KOLUMNE

Vom Ursprung der Fantasyvölker: Die Elfen


Auch Fantasyvölker wie die Elfen haben ihre Geschichte – in der Mythologie, im Märchen und Roman. Frank Weinreich über den Ursprung und die Entwicklung der beliebten Phantasiegeschöpfe.

Als junger Fan phantastischer Literatur irritierte mich eine Frage immer ganz enorm: Was eigentlich sind die Elfen denn nun wirklich? Auf der einen Seite gab es ritterliche Streiter wie Tolkiens Elbenfürsten Gilgalad („sein Schwert war lang, sein Speer war kühn, weithin sein Helm aus Silber schien“), auf der anderen Seite Feengestalten so winzig klein wie Tinker Bell, die Peter Pan in einem Becher mit sich herumtragen konnte. Heute weiß ich, dass sie beides sind, weil das Fantasy-Volk der Elfen tatsächlich eine Vielzahl verschiedenartigster Wesen umfasst. Bis auf eine menschenähnliche Form mit Rumpf, Kopf, zwei Armen und zwei Beinen müssen die nicht viel miteinander gemein haben; und selbst dahingehend gibt es Abwandlungen mit Fischschwanz statt Beinen oder zusätzlichen Flügeln auf dem Rücken und anderes mehr. „Elf“ ist ein weitreichender Oberbegriff, der ohne eine genauere Eingrenzung einfach zu unbestimmt bleibt.

Vielleicht schaut man also zunächst, woher der Begriff kommt. Die Wurzeln von „Elf“ gehören in den germanischen Sprachenstamm und reichen bis zur ersten Jahrtausendwende zurück, wo auf den britischen Inseln „ælf“, bei den nordischen Völkern „álfr“ und im althochdeutschen Sprachraum „alb“ ganz allgemein eine Reihe übernatürlicher Wesen bezeichnete, die man grob als Naturgeister identifizieren kann. Einer der besten Sprachenhistoriker der Welt, Professor Tom Shippey, spricht in dem lesenswerten Aufsatz „Light-Elves, Dark-Elves and Others“ über diese ursprünglichen Elfen als „weitgefächerte mythologische [Wesen], die Zeugnis davon ablegen, dass der Mensch stets versucht, Phänomenen auch außerhalb seines Alltagsverständnisses Etiketten anzuheften.“

Von Erl- und Elfenkönigen

Neben ihrem heterogenen Äußeren wurden die unterschiedlichen Elfenarten und ihre Fähigkeiten mit verschiedenen Ereignissen – meist der weniger schönen Art – in Verbindung gebracht: Laut Volksglauben ertränkten sie Leute aktiv oder durch Magie, verbreiteten Krankheiten und Wahnsinn oder wurden als Vampire aktiv, wurde ihnen doch „ælfsogoða“, das „Elfensaugen“ unterstellt, das den Betroffenen blutarm zurückließ. Sie hatten zudem reihenweise Sex mit Menschen, was, anders als man annehmen sollte, auch nicht gerade zu deren Vorteil war, endete doch auch dies Vergnügen mehr oder weniger regelmäßig mit dem Tod der Verführten. Und auch im deutschen Sprachraum waren böse Elfen nichts Unbekanntes, wenn auch nicht immer sofort als Elf erkennbar. Der kindermordende Erlkönig etwa („Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?“), heißt in der dänischen Originalgeschichte eigentlich Ellerkonge („Elfenkönig“) und wurde von Johann Gottfried Herder nur falsch übersetzt, der Eller als Erle las.

Doch recht bald differenzierten sich in der Folklore wie auch folgend der Literatur viele dieser Wesen unter eigenen Etiketten wie Kobold, Fee, Najade, Dryade, Spriggan und dutzenden weiterer Namen heraus. Die eigentlichen Elfen/Elben hingegen nahmen spätestens seit Niederschrift der Prosa-Edda durch den aus Island stammenden Skalden und Christen (!) Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert langsam die Form an, die wir aus der modernen Fantasy seit Lord Dunsany und J. R. R. Tolkien so gut kennen. Zwar gibt es Wesen, die unseren Fantasy-Elfen ähneln, auch außerhalb des nordischen Kulturkreises, die keltischen Sidhe etwa, an deren Existenz in einer Anderswelt viele Menschen besonders in Irland und Wales heute noch glauben. Doch die wesentlichen Vorbilder der Elfen in der modernen Fantasy verdanken wir den Wikingern und besonders Snorri Sturluson. Nur ist das mit den Elfen bei Snorri trotzdem eine schwierige Sache, denn er unterscheidet immerhin noch vier verschiedene Arten.

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Die deutsche Mythologie

Erst durch sprachwissenschaftliche Analysen von Nikolai Grundtvig und Jacob Grimm im Neunzehnten Jahrhundert konnten diese vier Arten zumindest soweit erklärt werden, dass Grimm später in seiner Deutschen Mythologie einen grundsätzlichen „Dualismus“ von guten und bösen Elfen konstatierte. Dieser Dualismus findet seinen Ausdruck in den Schattierungen Licht und Dunkel: in den Lichtelfen („líosalfar“) und den Dunkelelfen („svartálfar“), die jedem Rollenspieler bestens bekannt sind. Auch die Münze der unglaublich schönen, langlebigen, magisch begabten und oft übermenschlich starken Elben hat also zwei Seiten.

Wer bei dem oben erwähnten Stammwort „alb“ an den Albtraum und andere schlimme Dinge gedacht hat, liegt nicht falsch. Den Alben wie den Elfen haftet neben dem ersten engelhaften, reinen, lichten und schönen Eindruck immer auch das Böse, das Dunkle und das Verderbte an. Grimm schreibt: „man verstand später darunter die guten oder bösen holden.“ Der Gelehrte hatte schon nicht ganz unrecht mit seinem Dualismus. Allerdings lag er auch nicht unumschränkt richtig, denn was bei der verkürzten, auf reines Schwarz und Weiß abzielenden Analyse Grimms auf der Strecke bleibt, ist die Grauzone, die Snorri noch kannte, als er neben Licht- und Dunkelelfen nicht zufällig, sondern bewusst von Schwarzelfen und Zwergen sprach. Die beiden letzteren, die man gemäß der Erklärungen Snorris als eine Gruppe identifizieren kann, hat Grundtvig einmal als „Skumrings-Alfer“, als Zwielicht-Elfen bezeichnet, was ein spannendes Licht auf die Verwandtschaft von Elfen und Zwergen wirft; doch diese Überlegung soll einem eigenen Artikel über die Zwerge vorbehalten bleiben.

Stellt sich nur die Frage, was denn diese Elfen im engeren Sinne sind, die zu einer tragenden Säule der modernen Fantasyliteratur wurden. „Im Prinzip sind die Elben verbesserte Menschen“, schreibt Friedhelm Schneidewind in seinem Das neue große Tolkien-Lexikon über Tolkiens Elfen, und liest man dies, ohne an Moral zu denken, also unabhängig davon, ob Elben beziehungsweise Elfen nun Gutes oder Böses tun, so trifft das auf alle (Fantasy-)Elfen zu. Vielleicht ist es sogar passender, im Falle der Elfen/Elben nicht von Verbesserung, sondern von Übertreibung des Menschlichen in allen Hinsichten zu sprechen. Das würde auch verdeutlichen, dass Elfen, wie alle Fantasywesen, letztlich nur Aspekte des realen Homo Sapiens darstellen, indem sie diese betonen.

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Ob in den Romanen zu den großen Rollenspielsystemen der Welten der Drachenlanze oder der Vergessenen Königreiche, ob in Computerspielen wie The Witcher, ob bei Bernhard Hennens Elfen-Büchern oder auch bei den Klassikern von Lord Dunsany und Tolkien – Elfen als solch neigen zu weltenrettendem Heldenmut, aber auch zu Verrat in kosmischer Größe, sind treueste Freunde oder gnadenloseste Feinde, und sie stehen dem Licht ebenso nah wie der Dunkelheit, egal ob sie nun explizite Licht- oder Dunkelelfen sind. All ihr Tun passiert dabei meist auf einem übermenschlich hohen Niveau sowohl was ihre Kampf- wie auch ihre Kunstfertigkeiten und eben auch ihre Emotionen angeht, die von wahrhaft ewiger Liebe bis zu ewigem Hass reichen. Ein schönes Beispiel und einer der schlimmsten Bösewichter der Fantasygeschichte ist der Elb Feanor aus Tolkiens Silmarillion, der auch vor Völkermord nicht zurückschreckt, allein, weil unbeherrschbarer Stolz ihn dazu treibt. Wo wir von Stolz reden ... Außerdem sind sie arrogant, entsetzlich arrogant; die guten wie die bösen Elfen. Aspekte des Menschlichen eben ...

Interessant ist, dass es die uneingeschränkt guten und tapferen Elfen wie Tolkiens Legolas oder Elrond noch nicht lange gibt, nämlich eigentlich erst seit Der Herr der Ringe. (Okay, Elrond ist ein Halb-Elb; das ist aber auch interessant: Menschen und Elfen können sich offensichtlich fruchtbar paaren, und das heißt, biologisch gesehen sind sie eine Spezies.) Auch hier zeigt sich der enorme Einfluss des Autors auf das Genre Fantasy, denn eindeutig positive Elfen-Helden, wie sie seit den Siebziger Jahren immer häufiger auftauchen, gibt es erst seit Tolkien. Selbst kurz vor Erscheinen der Mittelerdegeschichten, bei Lord Dunsanys Tochter des Elfenkönigs von 1924, wurden Elfen noch allenfalls kalt und distanziert dargestellt. Meist aber changierten sie in der Literatur vor dem Zwanzigsten Jahrhundert zwischen Verführer und Mörder, während Snorris engelhafte Líosalfar kaum irgendwo eine tragende literarische Rolle spielten.

Elben und Elfen

Aber was hat es eigentlich mit dem Unterschied von Elfen und Elben auf sich? Das ist einfach: Es gibt keinen. Wiederum der Elfenkenner Jacob Grimm war es, der aus Patriotismus aus den Elfen die Elben machte, auch wenn die breite Öffentlichkeit die erst so richtig seit Tolkien kennt: „Wundervolles Volk, die Elben, Herr Frodo! Wundervoll!“ Den Begriff Elb hat Margaret Carroux dann bei ihrer Übersetzung von Der Herr der Ringe einfach übernommen. Denn in Tolkien´s Original heißt es nicht etwa „elbs“, sondern „elves“, was aber auch schon die altmodische Form des bis dato gebräuchlicheren englischen „elfs“ ist. Und elfs war vor Tolkien in England über Jahrhunderte so verbreitet, dass selbst die Deutschen im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert von „Elfen“ sprachen, bis Grimm dazwischenfuhr: „elb habe ich statt des unhochdeutschen elf hergestellt, welches man, des eignen wortes uneingedenk, ohne überlegung, dem engl. elf nachgebildet hatte [...]“ (Deutsches Wörterbuch). Insofern: Elfen sind sie alle, im Guten wie im Bösen.

 

 

 

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