Alles über Goblins in der Fantasy

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Alles über Goblins in der Fantasy


In vielen Fantasyromanen müssen sie den Dreck wegmachen oder als Kanonenfutter herhalten: Die Rede ist von den Goblins, diesem eher unscheinbaren Völkchen, das sich gleichwohl seinen festen Platz im phantastischen Bestiarium erkämpft hat. Aber was genau hat es mit den gnadenlos unterschätzen Wesen auf sich? 

Bei den meisten Fantasywesen haben wir schnell ein Bild vor Augen. Jede*r kann sich z. B. etwas unter einem Drachen vorstellen, und auch Elfen oder Zwerge dürften selbst bei nicht so fantasyaffinen Lesenden passende Assoziationen auslösen. Aber Goblins? Obwohl sie insbesondere in der High Fantasy, aber auch in vielen Urban- und Portal-Fantasy-Romanen auftauchen, ist das Bild von ihnen deutlich uneindeutiger.

Nur eine Übersetzungsfrage?

Klassischerweise ist goblin ein englischsprachiger Begriff, der auf Deutsch mit Kobold übersetzt wurde. Auch in der Gegenwartsfantasy findet sich diese Übersetzung immer wieder, beispielsweise in Jim Hensons Film Labyrinth mit dem ikonisch von David Bowie dargestellten Koboldkönig, aber auch in Julie Kagawas Plötzlich Fee-Reihe. Und beim Kobold sind die Assoziationen schon leichter: Vielleicht denken wir da an Rumpelstilzchen, der lachend ums Feuer tanzt, während er auf das Kind der Königin hofft, oder an Pumuckl, der das Leben von Meister Eder verkompliziert. Mit dem Bild der auf Wargen reitenden Leute, die wir aus vielen Fantasy-Rollenspielen oder auch klassischer Fantasy wie den Hobbit-Verfilmungen kennen, haben diese Kobolde allerdings nicht so richtig viel gemein. Mit einer einfachen Übersetzung des Wortes ins Deutsche ist es also noch nicht getan.

Betrachten wir den historischen Goblin, ist die Assoziation mit Rumpelstilzchen und Kobold aber durchaus hilfreich. Denn goblinartige Kreaturen tauchen unter zahlreichen Namen auf: Etwa als gruseliger Butzemann (engl. boogeyman), als geiziger irischer Leprechaun, als im Haus für Chaos sorgendes sächsisches Koberchen, als fuchsgesichtige Lutin oder in zahlreichen weiteren Erscheinungsformen.

Im Dictionary of Folklore (1999) hält David Pickering als gemeinsamen Nenner fest, dass diese vielen, vorwiegend in der europäischen Folklore vorzufindenden Wesen sich durch eine gewisse Bösartigkeit auszeichnen, sowie durch ihre Vorliebe dafür, ihre Spielchen mit den Menschen zu treiben. Zudem sieht Pickering eine Verwandtschaft zu den (weitaus friedlicheren) Zwergen oder Gnomen, mit denen die Kobolde auch ihren klassischen Lebensraum wie Höhlen oder Bäume teilen. Allerdings greift diese Definition insofern zu kurz, als es durchaus auch friedliche Goblinoide gibt, die den Menschen mitunter sogar zur Hand gehen. Beispiele dafür sind die Heinzelmännchen, die bayrischen Erdmännchen (nein, nicht die Tiere), die Querge aus der Eifel, die Tiroler Norggen oder die Hobgoblins. Gerade hier sind die Abgrenzungen zu anderen kleinen Völkern wie Gnomen, Feen oder Wichteln alles andere als leicht.

Geht man in die Literatur, so finden sich prominent benannte Goblins z. B. in Shakespeares Mittsommernachtstraum oder in Miltons Das verlorene Paradies. Ein wichtiges Vorbild gerade für die moderne Fantasy-Literatur war zudem Christina Rossettis Gedicht Goblin Market von 1862, das sich um die Begegnung zweier Schwestern mit zwielichtigen Kobold-Kaufleuten rankt.

Die Goblins
Autor*in: Jim C. Hines
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Die Kobolde
Autor*in: Karl-Heinz Witzko
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Der Winterkaiser
Autor*in: Katherine Addison
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Goblins als Volk der High Fantasy

Während den Goblins in diesen Werken wie auch in der Folklore stets ein geisterhaftes, übernatürliches Moment anhaftet, sind sie in J. R. R. Tolkiens Der kleine Hobbit nur ein humanoides Volk unter vielen. In Der Herr der Ringe wurde der Begriff durch den der Orks (oder auch Moria-Orks) ersetzt; als direktes Vorbild für diese besondere Art von Goblins diente vermutlich u. a. die Darstellung in George MacDonals Die Prinzessin und der Kobold von 1872.

Obwohl Orks und Goblins in Mittelerde mehr oder weniger deckungsgleich sind, hat sich in der nachfolgenden Fantasy die Trennung beider in zwei verschiedene Völker etabliert – und mit ihr die Verwendung des Goblin-Begriffs auch im deutschsprachigen Raum. Orks werden klassischerweise als grobschlächtig und kriegsversessen, Goblins als klein gewachsen, verschlagen und nicht allzu intelligent dargestellt. Quasi eine Zwischenstufe zwischen beiden bilden die Hobgoblins, die in der Fantasy gerne ihres friedliebenden Folklore-Charakters beraubt und als intelligentere, militaristische und groß gewachsene Goblins beschrieben werden.

Solche „High-Fantasy-Goblins“ finden sich insbesondere in zahlreichen Rollenspielsettings und Games sowie dazugehörigen Romanreihen wie Das Schwarze Auge, Warhammer oder World of Warcraft, aber auch in Manga-bzw. Anime-Titeln wie Goblin Slayer. Mitunter sind die Goblinoiden dabei sogar noch mal in zahlreiche Untergruppen aufgeteilt. In der Urban und Portal Fantasy ist es hingegen geläufiger, die Goblins noch als Kobolde zu übersetzen; vereinzelt tauchen beide aber auch als zwei verschiedene Völker auf (z. B. in der Age of Wonders-Spielreihe oder in Dungeons and Dragons-Settings).

Goblins wie Kobolden wird trotz des Klischees des „beschränkten Goblins“ oft – ähnlich wiederum wie Gnomen oder Zwergen – eine besondere Affinität zu Technik und Erfindungen nachgesagt (z. B. auf der Scheibenwelt oder in Guillermo del Toros Hellboy 2 – Die Goldene Armee). Außerdem zählen insbesondere High-Fantasy-Goblins zu den wenigen Völkern mit einer kürzeren Lebensspanne als die Menschheit. Trotzdem ist der Stereotyp der Goblins weniger festgeschrieben als z. B. der von Vampiren oder Elfen, und es finden sich auch zahlreiche individuelle Darstellungen. In Shadowrun etwa sind Goblins quasi vampirische Zwerge, außerdem tauchen je nach Setting immer mal friedliebendere Kobold- und Goblinvertreter:innen auf – etwa die kriegerischen, aber nicht bösartigen Wir-sind-die-Größten aus Terry Pratchetts Kleine freie Männer oder die Heinzelmännchen in Bernhard Hennens Nebenan. Und dann sind da ja auch noch Yoda und Grogu …

Neue Perspektiven auf Goblins

Die gleichwohl vorherrschende Stilisierung der Goblins als ein ganzes Volk missgestalteter, wenig intelligenter und verschlagener Kreaturen, die überdies oft versklavt werden und „dem Bösen“ als Kanonenfutter dienen müssen, ist nach heutiger Genrerezeption in mehrfacher Hinsicht nicht unproblematisch – auch, weil die Darstellung gerne mit Merkmalen unterfüttert wird, die sonst mit indigenen Völkern assoziiert werden. Beispielsweise sind Goblins oft in schamanistischen Stämmen organisiert, denen ein Häuptling vorsteht. Im Zuge des Dekolonialisierungsblicks auf Fantasy wird das immer mehr thematisiert, doch bleibt die Aufarbeitung ein Prozess.

Immerhin: Von ihrer einseitigen Darstellung wie auch von ihrem Randdasein als Nebenfigur haben sich die Goblins (und Kobolde) inzwischen emanzipiert. In Romanen wie Jim C. Hines Die Goblins, Karl-Heinz Witzkos Die Kobolde, Stuart Thamans The Goblin Wars, Bernhard Hennens Novelle rund um die Lutin Ganda (erschienen in Elfenlied), Sabrina Železnýs Kinderbuch Straka oder der Romantasy-Reihe Greta and the Goblin King von Chloé Jacobs, sind Goblins Dreh- und Angelpunkt der jeweiligen Handlung. Herausragend außerdem Katherine Addisons Der Winterkaiser, das anhand des Konflikts zwischen Elfen und Goblins den In-Welt-Rassismus gegenüber letzteren thematisiert.

Sie treten also aus ihrem Schattendasein heraus, die lange so unterschätzten Goblins.  Aber was nun genau einen Kobold von einem Goblin unterscheidet und wo wir im Detail die Grenze zu Gnom oder Ork ziehen können – das bleibt fürs Erste wohl noch im Dunkel der Goblinstollen verborgen.

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