Historische Recherche für imaginäre Welten - ein Widerspruch?
Swantje Niemann, 30.04.2026
Fantasy ist doch was für faule Autor*innen, die keine Recherche betreiben wollen. Wirklich? Swantje Niemann klärt uns über so manche Mythen und Vorurteile gegenüber dem Genre auf und zeigt, welche fleißige und sorgfältige Arbeit in einem Fantasyroman stecken kann.
Vor einer Weile ist mir online die These begegnet, dass Autor*innen Fantasy schreiben, weil sie keine Lust auf Recherche hätten. Autor*innen wiesen in ihren Antworten korrekterweise auf die Bedeutung von psychologischem Realismus, auf die Vermeidung klischeehafter Darstellungen marginalisierter Gruppen und auf die viele Zeit hin, die sie in Recherche zu Geschichte und Mythologie gesteckt hatten. Ich konnte meine Antwort sogar mit einem Beweisfoto meiner eigenen Recherche bebildern: Seiten um Seiten von Exzerpten zu den europäischen Revolutionen von 1848/89 und der Rolle von Mooren, Sümpfen und anderen Feuchtgebieten in Ökologie, Geschichte und Politik. Was man eben so braucht, um Fantasy Romance zu schreiben – oder? Dass ich ausnahmsweise mal die passende Bebilderung hatte, invalidiert nicht die Frage: Ist das für ein gutes Buch nötig? Was genau bewirkt eine detaillierte historische Recherche für einen Roman, der in einer anderen Welt spielt?
Ich muss der anonymen Person, die ich zum Aufhänger meines Artikels mache, ein Stück weit Recht geben: Recherche für lediglich historisch inspirierte Fantasy funktioniert anders als die für ein Buch, das an einem konkreten Ort, zu einer konkreten Zeit in unserer Welt angesiedelt ist. Und ja, zumindest für mich ist sie weniger einschüchternd als die Recherche für Geschichten mit historisch verbürgten Schauplätzen, wo das Risiko von beweisbaren Fehlern viel höher ist und man hoffen muss, dass die Überlieferung nicht dem geplanten Plot im Weg steht. Der Maßstab von Fantasy ist schließlich nicht die hundertprozentige Überschneidung mit der Realität (bzw. der Vorstellung, die sich Autor*innen und Leser*innen von dieser machen), sondern Plausibilität.
Ich kann weglassen, was ich nicht übernehmen will. Ich kann Einflüsse aus verschiedenen Orten und Zeiten einfließen lassen. Ich muss weglassen, was nicht in meinen Weltenbau passt. Schließlich haben selbst die stärker von realer Geschichte inspirierten Settings von Fantasyromanen in Sekundärwelten andere Vorbedingungen als ihre historische Inspiration. Dort gibt es andere geografische Gegebenheiten, geschichtliche Entwicklungslinien, kulturelle Prägungen, Magie und je nach Setting noch die Existenz magischer Wesen bis hin zu aktiv intervenierenden Gottheiten. All dies kann die Gemeinsamkeiten mit realer Geschichte unrealistischer machen als die Abweichungen.
„Historisch korrekte Fantasy“ ist also ein Oxymoron (und obendrein ein Begriff mit einigem Ballast, wir haben ihn schließlich alle in den letzten Jahren sehr selektiv verwendet gesehen, wenn eine bestimmte Sorte Person gegen Diversity im Genre argumentieren wollte). In ihrem Aufsatz ‚Das war halt so!’ – Zur Problematik von historischer Korrektheit, Authentizität und Fantastik in der Essaysammlung „Roll Inclusive – Diversity und Repräsentation im Rollenspiel“ (Hrsg.: Aşkın Hayat-Doğan, Frank Reiss, Judith Vogt) weist Aurelia Brandenburg darauf hin, dass eine hundertprozentige, zuverlässige Rekonstruktion der Vergangenheit selbst dann unmöglich ist, wenn sich Autor*innen das zum Ziel machen. Schreibende müssen Entscheidungen treffen, welchen Quellen sie glauben und wie sie Lücken füllen.
All dies ist wahr. Und ich stehe trotzdem zu 100 Prozent hinter der These, dass viele Fantasyautor*innen durch die Beschäftigung mit Geschichte besser in ihrem Job werden. Die Gründe dafür sind vielfältig und sie haben viel damit zu tun, dass das Genre traditionell eine besondere Beziehung zu Geschichtsschreibung und Geschichtsbildern hat.
Recherche zum Zeit sparen
Manche Autor*innen halten sich relativ nahe an ihre historische Inspiration. Ich denke z.B. an Guy Gavriel Kay mit seinen Romanen, die eine „Vierteldrehung ins Fantastische“ beschreiben, aber bei denen selten in Frage steht, welche reale Region und Epoche ihnen als Vorbild diente. Andere Autor*innen bemühen sich, Welten zu schaffen, die ihren Leser*innen ganz neue Settings und Kulturen liefern. Aber selbst für letzteres kann es sich lohnen, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, Geschichtsbücher und (ggf. Übersetzungen von) Originalquellen zu lesen. Denn selbst in solchen Fällen können Beispiele für Probleme und Lösungen aus der Vergangenheit davor bewahren, das Rad neu erfinden zu müssen. Ken Liu nennt z. B. im Nachwort von „Speaking Bones“ einige reale Erfindungen, auf denen die seiner fiktionalen Ingenieur*innen basieren.
Für politische Forderungen in meinem aktuellen Setting konnte ich mich einfach direkt aus Petitionen von 1848 bedienen. Und eine Vortragsreihe über die Geschichte politischer Philosophie zu hören, hat mir wieder verdeutlicht, dass sich Menschen in der Vergangenheit teilweise Fragen gestellt haben, auf die ich nicht gekommen wäre und ihnen umgekehrt Fragestellungen, die wir wichtig finden, irrelevant erschienen. Ich habe eine Menge Ideen für Positionen und mögliche Konflikte für zukünftige Romane mitgenommen.
Lebendige Details
Die Beschäftigung mit Geschichte ist auch eine schöne Quelle lebendiger Details. Das Internet gibt hier einige tolle Ressourcen her. Zum Beispiel hat die Universität von Stanford vor über einem Jahrzehnt eine Seite veröffentlicht, mit der sich Reisen durchs römische Reich simulieren und Reisegeschwindigkeiten ermitteln lassen. Autorin Marie Brennan hat im Selbstversuch ermittelt, wie gut Karate in viktorianischer Abendmode funktioniert. Die interessante Schlussfolgerung von letzterem: Das größte Problem sind die Ärmel und es würde für eine Figur Sinn ergeben, in einer Kampfszene als allererstes, deren Nähte aufzureißen, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Solche Details können viel dazu beitragen, fiktionale Welten farbenprächtiger und glaubwürdiger zu machen.
Inspiration für neue Plotstrukturen
Die Beschäftigung mit Geschichte kann auch dazu anregen, mit Plotstrukturen zu experimentieren. In meinem spezifischen Fall hat mich das Nachlesen über die Biografien politisch engagierter Frauen in den 1840ern, und Diskussionen darüber, ob die Revolutionen von 1848 wirklich so sehr unter dem Gesichtspunkt ihres Scheiterns betrachtet werden sollte, daran erinnert, dass für viele Akteur*innen das Leben und der Aktivismus weiterging, wo gängige Narrative einen Schlusspunkt setzen. Dass Ideen von Erfolg und Scheitern sehr davon abhängen, wo man mit dem Erzählen aufhört und mit welchen Erwartungen und Definitionen man in die Vergangenheit blickt. Wenn sich ein Buch an die „Plotstruktur“ von Geschichte schmiegt, statt z. B. die Hollywood-Formel oder die Seven-Point-Plot-Structure zu nutzen, entsteht dadurch eine ganz neue Art der Spannung und Unvorhersehbarkeit und ein erfrischendes Leseerlebnis.
Diese Art der historischen Inspiration fand ich in „Fire and Blood“ von George R.R. Martin gekonnt aufgegriffen. Es handelt sich dabei um ein fiktives Geschichtsbuch über die Dynastie der Tagaryens in Westeros, aus dem die Vorlage für die Serie „House of the Dragon“ herausgelöst wurde. Weil der Erzähler eben immer weiter erzählt, sehen wir kein stabiles gutes oder schlechtes Ende – die Geschichte geht immer weiter, und jede Krise vergeht irgendwann, jede erfolgreiche Ära trägt die Samen der nächsten Krise in sich. Ähnliche Überlegungen durchziehen auch das bereits erwähnte „Speaking Bones“. Auch hier thematisieren Figuren, dass selbst diejenigen unter ihnen, die mehr als viele ihrer Mitmenschen Geschichte lenken, nicht vorhersagen können, was ihre Entscheidungen langfristig bewirken werden. Sie spekulieren darüber, was Historiker*innen der Zukunft wohl eines Tages über sie denken werden.
Überzeugend übers Geschichte Schreiben schreiben
Durch historische Recherche lernt man auch, wie solche Historiker*innen zu ihren Schlüssen kommen könnten. Sie kann vermitteln, wie Artefakte und Überlieferungen aussehen können, wie viele heftig diskutierte offene Fragen es gibt, und wie Mythen entstehen können. Dieses Wissen macht es leichter, eine fiktive Welt erscheinen zu lassen, als ruhe sie auf Lage um Lage halb erinnerter Geschichte. Sein Faible für Tonscherben ist ein Meme geworden, aber ich glaube, ich würde die Malazan-Reihe weniger mögen, wenn nicht Steven Eriksons Erfahrung als Archäologe in sie eingeflossen wäre. Die kleinen Auszüge aus fiktiven Sagen und Geschichtsbüchern in Bernhard Hennens und James Sullivans „Elfen“-Romanen fühlen sich überzeugend an und schaffen den Eindruck, dass in dem fiktiven Universum tatsächlich Zeit verstrichen ist. Ada Palmers „Terra Ignota“ ist gezielt im Stil einer historischen Quelle geschrieben, mit all den Arten, wie die Umstände der Entstehung – ein exzentrischer, voreingenommener Erzähler und mehrere Personen und Institutionen, die den Text vor der Veröffentlichung zensiert haben – diese geprägt haben. Diese Inspiration aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit lässt die Zukunft realistischer wirken und spiegelt auch die Thematisierung des Austauschs zwischen Menschen verschiedener Zeiten im Text.
Fantasy mit Bildungsbeilage
Solche Elemente in Fantasyromanen regen auch dazu an, über historische Überlieferungen in unserer Welt und die Schwierigkeit der Rekonstruktion vergangener Epochen nachzudenken und darüber, von welchen Motivationen das Erzählen von Geschichte geprägt sein kann, und inspirieren zum Nachdenken darüber, wie viel komplexer und mehrdeutiger die Geschichte ist, die viele von uns aus nur halb-erinnerten, oft aus Zeitmangel sehr schematischen oder schlaglichtartigen Darstellungen aus der Schulzeit kennen. Historische Recherche ermöglicht es Fantasy also, eine Bildungsfunktion zu erfüllen und Lesende zu eigenen Recherchen zu ermuntern. Das gilt auch für andere Formen von historischer Inspiration, vor allem, wenn ein ausführliches Nachwort aufschlüsselt, was aus den Quellen und was aus der Fantasie der Autor*in kommt, und Lektüreempfehlungen liefert, mit denen sich interessierte Lesende weiterbilden können.
Wir entkommen der Geschichte sowieso nicht
Ada Palmer, die mir schon bei einem meiner letzten Artikel mit einem ausgezeichneten Essay zu dem Thema zuvorgekommen ist, musste das natürlich auch für dieses Thema wiederholen: In „Why all science fiction and fantasy writers are historians“ geht sie darauf ein, dass Fantasy-Autor*innen das Gleiche tun, wie viele Geschichtswissenschaftler*innen: In ihren epischen Geschichten scheinen absichtlich oder unabsichtlich ihre Überzeugungen darüber durch, wie Geschichte funktioniert und was die entscheidenden Faktoren hinter großen historischen Wendepunkten und Entwicklungen sind. Und das ist relevant, weil ihre Geschichten ein größeres Publikum erreichen und so z. B. beeinflussen können, was Teile der Öffentlichkeit darüber denken, wo historische Agency liegt. Fantasy kann eine Welt von politischen Spielern und NPCs zeichnen oder Gruppen und Institutionen in den Fokus nehmen. Sehr deutlich wird das z. B. in Terry Pratchetts „Die Nachtwächter“ – ein Roman, der bei all seinen satirischen Elementen auch eine Geschichte darüber erzählt, wo die eigentlich wichtigen Entscheidungen während einer Revolution fallen.
Dass Popkultur inklusive Fantasy entscheidend dazu beitragen kann, das Bild vergangener Epochen im öffentlichen Bewusstsein zu formen, ist ein bekanntes Phänomen. Es gibt zum Beispiel zahlreiche Veröffentlichungen zu „Medievalism“, also der fortlaufenden Konstruktion eines Bildes des Mittelalters durch akademische Forschung, aber auch Populärkultur. Hier setzen sich Wissenschaftler*innen z. B. mit den Mittelalterbildern in Medien auseinander, die tatsächlich im Mittelalter spielen, aber auch zum Beispiel mit Tolkiens Werk oder „Das Lied von Eis und Feuer“ – Fantasy-Settings, die sich vom Mittelalter haben inspirieren lassen und mit unseren Vorstellungen davon in Dialog stehen.
Es entsteht also ein bisschen eine zyklische Situation: Fantasyautor*innen schreiben Romane, die auf ihren Vorstellungen historischer Epochen und Prozesse basieren, und diese prägen wiederum, was andere Autor*innen schreiben. Hinter all dem schwebt eine vage Vorstellung davon, wie die Vergangenheit aussah und wie Geschichte „funktioniert“. Sich explizit mit dem Thema zu beschäftigen und eine eigene Meinung dazu zu formen, statt einfach vage in der Popkultur herumschwirrende Annahmen zu übernehmen, kann zu einem reflektierten, interessanten Buch führen.
Eine Einladung zum mutigen Weltenbau
Mehr über die reale Welt zu lernen, kann auch sonst zu mutigeren fantastischen Welten beitragen. Ich hatte ja früher im Text angesprochen, dass „historische Korrektheit“ sich gerade auf Fantasy nur eingeschränkt anwenden lässt. Ganz ignorieren lässt sie sich auch nicht. Wenn ein Roman sich stark an einem bestimmten historisch verbürgten Setting orientiert und das Publikum dazu einlädt, Lücken im Text mit ihrem Vorwissen darüber zu füllen, können Brüche mit entsprechenden Erwartungen durchaus irritieren. Oft liegt hier dann die Sorge nahe, dass Figuren und Ereignisse allzu modern wirken können. Recherche kann manchmal von dieser Sorge befreien. Z. B. über Christine de Pizans Leben zu lernen und ihr „Das Buch von der Stadt der Frauen“ zu lesen, könnte eine Ermutigung sein, mehr über unabhängige Frauen in einem mittelalterlich anmutenden Setting zu schreiben, die gegen die sexistische Rhetorik ihrer Zeit anschreiben.
Wenn man genauer hinschaut, ist Geschichte komplex, voll mit Überraschungen und Merkwürdigkeiten, mit Normen und Abweichungen davon, die man durch oberflächliche Beschäftigung vielleicht nicht auf dem Schirm hätte. Und sie kennenzulernen kann wiederum zu mehr Mut und Selbstvertrauen im Weltenbau einladen.
Lasst euch inspirieren!
Über Geschichte, Geschichtswissenschaft, Geschichtsdeutungen zu lesen ist eine reiche Quelle der Inspiration und passt letztlich gut zu meinen zwei größten Schreibratschlägen, die ich angehenden Fantasy-Autor*innen geben würde: 1. Mach, was du willst, aber sei dir bewusst, was du machst und warum und 2. suche dir auch Inspirationsquellen außerhalb des Genres, in dem du schreibst.
Swantje Niemann
Swantje Niemann wurde 1996 in Berlin geboren. Als Leserin, aber auch als Autorin ist sie am liebsten in den verschiedenen Subgenres der Phantastik unterwegs und teilt auch gerne in Blogposts und Rezensionen ihre Eindrücke von Büchern. Sie schreibt unter anderem für das Fanzine „Phantast“. 2021 erschien ihr vierter Roman, „Das Buch der Augen“. Mehr Informationen findet ihr unter https://www.swantjeniemann.de