Mehr Phantastik

Carrie - Die Hölle von Social Media

Szene aus

Lars Schmeink, 15.10.2026

Braucht es wirklich eine vierte Neuverfilmung von Stephen Kings Debütroman Carrie? Kann Horror- und King-Spezialist Mike Flanagan da wirklich noch etwas herausholen? Wie viel King noch in der neuen Serie steckt und ob es gelungen ist, den Stoff in die Moderne zu holen, erklärt euch Lars Schmeink.

Über 60% aller Jugendlichen in Deutschland ist schon einmal mit Cybermobbing in Berührung gekommen, und knapp 18% sind Opfer solcher Attacken geworden. Auch unter Erwachsenen ist der Anteil nur geringfügig niedriger. Angesichts dieser Zahlen kann man das Thema als brisant und relevant für unsere heutige Social-Media-lastige Zeit sehen. Passend also, dass der Serienmacher und Regisseur Mike Flanagan (Spuk im Hill House, Der Untergang des Hauses Usher) für sein neuestes Projekt ausgerechnet dieses Thema aufgegriffen hat. Für die neue Serien-Adaption des Stephen King Klassikers Carrie (seit dem 07.10. auf Amazon Prime), im Original bereits 1974 erschienen, versetzt Flanagan die Handlung in unsere heutige Zeit und macht das digitale soziale Geflecht einer High School zum Ort des Grauens für die tiefreligiös und abgeschottet aufgewachsene Carietta White (Summer Howell). Die Hölle, das sind die anderen. Und die sind auf Instagram.

Nach dem Tod des Vaters, werden die Behörden erstmals auf Carrie und ihre Mutter Margaret (Samantha Sloyan) aufmerksam und ordnen für die bis dahin heimbeschulte Carrie an, dass diese auf die High School gehen muss. Das weltfremde Mädchen ist anders, wird schnell als Außenseiterin gesehen und wegen ihres fehlenden Wissens um Sozialverhalten und heutige Normen ausgegrenzt. Es dauert nicht lang, bis eine frustrierte Mitschülerin Carrie als Fokus einer Social-Media-Kampagne nutzt und einen anonymen Instagram-Account namens „Carrie Red“ startet, auf dem fieseste Gerüchte und Anschuldigungen gegen die Schüler*innen und später sogar die Erwachsenen im Umfeld der Schule verbreitet werden. Jegliches von der Norm abweichendes Verhalten wird hier an den digitalen Pranger gestellt und zur Belustigung aller für Kommentare freigegeben. Carrie wird zur Identifikationsfigur des Accounts, zum Sündenbock einer ganzen Gemeinschaft, deren Hass und Abneigung auf sie projiziert werden. Am Ende steht, was wohl kaum noch ein Spoiler ist, der berühmte Moment, an dem Carrie mit Schweineblut überzogen der Lächerlichkeit (und den Handykameras) preisgegeben auf der Bühne ihres Abschlussballs steht, um dann bitterlich Rache zu nehmen an all ihren Peinigern. Denn Carrie ist, im Roman wie in der Serie, mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet und in der Lage ihre telekinetischen Fähigkeiten auf destruktivste Art und Weise einzusetzen und die ganze Schule, später sogar den ganzen Ort niederzubrennen.

Neu ist dabei, dass wir in Flanagans Version deutlich mehr Sympathie mit Carrie haben und ihre Fähigkeiten nicht einfach als Ausgeburt des Bösen gedeutet werden – etwas, das sowohl bei King als auch in anderen Adaptionen immer wieder den Horror-Aspekt der Geschichte ausmachte. (Der Werbespruch zum Film von 1976 lautete: Wenn du Geschmack am Terror gefunden hast, dann nimm Carrie als Date auf den Abschlussball mit.) Flanagan hingegen zeichnet beide White-Frauen, Carrie und ihre Mutter Margaret, als Spielbälle einer Welt, die sie nicht kennen und für die sie nicht bereit sind. Und er gibt ihnen nachvollziehbare und gegensätzliche Motivationen – Margaret will ihre Tochter vor den Gefahren der Welt beschützen, Carrie will ein normaler Teenager sein und die Welt erkunden. Beide aber scheitern. Margaret, weil sie Carrie nicht vor einem digitalen Mob retten kann und sich beim Versuch selbst in den Weiten der Social Media verliert. Sie wird Elternrechte-Influencerin und startet eine Medienkampagne gegen Cybermobbing – wodurch schnell ihr eigener Einfluss an Bedeutung gewinnt. Dadurch aber verliert sie den Bezug zu ihrer Tochter, die diese auf ihre Kosten generierte mediale Aufmerksamkeit als Vertrauensbruch wertet.

Carrie hingegen verliert, weil die Umstände es nicht zulassen, dass sie sich an die sozialen Normen der anderen Schüler*innen anpassen kann. Die Handlung der Serie ist gerahmt von Ausschnitten einer Dokumentation, die Carries telekinetische Fähigkeiten einordnet und sie als Teil einer Gruppe von Frauen sieht, die historisch für diese oder ähnliche Fähigkeiten gejagt und verurteilt wurden – von den Hexenverbrennungen bis zur psychiatrischen Einweisung. Diese Frauen, so verdeutlicht der Kommentar der Dokumentation, stehen in der Serie aber nicht als das Böse ein, sie sind kein Ausdruck des Horrors, sondern vielmehr missverstanden und von der Gesellschaft ausgeschlossen, weil sie anders sind und Fähigkeiten jenseits der Norm haben. Flanagans Interpretation des Romans ist somit eine feministische – eine Position, die weder Brian de Palma in seiner 1976er-Version, noch Kimberley Pierce in der 2013er-Version gelang und somit die Serie aktueller denn je macht. Insbesondere gilt dies, betrachtet man, dass es überproportional Frauen trifft, wenn online Hass und Häme ausgeschüttet werden. 

Denn, und das ist die zweite Neuerung der Serie, nicht nur Carrie wird Opfer des Mobbings durch ihre Mitschülerin Chris Hargensen (Alison Thornton), sondern die ganze Schulgemeinschaft. Wo 2013 noch ein einzelnes YouTube-Video Carries mediale Tortur repräsentierte, da wird dank anonymem Instagram-Account in Flanagans Version ein Online-Pranger aufgebaut, an dem jeder zum Opfer der digitalen ‚Hexenjagd‘ werden kann. Gerüchte über vermeintliche Schwangerschaften, Fremdgehen, Krankheiten oder Liebesaffären werden hier für alle zur Schau gestellt und das manifestiert außerhalb des digitalen Raums Konsequenzen. Streitereien, Misstrauen und Anschuldigungen entstehen zwischen den Schüler*innen, verbreiten sich aber schnell auch in der Bevölkerung des Ortes – was in einem Fall bis zur offenen physischen Gewalt und Suizid eskaliert.

Die Kritik Flanagans richtet sich dabei aber nicht vornehmlich gegen die Initiatorin Chris, sondern umfasst die gesamte Gesellschaft, die hilf- und planlos dabeisteht, keinerlei Lösungsansätze für das Problem hat, und allenfalls aus Schaulust selber noch am Spektakel beteiligt ist. Das gilt insbesondere für die Eltern, die zwischen Bestrafung und Laissez-Faire pendeln, und für die Schule selbst, deren Mediationsversuch in einem gewaltsamen Massenprotest endet. Die Serie kommentiert hier auf den Punkt die so hilflosen wie weltfremden politischen Versuche Social Media bei Jugendlichen durch simple Verbote einzudämmen. Der Reiz des Spektakels ist zu groß und Chris‘ Argument ist valide: alle, auch die Erwachsenen, machen mit und schicken dem Account neues Gerüchte-Material, stürzen sich auf die Videos und Anschuldigungen. Warum also sollte sie allein als Sündenbock für die Gemeinde einstehen? 

Und genau da liegt die Stärke in Flanagans Mini-Serie: niemand kommt hier ungeschoren davon. Wenn es um den Einfluss von Social Media geht, dann ist niemand unbescholten und niemand kann sich als unschuldiges Opfer stilisieren. Und so wird Carrie nicht zum Ausdruck eines teuflischen Einflusses, der sich in dem Mädchen manifestiert und in einer Gewaltorgie bahnbricht. Vielmehr liegt der Horror in uns allen, in der Leichtigkeit, mit der wir online Grenzen überschreiten und aus Neugier weiterscrollen, mit der wir Kommentare schreiben, die wir IRL nie ausgesprochen hätten, mit der wir andere Menschen beurteilen nach nur 20 oder 30 Sekunden in einem Video. Wir alle sind der Horror, auf Instagram, YouTube, TikTok oder Facebook. Oder wie seht ihr das? Schreibt es mir doch auf Social Media in die Kommentare… ;-)

Lars Schmeink

Lars Schmeink

Dr. Lars Schmeink ist freier Journalist und Medienwissenschaftler. Er ist Gründer der Gesellschaft für Fantastikforschung und hat an verschiedenen Universitäten zu Science Fiction und anderen Fantastikthemen geforscht, gelehrt und publiziert.

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