High Fantasy – Alles, was du über das Genre wissen musst

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High Fantasy – Alles, was du über das Genre wissen musst


Kein anderes Subgenre steht so sehr für das öffentliche Bild der Fantasy: In der High Fantasy kämpfen Heldengruppen um die Rettung von Welten, in denen es von magischen Völkern nur so wimmelt. Ein Überblick.

Wer High Fantasy sagt, muss auch Tolkien sagen. Während man es in anderen Subgenres kritisch sehen kann, diesen Autoren immer noch als ständigen Vergleich heranzuziehen, kommt man in der High Fantasy – manchmal auch als Völkerfantasy, Epic oder Questen-Fantasy bezeichnet – nicht um ihn herum.

Tolkiens Fantasy als neue Machart

J. R. R. Tolkien war nicht der Erste, der High Fantasy schrieb. Bereits 1950 – vier Jahre, bevor der erste Band von „Der Herr der Ringe“ veröffentlicht wurde – erschien beispielsweise „Der König von Narnia“ aus der Feder von Tolkiens Studienfreund C. S. Lewis. Bereits dieses Buch beinhaltete typische Merkmale des Genres und vermischte sie mit der Portal Fantasy, also jenem Subgenre, in dem die Figuren zwischen unserer und einer anderen Welt wechseln. Zudem ist die High Fantasy nicht aus dem Nichts entstanden, sondern nutzte – neben anderen Literaturgattungen und Mythologien – Elemente beispielsweise der Low oder Historical Fantasy.

Mit Tolkien entwickelten sich jedoch neue Standards. Um es mit den Worten von Farah Mendlesohn und Edward James zu sagen: „Wenn man in Mittelerde um eine Ecke biegt, weiß man, dass die Welt dort weitergehen wird.“* Vorher waren Fantasysettings oft sehr beliebig; Orte wurden eingeführt, wenn man sie brauchte, aber es gab keine bis ins Detail durchgeplanten Welten. Tolkien dagegen entwarf von Anfang an ganz Mittelerde, entwickelte eigene Sprachen, Kulturen und Landkarten. 

Zudem brachte er eine Struktur in die Fantasy ein, die für „sein“ Subgenre prägend sein sollte: Questen – also die Erfüllung eines bestimmten Ziels – werden nun zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Deren Ausgang entscheidet nicht nur über das Schicksal der Helden, wie es in der Low Fantasy der Fall ist, sondern über das der ganzen Welt. Die Helden folgen zudem der erstmals 1949 von Joseph Campbell skizzierten „archetypischen Heldenreise“, und die Handlung weist einen ethischen Überbau auf. Die Protagonisten handeln, weil es richtig ist, was sie tun, und erfüllen damit eine gewisse Vorbildfunktion, auch wenn man diesen Punkt nicht zu eng sehen sollte. Es besteht eine klare Trennung in Gut und Böse, die von späteren Genre-Autoren jedoch kritisiert und aufgeweicht wurde. 

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„Ballantine Adult Fantasy“ als Wendepunkt für das Genre

Spätestens seit Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe in den 1960ern begeisterte „Der Herr der Ringe“ die Massen. Erstmals wurde die Fantasy nun überhaupt als eigenes, von der Science Fiction unabhängiges Genre wahrgenommen. Das ist auch Betty und Ian Ballantine zu verdanken, die den Hype nutzten, indem sie ab 1969 die Taschenbuchreihe „Ballantine Adult Fantasy“ herausbrachten, in der sie vor allem frühe Klassiker der Fantasy neu auflegten. Für die Fantasy wurde damit ein Kanon geschaffen, dem sich die früheren Low-Fantasy-Autoren und auch Kollegen aus der Science Fiction langsam anpassten. Teilweise wurden Klassiker wie „Conan“ sogar so umgearbeitet, dass sie das neue Publikum befriedigten, das eine ausgearbeitete Welt und durchgängige Handlungen haben wollte.

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Von „Shannara“ bis „Dungeons & Dragons“: Die Blütezeit der High Fantasy

Der Begriff der High Fantasy selbst wurde 1971 von Lloyd Alexander in einem Essay aufgebracht. Zwischen Mitte der 70er und Anfang der 90er Jahre erlebte das Genre eine Blütezeit, die vor allem von XXL-Reihen wie Terry Brooks’ „Shannara“-Zyklus oder Stephen R. Donaldsons „Die Chroniken von Thomas Covenant“ geprägt war. In beiden Beispielen wird die Nähe zu Tolkien sehr deutlich. Ähnlich wie C. S. Lewis verbindet aber auch Donaldson die High mit der Portal Fantasy – ein Weg, den bis heute zahlreiche Autoren von Matthew Sturges („Midwinter“) über Guy Gavriel Kay („Die Herren von Fionavar“) bis hin zu Stephen King („Der dunkle Turm“) und Alan Dean Foster („Bannsänger“) gegangen sind.

Zudem erschien 1974 mit „Dungeons and Dragons“ das erste große Fantasyrollenspiel, das selbst zahlreiche beliebte High-Fantasy-Buchreihen von „Drachenlanze“ über „Ravenloft“ bis zu „Forgotten Realms“ hervorbrachte. In Deutschland gab es eine vergleichbare Reihe mit den ab 1985 veröffentlichten Romanen rund um „Das Schwarze Auge“.

Dass die High Fantasy heute noch so das Bild des Genres prägt, liegt nicht nur an Tolkien, sondern auch an den zahlreichen Titeln der 80er Jahre, die zu modernen Klassikern wurden. Neben den bereits Genannten lassen sich dazu beispielsweise Tad Williams „Die Saga von Osten Ard“ oder Raymond Feists „Midkemia“-Zyklus zählen. In den 1990ern gesellten sich dazu u. a. „Das Schwert der Wahrheit“ von Terry Goodkind, die „Realm of the Elderlings“-Reihe von Robin Hobb, „Das Rad der Zeit“ von Robert Jordan, „Erdzauber“ von Patricia A. McKillip, die „Weltenbaum“-Saga der Australierin Sara Douglass und schließlich „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin. Letzteres sorgte zugleich für eine neue Welle der sogenannten Grimdark Fantasy, einer sehr düsteren, oft brutalen Spielart der High und Low Fantasy.

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… und wieder „Der Herr der Ringe“ als Wegbereiter

Nachdem Ende der 1990er Jahre der Zenit der High Fantasy zunächst überschritten schien, sorgte ab 2001 erneut „Der Herr der Ringe“ für Aufwind: Die Verfilmungen von Peter Jackson ebneten einer neuen Generation von Genreautoren den Wind; zu den bekanntesten dürfte Christopher Paolini („Eragon“) gehören. Aber auch deutschsprachige Autoren profitierten: Nachdem sich 2002 Stan Nicholls’ „Die Orks“ bei Heyne als unerwarteter Erfolg herausgestellt hatte, folgten viele weitere High-Fantasy-„Völkerromane“, wobei die Verlage oft auf deutschsprachige Autoren wie Christoph Hardebusch („Die Trolle“), Bernhard Hennen („Die Elfen“) oder Markus Heitz („Die Zwerge“) setzten. Das führte nicht nur zur Rückkehr der XXL-Reihen, sondern brachte der High Fantasy auch hierzulande wieder einen festen Platz in der Genrelandschaft ein und sorgte für eine stärkere Sichtbarkeit deutschsprachiger Autoren.

Neue Winde in der High Fantasy?

Die kritische Auseinandersetzung, der sich die Sword&Sorcery bereits seit den 1970er Jahren stellen musste, erreichte die High Fantasy zwar verspätet. Doch längst muss sich auch dieses, oft als reaktionär wahrgenommenes Genre internen wie externen Diskussionen stellen.

In der Folge hat es sich weiterentwickelt und national und international an inhaltlicher Vielfalt gewonnen. Neue Facetten bieten beispielsweise Bestseller von Autoren wie Patrick Rothfuss („Die Königsmörder-Chroniken“) oder Brandon Sanderson („Die Sturmlicht-Chroniken“), und mit Steph Swainstons „Komet“ existiert auch eine New-Weird-Spielart. Hierzulande sorgten beispielsweise Jo Zybells „Die Traummeister“, „Die Geheimnisse der Klingenwelt“ von Ju Honisch, „Das Licht hinter den Wolken“ von Oliver Plaschka oder „Die Chroniken von Azuhr“ von Bernhard Hennen für frischen Wind.

Dennoch bleibt die High Fantasy – glücklicherweise – ein Genre im Wandel. Zwar stehen noch immer viele Titel zwangsläufig in der Tradition Tolkiens. Doch zugleich hat sich das Genre von ihm emanzipiert.

 

* Siehe „Eine kurze Geschichte der Fantasy“ (2017), Golkonda Verlag, S. 57.

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