Dystopische Literatur – Alles, was du über das Genre wissen musst

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Dystopische Science Fiction – Alles, was du über das Genre wissen musst


Der Einzelne gegen das System: Aus dieser Grundzutat hat sich ein Science-Fiction-Genre herausgebildet, das so aktuell scheint wie nie zuvor. Wir wagen einen Überblick über das Subgenre der dystopischen Science-Fiction-Literatur.

Menschenmengen, die Autokraten zujubeln? Medien, die Falschmeldungen zu Propagandazwecken streuen? Strenge Abschottung nach außen? Zunehmende räumliche Trennung zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen? Einzelne, die zu Rettern hochstilisiert werden?

So ganz weit weg scheinen sie vom Hier und Jetzt nicht mehr, die typischen Zutaten der Dystopie. Gerade in den letzten zehn Jahren kehrte diese Literaturgattung an die Oberfläche zurück, führte dabei vor allem auch Jugendliche an Themen wie Massenkulte, Medienvereinnahmung oder systematische Unterdrückung heran. Viele dieser jüngeren Dystopien – von Tribute von Panem über Divergent bis hin zu Die Auserwählten / Maze Runner – waren ironischerweise selbst mediale Massenereignisse, haben Franchises gebildet und dabei sicher nicht in erster Linie erzieherische Aspekte im Blick gehabt. Dennoch verfolgt die Dystopie schon seit ihren Ursprüngen nicht nur den Zweck zu unterhalten, sondern auch zu mahnen, zu beobachten oder sogar  – je nach Werk – Missstände anzuprangern.

Aber fangen wir von vorne an.

Von "Wir" bis "Fahrenheit 451": Herausbildung der Genremerkmale

Bekanntlich stellt der Begriff der Dystopie eine Antithese zur Utopie, dem Nicht-Ort, bzw. mehr noch zur Eutopie, dem »guten« Ort dar. Die Dystopie ist der Ort, der vielleicht ist oder sein kann, den wir aber nicht wollen.

Als erster Roman dieser Literaturgattung kann Jewgeni Iwanowitsch Samjatins Wir von 1920 gesehen werden, in dem eine Gesellschaft beschrieben wird, die jegliche Individualität unterdrückt. Samjatin selbst war ein Revolutionär der Bolschewiki und beispielsweise an der Oktoberrevolution beteiligt. Mit seinem Roman führte er Genremerkmale ein, die bis heute gelten. Zu nennen sind hier insbesondere der Kampf der konformen Gesellschaft bzw. der Staatsmacht gegen das Individuum, die Unterdrückung des freien Willens sowie das relativ offene Ende.

Sowohl Aldous Huxleys Schöne neue Welt (1932) als auch George Orwells 1984 (1949), die beiden wohl größten Klassiker der Dystopie, weisen deutliche Parallelen zu Wir auf, wenngleich sie unterschiedliche Richtungen eingeschlagen haben. Zudem sind beide unter dem Eindruck der Weltkriege entstanden, und auch Fahrenheit 451 (1953), dem dritten großen internationalen Dystopie-Klassiker, merkt man die zeitliche wie inhaltliche Nähe zu den Ereignissen noch an.

Die Postapokalypse als Nährboden für dystopische Gesellschaften

Damit zeigt sich eine deutliche Parallele zur postapokalyptischen Literatur, einer engen Verwandten der Dystopie. Beide entwickeln pessimistische Zukunftsvisionen und hinterfragen den Technikoptimismus der frühen Science Fiction. Schließlich galten Technik und (Natur-)Wissenschaft nach den beiden Weltkriegen plötzlich nicht mehr nur als Mittel, um zu Mond und Mars zu reisen oder Krankheiten zu heilen, sondern auch für Massenvernichtung und eine neue Art der Kriegsführung.

Während die Postapokalypse-Literatur sich jedoch den Schicksalen Einzelner angesichts weltumspannender Ereignisse widmet, stehen in der Dystopie die Machtverhältnisse innerhalb eines begrenzten, sogar abgeschotteten territorialen Bereichs im Vordergrund. In vielen Werken bilden ein postapokalyptisches Moment und die damit verbundene Umwälzung der Weltordnung aber die Voraussetzung für die Herausbildung der dystopischen Gesellschaften.

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Spielarenen und »evil corporations« als neue Variationen

Spätestens ab den 1960er Jahren – und unter dem Eindruck neuer Konflikte wie Korea- und Vietnamkrieg – fächerte sich das Genre aus. Anthony Burgess stellte in Uhrwerk Orange (1962) die Frage, ob nicht auch das Böse als Teil der menschlichen Freiheit seine Daseinsberechtigung habe. 1958 nutzte Robert Sheckley in seiner Kurzgeschichte Das Millionenspiel / Der Tod spielt mit erstmals eine Art Spielarena als Ausgangspunkt für die dystopische Handlung. 1979 bzw. 1982 übernahm Stephen King das Motiv in Todesmarsch und Menschenjagd. Margaret Atwood wiederum brachte mit Der Report der Magd 1985 feministische Motive ins Genre ein.

Philip K. Dicks Träumen Androiden von elektronischen Schafen? ebnete schon 1968 gleich zwei wichtigen Entwicklungen den Weg: Zum einen löste der finstere Konzern den Staat als Antagonisten ab; Menschenjagd, Neal Stephensons Snow Crash und James Dashners Maze Runner sind nur einige der Titel, die das aufgegriffen haben. Zudem stellt Dicks Roman einen wichtigen Vorläufer für den Cyberpunk dar, neben der Postapokalypse der zweite enge Verwandte der Dystopie.

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Die 2000er: Vampire als Wegbereiter einer neuen Young-Adult-Ära

Auch wenn sich die meisten dieser Romane an eine erwachsene Leserschaft richten, zeigte sich das Genre schnell auch als für Jugendliche geeignet – nicht umsonst sind Romane wie Schöne neue Welt oder 1984 noch immer Lichtblicke des Schullehrplans. Mit Herr der Fliegen von 1954 existiert zudem früh eine Spielart mit jugendlichen Protagonisten. 1979 folgte beispielsweise das bereits erwähnte Todesmarsch, in den 1990ern zudem Lois Lowrys Hüter der Erinnerung und Koshun Takamis Battle Royale. Der große Young-Adult-Hype der Dystopie brach aber erst in den 2000ern aus.

Dass die Dystopie nach anderthalb eher ruhigen Jahrzehnten ins Licht der Öffentlichkeit zurückkehrte, mag verschiedene Gründe haben. Nach den Anschlägen von 2001 machten wiederum neue Konflikte und Ängste das Genre populär, aber auch Medienphänomene wie Castingshows und Social Networks ließen dystopische Motive aufleben. Dass gerade die Young-Adult-Variante so beliebt wurde, ist aber in erster Linie Die Tribute von Panem und dessen Marketingkonzept zu verdanken.

2005 erschien die Bis(s)-Reihe von Stephenie Meyer und brachte der romantischen Phantastik die Wiederbelebung, die Harry Potter für die Fantasy insgesamt bedeutet hatte. Als drei Jahre später der erste Band von  Suzanne Collins Die Tribute von Panem  herauskam, wurde im Marketing prompt nicht nur auf die enthaltene Medienkritik oder den Abenteuercharakter des Romans verwiesen, sondern auch auf das Love-Triangle. Das kann man gut finden oder nicht, und sicher haben auch andere Aspekte wie das Kritikerlob oder Collins zumindest in den USA bereits gefestigter Ruf als Autorin ihren Teil zum Erfolg beigetragen. In Verbindung mit den erfolgreichen Verfilmungen gelang jedoch ein unvorhersehbarer Hype, der sogar in eigenen Regalflächen für Jugendbuchdystopien in den Buchhandlungen resultierte.

Davon profitierten eine Menge ähnlicher Titel, von Veronica Roths Divergent über Maze Runner bis hin zu Caragh O’Briens Birthmarked-Trilogie. Die Ansätze variieren dabei: Sara Grants Neva beispielsweise ist klar feministisch ausgerichtet, Jonathan Maberrys Der Aufbruch verwebt Spiel-Dystopie und Zombie-Apokalypse, und Ready Player One digitalisiert das Genre quasi. 

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Nach dem Hype

Die große Hochphase der Dystopie ist allmählich vorbei. Mancher betrachtet das Genre angesichts der Entwicklungen in der westlichen Welt sogar als überholt – die Zeit der Prophezeiung ist sozusagen vorüber, nun wird der Ruf nach Utopien laut, die einen Weg aus der Misere bieten sollen.

Doch die Dystopie ist alles andere als überholt. Nicht nur finden sich viele Klassiker wieder auf den Bestsellerlisten, auch hat sich das Genre parallel zum YA-Hype mit weltweiten Erfolgen wie Haruki Murakamis 1Q84 erneut ausdifferenziert – zur Freude des Feuilletons. Erst 2018 schaffte es mit Eckhart Nickels Hysteria ein Genrevertreter auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Damit bleibt die Dystopie so aktuell wie die Themen, die sie behandelt.

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