Vom Ursprung der Fantasyvölker: Die Orks

© Kris Cooper

KOLUMNE

Vom Ursprung der Fantasyvölker: Die Orks


Orks kennen wir vor allem aus Tolkiens Herr der Ringe, wo sie als gesichtslose Masse den heldischen Helden allerlei Ungemach bereiten. Doch ihre Geschichte ist länger und vielfältiger, als man so denken könnte. Ein Essay von Frank Weinreich.

Im Prinzip gibt es in Literatur, Film und Spiel zwei Arten von Bösewichtern. Einmal sind das die oftmals charismatischen, aber immer mächtigen, skrupellosen und vielfach durchtriebenen individuellen Gegenspieler – mir fallen da, ohne groß nachzudenken, etwa Thanos, Sauron, Voldemort oder Cersei Lannister ein. Auf der anderen Seite stehen die anonymen Massen von Zombies und anderen Untoten, Stormtroopern, Spacebugs oder Fischmenschen, die hauptsächlich aufgrund ihrer gesichtslosen Anzahl mächtig sind und bedrohlich wirken. Letztere besetzen angesichts ihrer nicht vorhandenen Individualität eher undankbare Rollen und dienen meist nur als Verfügungsmasse auf Schlachtfeldern. Das gilt auch für die armen Orks. Doch es gilt nicht durchgängig und wenn man die jüngere Fantasy der letzten zwanzig Jahre betrachtet, so ist der Ork an sich der Rolle des bloßen Massenkanonenfutters aus den Weiten der Kampagnen von Dungeons & Dragons und anderen Welten und Szenarien zumindest teilweise entwachsen. Da lohnt es doch, seine Herkunft und mittlerweile mannigfaltigen Erscheinungsformen etwas näher unter die Lupe zu nehmen.

Vom bösen Geist zu Tolkiens Orks

Letztlich ist es J. R. R. Tolkien gewesen, der die Orks in die Genreliteratur einführte. Auch wenn der Tiroler Schriftsteller Hans Vintler schon im 15. Jahrhundert davon berichtete, dass manch ein Zeitgenosse erzähle, „er hab den orken und elben“ gesehen, so ist zumindest der Ork vor Tolkien nur auf sehr unbestimmte Weise in Erscheinung getreten. In einem angelsächsischen Manuskript aus der Zeit der ersten Jahrtausendwende ist die Rede vom „Orc, oððe hel-deofol“ – dem „Ork oder Höllenteufel“. Das noch ältere Gedicht Beowulf – eine der wichtigsten Inspirationsquellen Tolkiens – berichtet von „eotenas ond ylfe ond orcneas“, von „Ogern, Elfen und bösen Geistern“. Sowohl Teufel wie Geister sind zwar auch keine freundlichen Wesen, haben jedoch wenig mit den humanoiden, aber grotesk hässlichen Gestalten zu tun, als die Orks heute gemeinhin auftreten. In der Neuzeit vermischt sich dann der Ork in der Literatur, etwa bei Edmund Spenser und Charles Perrault, mit dem Oger, den die moderne Fantasy jedoch meist als eine Art riesenhaften Cousin des Orks beschreibt. Die sonst in Fragen der Fantasy-Erforschung so ergiebigen Arbeiten der Gebrüder Grimm verstehen unter dem „Orke, ork, org“ im Neunzehnten Jahrhundert dann wieder ein „gespenstisches wesen, böser dämon, spukmännchen, teufel“ und verorten ihn etymologisch beim lateinischen Orkus, dem Gott der Unterwelt, der allerdings unter dem Namen Pluto deutlich bekannter sein dürfte. Trotz bester Kenntnis des Beowulf kann man aber davon ausgehen, dass Tolkien seine Orks eher der Palette altnordischer und keltischer Koboldwesen entlehnte beziehungsweise konkret an die Goblins aus George MacDonalds The Princess and the Goblin aus dem Jahr 1872 dachte, als er seine Orks erfand und sie im Wesentlichen nur größer, stärker und furchterregender machte.

Woher die Orks als lebendige Wesen stammen, ist mit Blick auf Tolkien eine Geschichte für sich. Sämtliche Erklärungen, die von einer eigenen Erschaffung durch böse Mächte über die Degeneration von Elben oder Menschen bis hin zu Versklavung und Transformation durch Folter reichen, sind unbefriedigend (und Tolkien hat dahingehend nie eine letztgültige Erklärung abgegeben). Es ist unbefriedigend, aber auch nicht besonders wichtig, wenn man das Auftreten von Orks im Genre allgemein betrachtet. Da sind sie nämlich in der Regel einfach ein Volk unter vielen, das zwar wild und meist bösartig ist, aber ansonsten genauso auf die Welt kommt, Kinder zeugt und stirbt wie jedes andere Volk. (Auch Tolkiens Orks schlüpfen übrigens nicht aus Eiern, wie die Verfilmung von Der Herr der Ringe nahelegt.) Das aber führt zu einem ganz anderen und gravierenden Problem, dem sich auch Tolkien noch zu Lebzeiten ausgesetzt sah, und zwar dem Vorwurf eines ausdrücklichen Rassismus, der sich auf das Aussehen bezieht und mit dem die schlechten Charaktereigenschaften dann angeblich bewusst verknüpft worden seien. Was so gut wie alle Orks tatsächlich gemeinsam haben, ist die dunkle Hautfarbe, bei vielen vereint mit schlitzförmigen Augen und anderen Merkmalen, die typischerweise asiatischen, indischen, orientalischen und afrikanischen Phänotypen entsprechen, während hochgewachsene blonde Recken mit blauen Augen zumindest mir noch nirgendwo unter den Orks begegnet sind.

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Problem Rassismus

Ja, das ist ein Problem. Wenn auch ein erklärliches. Tolkien legte seinen Geschichten über Mittelerde vornehmlich Sagenmaterial, aber auch historische Einflüsse zugrunde, aus denen er seine ganz eigene Welt erschaffen hat. Eine der sich dadurch ausdrückenden Überzeugungen ist die spätestens im Mittelalter festverwurzelte Vorstellung einer Verbindung von Schönheit und Tugend einerseits und Hässlichkeit und Bosheit andererseits – was für letzteres heißt, man erkennt das Böse schon daran, dass es böse aussieht. Das ist ein einflussreicher, teilweise bis in unsere heutigen unbewussten Überzeugungen reichender Topos, der zwar Blödsinn, aber zunächst unproblematisch ist. Problematisch kann es werden, sobald der Gedanke einer bösen äußeren Erscheinung konkretisiert wird – im Fall von Tolkiens Orks eben durch Zuschreibung außereuropäischer – fremdländischer! – Phänotypen. Da Tolkiens Geschichten sonst durchweg humanistische Werte, Freiheit, Loyalität, Kooperation und Offenherzigkeit propagieren, kann man aber durchaus annehmen, dass die rassistisch anmutende Erscheinung der Orks zuallererst dem Wunsch geschuldet war, exotisch wirkende Antagonisten zu beschreiben und dass er mit den Bevölkerungen Gondors oder Rohans im Gegenzug keinesfalls eine weiße Herrenrasse hervorzuheben gedachte (seine entschiedene Gegnerschaft zu Nazideutschland ist schließlich ebenfalls vielfach belegt). Trotzdem bleibt bei der Beschreibung der tolkienschen Orks und deren mannigfacher Wiederholung in nachfolgenden Genrewerken ein schlechter Geschmack hängen, der sich meines Erachtens nicht verleugnen lässt.

Doch dabei ist es nicht geblieben und das Genre kennt heute eine Vielzahl von Orks, die nicht nur anders aussehen, sondern auch nicht immer moralisch verwerflich handeln. Und auch da kommt Mittelerde noch einmal ins Spiel. Gerade die Film-Orks von Tolkien-Interpret Peter Jackson mit ihren sechs Auftritten – besonders die aus den in sonstiger Hinsicht völlig verunglückten Hobbit-Filme – haben das problematische Erscheinungsbild des originalen Tolkien-Orks glücklicherweise aufgebrochen, denn die dort auftretenden Ork-Bösewichter reichen vom absurd überzeichneten (und weißhäutigen) Goblin-König bis zu sehr verschiedenartigen Gestalten, die alle möglichen Formen des Hässlichseins in sich vereinen, aber nicht mehr einseitig auf bestimmte real existierende menschliche Phänotypen verweisen.

Der Ork von heute

Dazu kommen, seit sich die klassische High-Fantasy immer mehr ausdifferenziert hat, auch differenziertere Darstellungen der klassischen Feindwesen wie Vampire, Trolle, Werwölfe und nicht zuletzt der Orks, die das Stereotyp des hässlichen Monsters überwinden und mittlerweile bei ganz normalen und identifikationsfähigen Fantasy-Helden angelangt sind. Das reicht von den Grunts aus Mary Gentles gleichnamiger Fantasysatire über die sechsteilige Orks-Reihe von Stan Nicholls und die das althergebrachte Gut-Böse-Schema der Fantasy auf den Kopf stellenden Ork-Bücher von Michael Peinkofer, beide Reihen in klassischer Völkerromantradition verfasst, bis zu den heldenhaften Recken der Computerspiele World of Warcraft und Heroes of Might and Magic, die neben dem orkischen Kampf für eine gute (!) Sache besonders die alte europäische Vorstellung vom edlen Wilden wiederbeleben, auch wenn sie damit schon wieder erste alte Schritte in Richtung stereotyper Rassenvorstellungen machen. In A. K. Larkwoods “Die dunklen Pfade der Magie” werden die typischen Ork-Hauer gar mit queeren Coming-of-Age-Tropen verbunden. Hier haben die Orks bereits den Diversity-Diskurs erreicht.

Die Ausdifferenzierung von Orks und anderen Monstern ist besonders interessant, weil damit auch die Gesichtslosigkeit einer anonymen Masse von Feinden aufgebrochen wird, die für epische Schlachten zwar manchmal einfach nötig sind, aber doch auch austauschbar und irgendwie langweilig daherkommen. Wenn wir schon vom Bösen lesen, dann wird es doch erst wirklich interessant, wenn dieses Böse Gesicht und Charakter annimmt. Besonders faszinierend sind natürlich charismatische Schurken wie Hannibal Lecter, dem man schon fast seinen Kannibalismus nachsieht, oder sympathisch-gemeine Trickster á la Loki oder Gaunter O’Dimm. Aber auch Figuren, die nicht die geringste Sympathie auf sich zu ziehen vermögen, wie Ramsey Bolton und Joffrey Baratheon, sorgen für jene emotionale Bindung an eine Story, die nötig ist, um sich von ihr fesseln zu lassen – auch wenn das in diesen Fällen nur geschieht, um sie endlich vergiftet oder von Hunden zerfleischt zu sehen.

Das Böse und die Bösen sind Thema von fiktionalen Geschichten, weil sie echte Erfahrungen und Befürchtungen reflektieren – auf unübersehbar mannigfaltige Weise, in aller denkbaren Bandbreite von faszinierend bis abstoßend und besonders in der Phantastik auch gerne gnadenlos überzeichnet und zu unüberwindbar erscheinender Größe aufgeblasen. Aber letztlich ist das erfundene Böse fest in der Realität verwurzelt. Und das gilt auch für den Ork. Doch anders als die einstigen gesichtslosen Massen bis zum Horizont reichender Heerscharen, die so unkonkret wie ein Gewitterhimmel dräuten, tritt der Gestalt annehmende Ork seinem Publikum entgegen, rückt näher an unsere Ängste heran und erweist sich dabei unter Umständen auch als moralisch nicht mehr ganz so eindimensional wie ehedem. Und das beginnt schon bei Tolkiens Orks, wenn sie über die Entführung von Merry und Pippin in Streit geraten oder Frodo in den Turm von Cirith Ungol verschleppen und so Persönlichkeit zu entwickeln beginnen. Der Ork, die Orkin treten aus dem Dunkel und werden zum Menschen. Besonders, wenn ihre Autorin oder ihr Regisseur ihnen dann noch Freiheiten zugestehen, sie die Initiative ergreifen lassen und man schlussendlich erkennen kann, dass es auch Heldinnen mit ledrig-grüner Haut und Fangzähnen im Unterkiefer geben kann, die das Richtige tun. Genau wie wir Menschen eben.

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