Buchtipps aus dem Otherland Juni 2026: Horror
Otherland, 25.06.2026
Japanische Geister, Hotelgeister, ein Klassiker des Spukhausromans und argentinische Menschenfresser: Die aktuellen Horror-Buchtipps vom Team der Berliner Fantasy- und Science-Fiction-Buchhandlung Otherland.
Daisy Johnson | Das Hotel
btb: €13, dt. Übersetzung Birgit Maria Pfaffinger
Auf einem Fleckchen Schlamm und Regenwasser in den Mooren steht das Hotel. Es ist berüchtigt für seine Spukgeschichten. Unglückliche Gestalten scheinen sich dort zu versammeln, angezogen wie Motten vom Licht.
Eine Frau, die ertränkt wurde, weil man sie für eine Hexe hielt. Eine Bauarbeiterin, die von ihren Kollegen zu Tode geprügelt wurde. Eine Putzfrau, besessen vom Okkulten. Zwei Mädchen, die düstere Spiele spielen, während ihre Eltern sie ignorieren. Unheimliche Junggesellinnenabschiede, unsichtbare Praktikanten und eine paranoide Nachtwache... Das Hotel sammelt. Flüche und Familiengeschichten. Künstliche Intelligenz und Gene. Und es gibt Monster im Hotel: Blaubärte und Eleonoren und Jacks und Keziahs…
Ursprünglich als fünfzehnteilige Serie für BBC Radio 4 geschrieben, ist Das Hotel das neueste Werk Daisy Johnsons. Johnson hat seit ihrer Kurzgeschichtensammlung Fen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und uns seither mit dem preisgekrönten Everything Under und dem skurrilen Thriller Sisters begeistert. Das Hotel ist im Grunde eine Sammlung feministischer Geistergeschichten, die sich alle um denselben Ort drehen. Alle Elemente folgen zwar einem traditionellen Muster, aber Johnson hat immer ihre eigene Note. Man begegnet bekannten Monstern, doch oft ist es die Realität selbst, die viel monströser ist.
Shirley Jackson | Spuk in Hill House
Festa: €19.99, dt. Übersetzung Eva Brunner
„Kein lebender Organismus kann unter den Bedingungen der absoluten Realität lange bei klarem Verstand weiterleben; selbst Lerchen und Laubheuschrecken werden von manchen als Träumer angesehen.“
Seit einigen Jahren beobachte ich, wie öffentliche Orte dezimiert werden und sich Menschen in ihren privaten Häusern verstecken. An einem besonders ungemütlichen Oktober-Freitag versuchte ich vorsichtig, eine kleine spontane Party zu veranstalten... aber meine Welle der Motivation wurde durch den Unwillen meiner Freunde und Bekannten, sich von der Couch zu erheben, gebremst. Wütend versuchte ich, Geister zu beschwören – nur um mir die Zeit zu vertreiben – und wünschte mir nichts sehnlicher als klirrende Ketten und diffuse Lichtgestalten, die mein Besteckfach durcheinanderbringen, nur um eine Störung in meinem gemütlichen kleinen Schlafzimmer zu erleben. In diesem Zusammenhang: Wäre es möglich, eine Mietminderung zu beantragen, wenn es spukt?
Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich zum ersten Mal das Meisterwerk The Haunting of Hill House von Shirley Jackson nachts in meinem Bett gelesen habe. Ich kuschelte mich zufrieden in meine Froschdecke, bis ich das Licht ausschaltete... Aber der Schlaf wollte sich meiner nicht erbarmen, denn ich war verängstigt und musste vor lauter Unbehagen das Licht anlassen. Das waren noch Zeiten. Nichts ist vergleichbar mit der unglaublichen Panik, die einen überkommt, wenn man plötzlich das Gefühl hat, in seinem eigenen Zuhause nicht mehr sicher zu sein. Vor allem wusste ich nicht mehr, ob ich es lieber hätte, wenn jemand meine Hand hält, oder nicht.
[Esther]
Agustina Bazterrica | Wie die Schweine
Suhrkamp: €15.95, dt. Übersetzung Matthias Strobel
Horror testet gerne Grenzen aus. Ob das Grenzen des guten Geschmacks, des bis dato Möglichen oder des Aushaltbaren sind, bleibt den Autor*innen überlassen. Augustina Bazterrica aus Buenos Aires sprengte sie alle – und platzierte sich damit wochenlang auf den Bestsellerlisten Argentiniens. Eigentlich eine simple Idee: Marcos arbeitet in einer Schlachterei; jeder Arbeitsschritt wird minutiös in knappen, einfachen Sätzen ausformuliert.
Die Bilder kennt man aus PETA Demonstrationen - Einer der Gründe, warum ich persönlich auf Fleisch verzichte. Würde ich allerdings in dieser schrecklichen Parallelwelt leben, würde mir der Staat einreden, dass tierisches Protein unverzichtbar ist. Allerdings sind Tiere Überträger einer schrecklichen Seuche und wurden bis zum letzten Spatz ausgerottet...
Also schlachtet Marcos Menschen, die extra zum Verzehr gezüchtet werden.
Eigentlich reicht das schon zum Haarsträuben, aber Bazterrica webt zusätzlich noch eine klinisch präzise Charakterstudie mit ein und hinterlässt uns mit einem Ende, das einen schwer wieder loslässt.
[Esther]
Victor LaValle | Die Ballade von Black Tom
buchheim: €18.99, dt. Übersetzung Frauke Meier
Charles Thomas Tester lebt am Rande der amerikanischen Gesellschaft. Kein „amerikanischer Traum“ für Tom. Er schlägt sich mit der Straßengitarre durchs Leben, um sich ein paar Cent fürs Abendessen zu verdienen, und meidet dabei sowohl Polizisten als auch Kriminelle. Als ihm eine Zauberin aus Queens einen Job als Auslieferer eines verdächtigen alten Buches anbietet, sollte er es eigentlich besser wissen. Aber Geld ist Geld, und manche Leute (und Nicht-Leute) von Harlem bis Red Hook scheinen Toms Kunst wirklich zu schätzen.
Wow, die Leute von Cemetery Dance haben echt einen guten Geschmack für Horrorgeschichten. Victor LaValles Die Ballade von Black Tom ist eine meiner Lieblingsnovellen des letzten Jahrzehnts, und Frauke Meiers Übersetzung ist einfach genial (ganz zu schweigen von Vincent Chongs Illustrationen). Die Geschichte nimmt die Lovecraft-Welt – mit all ihrer hochproblematischen Rassenpolitik – und nutzt ebendiesen Kosmos, um die Rassisten schonungslos bloßzustellen. Kühn, unheimlich und poetisch noch dazu.
Philippe Charlier | YOKAI - GEISTER
Prestel: €32
Wirklich prachtvoll kommt sie daher, diese wunderschöne Sammlung gebeutelter Gestalten. In Stoff gebunden, mit Seiten, die wie bei japanischer Buchbindung verbunden sind.
Und die Graphiken erst, so bunt und zahlreich wie die Wesen, um die es hier geht. Und ganz anders und komplex sind die, da versinken unsere europäischen Geister im Boden vor lauter 0815. Weiße Lady? HANNYA würde dich einmal angucken, da zerfließt selbst du in deine ektoplasmatischen Bestandteile. Habt ihr mal von der Abendbeschäftigung Hyakumonogatari Kaidankai (Sammlung von 100 übernatürlichen Erzählungen) gehört? Entstanden in der Edo-Zeit (1603-1868) traf man sich in einem Haus, erleuchtet von 100 Kerzen, und erzählte sich 100 Geistergeschichten und nach jeder wurde eine Kerze ausgeblasen … Japanische Geister tragen den Namen Yokai und entstehen überall, wo Menschen gelitten haben.
Da das menschliche Dasein viel zu oft aus Leiden besteht (warum sind wohl Linkin Park noch so beliebt?) gibt es die in der japanischen Mythologie also wie Sand am Meer. Und WOW sind das Dinger, zu den meisten gibt es in dieser Ausgabe eine Erklärung und manchmal eine Geschichte und vor allem illustre Holzschnitte aus dem 20. Jahrhundert. Bewundernswert sind die, aber nicht hübsch – so wie eben die Yokai, die hier zwischen die Buchdeckel gebannt wurden. Macht euch bereit für fliegende Köpfe, gigantische Skelette (aus den Gebeinen gefallener Krieger), das Lächeln des Todes, Dämonen und andere haarsträubende Spukgestalten. Und damit blase ich die letzte Kerze aus und lasse euch allein (oder nicht?) im Dunkeln zurück…
[Esther]
Anmerkung der Redaktion: Das Otherland hat jetzt ein praktischeres Bestellsystem. Ihr müsst keine E-Mail mehr schreiben, sondern könnt direkt im Shop kaufen. Einfach dem Link oben bei den Buchcovern folgen.