Interview mit Autor Bernd Frenz

KOLUMNE

Vom Ursprung der Fantasyvölker: Die Zwerge


Auch Fantasyvölker haben ihre Geschichte – in der Mythologie, im Märchen und Roman. Frank Weinreich über den Ursprung der Zwerge in der Fantasyliteratur.

Zwerge? Schon klar: stark, klein, fleißig, grantig, trinkfest. Und wenn man einen gestandenen Fantasy-Zwerg mit einem seiner Namensvettern aus den deutschen Gärten vergliche, hätte man wohl auch eine gute Chance, die ihnen nachgesagte Gewalttätigkeit am eigenen Leib zu erfahren. Doch fragen wir doch mal ernsthaft – was steckt hinter den streitbaren Handwerkern, die unzählige Fantasysettings bevölkern?

Es gibt ja eine ganze Menge humanoider kleiner Wesen in den alten Sagen wie auch in der modernen Phantastik, die unter ihren jeweiligen Bezeichnungen als Kobolde, Feen, Goblins, Pixies und so weiter in vielgestaltiger Form und mit allen möglichen Charaktereigenschaften und mehr oder weniger magischen Fähigkeiten auftreten. Doch bei Zwergen scheint der Fall klarer zu sein, da weiß man, was man zu erwarten hat ... außer vielleicht wie Zwergenfrauen aussehen. Aber es ist vielleicht doch ein bisschen komplizierter, denn dass sie schon im Grimmschen Wörterbuch Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts auch als „dämonische Gestalten“ bekannt sind und dass die Zwerge in der mittelalterlichen Edda Angehörige der Elfenvölker sind, zeigt, dass mehr in ihnen steckt als nur Bier und Schmiedekunst.

Bedeutungswirrwarr ...

Wie immer, wenn man es mit Erzähltem zu tun hat, bietet sich als Erstes der Blick auf die Herkunftsgeschichte des Themas an, wobei sich zeigt, dass der Begriff Zwerg multiple Wurzeln im Indogermanischen hat, die von den Wikingern bis nach Indien reichen. Nur konstatiert schon Jacob Grimm als Ergebnis dieser Vielfalt: „das wort ist ohne sichere etymologie“. Und die Dudenredaktion des Herkunftswörterbuchs ist 160 Jahre später nicht viel schlauer geworden. Es gibt Bezüge zu germanischen Sprachen, die zahlreiche Varianten des Wortes twerc, dvärg oder dwarg aufweisen, und damit zwischen dem deutschen Zwerg und dem englischen dwarf oszillieren. Doch von hier aus wird es sehr spekulativ, wenn etwa das altiranische drva, das eine schwere körperliche Behinderung bezeichnet, oder das altlettische drug, das zusammensinken oder verkleinern heißt, als bedeutungsähnlich angenommen werden. Den Bogen zu den Dämonen schlagen schließlich die altindischen Wörter dhuer, das Täuschung, Betrug kennzeichnet; dhrúti, für Verführung, und dhvarás, für einen weiblichen Dämon, während das Altnordische noch den Untoten draugr hinzufügen soll.

Ein verführerischer weiblicher Dämon ist nun nicht das, was einem heute bei dem Wort „Zwerg“ als Erstes einfällt, und es lässt sich aus der Etymologie nicht viel mehr festhalten, als dass die negativen Hinweise auf Behinderungen, Minderwert, Betrug und das Böse bedeuten, dass die Vorläufer der modernen Fantasy-Zwerge für die Menschen im Mittelalter negativ besetzt waren – genau wie es im Fall der ebenfalls dämonisierten Elfen oder Elben der Fall war. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Zwerg nach Jacob Grimm "ursprünglich die bezeichnung der kleinen elbischen wesen in den germanischen mythen, heldensagen und märchen" war, die jedenfalls nicht Bestandteil der alltäglichen Realität waren, für die sie aber eine Gefahr darstellten, wenn man ihnen doch begegnete. Selbst die den Zwergen immer zugestandene handwerkliche Kunstfertigkeit zog in der Regel Katastrophen verschiedenster Art nach sich, führten die meisterlich ausgeführten Schmuckstücke und Waffen der Zwergenschmiede doch üblicherweise dazu, dass Kämpfe oder gleich ganz Kriege um ihren Besitz entbrannten.

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Zwergenkrieger
Die Zwerge

... und ungeklärte Verwandtschaftsverhältnisse

Die typischen Zwerge, die später die Fantasy bevölkern werden und neben den Elfen/Elben laut der Encyclopedia of Fantasy die „most popular beings“ des Genres ausmachen, finden sich nur in den nordeuropäischen Sagen und Sagas. Dort sind Zwerge aber erst einmal gar nicht so leicht von Elfen zu unterscheiden. In der Edda weisen sie sogar nicht einmal ihre typische kleinwüchsige Gestalt (von 130 bis 150 cm Körpergröße laut D&D-Norm) auf. Zwerge gehören zu den Elfenwesen, von denen der wichtigste nordische Poet Snorri Sturlusson im Mittelalter vier Arten ausmacht, die sich durch ihre Herkunft, aber nicht unbedingt durch ihr Aussehen unterscheiden: Lichtelfen, Dunkelelfen, Schwarzelfen und Zwielichtelfen. Jacob Grimm schlug in seiner Deutschen Mythologie alles bis auf die Lichtelfen den Zwergen zu. Doch wahrscheinlicher ist, dass der Däne Nikolai Grundtvig in seiner Nordens Mythologi näher an der (Sagen-)Wahrheit ist, der nur die Zwielichtelfen als Zwerge ansah. Doch die Interpretationen beider berühmter Philologen sind noch sehr viel unspezifischer als der klassische Fantasyzwerg, wie ihn J. R. R. Tolkien in Hobbit und Herr der Ringe schildert.

Wenn man aber bei den Sagas bleibt und deren prototypischen Zwerg Alberich/Andwari betrachtet, so hat man es mit dem gleichen Wesen zu tun, das William Shakespeare im Mittsommernachtstraum noch als den Elfenkönig Oberon bezeichnet, und das ist jemand, der weit mehr Tolkiens Waldelbenkönig Thranduil gleicht als dessen grimmem Zwergenherrscher Thorin Eichenschild. Ganz davon abgesehen, dass Andwari auch noch ein Gestaltwandler ist, der gerne als Fisch oder Otter im wahrsten Sinne des Wortes auftaucht, war von breiten Schultern, langem Bart, starkem Bier und Kleinwuchs in den Originalen jedenfalls keine Rede. Was aber für Zwerge seit deren König Alberich typisch und stilbildend ist, ist ihre allzu oft übertriebene Liebe zu Schätzen und der eigenen Handwerkskunst. Wobei letztere sich ebenso auf die mächtigsten Waffen wie auf die schönsten Geschmeide erstreckt und – wieder mal Alberich – auch so praktische magische Dinge wie eine Tarnkappe umfassen kann. Doch gerade das Handwerk und die auf ihm beruhende Gier nach Edelmetallen und -steinen sorgen auch für die Ambivalenz der aus dem Genre bekannten Zwergenvölker.

„… if more of us valued food and cheer and song …”

Zwerge weisen nämlich nicht nur in Hinblick auf ihre Herkunft dämonische Züge auf, sondern sind laut der Sagenwelt auch mit einem Materialismus ausgestattet, der sie als dunkle Seite ihres Charakters oftmals beherrscht. Die großen handwerklichen sowie magischen Fertigkeiten verführen sie zu Stolz, Gier und manches Mal dem Verlust jeglichen Augenmaßes. Besonders eindrucksvoll hat das wieder einmal der Großvater des Genres, J. R. R. Tolkien, dargestellt, dessen Ausarbeitung zwergischer Physis und Psyche beispielhaft für so gut wie alle Zwerge späterer Rollenspiele, Völkerromane und Filme wurde.

Tolkiens Zwerge sind natürlich ebenfalls stolze Handwerker und auch tapfere Krieger wie Gimli, der als Ringgefährte im Weltenrettungsgeschäft unterwegs ist und zum Elbenfreund wird; letzteres ein rarer Zug für einen Zwerg. Doch am bekanntesten sind vielleicht die 13 Zwerge aus dem Hobbit, deren Beweggründe für ihre Queste Rache und Gier sind, womit sie nicht ganz an den edlen Impetus anderer Fantasyhelden herankommen, die sich in der Regel von dem Motiv leiten lassen, das Böse vernichten zu wollen. Thorin Eichenschild und Gefolgsleuten geht es jedoch um den Hort, auf dem der Drache Smaug seit 170 Jahren relativ friedlich schläft, ohne etwa die Gegend zu terrorisieren. Als Thorin den Schatz dann zurückgestohlen hat (auch nicht gerade in einem epischen Kampf, sondern mit Hobbit-Hilfe durch die Hintertür), ist er bereit, sogar einen größeren Krieg zwischen Zwergen einer- und Elben und Menschen andererseits zu führen, um die Reichtümer zu behalten.

Der Krieg kann zwar vermieden werden, doch erst als Thorin in der an Krieges Stelle geführten Schlacht mit den Orks fällt, kommt ihm die Erkenntnis, dass die Welt eine bessere wäre, „if more of us valued food and cheer and song“, statt das Herz an Gold und Edelsteine zu hängen. Diese ebenso simple wie wahre Erkenntnis ist die eigentliche Aussage, die Tolkiens Erzählung vom Hobbit transportiert. Dass Tolkien diese Worte einem Zwerg in den Mund legt, nimmt die Tradition von Sagen und Märchen auf, in denen Zwerge immer schon die eine große Schwäche übertriebenen Materialismus aufweisen, der regelmäßig in tragischen Ereignissen mündet. Und diese mahnende Rolle zeigt auch, dass Zwerge – wie alle anderen vernunftbegabten Wesen der Phantastik – in allererster Linie Aspekte der menschlichen Natur, also Wesenszüge ihrer Erfinder verkörpern. Der prototypische Zwerg zeigt die Ambivalenz von Sturheit und Ehrgeiz auf und dient dazu, zu versinnbildlichen, wohin beides führt, wenn es übertrieben wird.

In den besseren Geschichten tut der Zwerg das nicht, ohne zugleich zu zeigen, dass beide Eigenschaften in wohldosierter Form durchaus erstrebenswert sind und dass der Fantasyzwerg eben doch ein Held ist, der dann auch das Mädchen bekommt. Nur wie das (Zwergen-)Mädchen aussieht, darüber schweigt die Fantasy sich meist auf unverständliche Weise aus. Ich nehme ja an, es liegt daran, dass die Frauen der Zwerge alle wie in Dennis McKiernans Mithgar-Zyklus einfach zu schön sind, als dass man einem Nichtzwerg einen Blick auf sie erlauben könnte.

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