
Der Reiz des Autoritären: City of Blood/Berlinnoir
Lars Schmeink, 17.09.2026
Ist es möglich, einen Comic, der in der Weimarer Republik spielt, für eine Serie in die nahe Zukunft zu verlegen? Wie gut eignen sich Vampire als Allegorie auf den aktuellen rechten Populismus? Diese Fragen stellt und beantwortet uns Lars Schmeink.
Angesichts der Wahlen in Sachsen-Anhalt dürfte die Frage nach dem Zustand unserer Demokratie im Schatten eines populistischen Autoritarismus wohl kaum brennender sein. Das ausgerechnet eine TV-Serie über Vampire diese Frage sehr pointiert beantwortet hingegen ist eher ungewöhnlich. Die neue Disney+ Serie City of Blood basiert auf dem Kult-Comic Berlinoir von Reinhard Kleist und Tobias O. Meissner und verschiebt dessen Parallelwelt eines von Vampiren regierten Berlins in eine nah-zukünftige Zeit. Es geht um den Reiz des Populismus und die Wut auf ungerechte Politik.
Die Serie spielt in einer dystopischen Zukunft, in der der Klimawandel die Republik Berlin (nach dem Zerfall Deutschlands in Kleinstaaten) fest im Griff hat. 40° im Schatten sind schon im Mai erdrückend, alles ist verdorrt – die blühenden Landschaften Brandenburgs sind karge Wüsten – und der Beton Berlins hilft auch nicht. Die Reichen haben sich zurückgezogen in Villen mit Klimaanlagen in den Vororten und in den Klimadome, eine Art Schutzschild, der ganz Berlin Mitte vor Sonneneinstrahlung schützt und ein grünes, angenehm klimatisiertes Idyll erschafft. Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich ist frappierend und zeigt auf, wie wenig die Regierung unternommen hat, um das Leben in Berlin erträglich zu machen. Kein Wunder also, dass im Wahlkampf gerade die Partei „Aufbruch Berlin“ und deren charismatischer Vorsitzender Oliver Lawal (Oliver Schütter), mit harter Migrations- und Sicherheitspolitik und mit einem Klassenkampf-Diskurs gegen „die Eliten“ die etablierte konservative Regierung vor sich hertreibt.
Die Parallele zur heutigen Politikrealität ist kaum zu übersehen. Die regierende Partei wirkt wie ein Abziehbild unserer regierenden Koalition: keine Ideen, kaum Zustimmung, Alltagsprobleme ignorieren und stattdessen mit Symbolpolitik vor allem für die Reichen agieren. Aufbruch Berlin hingegen weiß, wie man emotional aufrührt und polarisiert. Der Kampf gegen die Eliten wird zum Ideal stilisiert, Terror und Kriminalität werden als Vehikel genutzt, um die Ohnmacht der Regierenden aufzuzeigen. Hier zeigen die Science-Fiction-Elemente der Serie überspitzt, wie unsere politischen Diskurse versagen und Populisten sich mit dem Wind drehen, um mehr virale Aufmerksamkeit zu haben. Die Serie zeigt deutlich die Radikalisierung der Politik Lawals zugunsten der Provokation, angetrieben von Social-Media-Zahlen, obwohl im Hintergrund die eigentlichen Eliten die Fäden ziehen und ihn wie eine Marionette tanzen lassen. Um sich und seiner Partei den teuren Wahlkampf finanzieren zu lassen, muss Lawal nämlich einen Pakt mit dem Teufel eingehen.
Das fantastische Element
Und das ist das fantastische Element der Serie, die Allegorie hinter dem Reiz des Populismus. Die Puppenspieler hinter Lawal und seiner populistischen Partei sind Vampire. Das Politikpoker ist nur ein weiteres Element in der Versorgung des Vampirclans mit Blutreserven. Bislang hat diese in der verzweifelten Stadt zu einem höchst kriminellen, aber lukrativen Bluthandel geführt, bei dem den Armen nichts übrigbleibt, als ihren eigenen Körper Tropfen für Tropfen zu verkaufen. Doch der Bedarf der Vampire ist riesig, ihre Gier nicht zu stoppen und so wollen sie den Bluthandel legalisieren, um ihn auf die gesamte Bevölkerung auszudehnen. Eine Forderung, die Lawal für Aufbruch Berlin übernimmt, und die unter den armen Massen Berlins trotz der offensichtlichen Ausbeutung auf große Zustimmung trifft. Die Hoffnung auf bessere Lebensumstände, der Reiz des autoritären Anführers, der alle Probleme aus der Welt schaffen kann, lässt die Wählerschaft blind werden für die radikale und menschenverachtende Forderung. Eine Erkenntnis über politische Realitäten, die die Serie durch das fantastische Element der Vampire subtil zu übertragen weiß.
Zweiter Motivator für den Eingriff der Vampire in die Politik ist der Klimadome, dessen neuartige Technologie die für Vampire tödliche Strahlung der Sonne herausfiltert. Im Dome sind Vampire entsprechend erstmals in der Lage am Tage zu leben und die Sonne sicher zu genießen. Die Forderung, den Dome auf ganz Berlin auszudehnen, ist also weniger angetrieben von sozialer Gerechtigkeit, als mehr dem Drang ihren Aktionsradius auch am Tag vergrößern zu wollen. Die Serie zeigt hier, wie elitäre und egoistische Motive sich in soziale Forderungen verpacken lassen – wie eine Forderung nach mehr Technologiefreiheit im Heizungskeller eben doch nur ein geschickt verpackter Schachzug ist, mehr Gas verkaufen zu können. Der Populismus siegt, weil er unverfroren bereit ist zu lügen und den Menschen emotional all das zu versprechen, was diese so sehr begehren. Und weil das System uns die Ausbeutung als Freiheit verkauft – so wie der strippenziehende Vampir im Hintergrund, der die Forderungen nach einer allgemeinen Blutsteuer als liberalisierenden Moment deklariert: „Jeder Mensch hat gleich viel Blut, egal ob arm oder reich“.
Berlin Noir
Spannend ist an City of Blood, dass die Serie mit dieser Auseinandersetzung um Populismus und den Reiz des Autoritären so etwas wie der Vorläufer – das Prequel – zum Comic Berlinoir von Reinhard Kleist und Tobias O. Meissner ist und wir die Handlung der zweiten Staffel entsprechend erahnen können. Der Comic ist im Berlin der Weimarer Republik angesiedelt und die Vampire übernehmen hier die Rolle der Nationalsozialisten nach der Machtergreifung. Die politische Warnung ist mehr als deutlich: das arme, dreckige und ausgemergelte Berliner Volk hat sich politischen Frieden, Wohlstand und Sicherheit wortwörtlich mit dem eigenen Blut bereits erkauft. Während sich der Vampirclan als Retter der einfachen Leute geriert und jedem Bürger Arbeit, Wohnung, Rente und Kultur versichert, sind die Massen gezwungen eben die geforderte Blutsteuer abzugeben, damit die Regierenden zu essen haben. Der Auftakt des Comics zeigt kein idyllisches Berlin, sondern eine regelrechte Maschinerie, in der der Einzelne ausgebeutet wird und dem fetten Leben der Bonzen dienlich sein muss. Als der Widerstand zunimmt, rufen die Vampire – diesmal von den Autoren bei der Stasi abgeschaut – das Volk zum Denunzieren auf und drohen mit Gewalteskalation und Sanktionen. Und dabei zeigt sich deutlich, wie weit manche gehen, um sich dem autoritären System anzubiedern, „aus reiner Furcht, die Stabilität des jetzigen Zustands einzubüßen“, wie es im Comic heißt.
Mahnend könnte man also den Comic im Gespräch mit der Serie verstehen. Die Weimarer Republik ist der perfekte Zeitpunkt, um den Konflikt von Widerstand und autoritärer Staatsmacht auszuloten. Die Parabel auf sowohl Nationalsozialismus als auch real-existierenden Sozialismus lässt sich ganz wunderbar daraus lesen. Doch das bedeutet eben auch, dass wir heutzutage zum Glück noch nicht so weit sind. Die nahe Zukunft von City of Blood zeigt aber, wie kurz davor wir eigentlich stehen: Wie lange wird es dauern, bis der Populismus siegt, bis wir unser eigenes Blutvergießen an die Macht wählen? Noch wehren sich die demokratischen Kräfte gegen den aufblühenden Autoritarismus. Doch die Frage danach, wie weit wir bereit sind zu gehen, um unseren Vorteil, unser Gefühl von Sicherheit zu erlangen, die bleibt bestehen. Das ist die Frage die die Disney+ Serie City of Blood so subtil stellt und uns damit an unseren Handlungsspielraum erinnert. Noch können wir die Vampire davon abhalten, unser Blut zu trinken.
City of Blood ist seit dem 16. September 2026 auf Disney+ verfügbar.




