Science Fiction von Frauen Teil 19: Lois McMaster Bujold

BUCH

Science Fiction von Frauen #19: Lois McMaster Bujold


Weiter geht es mit unserer Kolumne über großartige Frauen in der Science-Fiction-Literatur. Heute im Porträt: Lois McMaster Bujold, die in über zwanzig Sprachen übersetzt wurde und mit vier Hugo-Auszeichnungen den Rekord von Robert Heinlein brach.

Lois Joy McMaster Bujold, die 1949 in Ohio geboren wurde, interessierte sich als Tochter eines Science-Fiction-begeisterten Vaters, der Professor für Ingenieurswissenschaften war, schon früh fürs Genre. Als Mädchen tauchte sie in den Sechzigern ins „Goldene Zeitalter“ der Science-Fiction ab, ohne zunächst überhaupt zu bemerken, dass SF als „Jungsding“ wahrgenommen wurde. Als Teenager abonnierte sie das „Analog Magazine“ und las „Dune“ schon in der ersten Variante als Fortsetzungsroman – sie schrieb auch bereits selbst, hörte aber laut eigener Aussage aus „mehreren Gründen“ damit auf. Im Fandom lernte sie ihren Mann John Fredric Bujold kennen, mit dem sie zwei Kinder hat und von dem sie mittlerweile geschieden ist. In den Siebzigern verließ sie jedoch die Begeisterung für Science-Fiction: Der „New Wave“ konnte sie wenig abgewinnen. Ein Jahrzehnt lang las sie alles außer Science-Fiction. „Indirekt“, so McMaster Bujold, „hat mir das vielleicht geholfen, die Grenzen des SF-Genres weiter genug auszudehnen, dass auch meine eigentümlichen Geschichten bequem hineinpassten, als ich zum Genre zurückkehrte.“

Das Universum im Kopf

Einer der Gründe, aus denen sie wieder mit dem Schreiben begann, war, dass sie Geld verdienen wollte – und dabei kehrte sie instinktiv wieder zu der Art und Weise zurück, mit der die Geschichten des „Golden Age“ erzählt worden waren: „Ich schrieb meine ersten drei Romane ziemlich isoliert von den Genre-Einflüssen dieser Zeit. Ich steckte in einer Kleinstadt fest, mit zwei kleinen Kindern und wenig Geld, eigentlich war ich einfach isoliert von allem. Doch in meinem Kopf fand ich ein ganzes Universum.“ Sie hatte noch nie zuvor an einem Roman gearbeitet und brachte sich letztlich alles selbst bei. Sie schrieb drei Romane in Folge, ohne den ersten verkauft zu haben und entwickelte dabei ihre Fähigkeiten weiter.

Ihre erste Veröffentlichung war die Erzählung „Barter“ für Rod Serlings „Twilight Zone Magazine“ 1985, die 1988 als neunzehnte Episode der Serie „Tales from the Darkside“ verfilmt wurde. Doch es gelang ihr, auch die anderen beiden bereits fertiggestellten Erzählungen an einen Verlag zu verkaufen.

Ein ungewöhnlicher Held für alle Fälle

Schon 1986 – in ihrem zweiten Roman – erblickte Miles Naismith Vorkosigan das Licht der Space-Opera-Sonne. Um ihn kreisen nicht nur viele Romane von McMaster Bujold, sondern gleich mehrere über die Spanne mehrerer Jahrzehnte verfasste Zyklen, die auch teils Familienmitglieder, Freund*innen und Feind*innen Vorkosigans in den Mittelpunkt stellen.

Die Vorkosigan Saga spielt ein Jahrtausend in der Zukunft in durch Wurmlöcher verbundenen Galaxien – darin überschneiden sich humorvolle Space Opera und Military SF vor der Kulisse von Schlachten und Intrigen. Zunächst, so McMaster Bujold, sei sie nervös gewesen, mit den Labels „Space Opera“ und „Military Fantasy“ bedacht zu werden. Die Space Opera war zu dieser Zeit gerade dabei, ihr Image zu verändern, doch sie kannte den Begriff noch mit seiner alten Bedeutung: Als Abwertung von unterhaltender, seichter Science-Fiction; die Pulp-Fiction der 1940er Jahre. Dass sie zu den Schreibenden gehörte, die die Space Opera in den Siebzigern und Achtzigern zu neuen Höhen und literarischer Akzeptanz führten, geschah eher unbeabsichtigt.

„Dass meine figurengetriebenen Romane von Baen Books als Military SF verkauft wurden, war vielleicht ein Glücksgriff für mich“, schreibt McMaster Bujold über den anderen Begriff, der ihr übergestülpt wurde. „So flogen sie unter dem Radar der Genre-Erwartungen. Als die Leute bemerkten, dass nichts darin so war, wie es schien, hatte ich mir bereits ein Lesepublikum erobert, das mich seither unterstützt.“

Denn Miles Vorkosigan ist ein ungewöhnlicher Held für Military Science-Fiction: Er ist kleinwüchsig und hat eine Knochenkrankheit. In einem Doppelleben als Soldat und Spion der Flotte seines Heimatplaneten und Söldner-Anführer wider Willen muss er sich vor allem mit Witz und Mut und oft einer sanften Menschlichkeit behaupten, die in der Military SF sonst mit der Lupe gesucht werden muss. Möglich, dass McMaster Bujold damit George Martins Tyrion Lannister inspiriert hat.

Sie bezeichnet Miles als „Counter-Hero“, also „Gegenheld“ – nicht als Antiheld, was eine eigene Bedeutung hat, sondern als Gegenentwurf zu und Kritik an den üblichen Helden des Genres und anderer männlich geprägter Abenteuergenres wie beispielsweise der James-Bond-Reihe.

„Nimm irgendein heldenhaftes Attribut, und Miles wird genau das Gegenteil sein. Groß, mit Superheldenkinn, stark, gutaussehend? Nein. Versuch es mal mit klein, mit brüchigen Knochen und seltsamem Äußerem. Eine tragische Waise, ein Einzelgänger, frei von den hemmenden Verpflichtungen einer Familie? Nichts da. Miles hat eine ganze Menge lebender Verwandten, die ständig aufkreuzen und ihm das Leben schwermachen. Jemand, der die Frauen wechselt wie die Unterhosen? Auf keinen Fall. Miles alte Flammen sind meist nicht weit, sie sind noch am Leben und beharren darauf, sie selbst zu sein.“ Wie man an diesem Zitat bereits liest, hatte McMaster Bujold sehr viel Freude mit Miles. Es interessierte sie, wie sich ein Mann mit körperlicher Mehrfachbehinderung in einer militaristischen Gesellschaft behauptet, in den sie ihn bereits ganz am Anfang ihrer Karriere bugsierte.

McMaster Bujold hatte einige Jahre in einer Krankenhausapotheke gearbeitet, und Miles entstand mitsamt seiner Eigenheiten aus den Beobachtungen von Patient*innen.

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Doppelte Böden und Vielseitigkeit

Komplex ist dabei, dass McMaster Bujold die Saga rund um Miles Vorkosigan nicht chronologisch schrieb: Bücher aus den Achtzigern sind mit Erzählungen und Romanen aus den Neunzigern und Zweitausendern verschränkt, und noch im Jahr 2017 wurde die Vorkosigan-Saga mit dem Hugo für die beste Reihe ausgezeichnet. Leider enden die deutschen Übersetzungen Mitte der Zweitausender, nachdem sie ihren Zenit, was die Aufmerksamkeit der deutschsprachigen Leserschaft angeht, offenbar in den Neunzigern überschritten. Neuauflagen scheinen momentan nicht geplant und auch deutsche eBook-Ausgaben sucht man vergeblich. Dabei schreibt Bujold große, welten- und menschenlebenumspannende Science-Fiction-Romane, in denen sie die Vielfalt menschlichen Lebens ebenso auslotet wie die Möglichkeiten des Genres und auch lange eingebackene Klischees immer wieder vermeidet, beispielsweise wenn sie Beziehungen zwischen genetisch manipulierten und nicht manipulierten Menschen beschreibt – oder in „Ethan of Athos“ die feministische Version eines „Männerplaneten“ entwirft, in dem Care-Arbeit nicht als Frauenarbeit abgewertet, sondern als große Ehre verdient werden muss und Homosexualität die vorherrschende sexuelle Orientierung ist.

Und falls ihr nun auf die unübersichtliche Liste der Vorkosigan-Saga starrt und nicht wisst, womit ihr anfangen sollt: Der Einstieg ist an allen Punkten und in allen Romanen und Novellen möglich. In manchen Büchern erläutert die Autorin zudem im Anhang eine von ihr präferierte Lesereihenfolge.

In der Vorkosigan-Saga beweist McMaster Bujold eine immense Bandbreite: von Abenteuerroman bis romantische Komödie, vom Kriminalplot zum Coming-of-Age-Roman. Parallel dazu schrieb sie zudem Fantasyromane (zum Beispiel die Reihe „World of the Five Gods“) und den Postapokalypsen-Vierteiler „Sharing Knife“. Gemeinsam haben diese vier Romane mit der Vorkosigan-Saga einen unerwartet komplizierten männlichen Protagonisten.

Auch die Fantasyreihe bietet (zum Beispiel theologische) Komplexität und erhielt 2018 ebenfalls den Hugo für die beste Reihe – interessanterweise wurde diese Hugo-Kategorie erst 2017 als regelmäßige Kategorie eingeführt und dann in den ersten beiden Jahren an dieselbe Autorin verliehen. Von den Achtzigern bis heute wird McMaster Bujold ungebrochen mit den wichtigsten Genre-Preisen überschüttet, ihre Romane, Erzählungen und Serien sind vielfältig und komplex, was immer wieder honoriert wird. Zuletzt erhielt sie im vergangenen Jahr den Damon Knight Memorial Grand Master Award.

Unendliche Weiten – jenseits von E- und U-Literatur-Kategorien

Die Online-SF-Encyclopedia beschreibt, dass ihr Stil schwierig zu erfassen sein kann. Vordergründig wirkt er simpel, wie eine nach den Standards des Genres erzählte Abenteuergeschichte. Doch im Weltenbau und in der Interaktion der Figuren lauert Metapher um Metapher. (Die Enzyklopädie bezeichnet sie außerdem explizit als keine feministische Schriftstellerin, weil ihre feministischen Themen nicht aufgedrückt wirken, wozu ich nur sagen kann: „Duuuuuuh!“ Als könnte Feminismus einfach per se nicht hintergründig sein!)

Ihr Weltenbau wird mit Tolkien und Herbert verglichen, was die pure Bandbreite und Komplexität angeht, dabei konzentriert sie sich jedoch auf die Details, die sie für ihren Plot braucht. Während ihr Fokus vor allem auf ihren Figuren liegt, schafft sie es, dabei auch noch plausible Physik, Biologie und Ingenieurskunst aus dem Ärmel zu schütteln, wie ihre Wurmlochsprungtechnik und die genetischen Manipulationen. Was sie dabei jedoch nach eigener Aussage am meisten interessiert, ist, „wie technologische Veränderungen soziale Veränderungen einleiten“, was für sie den Kern der Science-Fiction schlechthin hält – und gleichzeitig etwas, das sie auch in ihrer Arbeit in der Medizin oft beobachten konnte.

Über ihr Schreiben berichtete sie 2007 im Essay „Space Opera, Miles and Me“, der für eine chinesische SF-Convention im Doppel mit der World-Con in Japan entstand: „Ich finde alle Versuche, meine Arbeit in eine Kategorie zu stecken, die ich oft selbst kaum kenne, verwirrend. Ich schreibe einfach Bujold-Bücher. Sie stecken voller Dinge, die ich mag, und umgehen, was mir egal ist, und ihre Hauptaufgabe ist es, mich als Leserin zufriedenzustellen“, sagt sie darin.

Ich finde an ihren Erzählkosmen beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit sie Genre-Hopping betreibt. Vielen größeren „Franchises“ gelingt das nicht besonders gut – mit Ausnahme vielleicht vom Marvel Cinematic Universe, das mittlerweile ebenfalls von Space Opera über Komödie bis hin zur Sitcom sehr variantenreich ist. Oft haben große Erzähluniversen nicht den Mut, das Genre zu wechseln. „Ich bin stolz darauf, niemals dasselbe Buch zweimal geschrieben zu haben“, sagt McMaster Bujold in ihrem Essay. „Als die Reihe wuchs, entdeckte ich, dass Bücher derselben Reihe einander aufgreifen und auch kritisieren können – dass sie ein neues Licht auf Fragen werfen können, die bereits gestellt wurden.“ Dabei ändere sich das Ergebnis – nicht nur, weil sich die Perspektive ändere, sondern auch, weil Miles – und nicht zuletzt seine Schöpferin – älter wurde und die eigene Antwort sich wandelte. Ein gelungenes Zeugnis davon, wie menschliche Wahrheiten nie in Stein gemeißelt und die eigene Haltung und Identität stets im Wandel ist.

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