New Weird: Alles, was du über das Genre wissen musst

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New Weird: Alles, was du über das Genre wissen musst


Pressekonferenzen in Gondor? Die Nachtwache in Tarifverhandlungen? Was in der klassischen Fantasy abstrus klingt, ist für die Werke des New Weird kennzeichnend. Erfahre hier mehr über die Bücher, Ideen und Autoren des Fantasy-Subgenres New Weird.

Als Fantasyautor kann man über alles schreiben – sollte man meinen. Doch auch die Fantasy und all ihre Subgenres sind gewissen Konventionen unterworfen. Wer sich außerhalb dieser zu bewegen wagt, läuft Gefahr, Lesererwartungen zu enttäuschen oder gar nicht erst veröffentlicht zu werden. Zudem sind die meisten Schriftsteller selbst von den Regeln und Konventionen ihres Genres geprägt, denn erst durch die bewusste oder unbewusste Beschäftigung mit diesen entstehen ihre Werke. Das gilt natürlich ebenso für Horror und Science Fiction.

Von der New Wave zum New Weird

Doch gerade diese Beschäftigung mit den Regeln des eigenen Genres hat auch immer wieder Bewegungen hervorgebracht, die genau diese Regeln aktiv unterwanderten, hinterfragten und veränderten. Mitte der 1960er Jahre traf das auf die Autoren des britischen New Wave zu, der sich anschickte, die technokratischen und konservativen Strukturen der damaligen Science Fiction aufzubrechen.

M. John Harrison war Redakteur der New World, einer Zeitschrift, die entscheidend dazu beitrug, dass sich der New Wave etablieren konnte. 2003 machte er dann einen ähnlichen Trend in der Fantasy aus, den er als „New Weird“ bezeichnete. Seither wird der Begriff quasi immer in einem Zuge mit dem britischen Autoren China Miéville und dessen Romanen rund um die Welt Bas-Lag (z. B. „Perdido Street Station“, „Der eiserne Rat“) genannt. Sie geben gewissermaßen vor, was die Romane des New Weird ausmacht: Erstens ist das die Mischung aus Fantasy und Elementen anderer Phantastik-Genres wie Science Fiction, Horror und Magischem Realismus, wobei sich auffällig häufig eines Steampunk-Settings bedient wird. Zweitens lebt New Weird, auch wenn er normalerweise in anderen Welten spielt, vom Bezug zum Hier und Jetzt. Miéville selbst etwa ist überzeugter Marxist und greift dessen Theorien, aber auch Themen wie Rassismus, Elitarismus oder Geschlechterverhältnisse, immer wieder in seinen Werken auf.

Beide Punkte sind aber noch kein Alleinstellungmerkmal. Der Mix von Phantastik-Genres macht auch den Reiz von Mystery oder Science Fantasy aus, und vom Bezug zur aktuellen Gesellschaft leben viele Dystopien. Im New Weird kommt aber noch ein skurriles Moment hinzu, eben jene Weirdness, die dem Genre seinen Namen gibt. Es ist die Verbindung aus Magischem und Profanem, oder einfach Unerwartetem. Wenn etwa Steph Swainston in ihrem Roman „Komet“ einerseits eine klassische Fantasywelt mit einem ebenso klassischen Krieg beschreibt, andererseits aber das Volk in einer Pressekonferenz über den neuesten Stand unterrichtet wird, entsteht genau jener Bruch mit Erwartungen, der den Reiz des New Weird ausmacht.

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Lebendige Schlösser im Old Weird

Inzwischen ist New Weird zu einer Marke geworden, mit der progressive, avantgardistische Fantasy beworben wird. Doch auch schon vor dem Jahr 2003 und vor Miéville gab es immer mal wieder Autoren, die einen solchen Weg eingeschlagen haben. Der bekannteste Vertreter dieser „(Old) Weird Fiction“ und ein Vorbild Miévilles ist Meryn Peake mit seiner „Gormenghast“-Trilogie aus den 1950er Jahren. Mit seiner Kollegin Joan Aiken (u. a. „Castle Barebane“, „Wölfe ums Schloss“), ebenfalls einer Ahnin des New Weird, teilte Peake nicht nur eine gewisse Vorliebe für Edifice Fantasy – eine Spielart, in der Gebäude, in diesem Falle Schlösser, eine tragende Rolle spielen –, sondern auch für eine düster-skurrile Atmosphäre und Ästhetik. Diese ästhetische Seite lässt sich wiederum als viertes Merkmal von aktuellem New Weird verstehen. Nicht zuletzt durch die Werke des Coverkünstlers Les Edwards konnte sich New Weird überhaupt erst als eigenes Genre etablieren.

Nur eine neue Schublade?

Weitere international erfolgreiche Autoren, deren Werke sich zumindest teilweise der Strömung des New Weird zuordnen lassen, sind neben Miéville und Swainston beispielsweise Mary Gentle („Der blaue Löwe“, „Der Aufstieg Karthagos“), Ian R. MacLeod („Aether“) , Justina Robson („Die Verschmelzung“, „Willkommen in Otopia“) oder Steve Cockayne („Die magische Münze“). Ann und Jeff VanderMeer haben zudem gemeinsam die wegweisenden Anthologien „The New Weird“ und „The Weird“ herausgegeben.

Gemeinsam ist den genannten Autoren, dass sie sich sehr reflexiv mit Fantasy und Science Fiction auseinandersetzen – andernfalls wäre der gezielte Bruch, den ihre Werke mit den Genres betonen, kaum möglich. Allerdings bedeutet das auch, dass sie sich teilweise schwer damit tun, nun in eine neue Schublade gesteckt zu werden. Deshalb war New Weird gerade von innen anfangs starker Kritik bis hin zur Ablehnung ausgesetzt.

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Hierzulande eher ein Geheimtipp

Inzwischen hat sie sich jedoch etabliert, und das auch außerhalb der Kleinverlage und Spezialzeitschriften, die anfangs das Sprachrohr der New-Weird-Bewegung bildeten. Zumindest gilt das für den angloamerikanischen Raum. Hierzulande ist der New Weird noch immer eher ein Genre für „Kenner“, selbst Miéville ist weit von der Popularität eines Rothfuss, Sanderson oder einer Canavan entfernt.

Entsprechend rar sind deutschsprachige New-Weird-Publikationen. Fasst man das Genre etwas weiter unter „Weird Fiction“, lassen sich darunter aber beispielsweise Werke von Christian von Aster (z. B. mit der Storysammlung „Allerfeinste Merkwürdigkeiten“), Katharina Fiona Bode („Erasmus Emmerich und die Maskerade der Madame Mallarmé“) oder Simon Weinert („Tassilo, der Mumienabrichter“) fassen. Elemente des New Weird greift zudem die Anthologie „Boschs Vermächtnis“ auf, und auch die Fachzeitschrift Visionarium, die sowohl deutschsprachige als auch internationale Kurzgeschichten veröffentlicht, hat sich auf Weird Fiction spezialisiert.

New Weird als nächste Stufe der Fantasy?

Der New Weird macht es seinen Lesern nicht immer leicht. Doch er ist eine der wichtigsten Strömungen, wenn es darum geht, der Fantasy jene neuen Impulse zu entlocken, nach denen so dringend gefragt wird.

Der New Wave hat sich letztlich gemeinsam mit dem auf ihn folgenden Cyberpunk als wegweisend für die Science Fiction erwiesen – beide prägen das Genre heute mindestens ebenso sehr wie jene traditionellere SF, der sie sich ursprünglich entgegengestellt hatten. Man darf gespannt sein, ob es dem New Weird ebenso gelingen wird, die Fantasy zu beeinflussen und zu erneuern.

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