
Tech Bros, Neue Rechte und der literarische Kulturkampf am Beispiel "Herr der Ringe"
Marcel R. Bülles, 03.09.2026
Für ihre Gewalt- und Machtfantasien missbrauchen Thiel, Musk, Zuckerberg & Co. fantastische Klassiker. Einer ihrer Ansätze? Unternehmen nach tolkienschen Orten und Figuren zu benennen. Doch Tolkien ist nicht ihr einziges Mittel zum Zweck – das Ganze hat Strategie. Marcel R. Bülles erklärt sie uns.
Palantir, Anduril, Narya Capital – die Liste der Namen, die Tolkienfans in aller Welt kennen, und die mit Unternehmen in Verbindung gebracht werden, die nichts mit Mittelerde zu tun haben, scheint täglich zu wachsen. Vor kurzem erst machte »Earendil-1« Schlagzeilen: Die US-Amerikanische Firma Reflect Orbital möchte tausende riesige Spiegel im Weltraum positionieren, damit wir niemals ohne Sonne auskommen müssen. Dass eine solche Idee wissenschaftlicher Unfug ist, spielt keine Rolle. Vor allem dann nicht, wenn die militärische Verwendung Milliardenverträge einbringen kann.
Nur: Tolkien ist nicht der einzige Fall. Es handelt sich um ein strategisch ausgewähltes Prinzip, das sich auf verschiedenste Genres, Autor:innen und Epochen anwenden lässt. So zeigt Ali Rıza Taşkale in seinem Artikel »The looting of science fiction«, wie sich Musk, Thiel und Zuckerberg an der Science Fiction bedienen, ohne sie zu respektieren, geschweige denn zu verstehen.
Wann immer die Tech Bros ihre Ideen und Konzepte in der Öffentlichkeit präsentieren, sind die erwähnten Geschichten in streng selektiver Wahrnehmung verfälscht dargestellt oder inhaltlich mit Schlussfolgerungen überladen, die weder die Autor:innen noch die Texte hergeben. Im postfaktischen Zeitalter ist eben alles möglich. Terry Pratchett fasste es in seiner allegorischen Darstellung des Journalismus, Die volle Wahrheit / The Truth, wie folgt zusammen.
»Eine Lüge kann einmal um die ganze Welt laufen, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat.« [Die volle Wahrheit/The Truth]
An der Universität Stuttgart existiert aktuell ein DFG-Projekt mit dem Titel Neurechte Literaturpolitik, und das nicht ohne Grund. Projektleiter Thorsten Hoffmann fasst zusammen: »Keine andere politische Strömung nimmt Literatur gegenwärtig so ernst wie die Neue Rechte.«
Auch wenn sich USA und Deutschland nicht eins zu eins vergleichen lassen, so sind die Parallelen doch offensichtlich: Autoritäre Systeme und Akteure denken und handeln global im 21. Jahrhundert.
Warum unternimmt die Tolkien-Familie nichts dagegen?
Ich bin kein Jurist und die nachfolgenden Informationen sind daher nicht als Rechtsberatung zu verstehen. Aber weil ich mir diese Frage ebenso gestellt habe, habe ich einen Anwalt mit dem Fachbereich Copyright/ Trademark gefragt, der mir stark verkürzt erklärte:
Erfundene Namen sind nicht durch das Urheberrecht geschützt.
Du hast das richtig gelesen.
Bereits 1964 zeigte sich J.R.R. Tolkien in einem Brief an seinen Verleger Rayner Unwin ungehalten über die Tatsache, dass ein Tragflächenboot auf der Strecke Calais – Dover den Namen Shadowfax/ Schattenfell erhalten hatte. Und er nichts dagegen tun konnte.
Wer gegen diese Namen Einspruch erheben könnte, zumindest theoretisch, ist Middle-earth Enterprises. Dieses US-Amerikanische Unternehmen besitzt die Vermarktungsrechte an Herr der Ringe und Hobbit und verteidigt seine Trademarks/ Warenmarken mit weit ausgefahrenen Ellenbogen. Wenn sich Fans darüber aufregen, dass eine kleine Firma oder ein Fan-Shop verklagt werden, ist dies in 99% der Fälle Middle-earth Enterprises, nicht die Tolkien-Familie bzw. der Tolkien Estate. Wichtig ist nämlich, dass ein Trademark/ eine Warenmarke aktiv »verteidigt« wird.
Nur: Wer möchte sich schon mit den nachfolgenden Unternehmen »anlegen«?
Eine Auswahl tolkienscher Unternehmensnamen
Palantir Technologies (2003)
Gegründet von Peter Thiel, Alex Karp, Joe Lonsdale, Stephen Cohen und Nathan Gettings. Je nach persönlicher Perspektive ist diese Firma eine der größten globalen Bedrohungen für die freiheitliche demokratische Grundordnung oder der feuchte Traum autoritärer Systeme. Im Buch ist ein Palantir dazu gedacht, Kommunikation auf großen Strecken und den Blick an Orte zu ermöglichen, die den Bewohner:innen Mittelerdes nicht mehr leicht zugänglich sind – die missbräuchliche Nutzung zur Überwachung und Manipulation erfolgt durch die ›bösen‹ Charaktere, Sauron und Saruman. An diesem Beispiel lässt sich Tolkiens technologiekritische Haltung deutlich ablesen, denn technologischer Fortschritt ist nicht per se schlecht, die missbräuchliche Nutzung definitiv.
Anduril Industries (2017)
Gegründet von Palmer Luckey, Trae Stephens, Matt Grim, Joe Chen, und Brian Schimpf. Die Entwicklung autonomer militärischer Systeme, vor allem für die US-Amerikanischen Streitkräfte, ist aufgrund der global veränderten Sicherheitslage von vorrangiger Bedeutung. Kein Wunder, dass der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall mit ihnen zusammenarbeitet. Dass Aragorns Schwert Andúril im »Herr der Ringe« ein Symbol der Hoffnung im vermeintlich aussichtslosen Kampf gegen den autoritären Herrscher Sauron darstellt, interessiert nicht.
Dass der Name »Flamme des Westens« bedeutet leider schon: Als Bezeichnung für die USA gelesen, stellt sie die letzte Hoffnung für die freie Welt dar. Bei einem Blick auf die zehn Merkmale des Faschismus nach Stanley erkennt man schnell wieder, was überbetont wird: die ständig beschworene Opferrolle, der vermeintliche Niedergang der Zivilisation und die imaginäre Bedrohung durch externe Kräfte. Kein Wunder, dass man bei Palantir frühere Mitarbeiter als Hobbits bezeichnete, die ins Auenland zurückkehren müssten, um eben dieses zu verteidigen.
Narya Capital (2019)
Gegründet von JD Vance and Colin Greenspon, mit finanzieller Unterstützung durch Peter Thiel, Eric Schmidt, Marc Andreessen and Scott Dorsey. Mit diesem Namen sind wir nicht nur in der Hochfinanz angelangt, sondern auch bei den bedeutendsten Internet-Unternehmen der Welt: Peter Thiel (Paypal; Facebook); Schmidt (Google); Andreessen (Mosaic, Netscape); Dorsey (ExactTarget/ Salesforce). Und in der US-Amerikanischen Politik, denn es geht um niemand Geringeren als den Vizepräsidenten.
JD Vance ist ein guter Beweis dafür, dass mittelmäßige weiße Männer alles erreichen können, wenn sie sich als Marionette mächtigerer Männer benutzen lassen und vor allem dann, wenn sie sich als Helden ihrer eigenen Lebensgeschichte verstehen. Auch in diesem Fall ist der Name missverstanden, denn Cirdans Worte zu Gandalf im »Herr der Ringe« sind eine Botschaft der Hoffnung, nicht die Vorhersage autoritärer Machtfantasien:
»›Nehmt diesen Ring, Herr‹, sagte er, ›denn Eure Mühen werden schwer sein; aber er wird Euch unterstützen bei der schweren Aufgabe, die Ihr auf Euch genommen habt. Denn dies ist der Ring des Feuers, und mit ihm werdet Ihr vielleicht Herzen in einer Welt, die kühl wird, entzünden.‹« [Anhang B, Die Aufzählung der Jahre]
Die möglichst vollständige Liste findet sich auf meinem Substack.
Hintergründe zu den Akteuren
Wer sich mit diesem Thema ein wenig ausführlicher beschäftigen möchte, dem empfehle ich diese beiden Wikipedia-Artikel: die Paypal-Mafia und die Neoreaktionäre Bewegung. Die »Tech Bros« und diese »Ideologie« ergeben zusammen eine gefährliche Mischung, die ich als Gefahr für die gesamte Menschheit verstehe.
Denn die in der »Paypal-Mafia« versammelten Männer waren unter anderem für die Gründung oder Leitung von Paypal, SpaceX, Twitter, Youtube, Tesla, Facebook, OpenAI, LinkedIn und Reddit verantwortlich. Als Wagniskapitalgeber haben sie noch Hunderte andere Unternehmen beeinflusst, die unser aller alltägliches Leben in ihrer Hand halten.
Dieser Einfluss bedeutet, ob nun in finanzieller oder/ und politischer Hinsicht, dass eine antidemokratische, reaktionäre Ideologie Einfluss auf Regierungen in aller Welt nimmt.
Sie ist auch nicht so weit weg von unserem Alltag, nicht so theoretisch, dass wir sie nicht selbst erleben könnten: Ihr ›Philosoph‹, Curtis Yarvin, ist erst im Februar 2026 von der im rechtsextrem-identitären Umfeld aktiven studentischen Gruppe »Aktion 451« nach Wien eingeladen worden.
Eine Gruppe, die auch an deutschen Hochschulen rekrutiert und sich ›großer‹ literarischer Namen bedient: Hölderlin, Goethe, Schiller, Schopenhauer. Ihr Name ist ebenso Programm, ist sie doch eine Anspielung auf »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury.
Wer sich gegen diese Vereinnahmungsversuche nicht wehrt, überlässt die populäre fantastische Literatur den Rechten als eine der besten Rekrutierungskampagnen überhaupt.
Was ich zu Beginn dieses Jahrtausends nicht »auf meiner Bingokarte« hatte.

Marcel R. Bülles
Marcel R. Bülles ist gebürtiger Kölner, freiberuflicher Übersetzer, und nachdem er 1997 die Deutsche Tolkien Gesellschaft e.V. gegründet hatte, irgendwie in Mittelerde hängengeblieben. Er wohnt in Jena, wo er übersetzt, rezensiert, textet, bloggt und sich ehrenamtlich engagiert - alles im Dienste der Phantastik.
Mehr unter: patreon.com/thetolkienist




