
Die Odyssee - Der Kampf um die Deutungshoheit
Lars Schmeink, 27.08.2026
Wie "woke" ist Die Odyssee von Christopher Nolan eigentlich? In welchem Verhältnis steht der Film zu jener Ära, die als historisches Vorbild gilt und zur literarischen Vorlage Homers? Lars Schmeink klärt uns auf.
Unter Kulturkämpfern – vor allem auf der rechten Seite des Spektrums – galt Christopher Nolan lange Zeit als sichere Bank für Filme, die für den weißen Mann wie gemacht waren. Ja, immer schon etwas verkopft, aber actionreich, düster, mit viel Testosteron und viel Pathos für seine Heldenfiguren. Warum also die große Aufregung ausgerechnet um seinen neuesten Film, Die Odyssee, die Verfilmung eines fast dreitausend Jahre altem griechischen Fantasy-Epos um einen typischen weißen Mann und sein leider viel zu großes Ego.
Nolan hatte es gewagt, sich ausgerechnet eines Textes anzunehmen, der der rechten Bubble als Gründungstext westlicher Zivilisation gilt. Eines Kriegers, dessen Taten im Trojanischen Krieg von den Kulturkämpfern bewundert werden und der als Sinnbild für den menschlichen Helden (kein Halbgott, nur ein „einfacher“ Mann) schlechthin gilt. Und ausgerechnet bei diesem Thema wagt es Nolan, eine Besetzung bekannt zu geben, die von den lautesten Stimmen sofort als „woke“ verschrien wurde. Ausgerechnet die Frau, deren Schönheit angeblich für einen 10-jährigen Kriegszug verantwortlich sei, sollte eine Schwarze sein? Lupita Nyong’os Besetzung als Helena von Troja war nicht der einzige Kritikpunkt. Auch die Besetzung von trans Schauspieler Elliot Page – den Gerüchten zufolge als Held Achilles, was nicht stimmte – löste viel Kritik aus. Page hat einen kurzen Auftritt, spielt den jungen griechischen Soldaten Sinon, der am Pferd zurückgelassen wird und es als Geschenk für die Göttin Athena deklariert, nur um kurz darauf von trojanischer Hand zu sterben. Keine 5 Minuten lang ist Page zu sehen, in einem fast drei-stündigen Epos, und doch reicht seine Präsenz, um Nolan den Ausverkauf an die Diversity zu unterstellen.
Und das liegt vor allem an der Bedeutung, den die Rechten der griechischen Mythologie beimessen. Das griechische Altertum gilt vielen als Wiege der Demokratie, ja als Wiege der westlichen Zivilisationen, und damit als Ursprung unserer Kultur, Werte, und Gesellschaften. Die Mythen wiederum, gerade weil sie Fantasy-Geschichten im historischen Gewand sind, können ähnlich den nordischen Göttersagen, ideal für den Kulturkampf eingespannt werden. Da vermischen sich idealisierte Aussagen über die Reinheit der Kultur, die Homers Griechenland zur Geburtsstätte einer vermeintlich reinen weißen Zivilisation machen, mit Männlichkeitsbildern von hypermaskulinen Helden und Anführern, wie es sie heute wieder brauche. Donald Trump zum Beispiel nutzte zuletzt das Bild des Titanen Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt, um sich einen heldenhaften Anstrich zu verleihen – eingereiht in eine Vielzahl von Darstellungen, die aus dem SF-, Fantasy- und Mythologie-Bereich stammen, von Jesus bis zum Space Commander. Und Alt-Right-Gruppen verwenden liebend gerne den Mythos der Spartaner im Pelopennesischen Krieg, um sich als unterzählige Widerstandskämpfer gegen eine dekadente Übermacht zu stilisieren. Das Lambda-Symbol der Spartanischen Armee wird dabei genauso gerne symbolisch umgedeutet wie Thors Hammer oder diverse Runen aus der nordischen Mythos-Kultur.
Historisch nicht haltbar
Dabei nutzen die Vertreter der Rechten eine Deutung, die sich geschichtswissenschaftlich nicht halten lässt, und das völlig ohne das Argument zu bringen, dass die Odyssee wohl kaum eine historische Abhandlung ist, sondern vielmehr ein Fantasy-Werk. Die vielen Stadtstaaten und Micro-Königreiche in Homers Dichtung waren auf Migration und Vielfalt angewiesen, der Handel mit Nordafrika oder dem Mittleren Osten brachte Fremde verschiedenster Kulturen nach Griechenland. Die rein-weiße Zivilisation war kunterbunt. Und die Heldengeschichten sind keineswegs nur positive Bilder von männlicher Dominanz, nein, sie zeigen auch die Fehlerhaftigkeit, die Arroganz der Helden – und den Preis den sie oder ihre Mitstreiter dafür bezahlen. Ein wesentlicher Punkt der Odyssee ist ja gerade, dass Odysseus längst zu Hause wäre, hätte er nicht aus reiner Egomanie einen pissing contest mit Poseidon angefangen, indem er dessen Sohn Polyphem (den Zyklopen) nicht nur geblendet, sondern auch noch verhöhnt hat. Im Film hat Nolan diese Egomanie abgeschwächt und lässt Odysseus stattdessen verärgert einen Pfeil auf den blinden Zyklopen schießen, der viele seiner Männer getötet hat. Statt Hochmut ist es vermeintlich nachvollziehbare Wut, die hier das Schicksal auslöst.
Wenn man den Film erstmal geschaut hat, muss einem aber auch auffallen, dass Nolan gar nicht so woke ist, wie die Kritik es scheinen lässt. Odysseus ist in vielerlei Hinsicht ein ebenso düsterer, zweifelnder Held, wie es Nolans Dark Knight war, oder sein Oppenheimer. Ja, hier geht es viel um die Introspektion eines Kriegers, der des Krieges müde ist. Es geht um die Idee der „Xenia“, der Gastfreundschaft der Griechen, die eine Offenheit gegenüber dem Fremden garantiert und deren Verlust herbeigeführt wird durch die Angst vor der unbekannten Bedrohung der „people from the sea“. Die Erkenntnis, dass Odysseus selbst als erster die Xenia gebrochen hat und als „people from the sea“ durch das Mittelmeer irrte, um zu plündern und zu rauben, ist der wahrscheinlich „wokeste“ Moment im Film. Da hat Nolan aber schon fast zweieinhalb Stunden recht deutlich gezeigt, wie schwer der arme Mann unter dieser Last leidet, wie sehr er bereut und deswegen unsere Sympathie verdient hat.
Nur wenige Momente hingegen gönnt Nolan den weiblichen Figuren wie Zirze, die zurecht als alleinlebende Frau davon ausgehen muss, dass die Soldaten sie ausrauben und vergewaltigen würden, hätte sie sie nicht in Schweine verwandelt. Odysseus erpresst sie, raubt ihr alles Essen und geht seines Weges. Oder auch Lupita Nyong’os faszinierende Darstellung der Schwestern Helena und Klytaimnestra, denen beiden von gierigen Männern übel mitgespielt wurde. Helena hat ein paar Minuten auf der Leinwand, um zu betonen, dass die Männer in den Krieg ziehen, egal was sie dazu sagt und dass sie den Krieg und all den Tod in ihrem Namen verdammt. Doch das Leid der Klytaimnestra wird in weniger als einer Minute verhandelt und ist einzig dazu da, die Gefahr von Frauen für die heimkehrenden Kriegshelden zu verdeutlichen. Ihr Mann, König Agamemnon, opfert ihre Tochter den Göttern für wohlgesonnene Winde und zieht dann unter Vorwand (die Entführung ihrer Schwester) in einen lang-ersehnten Krieg um Handelsrouten. Kein Wunder, dass die verzweifelte Frau Rachegelüste hegt und den Kriegsherren nach dessen Rückkehr umbringt. Doch ihre Story dient nur dazu Odysseus gegen seine Frau Penelope aufzubringen und ihn sich heimlich nach Hause schleichen zu lassen, um sie zu testen.
Nein, man kann dem Film nicht wirklich ansehen, dass er woke sein soll. Der Aufschrei ist also mal wieder ein Sturm im Wasserglas. Die Vielzahl der Zuschauenden wird die Casting-Entscheidungen gar nicht mitbekommen haben und den Film einfach als Unterhaltung genießen. Mit seinem Porträt des müden Kriegers Odysseus beweist Nolan jedoch wieder einmal, dass er politisch beiden Lagern etwas bietet und eben weiterhin ein Kino macht, das für weiße Männer ganz wunderbar funktioniert. Eine wirkliche Kritik an dieser weißen, dominanten Männlichkeit bleibt jedenfalls aus.



