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Science Fantasy: Alles, was du über das Genre wissen musst


Hier die Elfen, dort die Roboter: Fantasy und Science Fiction erscheinen oft als klar voneinander abtrennbar. Das Subgenre der Science Fantasy vereint diese scheinbar so unversöhnlichen Schwestern. Ein Überblick.

Fantasy gilt normalerweise nicht unbedingt als naturwissenschaftlich korrekt. Da grenzt schon mal ein Winterland an die Wüste, Reiter zu Pferd schaffen 500 Meilen in drei Tagen und Gebirge ploppen auf Landkarten auf, wo immer es für die Story nötig ist. Im Zweifelsfalle war’s halt Magie.

Fantasy und die Auseinandersetzung mit Naturwissenschaft

Natürlich tut diese Einschätzung vielen Werken unrecht. Manch ein Autor ist Geologe, Linguist, Physiker und Soziologe in einem, wenn er sich an die Erschaffung seiner Welt macht, und wenn jemand heute daherkommt und seine Elfen als unsterblich definiert, muss er sich wenigstens die Frage gefallen lassen, warum dann nicht eine völlige Überbevölkerung herrscht.

Vor allem in den USA gehörte aber lange mit der Science oder Rational Fantasy eine Spielart zum festen Subgenre-Inventar, die sich in ihren Handlungen und Settings gezielt mit (vorrangig natur-)wissenschaftlichen Fragen auseinandergesetzt oder phantastischen Elementen eine pseudowissenschaftliche Erklärung gegeben hat. Völlig neu war das nicht: Auch viele Phantastik-Werke des 19. Jahrhunderts wie „Verney, der letzte Mensch“ oder „Die Zeitmaschine“ lebten von der Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist.

Am Anfang war das Unbekannte

Ihren Anfang als eigenes Genre teilt sich die Science Fantasy mit der Pulp bzw. Low Fantasy – womit auch klar werden sollte, dass sich der tatsächliche wissenschaftliche Anspruch in vielen Fällen in Grenzen hielt. Sowohl Science als auch Low Fantasy wurden in den 1920er und 1930er Jahren von Autoren entwickelt, die vornehmlich für Magazine wie „Weird Tales“ und „Unknown“ tätig waren. Grundsätzlich bedienten beide Magazine beide Genres (ohne die Unterscheidung überhaupt vorzunehmen), doch während „Weird Tales“ für Low-Fantasy-Reihen wie „Conan“ und „Kull“ bekannt wurde, fokussierte sich „Unknown“ auf die Science Fantasy. Grund dafür war vor allem, dass das Magazin einen Ableger von „Astounding Science Fiction“ darstellte und ebenfalls unter Herausgeberschaft von John W. Campbell stand. Der Science-Fiction-Autor setzte an die Fantasy ähnliche „wissenschaftliche“ Maßstäbe wie an „sein Genre“ und verpflichtete SF-Kollegen für „Unknown“. Zu den bekanntesten gehörte dabei Robert A. Heinlein, der Science-Fantasy-Werke wie „Die Söhne des Vogels“ oder „Magie GmbH“ schrieb. Populäre „Unknown“-Veröffentlichungen waren außerdem die „Incomplete Enchanter“-Geschichten aus der Feder von Fletcher Pratt und Lyon Sprague de Camp, oder L. Ron Hubbards „Typewriter in the Sky“. Auch außerhalb dieser beiden Magazine feierten beispielsweise Abraham Merritt („Schiff der Ischtar“) oder Leigh Brackett („Das Juwel von Bas“) Genre-Erfolge.

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Science Fantasy als Science Fiction

Während die Low Fantasy unter dem ab den 1950er Jahren einsetzenden Boom der Science Fiction litt, profitierte die Science Fantasy von diesem, erlebte sogar eine Blütezeit. Auch das Ende des bis dahin vorherrschenden Veröffentlichungssystems, bei dem Autoren mehr oder weniger fest für ein Magazin schrieben, traf das Genre weniger hart, da es von neuen Magazinen wie „Science Fantasy“ oder „The Magazine of Fantasy and Science Fiction“ wohlwollender aufgenommen wurde als die Low Fantasy. Viele typische Autoren der Science Fantasy dieser Zeit sind uns inzwischen jedoch eher als Science-Fiction-Namen bekannt, etwa Richard Matheson („Ich bin Legende“), Poul Anderson („Dreiherz“), Jack Vance („Die sterbende Erde“) oder Ray Bradbury („Die goldenen Äpfel der Sonne“). Ein Grund dafür ist, dass die Science Fantasy später kaum noch als eigenständiges Genre vermarktet wurde, schon gar nicht außerhalb des angloamerikanischen Raums. Zudem sind die Grenzen zu anderen Subgenres fließend, bzw. nicht immer sinnvoll zu treffen. Gerade mit der Space Fantasy, die typische Fantasyelemente und -handlungen ins All verlegt, ist die Science Fantasy bis in die 1960er Jahre hinein oft deckungsgleich.

Schon in den 1960er Jahren wurden Science-Fantasy-Werke oft als Science Fiction vermarktet, obwohl sie vor allem in Magazinen weiterhin sehr präsent blieben. In „New Worlds“ fanden britische Autoren wie Pamela Zoline oder Christopher Priest eine Plattform, weitere wichtige Autoren aus dieser Zeit sind etwa Keith Roberts („Pavane“) oder Madeleine L’Engle („Kairos“).

Mit „Erdsee“ zurück zur Fantasy

In den 1970er Jahren löste sich die enge Verbindung zur Science Fiction und deren Themen auf, stattdessen wandte sich die Science Fantasy eindeutigen Fantasy-Elementen zu. Das wohl bis heute prominenteste Werk der Science Fantasy, das sich sowohl mit natur- als auch geisteswissenschaftlichen Elementen auseinandersetzt, startete 1968 mit Ursula K. Le Guins "Erdsee"-Reihe. Ähnlichen Prinzipien folgten "Die Chroniken von Amber" von Roger Zelazny, die "Darkover"-Reihe von Marion Zimmer-Bradley (auch wenn einige Bände mehr der Space Fantasy oder Planetary Romance zuzuordnen sind) oder Anne McCaffreys "Die Drachen von Pern". 

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Zwischen Zeitgeist und Vergessenheit

Inzwischen taucht der Begriff der Science Fantasy kaum noch auf. Die neuen „Star Wars“-Filme, aber auch Bücher wie "Sternenfeuer" von Amy Kathleen Ryan, die von Markus Heitz initiierte „Justifiers“-Reihe oder "Die Krone der Sterne" von Kai Meyer haben die Space Fantasy ins Gedächtnis zurückgeholt, die Weltraum-Abenteuer mit Fantasy würzt. Auch die Social Fantasy als geisteswissenschaftliche Strömung der Science Fantasy, erlebt im Zuge von Diversitätsdebatten und dem Dystopie-Boom eine Renaissance. Science Fantasy  im engeren, „wissenschaftlichen“ Sinne taucht dagegen eher implizit auf: Wenn etwa Brandon Sanderson u. a. in „Mistborn“ (pseudo-)wissenschaftliche Magiesysteme einführt, lässt sich das als Science-Fantasy-Element interpretieren, wenngleich die Bücher als epische Fantasy vermarktet werden.

Überhaupt ist es inzwischen so, dass die Leser stärker nach Begründungen fragen. Es reicht nicht mehr, einen Magier die Hände heben und Regen herbeizaubern zu lassen – auch die Wirkungsweisen und Auswirkungen wollen heute wenigstens angerissen sein. Insofern hat sich die Science Fantasy als eigenes Genre zwar weniger etabliert als beispielsweise die High oder Urban Fantasy. Ihr Geist aber ist wieder aktuell.

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