Funtasy: Alles, was du über das Genre wissen musst

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Funtasy: Alles, was du über das Genre wissen musst


Zaubersprüche in erfundenen Sprachen, Objekte mit eigenem Willen und pathetische Helden: Manchmal hat man das Gefühl, die Fantasy nehme sich vielleicht doch ein bisschen zu ernst. Aber keine Sorge – dass das Genre auch Sinn für Selbstironie und Humor besitzt, beweist die Funtasy.

 

Stell dir vor, du gehst morgens zur Arbeit und plötzlich fällt dir ein Elf vor die Füße. Spitze Ohren, grünes Gewand, Pfeil und Bogen, die ganze Palette. Er spricht dich an auf eine Art, wie du es höchstens von einem Mittelaltermarkt gewöhnt bist – du weißt schon, „Helft mir, oh Menschling!“, etwas in der Richtung. Er erzählt dir etwas von wegen, dass er gerade durch ein Portal geschlüpft ist, große Bedrohung in seiner Welt, Drachen, finstere Mächte usw., und nur du kannst ihm helfen.

Wie würdest du reagieren? Ihn sofort mit nach Hause nehmen, Tee anbieten, um Details zur Weltenrettung bitten? Oder würdest du schlimmstenfalls dem vermeintlichen Cosplayer / LARPer zuraunen, dass er sich wieder auf seine Con verziehen soll, bestenfalls mit einem ironischen Kommentar nach der versteckten Kamera suchen?

Keine Glaubwürdigkeit ohne ironische Distanz?

Die Funtasy geht von letzterem aus. Sie steht für jenen Zweig der Fantasy, der sich des entzauberten, rationalen Zeitgeists bewusst ist und seinem Muttergenre mit Humor und Selbstironie begegnet. Das heißt aber keineswegs, dass die Glaubwürdigkeit oder der Sense of Wonder eines Funtasywerks zwangsläufig Schaden nehmen. Im Gegenteil: Insbesondere phantastische Erzählungen, die im Hier und Jetzt angesiedelt sind, brauchen sogar einen Hauch von augenzwinkernder Selbstironie, damit wir sie überhaupt richtig ernst nehmen können – man denke nur an die Marvel-Filme.

(Selbst-)Ironie und Heldentum, das ist eine Mischung, die gerade im letzten Jahrzehnt wieder sehr gut funktioniert. Doch Elemente humoristischer Fantasy finden sich schon im 19. Jahrhundert, in Werken wie Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, Charles Dickens „Der Raritätenladen“ oder F. Ansteys „Vice Versa“. Ihrer Tradition folgten zu Anfang des 20. Jahrhunderts u. a. Edith Nesbit („Feuervogel und Zauberteppich“), James Branch Cabell („Die Legende von Manuel“) oder Thorne Smith („Topper“). Auch wenn der Begriff deutlich jüngeren Datums ist, können diese Bücher als Frühwerke des Subgenres der Funtasy bzw. der Funny Fantasy gesehen werden – im englischsprachigen Raum auch bekannt als Fantasy Comedy, Comic Fantasy oder Light Fantasy.

Funtasy als offenes Subgenre

Ähnlich wie bei Romantasy oder Portal Fantasy handelt es sich bei der Funtasy um ein Subgenre, das sich durch ein bestimmtes Motiv kennzeichnet, aber auch andere Genres umschließen kann. Soll heißen: Ein Funtasywerk kann der Sword&Sorcery ebenso angehören wie der High oder Contemporary Fantasy. Nur zeichnet es sich durch mehr Humor oder Selbstironie aus als der Durchschnittsfantasyroman.

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Vom Pulp zur Scheibenwelt: Funtasy im Wandel der Zeit

In der Pulpära erwies sich das Magazin Unknown, spezialisiert auf Sword&Sorcery sowie Science Fantasy, als Goldgrube für Freunde humoristischer Fantasy. Hier erschienen beispielsweise erstmals die „Mathemagie“-Storys aus der Feder von L. Sprague de Camp und Fletcher Pratt (auch veröffentlicht als „Harold Sheas Abenteuer“). Ebenso erblickte die erste Geschichte zu „Fafhrd und der Graue Mausling“ von Fritz Leiber in Unknown das Licht der Welt. Außerhalb des Magazinbereichs wurde in dieser Zeit – genauer gesagt im Jahr 1938 – mit dem ersten Band von T. H. Whites „Der König auf Camelot“ zudem ein zeitloser Klassiker der satirischen Fantasy erstveröffentlicht.

In den 1950er und 1960er Jahren waren es dann vor allem skurrile Kinderbücher wie Joan Aikens „Kein Tag wie jeder andere“, Roald Dahls „Charlie und die Schokoladenfabrik“ oder James Thurbers „The Thirteen Clocks“, die Fantasy und Humor in Einklang brachten. Dass alle drei als Vorläufer des New Weird gesehen werden können, ist dabei sicher kein Zufall. Später folgten ihnen auch „klassischere“ Jugendfuntasyromane wie Patricia C. Wredes „Die Drachenprinzessin“ oder Tanith Lees „Der Drachenschatz“.

Doch im Zuge des Erfolgs von „Der Herr der Ringe“ begann sich die Fantasy generell als eigenes Genre zu emanzipieren und auszudifferenzieren. In der Folge erschienen immer mehr humoristische oder satirische Fantasyromane, die sich keineswegs nur an Kinder gerichtet haben. Zu nennen sind da beispielsweise William Goldmans Märchen-Persiflage „Die Brautprinzessin“, Piers Anthonys „Xanth“, Alan Dean Fosters „Bannsänger“, Glen Cooks „Die Rätsel von Karenta“, Susan Dexters „Die Hexenprinzessin“, Tom Holts „Liebling der Götter“, Mary Gentles „Die letzte Schlacht der Orks“, Jack L. Chalkers „Sechseck-Welt“, Elizabeth Ann Scarboroughs „Geschichten aus Argonia“ und viele mehr.

Vor allem aber startete 1983 mit „Die Farben der Magie“ die Scheibenwelt-Reihe von Terry Pratchett – heute DER Inbegriff der satirischen Fantasy. Die Reihe lief bis zu Pratchetts Tod im Jahr 2015 und knöpfte sich im Laufe der Zeit diverse Subgenres wie Low und High Fantasy, aber auch bestimmte Motive und tropes wie den Conan-haften Barbaren oder den Vampirhype der Dark Fantasy vor.

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Spielarten im 21. Jahrhundert

Pratchett bleibt damit der unangefochtene Herr der Funtasy. Doch auch im 21. Jahrhundert hat er viele Kolleg*innen bekommen, die teils ganz unterschiedliche Ansätze für ihren humorvollen Umgang mit der Fantasy gewählt haben. Da sind beispielsweise Werke wie Bernhard Hennens „Nebenan“, Mark Staats „Aufstieg einer Heldin“ oder auch die Horrorkomödie „Knights of Badassdom“, deren Reiz vor allem darin besteht, Fantasy- und Sagentropes zu persiflieren.

Andere, wie die „Die Flüsse von London“-Reihe von Ben Aaronovitch, „Die Chronik des Eisernen Druiden“ von Kevin Hearne oder „Drei Tage bis Vollmond“ von Hagen Haas, stechen ebenfalls durch ihren Humor hervor, erzählen aber zugleich eigenständige Contemporary-Fantasy-Geschichten, die sich nicht an bestimmten Motiven abarbeiten. Einen ähnlichen Weg gehen viele Kinder- und Jugendfantasyromane, denen traditionell ohnehin mehr humoristische Freiheiten zugestanden werden. Zeitgenössische Werke aus diesem Bereich sind beispielsweise Tommy Krappweis‘ „Mara und der Feuerbringer“, Neil Gaimans „Der lächelnde Odd und die Reise nach Asgard“ oder Nina MacKays „Plötzlich Banshee“.

Daneben existieren drei weitere Spielarten mit etwas enger gefasster Stilistik: Erstens erfreute sich im Zuge des Trends rund um Urban-Fantasy-Krimis eine Mischung aus Chick Lit und Paranormal Romance großer Beliebtheit – zu nennen sind hier Titel wie „Weiblich, ledig, untot“ von Mary Janice Davidson oder „Tote Paten küssen besser“ von Casey Daniels.

Zweitens erscheinen auch in Deutschland mit Titeln wie Nicole Rensmanns „Niemand“, Christian von Asters „Der Orkfresser“ oder Katharina Fiona Bodes „Erasmus Emmerich“-Geschichten inzwischen immer mehr Romane skurriler Funtasy, die wieder den Bogen zum New Weird spannen.

Keine Parodie ohne schlechtes Wortspiel

Und schließlich dürfen an dieser Stelle nicht die Parodien unerwähnt bleiben, die sich an einem bestimmten Werk orientieren und fast schon ein eigenes Genre bilden. Den „Trend“ starteten 1969 Henry N. Beard und Douglas C. Kenney mit „Der Herr der Augenringe“. Beide gehören zu The Harvard Lampoon, einem Satire-Magazin der Harvard University, das auch zahlreiche weitere Parodien veröffentlicht hat, u. a. „Die Trantüten von Panem“.

In der Regel sind solche Parodien vor allem den großen Bestsellern vorbehalten. Kein Wunder also, dass es auch „Die Chroniken von Narnia“ („Die Chroniken von Blarnia“), die „Harry Potter“-Reihe („Barry Trotter“) oder die „Twilight“-Saga („Biss zum Abwinken“, „Bis(s) einer weint) getroffen hat. Natürlich sind die Parodien dabei nicht auf den Romanbereich beschränkt: Auch im Kino werden beliebte Fantasyromane gerne auf den Arm genommen (z. B. mit „Beilight – Bis(s) zum Abendbrot“ oder der Independent-Produktion „The Ring Thing“) und nicht vergessen werden sollten YouTube-Parodien wie „Lord of the Weed“ oder Coldmirrors „Harry Potter und ein Stein“.

Qualitativ mögen diese Werke mal mehr, mal weniger überzeugen. Auf jeden Fall aber helfen sie der Fantasy, eine ironische Distanz zu sich selbst zu finden, die ihr manchmal durchaus gut tut. Aber falls euch demnächst ein Elf vor die Füße fällt, könnt ihr ja trotzdem mal nach mehr Details fragen. Man weiß schließlich nie …

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