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Der Siegeszug der Animation: Bekannte Marken in animiertem Gewand

Der Siegeszug der Animation: Bekannte Marken in animiertem Gewand
© Paramount +
Lars Schmeink, 21.09.2022
 
 

Inzwischen dürfte fast jedes große Franchise seinen Animationsableger haben. Lars Schmeink stellt uns die Bekanntesten davon vor und erklärt, was dahinter steckt. "Cyberpunk: Edgrunners", "Star Trek: Prodigiy", "Blade Runner: Black Lotus" uvm.

Ob Star Wars oder Der Herr der Ringe – aktuelle Großproduktionen der SF&F zeichnen sich heutzutage vor allem dadurch aus, dass sie ganze Universen mit möglichen Geschichten auffahren, um sich im Kampf der Franchises gegen die Konkurrenz zu behaupten. Wo einst Star Trek als beschauliche TV-Serie anfing, da stehen mittlerweile zig Serien, Filme, Comics, Romane, Thrill-Rides, oder auch Fanfictions. Die Welt der Vereinigten Föderation der Planeten ist viel größer als es ein einzelnes Medium zu erzählen vermag.

Seit Jahren entstehen in den großen Medienfranchises immer weiter ausdifferenzierte Geschichten, die sich auf verschiedenste Medien verteilen. Dabei ist die „Remediation“, also der Wechsel der Geschichten von einem in ein anderes Medium, ein zentraler Aspekt, um möglichst vielseitig die Universen des jeweiligen Franchises auszuloten. Denn jedes Medium hat spezielle Vor- und Nachteile für das Storytelling. Filme sind mit zwei Stunden eher begrenzt, aber mit viel Budget ausgestattet. Comics haben einen begrenzten und sehr eigenen Absatzmarkt, brauchen Storytelling, das vor allem visuell funktioniert und mit weniger Text auskommt. Videospiele sind teuer in der Produktion, erschließen aber neue junge Konsumenten, und das meist weltweit. Und TV-Serien erreichen ein besonders breites Publikum, müssen aber episodisch und manchmal für weniger aufmerksame oder engagierte Zuschauer erzählt werden.

Eine spannende Entwicklung der letzten Jahre ist es, dass vor allem animierte Serien (ob fürs lineare TV, oder heute wohl eher für Streaming- oder Web-Services produziert) einen regelrechten Boom erfahren haben. Im Gegensatz zu Live-Action Serien ist die Produktion einfacher und günstiger. Keine Sets, keine Spezialeffekte und zumeist bedarf es nicht einmal der teuren Superstars für das Voice-Acting. Was sich dabei auch zeigt, ist, dass Animation endlich auch in Deutschland nicht mehr als Nische für Kinder und Jugendliche gesehen wird, sondern vor allem Erwachsene angesprochen werden. Hier ein paar aktuelle Big-Franchise-Animationsserien, die einen Blick wert sind:

Star Wars: The Bad Batch

Das Star Wars-Franchise hatte schon früh mit Clone Wars (2003), The Clone Wars (2008), und Rebels (2014) eigene TV-Animations-Ableger, die allerdings meist noch für eher jugendliches Publikum produziert wurden und sich mit den riesigen Story-Lücken der Klonkriege bzw. der Entstehung der Rebellion beschäftigten. Mit The Bad Batch greifen die Macher wiederum den Zeitraum des Klonkrieges auf, diesmal jedoch fokussiert auf die Zeit nach Order 66, dem Befehl, der die Klone die Jedi hat angreifen lassen. Wie auch die Vorgänger, ist die Serie für ein jüngeres Publikum tauglich, was aber Erwachsene nicht davon abhalten sollte, hier einmal reinzuschauen. Gerade die rauen Haudegen der Clone Force 99, also der „Bad Batch“ der Klon-Armee, ist ein liebenswertes Ensemble an Charakteren, denen man gerne dabei zuschaut, wie sie das Imperium vermöbeln.

Star Trek: Lower Decks und Star Trek: Prodigy

Das zweite große Space Opera-Franchise lässt sich in Sachen Animation auch nicht lumpen und versucht gleich mit zwei Serien vergessen zu machen, dass es bereits 1973 die eher nicht so ruhmreiche The Animated Series gab. Prodigy (2021) zielt auf ein jüngeres Publikum ab und erzählt von einer Gruppe Jugendlicher auf einem Gefängnisplaneten im Delta Quadranten, die ein Schiff der Föderation finden und damit fliehen. Und weil es sich um ein Trainingsschiff handelt, dürfen wir einer Hologram-Version von Captain Janeway dabei zusehen, wie sie die buntgemischte Crew zusammenschweißt. Die zweite Show, Lower Decks (2020), kommt bereits in die vierte Staffel und ist eindeutig an ein erwachsenes Publikum gerichtet. Mit satirischem Biss und einer Prise Selbstironie (wie in Red Shirts von John Scalzi oder The Orville), konzentriert sich die Show diesmal nicht auf Offiziere und Brückencrew eines Sternenflotten-Schiffs, sondern explizit auf die einfache Besatzung, die sogenannten Unterdeck’ler. Schön zu sehen, dass auch die ordentlichste Flotte im Grunde nur durch Tesafilm und Spucke zusammengehalten wird und das Chaos jeden Moment alles zu übernehmen droht. So viel Spaß hat Star Trek lange nicht gemacht.

Marvel’s What If…?

Ja, auch das Disney-Flagschiff Marvel hat einen Animations-Ableger. Nach den ersten zaghaften Versuchen in Doctor Strange von 2016, das Multiversum zu erschließen, hat sich Marvel im MCU dazu entschlossen, es mit Phase IV so richtig krachen zu lassen. What if…? (2021) ist der ideale Einstieg dazu und verführt Fans durch den Anthologie-Ansatz dazu, die noch so unwahrscheinlichsten Marvel-Welten zu ergründen. In einer Folge wird Peggy Carter zur Supersoldatin, und nicht Steve Rogers, so dass fortan Captain Carter als erster Avenger gegen die Nazis kämpft. In einer anderen Folge geht die Serie der Idee nach, was aus Thor geworden wäre, hätte er nicht Loki als Gegenspieler und Bruder gehabt. Dass die Serie nicht einfach Spielerei ist, sondern in Zukunft immer wieder Bezüge liefern wird, bewies das MCU im aktuellen Doctor Strange-Teil (2022), in dem Strange in ein anderes Universum springt und dort u.a. auf Captain Carter, aber auch auf Professor X (gespielt von Patrick Stewart, nicht von James McAvoy) trifft. Zukünftige Varianten des Universums sind endlos …

 

Blade Runner: Black Lotus

Ursprünglich kein großes Franchise, hat sich Blade Runner (1982) dank des zweiten Teils Blade Runner 2049 (2017) und der dazugehörigen Kurzfilmreihe sowie einiger Comics schon in diese Richtung weiterentwickelt. Mit Black Lotus (2021) erschien nun erstmals eine erwachsene Animationsserie, die zeitlich zwischen den beiden Filmen spielt und die Lücke füllt, wie Niander Wallace (in 2049 von Jared Leto gespielt) zu seiner Macht gelangte. Die Serie erzählt die Geschichte von Elle, die versucht ihre Amnesie zu bekämpfen und herauszufinden, was ihr zugestoßen ist. Dabei erkennt sie, dass sie Replikantin ist und von den Mächtigen dieser Welt als Spielball genutzt wird — was ihr gar nicht gefällt Sie schwört Rache … Sehr sehenswerte Serie für alle Fans des Originals.

Cyberpunk: Edgerunners

Es mag vielleicht ein Zeichen der Zeit sein, dass nicht mehr nur große Hollywood-Produktionen zum Medienfranchise geeignet sind. Der größte Medienhype des vorletzten Jahres dürfte wohl der Release des Videospiels Cyberpunk 2077 (2020) gewesen sein. Mit Edgerunners (2022) erscheint nun ganz aktuell eine Animationsserie, die sich in die Welt von Night City begibt und dabei dem jungen David auf seinem Weg, ein Cyberpunk zu werden, folgt. Eindeutig an Erwachsene gerichtet, greift die Serie die harte dystopische Welt des Spiels auf, ebenso wie dessen Neigung zu Sex und Gewalt. Die Handlung ist simpel: David verliert bei einem Autounfall seine Mutter und sitzt allein und pleite auf der Straße, da gerät er an die mysteriöse Lucy, die ihn in eine Edgerunner-Gang einführt, wo David fortan seiner kriminellen Energie freien Lauf lassen kann. Nicht besonders innovativ, aber die Serie ist schnell geschnitten und hat jede Menge rauer Kanten zum Dranbleiben.

The Boys: Diabolical

Die böse Superhelden-Satire The Boys (2019) ­­– ein kleines aber feines Franchise – hat ebenfalls einen Animationsableger. Doch wie auch mit dem Original, ist mit Diabolical (2022) nicht zu spaßen, denn die Serie ergeht sich in unglaublicher Gewalt, rüden sexuellen Anspielungen und jeder Menge ganz und gar nicht politisch korrekter Sprache. Wer dennoch Lust hat, hier reinzuschauen, wird mit schwarzem Humor und jeder Menge Schock-Value belohnt. Auf eigene Gefahr!

The Witcher: Nightmare of the Wolf

Eigentlich passt Nightmare of the Wolf (2021) nicht ganz in diese Aufzählung, denn es handelt sich nicht um eine Serie, sondern einen Stand-Alone Animationsfilm. Da aber die Fantasy bislang in diesem Artikel eher zu kurz gekommen ist und der Film die wichtige und brillante Vorgeschichte der Witcher auf Kaer Morhen erzählt, sei hier eine Ausnahme gemacht. Der Film konzentriert sich auf Vesemir, der später unseren allseits beliebten Geralt großzieht, und die Ereignisse, die zur Zerstörung des Witcher-Ordens führen. Wer sich also in die Welt des Witchers eindenken möchte und sein Hintergrundwissen aufarbeiten will, ist hier goldrichtig.

The Lord of the Rings: The War of the Rohirrim

Und abschließend noch der Hinweis, dass auch das LotR-Franchise sich nach langer Pause (1978 zuletzt mit der Bakshi-Verfilmung) wieder der animierten Form zuwendet. Auch hier wird es wohl ein Film werden, der unter dem Titel The War of the Rohirrim für 2024 angekündigt ist. Der Film soll die Vorgeschichte von Rohan erzählen und sich um den legendären König Helm Hammerhand drehen, der als Namensgeber von Helm’s Deep gilt.

Lars Schmeink

Dr. Lars Schmeink ist Journalist und Fantastikforscher. Er ist Professor für Medienwissenschaft am Institut für Kultur- und Medienmanagement Hamburg und erster Vorsitzender der Gesellschaft für Fantastikforschung.