
Slasher, Trad Wives und Apokalypsen. Das neue Horrorprogramm von Fischer Tor
Markus Mäurer, 24.09.2026
Fischer Tor geht mit einem neuen Horrorprogramm an den Start: Mit dabei sind Titel von Mats Strandberg, Christopher Buehlman, Sarah Langan und E.L. Chen. Im Frühjahr 2027 folgen weitere drei Titel.
Ich mache jetzt mal was ganz Unanständiges und stelle hier nicht nur das neue Horrorprogramm von Fischer Tor vor, sondern gehe auch etwas genauer auf die Romane ein. Normalerweise rezensieren wir ja keine eigenen Bücher auf unserer Seite, aber ich möchte auch nicht, dass sich die Programmvorstellung so leblos nach reinem PR-Text anhört. Ich habe die Bücher gelesen, da kann ich auch ausführlicher auf sie eingehen. Und als alter Horrorfan finde ich es toll, dass sich ein großer Publikumsverlag mal wieder an ein Horrorprogramm wagt.
Im Kino hat Horror zuletzt wieder für Rekorde an den Kassen gesorgt, mit Filmen wie Obsession und Backdoors, in der Literatur bleibt das Genre jenseits von Stephen King eher eine Nische. Wenn auch eine erfolgreiche, wenn man sich zum Beispiel das Programm des Festa Verlags ansieht, der sich von einem Kleinverlag zu dem größten Player in Sachen Horrorliteratur in Deutschland gemausert hat. In großen Publikumsverlagen bleiben Horrortitel die Ausnahme, einzelne Autor*innen erscheinen durchaus, langfristig können sich aber nur wenige dort etablieren und werden selten für mehr als zwei Bücher im Programm geführt. International, vor allem auf dem englischen Buchmarkt, sieht das etwas anders aus, da setzen seit einiger Zeit auch die größeren Verlage verstärkt auf Horrortitel.
Bei Fischer Tor sind vereinzelt auch schon Horrorbücher erschienen, vor allem die Romane von Mats Strandberg, aber auch Klassiker von H. P. Lovecraft und Bram Stoker sowie zwei John-Sinclair-Romane von Dennis Erhardt. Doch während viele Verlage weiterhin dem Romantasy-Hype hinterherlaufen, der sich meiner Meinung nach schon am Kannibalisieren ist, möchte Fischer Tor ein festes Horrorprogramm etablieren. Mit vier Titeln geht es los, die ich euch hier mal etwas genauer vorstellen möchte. Und am Ende des Beitrags gibt es noch einen kleinen Ausblick auf das, was euch noch darüber hinaus erwarten wird. Unter anderem auch ein Horrorroman einer deutschsprachigen Autorin.
Falls ihr euch fragt: »Horror, was soll das?«, empfehle ich euch meine dreiteilige Artikelreihe Horrorliteratur: Alles was du über das Genre wissen musst, da gehe ich darauf ein, wie gut Horror geeignet ist, gesellschaftliche Entwicklungen aufzugreifen, welch kathartische Wirkung das Genre haben kann und was es überhaupt so alles gibt.
Aber jetzt zu den Büchern:
Slasher Summer | E. L. Chen
Slasher Summer ist ein klassischer Slasher, wie man sie seit 1980 kennt, der eine eindeutige Hommage an Freitag der 13. und Scream darstellt. Statt des Crystal Lake befinden wir uns in einer Hütte im Wald am Cedar Lake, statt Jason geht der Slasher um und für die Scream-Assoziationen sorgt die Meta-Ebene mit ganz vielen Film-Referenzen an Horrorfilmklassikern, aber auch Scooby Doo sowie die Diskussion von Tropen wie dem Final Girl.
Niedergemetzelt wird eine Gruppe von jungen Erwachsenen, die einst mit der Jump-Scar-Society zur Schulzeit einen kleinen Filmklub betrieben hatte, der aber in einem Skandal endete. Einige Jahre später treffen sie sich wieder, alte Konflikte lodern erneut auf, plötzlich fällt der Strom aus, die Autoreifen sind zerstochen und das Morden geht los.
Das ist ein handwerklich guter und stilistisch solide geschriebener Slasher-Roman, alte Hasen des Genres finden hier vielleicht nicht ganz so viel Neues, doch noch nicht so erfahrene Leser*innen bietet er einen schönen Einstieg ins Genre oder eben einen Slasher-Film in Buchform. Liest sich flott weg und hat modernere und diversere Figuren und Beziehungskonstellationen zu bieten.
Dt. Übersetzung Annette Hahn
Die Muse | Mats Strandberg
Einige von euch kommt der Name sicher schon bekannt vor. Dreimal hat der schwedische Autor Mats Strandberg uns bei Fischer Tor bereits das Fürchten gelehrt. Mit Vampiren auf einer Art Party-Fähre, mit unheimlichen Vorgängen in einem Seniorenheim und mit seinem eigenen Slasher-Roman Die Konferenz.
Mit Die Muse hat er jetzt eine Mischung aus Midsommar und der Sandman-Story um Kalliope geschrieben. Eine alleinerziehende Mutter, die bisher Jugendbücher geschrieben hat, hat jetzt mit einem Krimiroman zu kämpfen, dessen erster Band nur mäßig erfolgreich gelaufen ist. Und ausgerechnet in diesem Moment lädt ihr Ex-Freund, der selbst ein erfolgreicher Schriftsteller ist, sie fürs Midsommar-Fest auf das – natürlich abgelegene –- Anwesen seiner Familie ein. Die wirkt zunächst noch ganz nett, aber schon bald häufen sich die seltsamen Vorkommnisse und Hedda hat auch noch mit der Vergangenheit zu kämpfen, und ihrem Ex, der die Geschichte für sein erfolgreiches Buch direkt aus ihrem Leben geklaut hat.
In der ersten Hälfte des Buchs geht es viel um das Wesen der Kunst, die Frage, woher Künstler*innen ihre Inspiration bekommen und ob es dabei immer mit rechten Dingen zugeht. Dazu gibt es interessante Einblicke in die Mechanimsen der Buchbranche. Im Verlauf stößt Hedda aber auf ein dunkles Geheimnis und gerät in einen fieberhaften Abwärtsstrudel, an dessen Enden so einige Schrecken warten.
Ein Roman, in dem Autor Mats Strandberg sicher auch über das eigene Schaffen reflektiert und dessen Grusel sich langsam und subtil aufbaut, bis es eskaliert.
Dt. Übersetzung Nina Hoyer und Justus Carl
Trad Wife | Sarah Langan
Im letzten Jahr erreichte der Trad-Wife-Boom wohl einen Höhepunkt. Gemeint sind damit konservative, rechte Frauen, die sich der traditionellen patriarchalen Rollenverteilung verschrieben haben, in der der Mann Arbeiten geht und das Geld verdient, während die Frau zu Hause bleibt, sich um den Haushalt und die möglichst vielen Kinder kümmert und eben unbezahlte Care-Arbeit verrichtet, die einem niemand dankt. Widersprüchlich ist daran nur, dass diese Trad-Wives ihr Leben auf Instagram aufnehmen und inszenieren und damit oft erfolgreich selbst Geld verdienen.
Nach einem journalistischen Rückschlag besucht die junge Jenny Kaplan, die gerade eine größere Beziehungskrise hinter sich hat, eine solche Trad-Wife auf ihrer Farm. Mia Wright betreibt mit ihrem Mann die Farm Black Swan und hat mittels ihrer Videos ein kleines Handelsimperium aufgebaut, das Jenny stark an ein Schneeballsystem erinnert. Doch das sind nicht die einzigen Ungereimtheiten, denen die Journalistin nachgeht, während sie für eine Woche auf der Farm bleibt und mehr Einblicke in das Trad-Wife-Leben erhält, als ihr lieb ist. Denn hinter der sauberen Fassade verbirgt sich ein düsteres Geheimnis. Und auch Jenny hat mit Problemen aus ihrer Vergangenheit zu kämpfen.
Sarah Langan hat hier eine mitreißende Gesellschaftskritik mit Anleihen an Robert W. Chambers The King in Yellow geschrieben.
Dt. Übersetzung Heide Franck und Alexandra Jordan
Zwischen zwei Feuern | Christopher Buehlman
Eine Seuche geht um, Dürren herrschen, Lebensmittelknappheit, Kriege, ansteigende Gewalt, die Welt scheint immer mehr aus den Fugen zu geraten. Apokalypse halt. Oder, wie wir sagen würden, die 2020er. Tatsächlich befinden wir uns aber im Jahr 1348 und all das oben genannt sucht Europa und in diesem Fall ganz speziell Frankreich heim. Ach ja, und Dämonen wandeln unter uns. Mit all dem muss sich der in Ungnade gefallen Ritter Thomas rumschlagen, der inzwischen mit Dieben umherzieht, vor seinen Gefährten dann aber ein junges Mädchen rettet. Daraus entwickelt sich ein Roadtrip mit Esel und Karren durch die Horrorlandschaft Frankreichs nach Avignon, zu dem sich auch noch ein trinkfester Priester gesellt.
Sprachgewaltig und mit pointierten Dialogen präsentiert uns Buehlman hier eine Mischung aus historischem Fantasyroman und Horror.
Ein Buch mit einer interessanten Geschichte. Ursprünglich ist es bereits 2012 bei Ace erschienen, schlug aber keine hohen Wellen. Später brachte es der Autor als Selfpublisher neu heraus und es entwickelte sich zu einem Überraschungserfolg. Seit Anfang 2026 des Jahres erscheint das Buch beim Horrorlabel Tor Nightfire. Anders als die US-Ausgabe wird die deutschsprachige aber einige (sehr stimmungsvolle) Illustrationen von Jens Maria Weber enthalten.
Dt. Übersetzung Jochen Schwarzer
Ausblick
Mit den vier Titeln ist natürlich noch nicht Schluss, was Horror bei Fischer Tor angeht. Neben Übersetzungen wird mit Faye Hell 2027 auch eine deutschsprachige Autorin (sie stammt aus Österreich) erscheinen, die vielen in der Horrorszene bereits bekannt sein dürfte.
Adam Neville ist ein erfahrener und bereits verfilmter Horrorautor, der seit fünfzehn Jahren auf dem deutschen Buchmarkt präsent ist und jetzt seinen Weg zu Fischer Tor gefunden hat.
Und feministischen Horror gibt es von Gretchen Felker-Martin (Manhunt) und ihrem kommenden Body-Horror-Roman Chimera.

Markus Mäurer
Der ehemalige Sozialpädagoge und Absolvent der Nord- und Lateinamerikastudien an der FU Berlin, der seit seiner Kindheit zwischen hohen Bücherstapeln vergraben den Kopf in fremde Welten steckt, verfasst seit über zehn Jahren Rezensionen für Fantasyguide.de, ist ebenso lange im Science-Fiction- und Fantasy-Fandom unterwegs (Nickname: Pogopuschel), arbeitet seit einigen Jahren als Übersetzer phantastischer Literatur und ist auf Tor Online für das Content Management und die Redaktion verantwortlich. Erreichen könnt ihr ihn auf seinem Blog Translate or Die und seiner Buchbesprechungsseite lesenswelt.de










