Postapokalypse: Alles, was du über das Genre wissen musst

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Postapokalypse: Alles, was du über das Genre wissen musst


Die Zukunft sieht düster aus – jedenfalls, wenn es nach der postapokalyptischen Literatur geht. Doch ganz gleich, ob es Atomwaffen, Zombies oder die Sonne sind, die unsere Zivilisation auseinanderbrechen lassen: In den meisten Fällen geht es danach irgendwie weiter.

 

Postapokalypse – das ist das, wo man um Benzin kämpft und Atemschutz  mit Dreadlock trägt. So zumindest der Eindruck, wenn man an gängige (Film-)Klassiker des Genres von Mad Max bis Waterworld denkt. Verstärkt wird er noch durch den Einfluss, den solche Werke auf Szenen und Subkulturen von den Preppern bis zum Burning-Man-Festival genommen haben. Dabei ist das postapokalyptische Genre – eigentlich ein Subgenre der dystopischen Literatur – inzwischen sehr vielfältig und verbindet scheinbar unversöhnliche Brüder wie den Gesellschaftsroman und die Fantasy.

Vom Wissenschaftsoptimismus zur Endzeitstimmung

(Post-)Apokalyptische Geschichten erzählen stets vom Ende menschlicher Zivilisation oder von deren Überresten und Neuentwicklung. Sie existieren quasi, seit sich die Menschheit Gedanken über die Vergänglichkeit ihrer Gemeinschaften gemacht hat. Nicht verwunderlich daher, dass die Apokalypse auch zentrales Motiv verschiedener Religionen ist: Im jüdischen, islamischen und christlichen Glauben ist die Apokalypse als Jüngstes Gericht bekannt, bei den Germanen als Ragnarök, im Hinduismus und Buddhismus ist in der Vorstellung der Kalpas eine ständige Erneuerung der Welt inbegriffen – und um Neues entstehen zu lassen, muss das Alte bekanntlich erst vernichtet werden.

In der phantastischen Literatur der Neuzeit kann ein Startpunkt mit Mary Shelleys Verney, der letzte Mensch von 1826 gesetzt werden. In diesem wissenschaftskritischen Roman ist es die Pest, die die Menschheit ausrottet und letztendlich (vorerst) nur den Protagonisten überleben lässt. Auch in den nachfolgenden Jahrzehnten fanden sich immer wieder postapokalyptische Motive in der Literatur, etwa in H. G. Wells‘ Die Zeitmaschine oder Richard Jefferies After London.

Hochkonjunktur bekam die postapokalyptische Literatur jedoch ab den 1950er Jahren. Die Gründe dafür sind in einem Wandel gesellschaftlicher Geisteshaltungen zu sehen: Mary Shelley wurde für ihren Fortschrittspessimismus noch kritisiert; bis Anfang des 20. Jahrhunderts träumte man von fliegenden Autos, vom ferngesteuerten Haushalt und der Besiedelung des Mondes. Doch die technische Entwicklung blieb nicht nur hinter den gesellschaftlichen Erwartungen zurück, sondern zeigte auch immer mehr ihre Schattenseiten. Katastrophale Unfälle in der Raumfahrt dämmten den Optimismus ebenso wie moderne Kriegsführung, zudem trieben das Ozonloch und der Rohstoffmangel düstere Szenarien an.

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Endzeit im Angesicht realer Katastrophen

In den 1950er- bis 1970er-Jahren brachten die Nachwehen des Weltkriege, das Apollo-1-Unglück, die Napalm-Angriffe u. a. während des Vietnamkriegs und der Kalte Krieg erste gesellschafts- und oft auch technologiekritische Klassiker der modernen (Post-)Apokalypse hervor, darunter Arno Schmidts Schwarze Spiegel, Marlen Haushofers Die Wand, Lobgesang auf Leibowitz von Walter M. Miller, die Jugend-SF-Serie Die dreibeinigen Monster oder den vor allem durch die Verfilmungen bekannt gewordenen Planet der Affen von Pierre Boulle.

Luzifers Hammer von Jerry Pournelle und Larry Niven brachte in der Literatur erstmals einen Kometen als auslösendes Apokalypsen-Moment ins Spiel, in Ich bin Legende von Richard Matheson läutete ein Vampir-Bakterien das Ende der menschlichen Ära ein. Auch die Strömung der britischen cosy catastrophe fällt in diese Zeit: In Werken wie John Wyndhams Die Triffids kommt es zwar auch zur Katastrophe, doch bietet sie den Protagonisten die Möglichkeit eines positiven Neuanfangs.

In den 1980er Jahren führte die Ökologiebewegung der 1980er Jahre zu zwei Romanen, die Schulkinder über Jahrzehnte hinweg ihr zweites großes Trauma nach Bambi bescherten: Gudrun Pausewangs Die letzten Kinder von Schewenborn und Die Wolke brachten Atom-Apokalypsen ins Klassenzimmer.

Satire, Melancholie und die Leiden des postapokalyptischen Teenagers

In den letzten beiden Jahrzehnten hat das Genre der Postapokalypse in der Literatur drei neue Strömungen erlebt: Erstens eine satirische Interpretation mit Werken wie Der Zombie Survival oder Operation Zombie: Wer länger lebt, ist später tot von Max Brooks. Zweitens eine neue Form von postapokalyptischen Jugendromanen, in denen die Verwandtschaft zur Dystopie oft sehr augenfällig ist. Am bekanntesten ist hier Die Tribute von Panem, in den USA feierte beispielsweise auch die YA-Zombiereihe Rot and Ruin (dt. Lost Land) von Jonathan Maberry Erfolge, und mit Mein fahler Freund wurde es sogar etwas romantisch. Hierzulande sind Kai Meyers Phantasmen oder Bernd Perplies' Carya-Trilogie Genre-Beispiele. Und drittens fand sich ein Rückgriff auf eine weniger actionhaltige, sehr melancholische Form der Apokalypse, wie sie schon in den 1950er-Jahren auftauchte. Prominentestes Beispiel ist Die Straße von Cormac McCarthy.

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Über- und Untergenre zugleich

Obwohl die Postapokalypse ein Untergenre der Dystopie ist, dient sie zugleich als Überbegriff für ein Motiv, das zahlreiche Genres verbindet: Wie sich gezeigt hat, sind viele der genannten Werke in der Science Fiction beheimatet, wo beispielsweise Aliens, Kometeneinschläge oder auch Roboter das Ende der Menschheit herbeiführen. Im Horror angesiedelt sind die meisten Zombie- oder Vampirapokalypsen, die sich auch in Filmen und Games ihren festen Platz erobert haben. Und selbst die klassische Fantasy kennt das Thema: In den Shannara-Chroniken finden sich postapokalyptische Motive ebenso wie in den Engel-Rollenspielromanen, auch andere Welten sind nicht vor dem Untergang gefeit. So führt in der Drachenlanze-Saga der Weggang der Götter und ihrer Magie eine Postapokalypse herbei, und im Elfen-Zyklus von Bernhard Hennen muss die Welt Nangog fast vollständig dran glauben. Schließlich sind da Werke wie Die Straße oder die Atom-Romane von Gudrun Pausewang, die sich nicht eindeutig der Phantastik zuordnen lassen.

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Das Ende ist relativ: Von Endzeit bis Eschatologie

Zugleich umfasst die Postapokalypse drei verschiedene Subgenres, deren Grenzen allerdings fließend sind: Endzeit, Postapokalypse und Eschatologie.

Die meisten Werke berichten von der Endzeit, also dem Moment des umwälzenden Ereignisses, von dessen Folgen – der eigentlichen Postapokalypse – oder einer Verbindung aus beidem. Typische Endzeit-Romane sind Die Straße oder Phantasmen, klar in die Postapokalypse lassen sich Rot and Ruin, Shannara oder Die Tribute von Panem einordnen. Die Eschatologie – ursprünglich ein religiöser Begriff – berichtet dagegen von einem völligen und unabwendbaren Ende der Menschheit oder der Erde. Ein so radikales Ende findet sich etwa mit der Zeitreise ins Jahr 802.701 in Die Zeitmaschine – obwohl hier zumindest eine andere Lebensform die Erde bevölkert – oder in Lars von Triers Melancholia. Die meisten Autoren (und Filmemacher) deuten ein solches Ende jedoch höchstens an, etwa wenn in Die letzten Kinder von Schewenborn klar wird, dass keine gesunden Kinder mehr geboren werden, oder wenn es dem Protagonisten in Verney, der letzte Mensch schwerfallen dürfte, eine neue Zivilisation zu gründen.

Aber selbst wenn manche postapokalyptische Werke die Möglichkeit eines Neuanfangs beinhalten und das Genre im Szenebereich gerne im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert wird: Oft dienen sie als eine Warnung vor einem Ende, das zum Fürchten ist.

Klingt nicht so optimistisch? Besserung ist nur bedingt in Sicht, denn im nächsten Beitrag widmen wir uns dem Cyberpunk.

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