Wer war Merlin?

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Mythos Merlin: gütiger Mentor oder zwielichtiger Strippenzieher? Christian Handel wirft einen Blick auf die verschiedenen Rollen dieses berühmten Zauberers.

Mächtiger Zauberer und weiser Ratgeber – Merlin ist im Sagenkreis um König Artus eine Schlüsselfigur. Die berühmtesten Geschichten von ihm erzählen von seiner Rolle als Artus‘ Ziehvater. Er gilt als die treibende Kraft, die den Sohn des verstorbenen Großkönigs Uther Pendragon auf den Thron hebt. Meist tritt er als Streiter für das Gute auf, als Stimme der Vernunft. Er gilt als mächtig und unbescholten und soll schließlich den Verführungskünsten einer zauberkundigen Frau verfallen und von ihr besiegt worden sein.

Wirft man jedoch einen genaueren Blick auf die Dichtungen des Mittelalters, so stellt man schnell fest, dass die Gestalt des Merlin weit vielschichtiger und zwiespältiger ist.

Dunkle Herkunft

Einige Autoren setzen Merlin mit Myrddin gleich, einen Barden, Propheten und Wilden Mann aus walisischen Legenden. Bereits über seiner Geburt liegt ein dunkler Schatten: Nach Geoffrey von Monmouth ist er das Kind einer Nonne und eines Dämons, eines Incubus. Entspringen Merlins Fähigkeiten demnach der Unterwelt? Eine französische Dichtung aus dem 13. Jahrhundert will gar den Antichristen in ihm erkennen, dessen Schicksal sich gerade noch rechtzeitig ändert, weil er kurz nach seiner Geburt getauft wird.

Monmouth war ein Geistlicher im 12. Jahrhundert, der in seinem Mammutwerk Historia Regum Britanniae das pseudohistorische Leben britischer Könige zu Papier brachte, darunter das von Artus. Die Figur Merlin verknüpft er darin mit einer Sage um einen Jungen, der ohne Vater gezeugt wurde. König Vortigern benötigt dieses Kind als Menschenopfer. Den Turm, den er errichten lassen möchte, stürzt nämlich immer wieder ein. Nur das Blut eines Kindes ohne Vater soll, so Vortigerns Ratgeber, dies verhindern können. Dass Merlin kein frühes Ende findet, verdankte er seinen prophetischen Träumen. Der junge Zauberer erklärt dem König, dass tief unter der Erde zwei Drachen – ein weißer und ein roter – miteinander kämpfen und so den Turm immer wieder zum Einsturz bringen. (Die Drachen stehen sinnbildlich für die Sachsen und die Briten, die sich zu damaliger Zeit bekriegten.) Vortigern glaubt dem Knaben und nimmt ihn in seinen Dienst.

Prophet und Ratgeber

Eine Aufgabe, die Merlin zeitlebens ernst nimmt: Nach Vortigerns Tod unterstützt er dessen Sohn Uther Pendragon. Seine Treue geht so weit, dass er seinem König mit Hilfe von Magie den Zutritt nach Tintagel ermöglicht, der befestigten Burg des Herzogs von Cornwall, der mit Uther im Krieg liegt. Uther ist besessen von Cornwalls Gemahlin. In Gestalt des Herzogs schläft er mit ihr und zeugt in dieser Nacht seinen berühmten Sohn Artus. Nach der Vernichtung seines Widersachers auf dem Schlachtfeld macht Uther die Witwe gar zu seiner Hochkönigin.

Geoffrey von Monmouth zufolge zieht sich Merlin danach vom Hof zurück. In den Dichtungen des Mittelalters tritt er jedoch weiterhin prominent als väterlicher Ratgeber für Artus auf, der nicht am Hof seines Vaters erzogen wird. Merlin verhilft Artus dazu, das Schwert, das ihn zum König macht, aus dem Stein zu ziehen. In seinem Kampf, die Sachsen aus der Heimat zu vertreiben, und seinem Ringen darum, die britischen Stämme zu vereinen, steht ihm der Zauberer mit seinen übernatürlichen Kräften und prophetischen Träumen unerschütterlich zur Seite. Darüber hinaus soll er die Ritter der Tafelrunde zur Suche nach dem Heiligen Gral angestiftet haben.

Verführer oder Verführter?

Im Lauf der Jahre festigt sich nicht nur Merlins Ruf als weiser und gutherziger Einzelgänger, sondern auch als Lehrmeister. Je nach Sage soll er unterschiedliche Frauen in seinen geheimnisvollen Künsten unterrichtet haben: Mal ist Artus‘ Halbschwester Morgana seine Schülerin, mal die Fee Nimue oder die Fee Viviane. Und hier kommt auch seine Schattenseite zum Vorschein. Nicht selten versucht der in die Jahre gekommene Lehrer, seine junge Schülerin zu verführen.

Einer von ihnen gelingt es, ihn mit seinen eigenen Kräften zu schlagen: Nachdem er sie seine mächtigsten Zauber gelehrt hat, wendet sie diesen gegen ihn an. Sie schließt ihn in ein magisches Gefängnis ein, das mitten im bretonischen Zauberwald Brocéliande stehen soll: Mal ist es ein Baum mal eine Kristallhöhle, dann wieder ein Loch unter einem hohlen Stein.

Merlins tragisches Ende wird bis heute unterschiedlich interpretiert. Manchmal erscheint die Fee als kühl kalkulierende Verführerin, die es auf Merlins Zauberkräfte abgesehen hat und ihn nach seiner Verbannung als Ratgeberin am Hofe Artus‘ ersetzt. Manchmal teilt die Fee sein Gefängnis. Sie hat die Zauber gewoben, um sie beide zu schützen. Aus der Verführerin oder Verfolgten wird in diesen Geschichten seine Geliebte.

Merlin in der aktuellen Netflix-Serie "Cursed"

Moderne Interpretationen

Gerade diese Widersprüchlichkeit in den alten Erzählungen ist es vermutlich, durch die die Gestalt von Merlin auf Autorinnen und Autoren bis heute großen Reiz ausübt. Die düsteren Umstände seiner Zeugung, seine Verbindung zum Wilden Mann nutzte beispielsweise die US-Autorin Diana L. Paxson in ihrem historisch-phantastischen Roman Die Herrin vom See (Lübbe; 2000).

Mary Stewart stützte sich in ihrem Fantasy-Roman Flammender Kristall (Heyne; 1991) auf die Erzählungen von Merlin als geplantes Menschenopfer von König Vortigern und seinem Weg zu dessen Ratgeber. Hier ist er der Sohn einer walisischen Prinzessin, die sich weigert, den Namen ihres Geliebten preiszugeben. Die Kristallhöhle, in der er der Sage nach später gebannt wird, taucht hier bereits als sein heimliches Refugium auf.

Stephen Lawhead macht den Zauberer in Merlin – Magier und Krieger (Piper; 1998) zum Sohn eines britischen Barden und einer Prinzessin aus dem untergegangenen Atlantis. Bevor er am Ende des Buches zum Ziehvater des jungen Artus wird, erlernt er die Bardenkunst, wird König, verliert auf tragische Weise seine Liebe – und seinen Verstand, ehe er ins Leben zurückfindet.

T. H. White beginnt seinen modernen Klassiker Der König auf Camelot (Klett Cotta; 1976) mit Artus’ phantastisch-magischer Ausbildung als Junge durch Merlin. Der Zauberer altert umgekehrt, wodurch er die große Zukunft seines Protegés bereits kennt und ihn entsprechend vorbereiten kann.

In Marion Zimmer Bradleys Artus-Epos Die Nebel von Avalon (Fischer; 1983) ist Merlin hingegen nicht der Name eines Individuums, sondern der Titel für den höchsten Druiden der britischen Inseln. So begegnen wir im Roman mit Artus‘ Großvater Talisien und dem Barden Kevin gleich zwei Merlins.

Anders als die meisten anderen Autorinnen und Autoren erschuf schließlich der Kinder- und Jugendbuchautor T. A. Barron mit seiner auf zwölf Bände angewachsenen Merlin-Reihe eine scheinbar völlig vom Artus-Sagenkreis losgelöste fiktive Coming of Age-Geschichte des großen Zauberers. Auf der Suche nach seiner Herkunft gelangt er in das magische Land Fincayra, der Insel zwischen Himmel und Erde, wo er magische Abenteuer erlebt. Der Titel des ersten Bandes lautet Merlin. Wie alles begann (dtv; 1999).

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Titel: Der König auf Camelot
Autor: T.H. White
Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsjahr: 2016

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