönlichen Bereicherung zu nutzen.
Das wissen wir. Aber warum üben Schwerter, Rüstungen, Tjost, Burgen und Minne dennoch eine solche Faszination auf uns aus? Während uns die Kreuzzüge heute menschlich eher abstoßen, es sei denn, wir heißen Peter Hegseth.
Manchmal ist das Ideal wichtiger als das historische Vorbild. Und warum auch nicht? Wenn dieses Ideal dafür sorgt, dass wir beispielsweise anderen in einer Notlage helfen, dass wir eine Fundsache zurückgeben, dass wir aufstehen, wenn jemand bedroht wird. Ritterlichkeit ist Zivilcourage.
Was ist so schlecht daran? Nun, leider kommt Ritterlichkeit selbst in ihrer idealen Form immer mit einer Macht- und Gender-Komponente daher.
Von Männern und Minne
Ritter waren Männer (nicht immer, aber fast immer), privilegierte Männer. In unserer patriarchal geprägten Gesellschaft schwingt das beim Wort Ritterlichkeit immer mit: Ritter sind mächtig, daher können sie helfen, sie haben Besitz, daher können sie großzügig sein, sie sind stark, daher können sie heldenhaft sein, aber sie bestimmen daher auch, wo es lang geht. Sie dienen aus einer Position der Herrschaft heraus, oder sie tun es nicht, wenn es ihnen so beliebt.
Und wenn ein Ritter tatsächlich das eigene Berufsethos ernstnimmt, geht es gar nicht so sehr um Konzepte wie die Verteidigung von Freiheit oder das Streben nach sozialer Gerechtigkeit, sondern um die Waffentreue gegenüber dem Lehnsherrn und/oder Gott. Der Schutz der Schwachen bezieht sich zwar auch auf die eigenen Bauern, im besten Fall erfüllt sich dieses Ideal aber in der Verteidigung der Ehre einer hohen Dame.
Diese Form von Verehrung, die Minne, ist auch als literarische Gattung nicht gerade unkompliziert, deshalb möge man uns verzeihen, dass wir sie der Kürze halber etwas vereinfachen: In der Minne werden adlige Frauen (ob verheiratet oder nicht) von Rittern in entbrannter Liebe gepriesen, ohne dass sich die Ritter aufgrund des Standesunterschieds Hoffnung auf die Erfüllung ihrer Liebe machen dürfen. Diese Situation, eine eher geistige Liebe, die über das körperliche Verlangen triumphiert, klingt ungeheuer romantisch und schreit gleichzeitig nach verbotener Sehnsucht und heimlichen Affären. Kein Wunder also, dass unsere Geschichten und Gebräuche voller Mann-beschützt-Frau- und Mann-trägt-Frau-auf-Händen-Themen nur so strotzen. Nicht von ungefähr kommt die Bezeichnung „Kavalier“ von „Chevalier“, dem französischen Begriff für Ritter.
Aber das romantische Bild ist nur ein dünner Lack, unter dem etwas Dunkleres lauert: Die Frau ist hier nie Subjekt ihrer Geschichte, sondern immer nur das schöne, schützenswerte, passive Objekt, das nicht über das eigene Schicksal bestimmen kann. Trotz aller Überhöhung und Unerreichbarkeit steht am Ende der Geschichte der Verehrten die Erfüllung ihrer traditionellen, auf die häusliche, höfische und mütterliche beschränkte Rolle. Frauen, die eigene Wege gehen, verkommen schnell zu bösartigen Zauberinnen. Gleichzeitig bleiben alle Frauen auf der Strecke, die nicht ins Ideal passen. Es geht der Minne um eine besondere Sorte Damen: schön, gebildet, von Stande, und vor allem dazu bereit, die ihnen zugewiesene Rolle zu erfüllen.
Rollentausch
Es ist unmöglich, das Konzept Ritterlichkeit von Macht- und Geschlechterkomponenten zu befreien. Es sei denn, man ändert die Spielregeln, und das bringt uns zu Ritterinnen.
Diese stellen nicht nur eine Powerfantasy dar, um als Frau aus traditionellen Verhaltenszuweisungen zu entkommen. Ritterinnen und alle Herumritternden, die sich nicht in traditionelle Männlichkeitsbilder pressen lassen, sind befreit von historischem Ballast. Sie können ritterliche Ideale ohne die implizierten Schattenseiten verkörpern. Vielleicht sind sie deswegen aktuell so beliebt, gerade in einer Gegenwart, die Männlichkeit zwischen dem Hinterfragen klassischer Rollenbilder und dem frauenverachtenden, herrschsüchtigem Selbstbild von Andrew-Tate-Jüngern neu verhandelt.
Eine Frau mit Schwert übertritt anders als die Zauberin, die eine ihr zugedachte Macht ausübt, ein Tabu. Sie nimmt die Rolle der Ausübenden körperlicher Gewalt ein, die ihr nicht zusteht. Als Mann verkleidet, hüllten sich schon Figuren wie Prinzessin Fantaghirò und Alanna in eine Rüstung und faszinierten uns, indem sie Mädchen verschlossene Wege zu Heldinnentum aufzeigten. Durch das Geheimnis um das eigene Geschlecht und die Herausforderung, sich in ungewohnten Rollenmustern beweisen zu müssen, tauchen in diesen Geschichten zudem einzigartige Konflikte und auch romantische Verwicklungen auf, die in der Form Geschichten für männliche Ritter (zumindest jene in der cis hetero Geschmacksrichtung) irrelevant sind.
Ritterinnen spielen durch ihre bloße Existenz mit unseren Erwartungen von Geschlechterrollen. Das kommt in The Isle in the Silver Sea von Tasha Suri gut zur Geltung. Auf besagter Insel werden Sagen und Märchen immer wieder durch neue Personen verkörpert, die als Avatare zum Wiederholen ihrer Geschichten verdammt sind. Das gilt auch für das Märchen vom Ritter und der Hexe, die sich immer wieder verlieben und gegenseitig vernichten. Bis der Ritter von einer Frau verkörpert wird, dazu noch von einer Frau of Color, und sich das Potential auftut, mit dem eigenen Schicksal zu brechen. Die Macht von hinterfragten Rollenbildern zum Aufbrechen alter Muster ist hier direkt in die Romanhandlung eingeschrieben.
Viele dieser Romane spielen in Britannien oder einer Fantasy-Variante der britischen Inseln – daran ist natürlich König Artus schuld, der wie kein anderer unser Bild vom Rittertum geprägt hat. Dies ist auch in The Bright Sword von Lev Grossman der Fall. Der Roman orientiert sich stark an der hochmittelalterlichen Artusliteratur in der Hochphase des Rittertums, nicht an deren frühmittelalterlichen Sagen-Vorbildern. Allerdings spielt die Handlung kurz nach dem Untergang der Tafelrunde Camelots. Hier liegt der Fokus nicht auf den altbekannten Recken, sondern auf ungewöhnlichen Held*innen, die in den Sagen sonst gar nicht oder nur am Rande vorkommen, und gerade durch ihren einzigartigen Hintergrund besonders interessant sind. Ritterliche Ideale werden hier von marginalisierten Rittern hochgehalten, während sich die strahlenden Helden vom Traum Camelots längst abgewandt haben, weil es dort keinen Ruhm mehr zu gewinnen gibt. Eine Ritterin ist nicht dabei, aber eine Magierin im Schatten ihres Meisters und ein trans Mann, der ähnliche Vorbehalte durchleben musste wie die Ritterinnen in diesem Artikel.
In Nicola Griffiths Roman Speer, der dem Frühmittelalter im Look and Feel die Treue hält, steckt in der Rüstung eines berühmten Mitglieds der Tafelrunde tatsächlich eine Frau, unerkannt von ihren Gefährten, aber durchaus passend zu bekannten Erzählungen rund um diese Figur. Die Autorin nutzt das Geschlecht ihrer Ritterin geschickt, um nicht in die Falle ausgelutschter Auserwählten-Tropes zu fallen. Die Protagonistin ist nicht mit den Selbstverständlichkeiten ihrer männlichen Kollegen indoktriniert und nutzt so ihre Gaben nicht zum persönlichen Triumph, sondern zum Wohl ihrer Gemeinschaft.
Bei Ritterinnen in einer Welt der Männer darf Brienne von Tarth aus Das Lied von Eis und Feuer nicht fehlen. Sie stellt eine pure Verkörperung ritterlicher Ideale und moralischer Grundsätze dar. Es braucht eine Frau, die sich in ihrer Rolle beweisen muss, um in einer Welt von Verrat und Gewalt Ritterlichkeit wirklich zu leben. Und sie färbt ab: Auch ihr Knappe Podrick Payn ist sehr viel mehr Ritter als viele andere. Das zeigt auch, dass Ritterinnen einen guten Einfluss auf ihre männlichen Kollegen haben, wenn die Männer sich darauf einlassen. Ritter ist nicht der einzige männlich-zugeschriebene Beruf, auf den das zutrifft.
Grenzübertritte
Wir sehen, Ritterinnen überschreiten Grenzen. Das tun sie auch in Erzählwelten, in denen eine Ritterin nichts Besonderes ist, z.B. in The Fireborn Blade, einer Novelle von Charlotte Bond, in der eine Ritterin auszieht, um einen Drachen zu erschlagen und eine Maid in Nöten zu retten. Klassischer geht es kaum, und dennoch passiert hier eine Grenzübertretung des altbekannten Rollenbilds. Die Ritterin ist queer – wie so viele ihrer literarischen Kolleginnen. Das ist auch für weniger klassische Geschichten wahr, z.B. beim Horror-Fantasy-Roman The Starving Saints von Caitlin Starling. (Und auch die Autor*innen dieses Texts versuchen sich zurzeit an einem queeren Ritterinnen-Roman, der all die bisher erwähnten Themen auslotet; Arbeitstitel Die reinen Herzens sind.)
Wenn Ritterinnen schon eine Tätigkeit eingehen, die Leben beendet und nicht Leben umhegt, wie es von Frauen traditionell erwartet wird, warum dann nicht auch jemanden lieben, der von der Gesellschaft nicht vorgesehen ist?
Die Häufigkeit von queeren Ritterinnen hat aber noch einen weiteren Hintergrund: das Trope „die Maid in Nöten“. Wir wollen Geschichten von Rettung aus Gefahr, von Tapferkeit, um das Schöne und Verletzliche zu bewahren. Und warum auch nicht? Wenn das Schöne und Verletzliche aber von einem Mann verkörpert wird, verkommt die Geschichte oft zur Satire – ob gewollt oder ungewollt. Ein Mann, dessen wesentliche Rolle in der Handlung darin besteht, gerettet werden zu müssen, dient nicht als Love-Interest, soweit sind wir gesellschaftlich noch nicht. Schade, dabei liegt hier eigentlich viel ungenutztes erzählerisches Potential.
Queere Ritterinnen (oder zumindest mit Klingen bewaffnete Frauen, auch bekannt als Sword Lesbians) sind längst ihr eigenes Trope, wie Jade und Kit aus der Willow-Serie, Adora aus She-Ra oder Xena (die zwar nicht kanonisch lesbisch ist, aber eine Ikone der Lesbenbewegung) – häufig verschränkt mit einem Prinzessinnen-Trope. Es gibt mit Charmante Schwertlesben sogar ein eigenes Rollenspiel dazu.
Es scheint außerdem ein erfreulicher Nebeneffekt zu sein, dass diese Schwert-Lesben seltener als ihre hetero Kolleginnen in sexualisierte, an letalen Stellen ungeschützte Rüstungen gezwängt werden (Stichwort boob-shaped Armor).
Ritterlichkeit ist für alle da
Ist die Ritterlichkeit nun doch gerettet? Aber nur für Frauen?
Das kommt darauf an, wie wir Ritterlichkeit für uns definieren. Und hier können wir von Ritterinnen lernen.
Ritterlichkeit kann ganz einfach bedeuten, für andere zu tun, was sie nicht selbst tun können, oder eine Aufgabe zu übernehmen, um die sich niemand reißt. Für andere einzustehen, ohne sich über sie zu stellen. Sich zu überwinden, ohne später einen Gefallen einzufordern. Egal ob männlich, weiblich oder weder noch, man muss nicht gleich einen Drachen erschlagen; vielleicht kann man damit anfangen, Stärke und Verantwortung zu zeigen auf einem Gebiet, das einer*m für gewöhnlich nicht zugetraut wird oder außerhalb der eigenen Komfortzone liegt.
So interpretiert kann Ritterlichkeit doch etwas sein, was wir uns bewahren sollten.

Christian Vogt
Christian Vogt, Jahrgang 1979 und promovierter Physiker, kombinierte seine Vorliebe für Naturwissenschaft und Schriftstellerei in Fantasy- und Science-Fiction-Welten. Gemeinsam mit seiner Partnerin Judith veröffentlichte er zahlreiche Romane, darunter den historischen Fantasykrimi Anarchie Déco , den Histo-Fantasy-Roman Schildmaid: der Lied der Skaldin sowie den hisotorischen Roman Ich, Hannibal. Mit Mutterentität erschien 2024 eine Solo-Novelle von ihm. Außerdem hat er als Spieldesigner bereits mehrere Pen&Paper-Erzählspiele veröffentlicht.

Judith Vogt
Judith Vogt, aufgewachsen in einem Hundert-Seelen-Dorf in der Nordeifel und gelernte Buchhändlerin, steht seit 2010 als Schriftstellerin am anderen Ende der Buchnahrungskette. Sie lebt in Aachen und schreibt Romane, Rollenspiele, journalistische Artikel und Übersetzungen in ihrem Lieblingsgenre Phantastik und SF.











