Mehr Phantastik

Von Lovecraft bis Glukhovsky: Literatur und Videospiele

Szene aus dem Spiel
© Maze Theory

Achim Fehrenbach, 20.08.2026

Wer Videospieladaptionen von Science-Fiction- und Fantasy-Romanen schätzt, kommt 2026 auf seine Kosten – zum Beispiel bei der bevorstehenden Gamescom. Und auch das kommende Jahr hat Spannendes zu bieten. Ein Überblick.

Mit Game-Adaptionen von Romanen ist es so eine Sache: Kaum je erreichen sie die erzählerische Tiefe ihrer Vorlagen. Was aber auch in der Natur des Mediums liegt: Computerspiele sind interaktiv und fordern die Spielenden zum Handeln auf, dabei tritt die Erzählstimme der Buchvorlagen zwangsläufig ein Stück weit in den Hintergrund. Mit LitRPG gibt es zwar mittlerweile auch ein sehr erfolgreiches Literaturgenre, das die Brücke zwischen beiden Medien schlägt, indem es die Handlung als Abfolge von Rollenspiel-Quests und die Entwicklung der Hauptfigur anhand von Rollenspielattributen (Stärke, Intelligenz, Charisma etc.) inszeniert. Doch wer Computerspiele spielt, möchte das Schicksal seiner Hauptfigur(en) aktiv gestalten – und diese Dynamik kann von allzu viel Lore und Dialogen ausgebremst werden. Im besten Fall fühlen sich Spielende selbst als Autor*innen, die ihre eigene Geschichte mittels Gameplay schreiben. Immer wieder nutzen Games geschickt die Möglichkeit erzählerischer Tie-Ins, um Erzähluniversen Mosaiksteine hinzuzufügen. Andere Games nutzen primär erzählerische Grundmotive bestimmter Autor*innen, um an deren Werke anzudocken.

In unserem Listicle stellen wir einige besonders spannende Games des Jahres 2026 vor, die sich eng oder locker an literarischen Vorlagen aus Science-Fiction und Fantasy orientieren. Einige davon könnt ihr auch auf der weltgrößten Computerspielmesse Gamescom erleben, die zwischen dem 26. und 30. August in Köln stattfindet. Zum Abschluss bieten wir noch einen Ausblick auf die "Literatur-Games", die 2027 und darüber hinaus erscheinen.

Dune: Awakening

Die "Dune"-Romane von Frank Herbert sind Klassiker der Science-Fiction-Literatur und bekommen durch die Filme von Denis Villeneuve aktuell viel Aufmerksamkeit. Versuche, aus der literarischen Vorlage ein Computerspiel zu machen, gab es immer wieder – allerdings gelang es erst der norwegischen Spielefirma Funcom, ein "Dune"-Game mit Breitenwirkung auf die Beine zu stellen. Das Survival-MMO "Dune: Awakening" erschien bereits 2025, hat seitdem allerdings regelmäßige Updates erhalten. Die zentrale Romanfigur Paul Atreides kommt in der alternativen Timeline des Spiels gar nicht vor – stattdessen schlüpfen Spielende in die Rolle eines Undercover-Agenten der Bene Gessert, der die Fremen finden und den "Schläfer" aufwecken muss. (Mehr soll hier nicht verraten werden.) Nach einigen Updates mit neuen Quests, Schauplätzen und Gameplay-Elementen steht am 22. September 2026 eine besonders wichtige Neuerung an: Das bisher nur auf PC verfügbare Spiel wird dann auch für die PlayStation 5 und die Xbox Series X/S erscheinen. Parallel dazu gibt es ein inhaltliches Update, mit dem sich die Kampagne auch komplett solo und ohne Server-Anbindung spielen lässt. Auf der Gamescom dürften Besucher*innen einen Vorgeschmack auf die anstehenden Neuerungen erhalten (Funcom / Level Infinite, Halle 6.1, Stand C071-A070).

Metro 2039

Ebenfalls auf der Gamescom anspielbar sein wird "Metro 2039", der neueste Teil der "Metro-"Spielereihe, die auf den Romanen von Dmitry Glukhovsky basiert. Das erste Spiel der Reihe, "Metro 2033" (2010), war noch eine mehr oder weniger direkte Adaption der Buchvorlage. Die beiden Sequels "Metro: Last Light" (2013) und "Metro Exodus" (2019) sowie der VR-Spin-off "Metro Awakening" (2024) erzählten aber eigenständige, von den Romanen unabhängige Geschichten. Bemerkenswert ist, dass Bestseller-Autor Dmitry Glukhovsky bei allen Spielen nicht nur als Lizenzgeber fungierte, sondern selbst an der Story und den Dialogen mitschrieb. So ist es auch bei "Metro 2039", das mehr als alle bisherigen Serienteile durch die aktuellen politischen Ereignisse mit Bedeutung aufgeladen ist: Schauplatz ist das postapokalyptische Moskau, entwickelt wurde das Spiel erneut vom ukrainisch-maltesischen Studio 4A Games. Im weitgehend zerstörten Moskua hat ein Fanatiker namens Hunter ein "Novoreich" auf Überwachung und Propaganda errichtet. Die traumatisierte Hauptfigur, der Untergrundkämpfer Stranger, wird von Alpträumen geplagt und kann seinen Sinnen nicht mehr trauen – der obige Trailer vermittelt einen ganz guten Eindruck davon, was Stranger – neben den brachialen Monsterkämpfen – noch alles zu durchleiden hat. Selten war ein Spiel der "Metro"-Serie düsterer, was schon einiges heißen will. Gamescom-Besucher*innen können "Metro 2039" vor Ort anspielen (Plaion, Halle 9.1 / B030-C031), bevor es im Winter für Konsolen und PC erscheint.

The Sinking City 2

Eine ausgesprochen beliebte Vorlage für Games aller Art sind die Werke von H.P. Lovecraft. Nahezu wöchentlich erscheinen Spiele, die Bezug auf das Werk des US-Schriftstellers nehmen – im April fanden auf Steam sogar die Lovecraftian Days statt. Dabei ist es eigentlich alles andere als einfach, Lovecrafts kosmischen Horror in Spiele zu übersetzen. Die meisten Entwicklerstudios geben sich damit zufrieden, herkömmliches Gameplay (Kämpfe, Rätseln, Strategie etc.) um eine dräuende Atmosphäre herumzubauen, während im Hintergrund die Großen Alten lauern und das Sanity-Meter Kapriolen schlägt. Auf Lovecraft-Fans mag das bisweilen sehr profan wirken, weil sich das kosmische Grauen bekanntlich der menschlichen Wahrnehmung und Einflussnahme entzieht. "The Sinking City 2" ist nicht wirklich eine Ausnahme: Die am 18. August 2026 erschienene Fortsetzung des einigermaßen erfolgreichen Games von 2019 ist quasi ein Mix aus Lovecraft und "Resident Evil", also klar auf Survival-Horror ausgerichtet. Spieler*innen erkunden die Stadt Arkham, die in den 1920er Jahren von einer übernatürlichen Flut heimgesucht wurde; neben den obligatorischen Monsterkämpfen und der Erkundung der halboffenen Spielwelt gilt es auch das eine oder andere Rätsel zu lösen.

Dive or Die – Children of Rain

Oft sind es gar nicht die aufwendigsten Spieleproduktionen, die der Lovecraft'schen Grundstimmung am nächsten kommen. Ein gutes Beispiel dafür ist "Dive or Die – Children of Rain", das am 21. Juli zunächst für den PC erschienen ist. Das Indie-Roguelike mit 2D-Grafik spielt in einer Welt, die von einem jahrelangen Schwarzen Regen geflutet wurde. Die wenigen Überlebenden haben sich auf die letzten Inseln gerettet, die aus der düsteren Flut ragen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn eine uralte Eldritch-Gottheit – der Rainmaker – stellt die Menschen vor die Wahl: Entweder ihr bergt binnen 40 Tagen alle meine Heiligtümer aus den Fluten – oder ich werde die Welt endgültig überschwemmen! Um die Relikte zu bergen, müssen Spieler*innen immer tiefer in den Abyssal Pool vordringen, was mit fortschreitender Tiefe – natürlich – immer riskanter wird. Knapper Sauerstoff, fehlende Orientierung und fiese Unterseemonster sind nur einige der Gefahren bei den Tauchgängen. Ganz zünftig müssen auch hin und wieder Opfer erbracht werden, um den Rainmaker zu besänftigen.

Starship Troopers: Ultimate Bug War!

Wer den ganzen kosmischen Wahnsinn ein bisschen anstrengend findet, kann in "Starship Troopers: Ultimate Bug War!" unbeschwerten Ballerspaß haben. Das Spiel ist bereits am 16. März erschienen und orientiert sich deutlich stärker an der Filmsatire von Paul Verhoeven als dessen Vorlage, dem Roman von Robert A. Heinlein aus dem Jahre 1959. Als Fanservice tritt im Game-Trailer direkt Casper Van Dien auf, um euch als leicht gealterter General Johnny Rico für den Kampf gegen die Arachnoiden zu rekrutieren; auch Major Samantha "Sammy" Dietz (Charlotta Mohlin) ist mit an Bord. Wie nicht anders zu erwarten, haben sich die Bugs von ihrem Heimatplaneten Klendathu aus in der ganzen Galaxie verbreitet, wo Spieler*innen sie nun bekämpfen müssen. "Ultimate Bug War!" ist ein netter Retro-Shooter, bei dem einfach die chaotische Action im Mittelpunkt steht. Wer subversiv-pointierte Kritik an Militarismus und Kriegspropaganda erwartet, sollte sich lieber den Film (nochmal) anschauen.

Project Hail Mary: Journey Among the Stars

"Project Hail Mary" ("Der Astronaut") ist einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Filme des Jahres. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman des US-Schriftstellers Andy Weir, der auch schon mit "Der Marsianer" großen Erfolg (und eine Verfilmung im Schlepptau) hatte. Die Geschichte des Astronauten Ryland Grace und seines außerirdischen Pendants Rocky ließe sich womöglich nur schwierig als klassisches Action-Game inszenieren – zu sehr lebt sie von den beiden Protagonisten und ihrer Interaktion. Genau deshalb ist es vielleicht auch nicht verkehrt, "Project Hail Mary" als Mixed-Reality-Game für Virtual-Reality-Brillen zu inszenieren – eine der Stärken von VR liegt bekanntlich im Hantieren mit virtuellen Gegenständen. In "Project Hail Mary: Journey Among the Stars" müssen Ryland und Rocky gemeinsam ein havariertes Raumschiff – und damit natürlich auch die Menschheit/Alienheit – retten, Kooperation und Problemlösen stehen also im Mittelpunkt des Gameplays. Das Spiel erscheint im vierten Quartal 2026, hinter dem Projekt steht das erfahrene VR-Studio Maze Theory ("Peaky Blinders", "Thief VR").

Game of Thrones - War for Westeros

Dieses Spiel sollte eigentlich ein Fantasy-Highlight des Jahres 2026 werden. Doch Mitte Juli verkündete das australische Entwicklerstudio PlaySide, "Game of Thrones - War for Westeros" auf 2027 verschieben zu müssen. Solche Verschiebungen sind in der Games-Branche ja mittlerweile an der Tagesordnung, GoT-Fans müssen also nicht gleich um die Umsetzung des Projekts bangen. Das Spiel, das auf der überaus populären HBO-Serie und deren literarischer Vorlage "Das Lied von Eis und Feuer" von George R. R. Martin basiert, ist überraschenderweise kein RPG – sondern ein Echtzeitstrategiespiel im Stil von "Age of Empires". Spieler*innen übernehmen die Führung der Häuser Stark, Lannister oder Targaryen und kämpfen dann erbittert um den Eisernen Thron; darüber hinaus ist auch der Nachtkönig mit seiner Armee der Toten spielbar. Neben gigantischen Schlachten mit taktischem Anspruch soll "War for Westeros" auch allerlei Bündnismöglichkeiten und Intrigen bieten – eben so, wie man es aus den Büchern und der Serie kennt. Wer mehr auf haarsträubende Machtkämpfe bei Hof steht, dem sei das gut gealterte Telltale-Game von 2014 empfohlen.

The Expanse: Osiris Reborn

Das Schriftsteller-Duo Daniel James Abraham und Ty Franck hat als James Corey mit seiner Romanreihe "The Expanse" ein großartiges Sci-Fi-Universum erschaffen. Gebührend adaptiert wurden die Romane dann von der gleichnamigen Fernsehserie, die aktuell noch auf Amazon Prime zu sehen ist. Was "The Expanse" auszeichnet, ist seine Mischung aus denkwürdigen Charakteren, persönlichen Konflikten und politischen Machtkämpfen zwischen Menschen, Beltern und Marsbesiedlern. Kann ein Spiel diese häufig subtilen Beziehungen angemessen abbilden? Zweifel sind hier durchaus berechtigt – speziell dann, wenn man sich den Trailer zu "Osiris Reborn" anschaut, das 2027 erscheinen soll. Das Spiel scheint sich stark auf taktisches Gunplay zu konzentrieren, ausgefeilte Charaktere sind wohl eher nicht zu erwarten. In den Action-RPG stellen sich Spieler*innen als Söldner*innen ein Team zusammen, um Missionen an Schauplätzen wie Ganymede, Ceres und Mars zu erledigen. Mal sehen, ob auch die Team-Chemie an Bord zu fesseln weiß.

.curator

Der britische Autor Richard Morgan landete 2002 mit "Das Unsterblichkeitsprogramm" einen Bestseller, den er mit zwei weiteren Sci-Fi-Romanen zur Takeshi-Kovacs-Trilogie vervollständigte. Diese wiederum wurde – durchaus gekonnt – als Netflix-Serie "Altered Carbon" verfilmt. Mitte August nun hat das Entwicklerstudio STRTL Games das Spiel ".curator" angekündigt, für die Richard Morgan die Story schreibt; einen Veröffentlichungstermin gibt es allerdings noch nicht. Schauplatz von ".curator" ist eine postviktorianische Welt, die von Korruption, gefährlichen Technologien und einer uralten außerirdischen Zivilisation geprägt ist. Als Teil des Curator Corps nutzt die Hauptfigur eine KI-gestützte Vorhersagetechnologie namens Quantum Sleet, um Zukunftsszenarien zu modellieren und in die Gegenwart einzugreifen. Der Trailer (siehe oben) ist ein typischer Ankündigungstrailer, aus dem sich noch wenig über das Spiel selbst herauslesen lässt. Dennoch darf man gespannt sein, wie stark das episodisch strukturierte Spiel Morgans Handschrift tragen wird.

Exodus

"Exodus" könnte ein Highlight des Spielejahres 2027 werden - allerdings hat das RPG noch keinen konkreten Release-Termin. Entwickler Archetype Games und Publisher Wizards of the Coast haben sich prominente Unterstützung an Bord geholt: Science-Fiction- und Space-Opera-Autor Peter F. Hamilton zeichnet für die Story mitverantwortlich. Der Brite hat bereits zwei Romane veröffentlicht, die in der Welt von "Exodus" spielen, jedoch zeitlich deutlich später angesiedelt sind. Das RPG spielt in ferner Zukunft im Sternencluster Omega Centauri, wo verschiedene Gruppierungen um die Vorherrschaft kämpfen. "Exodus" sieht im Trailer schon recht beeindruckend aus; das Spiel wird von ehemaligen BioWare-Leuten entwickelt und könnte mit seinen weitverzweigten Storylines dem legendären "Mass Effect" nicht unähnlich sein. Kleiner Tipp am Rande: In der Anthologie-Serie "Secret Level" (von den "Love, Death + Robots"-Machern) bei Amazon Prime gibt es eine Folge, die in der Welt von "Exodus" spielt. (Staffel 1, Episode 11, "Exodus Odyssey").

Achim Fehrenbach

Achim Fehrenbach

Achim Fehrenbach, geboren 1974, lebt als freier Journalist in Berlin. Seine Themenschwerpunkte sind Games und Technik; er schreibt unter anderem für den Tagesspiegel IGN Deutschland, GAMES.CH und das International Games Magazine. Für Fischer TOR hat er 2016 das Buch "Geek Wisdom" übersetzt, das auf TOR Online kapitelweise erschien.

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