Low Fantasy – Alles, was du über das Genre wissen musst

© Warner Home Video

BUCH

Low Fantasy – Alles, was du über das Genre wissen musst


Die Welt retten können andere: Im Gegensatz zu ihren Kollegen aus der High Fantasy besteht die Motivation der Helden aus der Low Fantasy meist eher darin, ihren eigenen Arsch zu retten – wenn es ganz hart auf hart kommt, vielleicht auch noch den ihres Heimatlandes. Die Rüstung ist dabei eher verbeult als strahlend, sofern überhaupt vorhanden. Ein Blick auf die dreckigere und manchmal pulpige Seite der klassischen Fantasy.


Ältere Cover von Romanen der Low Fantasy versprühen oft den generischen Charme eines Manowar-Albums: Mit Lendenschurz ausgestattete, muskelbepackte Krieger mit beinlangen Äxten stehen in Siegerpose vor irgendwelchen Säulen, ab und zu wird auch ein Monster attackiert oder es liegen Schädel herum. Für gewöhnlich darf außerdem nicht die spärlich bekleidete Frau fehlen, die sich ängstlich ans Bein des Helden klammert. Es herrschen Farben in dunklen Rot- und Brauntönen vor.

Viele Begriffe, ein Genre

Pulp-Style also, und tatsächlich wird die Low Fantasy auch zuweilen als Pulp Fantasy bezeichnet. Ebenso existieren die Synonyme Heroic Fantasy oder Sword&Sorcery, wobei Letzteres lange der vorherrschende Begriff war. Geprägt wurde er von Fritz Leiber, mit seinen Geschichten um “Fafhrd und den Grauen Mausling“ selbst einer der bekanntesten Autoren des Genres.

Betrachtet man die heutige Low Fantasy, erscheint die „Pulp“-Betitelung unpassend, doch die Ursprünge des Genres liegen in den 1920er und 1930er Jahren. Damals veröffentlichten Pulp-Magazine wie „Weird Tales“ und „Unknown“ erstmals Werke von Autoren wie H. P. Lovecraft, Clark Ashton Smith, C. L. Moore oder Robert E. Howard.

Conan, der Prototyp des Low-Fantasy-Helden

Howard kann dabei als eine Art Tolkien der Low Fantasy gesehen werden, was vor allem seinen „Conan“-Geschichten zu verdanken ist, die auf vierfache Art Maßstäbe für kommende Genrewerke setzten. Erstens durch das Setting, das sich in der Low Fantasy oft an der griechischen oder römischen Antike orientiert, manchmal mit orientalischen oder mittelalterlichen Einschlägen. Zweitens durch die typische Episodenerzählweise: die Low Fantasy erzählt eben keine epischen Handlungen, die Völker und Jahrzehnte umfassen, sondern fokussiert sich auf eine Person. Im Falle von „Conan“ erschienen zahlreiche, nicht-chronologisch erzählte Storys, die einzelne Episoden aus dem Leben des „Barbaren“ von dessen Jugend bis ins hohe Alter erzählen. Lücken wurden später auch von anderen Autoren, etwa Lyon Sprague de Camp, Robert Jordan oder John Maddox Roberts, gefüllt. Drittens ist da die Figur des Conan selbst, des vor Gewalt nicht zurückschreckenden Helds, der angewidert auf die dekadente Gesellschaft blickt, die ihn umgibt. Und viertens kollidieren in den „Conan“-Bänden oft verschiedene Vorstellungen von Ehre und Moral – auch das ein typisches Merkmal der Low Fantasy.

Anpassung an einen neuen Zeitgeist

Howard gehörte noch zur Liga jener Autoren, die fest für ein Magazin schrieben, in seinem Falle die „Weird Tales“. In den 1950er Jahren löste sich dieses System in den USA jedoch auf, und „Weird Tales“ wurde für mehr als 30 Jahre eingestellt. Zwar traten an ihre Stelle andere Zeitschriften, doch mussten auch sie langsam den Romanen weichen, dem neuen vorherrschenden Veröffentlichungsmedium für Fantasy- und Science-Fiction-Autoren. In diesem Zuge verlor die Low Fantasy an Popularität; stattdessen gewannen High Fantasy, Horror und Science Fiction an Leserschaft.

Lyon Sprague de Camp gehörte ebenfalls zu den früheren Magazin-Autoren, auch wenn er sich mehr der Science Fantasy denn der Sword&Sorcery verpflichtet sah. Nach dem Ende von „Weird Tales“ wandte er sich der Science Fiction zu, begann aber auch die „Conan“-Bände von Howard, der 1936 Suizid begangen hatte, neu herauszugeben. Dabei passte er sich dem neuen High-Fantasy-Zeitgeist an, machte aus den Episoden also eine halbwegs durchgängige Handlung und fügte den Romanen Landkarten und Hintergrundinfos hinzu. 1955 veröffentlichte er so „Tales of Conan“, zwei Jahre später gemeinsam mit Bjorn Nyberg „The Return of Conan“. Auch andere Autoren wie Fletcher Pratt („Die Einhornquelle“) passten die Low-Fantasy-Handlungen so an, dass sie dem neuen Zeitgeist gerecht wurden.

Conan von Robert E. Howard bei Amazon bestellen
Elric - Der Blutthron von Michael Moorcock bei Amazon bestellen
Die Hexenwelt von Andre Norton bei Amazon bestellen

Elric und die „New World“ der Low Fantasy

1961 schließlich war die Geburtsstunde des zweiten großen Helden der Low Fantasy, obwohl sein Autor dem Genre eigentlich kritisch gegenüberstand. Die Rede ist von Elric von Melniboné, Michael Moorcocks tragischem Protagonisten, aus dessen Leben er genretypisch episodisch erzählte. Ab 1964 übernahm Moorcock außerdem für sieben Jahre die Herausgeberschaft des Magazins „New World“. Dieses hatte mit „The Dreaming City“ drei Jahre zuvor die erste „Elric“-Novelle veröffentlicht, nun bot sie u. a. Samuel R. Delany eine Plattform – einem der wichtigsten Autoren einer Art von „Meta-Low-Fantasy“, die das Genre vor allem in den 1970er Jahren prägte und grundlegend veränderte.

Im Zuge des Erfolgs von „Der Herr der Ringe“ und dem daran anknüpfenden Fantasy-Boom traten immer mehr Autoren ins Rampenlicht, die das Genre hinterfragten und mit eigenen Romanen neu interpretierten. Das galt für die High Fantasy, vor allem aber auch für die Low Fantasy, die mit ihrem Pulp-Charakter eine besondere Angriffsfläche bot.

Neuinterpretationen des Genres

Eher implizit kam Andre Nortons Neuinterpretation des Genres daher: Ihre „Hexenwelt“-Reihe folgte den Regeln der Low Fantasy auf den ersten Blick noch konsequent, gab sich jedoch betont gewaltfrei und führte Frauenfiguren ein, die mehr als die genretypischen Amazonen oder Damsels in distress waren.

Auch Joanna Russ‘ „Alyx“ stellte die Geschlechterstrukturen der Low Fantasy in Frage: Die titelgebende Protagonistin erlebte zwar klassische Sword&Sorcery-Abenteuer, ließ es sich dabei aber nicht nehmen, zugleich patriarchalische Strukturen zu kritisieren. Eine vergleichbare Novelle erschien in Deutschland 1981 mit Eva Eppers „Aine“ (enthalten im Sammelband „Wanderer unter dunklen Himmeln“).

Ähnlich wie Russ ging auch Samuel R. Delany in seiner Reihe um „Nimmèrÿa“ vor, in der immer wieder Fragen zu sozialer, sexueller und auch sprachlicher Macht aufgeworfen wurden. Mit Gorgik führte Delany zudem einen der ersten bisexuellen Helden in die Fantasy ein.

Im deutschsprachigen Raum wurden viele Low-Fantasy-Autoren durch die Taschenbuchreihe „Terra Fantasy“ bekannt, die mit einigen „Magira“-Geschichten von Hugh Walker auch deutschsprachige Sword&Sorcery veröffentlichte.

Literarische Weiterentwicklung und ein satirischer Todesstoß

In den 1980er-Jahren entdeckte das Kino mit „Der Tag des Falken“, „Krull“ und den beiden „Conan“-Verfilmungen mit Arnold Schwarzenegger die Low Fantasy für sich. In der Literatur aber spielte die sie nur noch eine geringe Rolle, wenngleich sich immer mehr Autoren in der Tradition von Russ und Delany verstanden und die Low Fantasy mit mehr Tiefe und Diversität versahen. Weitere Beispiele dafür sind etwa „Imaro“ von Charles R. Saunders, Glen Cooks „Die Schwarze Schar“, Joy Chants „Der Mond der Brennenden Bäume“ oder P. C. Hodgells „God Stalk“.

Den Höhepunkt dieser kritischen Auseinandersetzung mit dem Genre – und vielleicht auch der Grund, weshalb es in der Literatur danach kaum noch Fuß fassen konnte – bildeten jedoch zwei „Scheibenwelt“-Romane: Während sich Pratchett in späteren Büchern auch anderen Subgenres widmete, fokussierte er sich in „Die Farben der Magie“ und „Das Licht der Fantasie“ noch ganz darauf, die Klischees der Sword&Sorcery satirisch auf die Spitze zu treiben.

Nimmèrÿa von Samuel R. Delany bei Amazon bestellen
Die Farben der Magie von Terry Pratchett bei Amazon bestellen
Der Herr der Schwarzen Schatten von Cairiel Ari bei Amazon bestellen

Die Low Fantasy als Dauergast in den visuellen Genres

In den 1990er Jahren drängten endgültig neue Subgenres ans Licht der Öffentlichkeit, die Low Fantasy konnte weiterhin nur in Film und Fernsehen Fuß fassen – hier aber dafür umso mehr. Die Serien „Hercules“ und „Xena“ brachten einen Heldentypus zurück auf den Bildschirm, der eigentlich längst als überholt galt.

Auch im Kino der jüngeren Vergangenheit bleibt Low Fantasy präsent: 2011 erschien beispielsweise eine neue „Conan“-Verfilmung mit Jason Momoa, auch ein „Red Sonja“-Remake war lange im Gespräch. 2015 ging Vin Diesel in „The Last Witch Hunter“ auf Hexenjagd und vereinte dabei die Low Fantasy mit der in einigen Motiven ähnlichen Urban Fantasy. Im Bereich der Videospiele wiederum ist mit „World of Warcraft“ eine Low-Fantasy-Welt quasi DER Dauerbrenner, das MMORPG „Age of Conan“ hält die Erinnerung an Howards Helden wach, und die „Prince of Persia“-Reihe nutzt ebenfalls viele Genre-Merkmale. In den Comics sorgt beispielsweise der Franzose Sylvain Cordurié mit Reihen wie „Ravermoon“ für Nachschub, ganz abgesehen davon, dass auch hier „Conan“ nicht totzukriegen ist.

Die Sturmkönige - Dschinnland von Kai Meyer bei Amazon bestellen
Feuerjäger - Die Rückkehr der Kriegerin von Susanne Pavlovic bei Amazon bestellen
Mitternachtsrot - Eine Erzählung aus Dschanor von Bianca M. Riescher bei Amazon bestellen

Lebenszeichen

Und in der Literatur? Im deutschsprachigen Raum hat das Genre in den letzten zehn Jahren wieder an Popularität gewonnen: Kai Meyers „Sturmkönige“-Trilogie beispielsweise ist trotz der epischen Handlung in Figurenzeichnung und Setting typische Sword&Sorcery, und Susanne Pavlovics Kriegerin Krona („Feuerjäger“) würde sich prima mit Alyx verstehen. Der österreichische Verlag ohneohren zählt Low Fantasy explizit zu seinen Schwerpunkten, erschienen sind hier etwa Cairiel Aris „Der Herr der Schwarzen Schatten“ oder die „Dschanor“-Bände von Bianca M. Riescher.

Letztlich ist die Low Fantasy nicht tot. Doch sie ist nur mehr ein Genre unter vielen, und eines, dessen Popularität unter der kritischen Auseinandersetzung seiner eigenen Autoren mit ihm gelitten hat. Inhaltlich aber hat sich das Genre dadurch wie kaum ein anderes weiterentwickelt und dabei soziokulturelle Themen aufgegriffen, die selbst heute noch keine Selbstverständlichkeit in der Fantasy sind. Und dank dieser Entwicklung sehen Sword&Sorcery-Bücher heute auch nicht mehr nach Metal-Covern aus.

Share:   Facebook