
Sapphische Phantastik: Liebe zwischen Frauen
Judith Madera, 10.09.2026
Gay Romance dürfte vielen ein Begriff sein, ein Subgenre, das durchaus auch in der Phantastik vertreten ist, sich aber vor allem auf Männer bezieht. Wie sieht es denn mit lesbischen Beziehungen aus? Und was hat der Begriff sapphisch damit zu tun? Judith Madera stellt uns einige Phantastik-Bücher vor, die uns das näherbringen.
Wer regelmäßig durch Verlagsvorschauen blättert oder auf Social Media nach Neuerscheinungen schaut, stößt immer öfter auf den Begriff „sapphic“ bzw. „sapphisch“, der Liebes- und Beziehungsgeschichten zwischen Frauen beschreibt und dabei unterschiedliche queere Identitäten miteinschließt. Sapphische Romane mit Lesben sind auch Gay Romance, allerdings denken viele dabei nur an Liebe und Sex zwischen (cis) Männern. Während Gay Romance mit Männern sich in der zeitgenössischen Literatur und ebenso in der Phantastik zunehmender Beliebtheit erfreut, erhalten sapphische Bücher deutlich weniger Aufmerksamkeit – was sich in den letzten Jahren zumindest ein wenig geändert hat, auch dank vieler spannender Veröffentlichungen.
Der Begriff „sapphisch“ leitet sich von der griechischen Dichterin Sappho ab, die um 600 v. Chr. auf der Insel Lesbos lebte (von der sich wiederum der Begriff „lesbisch“ ableitet), und wurde bereits im 16. Jahrhundert verwendet, um ein charakteristisches Versmaß zu beschreiben. Seit dem späten 19. Jahrhundert wird der Begriff für sexuelle Beziehungen zwischen Frauen verwendet, da sich Sapphos‘ Lyrik oftmals der Schönheit von Frauen von widmet, was manche so interpretieren, dass sie (sexuelle) Beziehungen mit Frauen führte.
Im 21. Jahrhundert wird sapphisch als Sammelbegriff für unterschiedliche Formen von romantischen und/oder sexuellen Beziehungen zwischen Frauen sowie nicht-binären und trans Personen verwendet. Sapphic Romance schließt also verschiedene queere Identitäten ein und handelt zwar oftmals von lesbischen Beziehungen, aber auch von bisexuellen, pansexuellen oder anderen queeren Figuren, die sich zu femininen Personen hingezogen fühlen. Das Gegenstück von sapphisch wäre übrigens „achillean“, ein vergleichsweise weniger genutzter Begriff, da im Marketing Gay Romance dominiert.
Wer sich für sapphische Phantastik interessiert, kann sich seit einigen Jahren immer öfter über spannende Übersetzungen und eine Vielzahl deutschsprachiger Romane freuen, die die Liebe zwischen Frauen auf vielfältige Weise darstellen. Darunter sind auffallend viele Selfpublisher*innen und Kleinverlags-Autor*innen, weil sapphische Geschichten leider immer noch oft abgelehnt werden – zu Unrecht. Da lassen sich Verlage außergewöhnliche Ideen entgehen, immerhin waren in den letzten Jahren einige der besten phantastischen Romane sapphisch! In diesem Artikel will ich euch einige dieser Schätze vorstellen, die ganz unterschiedliche Romance-Anteile haben, denn die meisten sapphischen Fantasy- und SF-Bücher sind keine reinen Liebesgeschichten.
Fantasy
Während in den frühen 2000ern noch überwiegend männliche Heldengruppen durch Fantasywelten reisten, schwingen inzwischen immer öfter auch Frauen das Schwert und erleben phantastische Abenteuer. Sie kämpfen gegen Drachen und das Patriarchat und leben in unterschiedlichsten Gesellschaften, in denen sie diskriminiert und verfolgt werden oder auch gleichberechtigt und anerkannt sind. Fantasy bietet Raum, in fremden Welten reale Probleme zu besprechen – oder (leider seltener) queere Utopien zu zeigen.
In Schildmaid – Das Lied der Skaldin (2022) schicken Judith und Christian Vogt ein Drachenboot voller Frauen auf eine abenteuerliche Reise durch den hohen Norden, wo sie um Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen. Das Patriarchat des Viking Age ist brutal und macht den Frauen mehr zu schaffen als die nordischen Götter. An Bord der „Schildmaid“ sind neben cis Frauen auch trans Frauen und genderfluide Personen, die sich gemeinsam mit der Götterwelt und wütenden Männern anlegen. Dabei bleibt auch Raum für das Knüpfen von Freundschaften und es entsteht so manche queere Liebesgeschichte. Diese findet ihr auch in anderen Romanen der beiden Autor*innen, die oft queere Romance-Subplots bieten, inklusive prickelnder Erotik.
Nicole Griffith erzählt in Speer (2026) die Legende von Parzival neu: Eine namenlose junge Frau lebt abgeschiedenen im Wald, allein mit ihrer Mutter. Sie entwickelt magische Fähigkeiten und hat Visionen von einem See, wo sie ihr Schicksal vermutet. Als sie von König Artus erfährt, macht sie sich als Mann verkleidet und nur mit einem Speer bewaffnet auf, um ihr Schicksal zu erfüllen. Sie nennt sich nun Peretur, kämpft für ihre Zukunft und lässt die Herzen von Frauen höherschlagen. Eine viel gelobte queere Neuinterpretation der Artus-Sage.
Der Jasmin-Thron (2025) von Tasha Suri ist der Auftakt einer epischen Fantasyreihe (Die brennenden Reiche) mit indisch inspiriertem Setting, in dem zwei Frauen um Selbstbestimmung kämpfen: Dienerin Priya und Prinzessin Malini. Letztere wird von ihrem Bruder unterdrückt und ins Exil verbannt, wo sie nun plant, ihn vom Thron zu stürzen. Und auch bei Priya versucht ein Mann, über sie zu bestimmen. Der Roman wird als sapphische Romantasy vermarket, was irreführend ist, bekommt man hier doch eher komplexe, epische Fantasy über Macht und Intrigen, dazu ein faszinierendes Worldbuilding – und eine sanfte sapphische Liebesgeschichte.
Wer sich mit sapphischer Phantastik beschäftigt, kommt an Evelyne Aschwanden nicht vorbei. In ihrem aktuellen Fantasyroman Die Legende der Windjäger (2026) begegnet man fliegenden Meerestieren und Luftpiraten: Kapitänin Dell jagt mit ihrer Crew den sagenumwobenen Ewigsteinen hinterher – bis ans Ende der bekannten Welt. Währenddessen folgt Vessa ihrem Bruder, der ebenfalls nach den Ewigsteinen sucht. Um aus dessen Schatten zu treten, arbeitet Vessa nach ihrer Gefangennahme widerwillig mit Dell zusammen. Abenteuerliche Fantasy in einer außergewöhnlichen Welt und sapphic enemies to lovers – oder wie die Autorin sagt „enemies to … who the hell even knows“. Wer nicht genug bekommt, sollte einen Blick in ihre düstere Fantasyreihe Women & Monsters oder die phantastischen Krimis der Arcyrion-Akten werfen.
Blutig, brutal und oftmals auch herzlich geht es in Christian Endres‘ Grimdark-Fantasy-Reihe Die Prinzessinnen (2023-2024) zu. Hier lehren fünf Söldnerinnen Monster und Männer das Fürchten – und eine von ihnen ist eine echte Schürzenjägerin, die Frauen überall in der von Märchen inspirierten Welt unvergessliche Nächte beschert. Ihr Herz ist jedoch gebrochen, denn sie hat ihre große Liebe, eine mächtige Magierin, verloren. Die Erinnerungen an sie durchziehen die komplette Reihe und bescheren den Leser*innen so neben dem Schmerz auch manch wahrhaft romantischen Moment.
Dark und Urban Fantasy
Bereits im 19. Jahrhundert hatte es Vampirin Carmilla in Sheridan Le Fanus gleichnamiger Novelle (1872, fünfundzwanzig Jahre vor Dracula!) auf junge Frauen abgesehen und verführt die Tochter eines reichen Österreichers. Auch in der modernen Vampirliteratur sind die Blutsauger bei der Auswahl ihrer Opfer nicht auf ein Geschlecht festgelegt, wobei öfter von Vampiren, die Männer begehren, erzählt wurde als von Vampirinnen, die Frauen verführen.
S. T. Gibson hat mit An Education in Malice (2026) eine Neuerzählung von Carmilla verfasst und macht Carmilla und Laura zu Schülerinnen am Saint Perpetua's College, wo sie auf die Vampirin De Lafontaine treffen, die eine ihrer Professorinnen ist. Laura schwärmt schnell für Carmilla, die ebenfalls Gefühle für Laura entwickelt, doch zugleich sind die beiden Konkurrentinnen um die Gunst von De Lafontaine.
V. E. Schwab erzählt in Bury Our Bones in the Midnight Soil (2025) die Lebensgeschichten von drei Vampirinnen, die eine Blutspur durch die Jahrhunderte ziehen. Zwei von ihnen verlieben sich ineinander und führen eine lange Beziehung, die zunehmend Risse bekommt, da die ältere mit jedem weiteren Mord etwas von ihrer Menschlichkeit verliert. Die dritte ist eine Studentin, die nach einem One-Night-Stand mit einer jungen Frau einen unstillbaren Hunger auf Blut entwickelt und an ihrem neuen „Leben“ verzweifelt. Ihre Schicksale sind auf tragische Weise miteinander verwoben und über fünf Jahrhunderte entspinnt sich eine epische Fantasygeschichte mit drei faszinierenden Frauen, für die der Weg in die Nacht ein Akt der Selbstermächtigung ist.
In Liminal Creatures (2025) von Iva Moor buhlen sogenannte Psychai, niedere Dämonen, um die Gunst eines jungen Musikers. Dieser genießt insbesondere die Zuwendungen eines Sukkubus und einer Muse. Sie sind Konkurrentinnen, aber teilen ein gemeinsames Schicksal sowie hin und wieder das Bett, wobei sie sich ihre wahren Gefühle lange nicht eingestehen wollen. Währenddessen führt die Anführerin der Cubi (Sukkuben und Incuben) eine recht harmonische Beziehung mit einer menschlichen Frau. Diese ist demisexuell, während sie selbst asexuell ist, was sie vor ihresgleichen verbergen muss. Schließlich sollte sie als Incubus die personifizierte Lust sein. Die meisten Figuren in Liminal Creatures sind queer, wobei unterschiedliche Identitäten vertreten sind, auch bei den Psychai, die ihre Diversität offener leben als Menschen. Übrigens sind auch die Protagonist*innen in Sub Side Magic – Die Alchemie des Träumens (2026) von Iva Moor queer, allerdings gibt es hier keine Romance, sondern ein düsteres Noir-Setting in den phantastischen Abgründen New Yorks in den 1940ern.
Science Fantasy
In Gestohlenes Licht (2026) entwirft Carolin Lüders eine vom Krieg erschütterte Fantasywelt, in der verschiedene Staaten um die Kontrolle über Magie und Kristalle (eine wichtige Ressource für Technologie) kämpfen. Dieser Kampf bestimmt das Schicksal von drei Frauen: einer Ex-Soldatin auf der Flucht, einer Wissenschaftlerin, die auf Rache sinnt, und einer Herrscherin, die ihre Macht zurückerlangen will. Eine dieser Frauen erlebt ihr queeres Erwachen und erkennt, dass sie nicht nur freundschaftliche Gefühle für Frauen hat. Da sie aus einer heteronormativen Kultur stammt, braucht sie Zeit, bis sie ihre Queerness akzeptieren kann. Und sie entdeckt andere Gesellschaften, in denen queere Menschen ganz selbstverständlich dazugehören.
Veronika Carver schickt in Nebby Dove – Gefährliche Winde (2025) eine bunt zusammengewürfelte Crew unter dem Kommando von Aeronautin und Biologin Tracey Kane auf die Suche nach einem legendären Himmelswal. Dabei kommen ihnen Luftpiraten in die Quere und als wäre das nicht anstrengend und gefährlich genug, wird Tracey auch noch in politische Machenschaften verwickelt – und zwischen all den Abenteuern gibt es sapphische Liebe als Subplot. Steamfantasy mit casual queerness und dem beliebten Found-Family-Trope. Mit der Reihe V-Sights gibt es übrigens auch sapphic Cyberpunk von Veronika Carver.
Science Fiction
In „Enemies to Lovers: Wenn aus Hass Liebe wird“ habe ich bereits zwei coole sapphische SF-Romane vorgestellt: Ich bin Gideon (2020) von Tamsyn Muir und Verlorene der Zeiten (2022) von Amal El-Mohtar und Max Gladstone, die auch hier nochmals dringend empfehlen möchte.
Frozen. Ghosted. Dead: Ein Zukunftsroman (2022) von Sameena Jehanzeb spielt im Jahr 2204. Die Erde ist von Ressourcenkriegen und der Klimakatastrophe gezeichnet und wird von den außerirdischen Telarin regiert. Niobe wollte eigentlich den Planeten verlassen und in einer Kolonie neu angefangen, doch dann wird sie beschuldigt, ihre Mutter – eine Politikerin – ermordet zu haben und alles geht den Bach runter. Noch dazu erhält sie Drohungen, virtuell und in der Realität. Ein Kommissar, der an ihre Unschuld glaubt, engagiert Personenschützerin L, die geheimnisvoll und sexy ist und Niobe den Kopf verdreht. Ein cooler Mix aus Crime, Science Fiction und Sapphic Romance. Nach der Lektüre kann man direkt mit Brin, Was Preema nicht weiß und Winterhof weitermachen, denn auch diese Bücher von Sameena Jehanzeb sind sapphic.
In der weit entfernten Zukunft in Der Sterne Zahl (2021) von Kameron Hurley gibt es nur Frauen, die in überwiegend organischen Weltenschiffen durch die Weite des Alls reisen und sich gegenseitig Ressourcen stehlen. Diese Schiffe sind schon sehr alt und ihre Ökosysteme befinden sich im Zerfall, weshalb die Kämpfe untereinander immer brutalen werden. Männer braucht es hier nicht, denn die (offensichtlich genetisch veränderten) Frauen werden regelmäßig von selbst schwanger und gebären nicht nur Kinder, sondern auch Dinge, die die Schiffe benötigen. Protagonistin Zan wird in einem Abfallschacht entsorgt und kämpft sich durch die inneren Schichten ihres Schiffes zurück an die Oberfläche, während ihre (Ex-)Freundin die Anführerin eines anderen Schiffes heiratet, um ihren gemeinsamen Plan umzusetzen – an den sich Zan nicht erinnert. Eine morbide Space Opera ohne Patriarchat, aber dennoch mit Gewalt.
Hannah Riley aus Sven Haupts Der Himmel wird zur See (2025) ist Raumschiffpilotin und stets bemüht, den Repressionen eines autoritären Systems zu entgehen. Nach einem Krieg mit Künstlichen Intelligenzen haben die Menschen die Erde verlassen und leben verstreut über das Sonnensystem, wo sie insbesondere Frauen das Leben zur Hölle machen. Und ausgerechnet Hannah soll diese Menschheit nun vor einer mysteriösen Krankheit retten und dazu zur Erde reisen. Diese ist ein Kriegsgebiet und zugleich ein postapokalyptisches Wunderland voll empathischer Roboter. Hannah trifft dort auf einzigartige künstliche Wesen – und KI Mica, die sich ihr als Projektion einer Draq Queen mit Bart und Glitzerkleid zeigt, Hannah die Wahrheit über den Krieg erzählt und ihr Herz gewinnt. Auch die Protagonistinnen anderer Romane von Sven Haupt führen Beziehungen zu Frauen und queeren Personen. Hier sei insbesondere auch Niemandes Schlaf (2023) empfohlen, ein weirder Cyberpunkroman mit einer trans Frau in einem intelligenten Rollstuhl.
Cyberpunk
Im Cyberpunk gab es bereits in den 1980ern coole Frauenfiguren und insbesondere in japanischen Animes spielten diese oft die Hauptrollen. In modernen Romanen findet sich dazu immer öfter auch queere Repräsentation. In The Girl With The Heart-Shaped Glasses (2026) von Anna Lisa Franzke steckt eine besondere Romantik, wobei wir hier die Beziehung zwischen Protagonistin Glasses und ihrer Freundin Haven nur aus der Perspektive unzähliger Kameras erleben. Der Roman ist aus Sicht einer Person verfasst, die Glasses überwacht, wobei diese immer wieder von der Bildfläche verschwindet. Entsprechend gibt es viele Lücken in der Handlung und dennoch erlebt man die Beziehung mit all ihren Höhen und Tiefen intensiv mit. Beide Frauen sind Teil einer Widerstandsgruppe, wobei ihre Rollen lange im Dunkeln bleiben – und wenn es im Bett zur Sache geht, schaut die überwachende Person diskret weg.
In Aiki Miras Romanen trifft man auf unterschiedlichste queere Identitäten, wobei sich manche von ihnen erst noch finden müssen – so wie Go aus Neongrau – Game Over im Neurosubstrat (2022), die ebenso Stuntboi und damit genderfluid ist und sich in die mysteriöse ELLL verliebt. Im zukünftigen Hamburg feiern sie illegale Partys im Elbtunnel und begeistern sich für Gaming-Stars, die in gigantischen Arenen gegeneinander antreten und dabei durch Neurosubstrat tauchen. In Proxi (2024) begleiten wir die queeren Protagonist*innen durch eine postapokalyptische Plastikwüste und in so mancher Kurzgeschichte von Aiki Mira wird es richtig romantisch – die gesammelten Werke bis 2024 sind kürzlich als Sammlung unter dem Titel Deshalb kann ich nicht fort (2026) erschienen.
Auch im Shadowrun-Universum gibt es Romane mit sapphischen Liebesgeschichten: Die Hackerinnen 3v3 aus Davids Grades Marlene lebt (2019) und Aggie aus Mike Krzywik Groß‘ Alter Ratio (2020) sind lesbisch und letztere zündet sprichwörtlich das Patriarchat an, gemeinsam mit ihrer Freundin, Scharfschützin Neeka. 3v3 hingegen hat ganz andere Probleme: Im Kopf ihrer großen Liebe steckt das Personaprogramm von Marlene Dietrich!
Ein ähnliches Problem hat Söldnerin Ghost in Shinigami (2022/2026) von M. H. Steinmetz: In ihrem Kopf steckt eine mysteriöse KI. Gemeinsam mit Netrunnerin Amy, die ursprünglich eine Zielperson war, arbeitet Ghost daran, die KI loszuwerden, und stürzt sich in eine stürmische Lovestory. Ein actionreicher, harter Cyberpunkroman mit genau der richtigen Menge Genreklischees.
Erde 0 (2021) ist kein Cyberpunk, sondern eine dystopische Postapokalypse mit Mad-Max-Vibes – und damit durchaus „punk“. Micaiah Johnson greift zudem Cyberpunkthemen wie soziale Ungleichheit auf und kombiniert sie mit einer rasanten Story um Parallelwelten und Weltenspringer*innen. Bei diesen handelt es sich bevorzugt um Menschen aus unteren sozialen Schichten, da bei ihnen die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass sie in den Parallelwelten nicht mehr leben und somit keine Doppelgänger*innen haben. Protagonistin Cara lebt nur noch in 8 von 380 bekannten Parallelwelten und ist damit die perfekte Weltenspringerin. Sie ist Schwarz, bisexuell, hat einen komplizierten romantischen Subplot mit einer Frau und muss herausfinden, ob sie verschiedenen Versionen der Menschen, mit denen sie schlechte Erfahrungen gemacht hat, trauen kann.

Judith Madera
Judith Madera ist Literatopia-Chefredakteurin und Herausgeberin des Online-Fanzines PHANTAST. Seit 2019 schreibt sie gelegentlich für TOR online über Science Fiction, Anime und Manga. Mehr unter https://www.literatopia.de

















