Was ist Urban Fantasy? Alles, was du über das Genre wissen musst

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ESSAY

Urban Fantasy: Alles, was du über das Genre wissen musst


Fantasy spielt immer in anderen Welten? Nicht in der Urban Fantasy. Schon seit den 80er Jahren bevölkern Orks und Elfen auch Rom und Berlin. Aus welchen Titeln heraus hat sich das Genre entwickelt? Welche Urban-Fantasy-Bücher solltest du unbedingt gelesen haben? Hier ein kurzer Abriss ...

Als Netflix Ende 2017 den Fantasyfilm „Bright“ in sein Repertoire aufnahm, hielt sich die Begeisterung über den Streifen zwar in Grenzen. Das Konzept, typische Fantasyelemente – im Film kämpfen ein Mensch und ein Ork gegen finstere Elfen – ins Setting des Los Angeles einer alternativen Gegenwart zu übertragen, wurde von Kritikern und Publikum jedoch positiv aufgenommen.

Leser von Fantasyromanen dürften die angebliche Innovation allerdings eher müde belächelt haben, denn hier gehört die Urban Fantasy längst zu den populärsten Spielarten des Genres. Als Unterart der Contemporary Fantasy ist ihr wichtigstes Merkmal, dass die Handlung – wie der Name schon sagt – im modernen städtischen Raum stattfindet.

Trailer: Bright

Ein Kind der 80er

Entstanden ist das Genre in den späten 1980er Jahren aus Einflüssen des sich zeitgleich entwickelnden Cyberpunk und des Magischen Realismus der 1970er. Natürlich waren auch vorher schon Fantasyromane im urbanen Raum angesiedelt, doch nun wurde die Stadt gewissermaßen zum Protagonisten, der den anderen Figuren Profil gibt, sie lenkt und beeinflusst. Eine Vorreiter-Rolle nahmen Tim Powers‘ „Die Tore zu Anubis‘ Reich“ und James P. Blaylocks „Narbondo“-Saga ein: Die Studienfreunde machten beide London zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Handlungen.

Als eigentliche Geburtsstunde gelten jedoch Emma Bulls in Minneapolis angesiedeltes „War of the Oaks“ und Charles de Lints in Ottawa spielender Roman „Jack, the Giant Killer“, beide von 1987, sowie die dystopische „Borderlands“-Reihe, an der ebenfalls beide Autoren mitgewirkt haben.

Das Unbekannte in der Kanalisation

Typischerweise bleibt die auch aus vielen anderen Subgenres bekannte Zwei-Welten-Teilung in der Urban Fantasy bestehen. Soll heißen: die Menschen sind sich der Feen, Kobolde und Vampire in ihrer Nachbarschaft nicht bewusst. Ausnahmen wie in der „Faeriewalker“-Reihe oder eben „Bright“ bestätigten allerdings die Regel.

Wo die Magie den Menschen unbekannt ist, geht von ihr eine Gefahr aus, die vom Protagonisten als Wandler zwischen den Welten gebannt werden muss. Immer wieder führt das zu einer düster-nihilistischen Grundstimmung, die beispielsweise gut in der Comicverfilmung „The Crow“ zum Tragen kommt, einem Klassiker des Genres.

Überhaupt ist die Urban Fantasy – zumindest fern humorvoller Spielarten wie Ben Aaronovitchs „Peter Grant“-Reihe – nicht unbedingt das optimistischste Genre. Die magischen Bewohner der Gegenwart fristen ihr Dasein oft am Rande der Gesellschaft in Nachtclubs und Kanalisationen. Die zivilisierteren Exemplare leben in eigenen Spiegelstädten unter den eigentlichen Metropolen. Beispiele sind die Unter-Londons aus „Niemalsland“, „Die Uralte Metropole“ oder „Un Lon Dun“. Ein Unter-New-York wiederum entdeckt Protagonistin Clary in Cassandra Clares „Die Chroniken der Unterwelt“.

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Verliebte Vampire und überarbeitete Ermittler

Die Grenzen zu anderen Subgenre sind bei vielen Urban-Fantasy-Werken fließend. Ob Cyberpunk („Shadowrun“), Steampunk („Perdido Street Station“), Mystery („Fairwater“), Science Fiction („Maximum Ride“) oder Funtasy („Pepper Martin“): Da die Regeln der Urban Fantasy – halbwegs modernes Stadtsetting mit magischen Komponenten – nicht besonders eng gefasst sind, reichen ihre Arme weit in andere Subgenres hinein.

Ab Mitte der „Nullerjahre“ wurde die Urban Fantasy knapp ein Jahrzehnt lang aber vor allem mit einem in Verbindung gebracht: Vampiren. Oder sagen wir lieber – mit verliebten Vampiren. Über Jahre hinweg schien das Genre mit Büchern wie „Ein Vampir ist nicht genug“ von Jennifer Rardin oder „Der Duft des Blutes“ von Ulrike Schweikert fest in der Hand liebestoller Beißer zu sein, wobei es sich – bleiben wir fair – bei den Liebhabern auch um Werwölfe oder Engel handeln konnte, die offenbar alle lieber im Moloch jagen gingen, anstatt es sich auf einem Bauernhof gemütlich zu machen.

Vor allem im Young-Adult-Bereich wirkt diese Assoziation von mal mehr, mal weniger verliebten Vampiren und Urban Fantasy bis heute nach. Oft ein wenig belächelt, hat diese Kombination mit Reihen wie „House of Night“ von P. C. Cast oder den bereits genannten „Chroniken der Unterwelt“ aber auch einige moderne Klassiker hervorgebracht.

Ein weiteres typisches Merkmal, bei dem sich wiederum die Nähe zum Cyberpunk zeigt, ist die Verbindung zur Kriminalliteratur. Ob Peter Grant, Harry Dresden, Anita Blake oder Pepper Martin: Diese Urban-Fantasy-Helden eint das Schicksal, sich als Polizist, Detektiv oder Hobby-Ermittler mit Jazzvampiren, Feenköniginnen und Mafiosi-Geistern herumschlagen zu müssen.

Von London bis Kalkutta: Urban Fantasy around the world

Schon an den genannten Beispielen zeigt sich, dass der Großteil der Urban-Fantasy-Romane entweder in London oder in nordamerikanischen Städten spielt. Nicht sonderlich verwunderlich, wenn man bedenkt, wie beeinflusst das Genre von der englischsprachigen Literatur ist.

Doch auch andere irdische Metropolen wurden bereits Schauplatz übernatürlicher Kriminalfälle, Kriege oder Liebesromanzen. In „Wächter der Nacht“ von Sergej Lukianenko kämpfen Licht und Dunkel auf den Straßen Moskaus, Druide Atticus („Die Chronik des Eisernen Druiden“ von Kevin Hearne) verschlägt es u. a. nach Rom, Jeaniene Frost lässt ihre Figuren aus „Der sanfte Hauch der Finsternis“ in Paris auf Vampirjagd gehen, und Indra Das‘ Handlung aus „The Devourers“ ist in Kalkutta angesiedelt. Und Deutschland bleibt ebenfalls nicht verschont: In Hagen Haas‘ „Drei Tage bis Vollmond“ suchen magische Figuren Köln heim, „Die Dunkle Chronik der Vanderborgs“ von Bianka Minke-König entführt an Berliner Schauplätze, und in Tommy Krappweis‘ „Mara und der Feuerbringer“ wird den Sehenswürdigkeiten von München zeitweise ein Lindwurm hinzugefügt.

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Die politische Seite der Urban Fantasy

Obwohl viele Romane der Urban Fantasy auf eine alternative Gegenwart zurückgreifen, sind direkte Bezüge zur Politik und gesellschaftlichen Diskursen des Hier und Jetzt keine Seltenheit. Ein Beispiel ist wiederum die „Peter Grant“-Reihe, in der nicht nur der RL-Rassismus, sondern auch der ethische Umgang mit Mutanten oder nicht-menschlichen Spezies immer wieder aufgegriffen wird. Einen ähnlichen Weg gehen die „Monstress“-Comics, und auch in „Bright“ sind Rassismus, Diskriminierung und Polizeigewalt augenfällige Themen.

Man darf gespannt sein, ob zukünftige Werke diesen Trend vertiefen – oder ob stattdessen ein Hype um liebestolle Mantikore erwacht, die auf den Straßen Budapests ermitteln. Ausgeschöpft sind die Möglichkeiten des Genres jedenfalls noch lange nicht.

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