Science Fiction

Droneland: Überwachung des Alltags

Szene aus dem Trailer von
© MagentaTV

Lars Schmeink, 05.11.2026

Wie aktuell kann die Serienverfilmung eines Science-Fiction-Krimis von 2014 sein? Am Beispiel von Tom Hillenbrands Roman Drohnenland und der Adaption Droneland erklärt uns Lars Schmeink, wie viel Aktualität noch darin steckt, aber auch, was nicht so gut funktioniert.

In der öffentlichen Wahrnehmung spielen Drohnen derzeit vor allem in zwei Szenarien eine Rolle: Zum einen ist da der offensichtliche Einsatz im Krieg und bei militärischen Missionen; ganz besonders häufig werden Drohnenangriffe im Kontext des Ukraine-Krieges genannt. Und zum anderen kommen sie immer häufiger als innenpolitische Bedrohung vor, zum Beispiel an Flughäfen oder anderer verletzlicher Infrastruktur. In beiden Fällen werden Drohnen also gegen den Staat gerichtet und sind Teil einer militärischen oder terroristischen Strategie. In der Diskussion um Drohnen vergessen wir daher leider schnell, dass der Staat diese Technologie auch innerhalb seiner eigenen Grenzen einsetzen kann, etwa um Sicherheit zu garantieren oder aber eben um Staatsmacht auszuüben. Die niederländische Polizei beispielsweise setzt aktuell verstärkt auf Drohnen um Rasern, Falschparkern oder sogar Graffiti-Sprayern auf die Schliche zu kommen. Und in Wien wurde der letzte Eurovision Song Contest mit polizeilichen Drohnen überwacht. Das klingt erstmal sinnvoll und wünschenswert, lässt aber auch Szenarien erahnen, in denen aus Schutz selbst eine Bedrohung wird. Wie weit wären wir bereit unsere Freiheiten einzuschränken, in dem Wunsch unsere Sicherheit zu garantieren? 

Das Szenario kippt in die totale Überwachung, wenn wir eine KI hinzufügen, die Entscheidungen trifft, was erlaubt ist und was nicht, und die Sicherheit gegen Freiheit abwägt. Was wäre, wenn eine starke KI alle Schritte des öffentlichen (und größtenteils auch privaten) Handelns dem Staat zugänglich macht – durch massiven Drohneneinsatz, durch Gesichts- und Schritterkennung, und durch die Fähigkeit auch private Datenquellen wie Handys zur Überwachung heranzuziehen. So entsteht autonomes agierendes Überwachungssystem wie es schon 2014 von Science-Fiction-Autor Tom Hillenbrand für seinen Roman Drohnenland beschrieben wurde. Bedrohlich daran ist, dass wir fast alle Bausteine dieses Surveillance-Netzes bereits haben, diese nur noch nicht so konsequent zusammengesetzt haben. Und daraus ergibt sich, warum der Roman aktuell gerade als TV-Serie Droneland verfilmt wurde und ab 08.10. auf Magenta TV erscheint. In der Serie hat die europäische Polizeibehörde Europol ein solches, allumfassendes Überwachungssystem aufgebaut und nutzt dieses, um mit eiserner Hand gegen Terrorismus und Kriminalität vorzugehen. Tausende Drohnen überwachen jeden öffentlichen Schritt und mit Hilfe des KI-extrapolierten MirrorSpace – einer Art digitalem Zwilling der Realität – können selbst in privaten Räumen begangene Verbrechen aufgeklärt werden. Die zuständigen Ermittler begeben sich einfach in den MirrorSpace und durchschreiten das Verbrechen selbst wie eine Simulation, inkl. vor- und zurückspulen oder Detailanalysen von Spuren. Die totale Überwachung soll die totale Sicherheit garantieren – aber eben um den Preis, sich einer KI zu unterwerfen, die alles und jeden möglichst lückenlos kontrolliert. 

Spannend ist dabei, dass Hillenbrand bereits 2014 bemerkt hat, dass eine solche KI-Realität nicht immer 100% der Realität entsprechen muss, die wir für uns definieren. Das liegt in der Natur des Systems, was in der Serie allerdings nur kurz angesprochen wird: Die Daten, die dem MirrorSpace zugrunde liegen bilden niemals 100% der Realität ab, was in einem Verlässlichkeitswert festgehalten wird. Der Techniker, der den MirrorSpace betreut sagt, ein Wert unter 75% wird bei Verbrechensrekonstruktionen als zu gering angesehen. 75% bedeutet aber immer noch 25% Unzuverlässigkeit – wenn es darum geht jemanden für Mord zu verhaften, oder noch drastischer, der KI zu erlauben, einen tödlichen Waffeneinsatz von Drohnen zu befehligen, dann klingt ein Viertel Halluzination doch drastisch zu viel. Es wird im Verlauf der Serie klar, dass die Kommissare der Europol einer Halluzination der KI erliegen können und dass unser völliges Vertrauen in diese KI uns abhängig macht, verwundbar und manipulierbar. Und die Serie zeigt das Dilemma einer Staatsmacht, die dank KI berechnen kann, wer zum Täter werden wird – Precrime aus dem SF-Klassiker Minority Report lässt grüßen. Darf man einen Menschen töten, wenn die KI berechnet, dass er zum Terroristen werden wird? 

Auch wenn der Roman aufgrund seines Erscheinungsdatums von 2014 weitaus prophetischer und radikaler wirkte, ist die Serie umso zeitlich pointierter im Aufzeigen der ganz akuten Probleme im Umgang von Macht und neuer Technologie – die Verheißungen vollständiger Kontrolle und damit einhergehender Sicherheit sind einfach zu verlockend, und das sollte uns allen zu denken geben. Hillenbrands Welt mit seiner ultimativen Überwachungsmaschine ist eine bedrohliche Warnung, die es Wert ist, beachtet zu werden. Da ist es schade, dass das Produktionsdesign dieser deutschen Serie nicht mit preisgekrönten Hits wie Dark oder Babylon Berlin mithalten kann. So wirken die Effekte der tausenden Überwachungsdrohnen billig und die Umsetzung des High-Tech-Produkts MirrorSpace eher klischeehaft mit digitalen Glitches überzogen (um narrativ die Unzuverlässigkeit zu signalisieren). Auch in Sachen kohärenter Weltenbau hätte man den Roman updaten können und müssen. So ist die terroristische Bedrohung immer noch im Nahen Osten verortet, statt etwa in Russland. Und warum niemand hypermoderne Smartphones oder Wearables hat, die dem Überwachungssystem freiwillig in die Hände spielen, ist auch rätselhaft. Die Serie verdeutlicht damit recht gut, dass eine prophetische Technologie (wie hier die Überwachung durch KI) nicht automatisch bedeutet, dass die Science Fiction Welt kohärent und logisch zu Ende gedacht sein muss. 

Dabei ist gerade ein Aspekt sehr gut und pointiert getroffen. Weil die Technologie des MirrorSpace einem Tech-Giganten gehört, kommentiert die Serie sehr gekonnt, wie Staat und Corporation verschmelzen, wie die Interessen des Einen, die Auslegung der Gesetze durch den Anderen bestimmt. Das ist ein kritischer Kommentar auf die Transnationalität von Konzernen wie Google, Meta oder OpenAI, die bis heute massiv gegen europäische Gesetzgebungen lobbyieren und sich nicht an nationale Gesetze gebunden fühlen. Man stelle sich aber vor, Claude von Anthropic würde auf Palantir-Überwachung und das europäische Polizeisystem Zugriff haben und alles zusammen in Zuckerbergs Metaverse einspielen. In der Serie wird dies ermöglicht, weil Politik und Tech-Konzern eng miteinander verwoben sind. Und weil naives, opportunistisches Handeln die Politik der EU bestimmt. Sich bei so sensiblen Entscheidungen wie Freiheit und Sicherheit der Bürger*innen auf eine proprietäre Technologie eines profitorientierten Unternehmens zu verlassen und dieser alle Handlungsmacht zu überlassen, das geht über das hinaus, was wir bisher in den USA mit Trumps Anbiederung an Silicon Valley gesehen haben. Aber damit steht es ganz wunderbar als dystopische Warnung im Raum – und genau da brilliert die Serie. 

Lars Schmeink

Lars Schmeink

Dr. Lars Schmeink ist freier Journalist und Medienwissenschaftler. Er ist Gründer der Gesellschaft für Fantastikforschung und hat an verschiedenen Universitäten zu Science Fiction und anderen Fantastikthemen geforscht, gelehrt und publiziert.

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