Fantasy

Kann Fantasy dem Anthropozän gerecht werden?

Kann Fantasy dem Anthropozän gerecht werden?
© Blanvalet

Swatje Niemann, 07.10.2022

Inspiriert durch Amitav Ghoshs „Die große Verblendung – Der Klimawandel als das Undenkbarezeigt uns Swantje Niemann am Beispiel von Steven Eriksons „Malazan – Book of the Fallen“ auf, wie die aktuelle Klimakrise auch auf relevante Weise in der Fantasy behandelt werden kann und neue Perspektiven auf das Problem ermöglicht.

Hitzewellen, Waldbrände und Flutkatastrophen … seit einer ganzen Weile wirken die Nachrichten noch ein bisschen apokalyptischer als sonst. Der Klimawandel findet angesichts zunehmender Extremwetterlagen mit tödlichen Folgen und zunehmend verzweifelten Aktionen, um die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Politik darauf zu lenken, mehr und mehr seinen Weg ins Bewusstsein vieler Menschen. Interessanterweise aber ist er in Fiktion vergleichsweise wenig präsent – und vor einigen Jahren war das noch stärker der Fall. Dieser Fakt hat das Interesse des Journalisten und Buchautors Amitav Gosh geweckt und einen Teil eines sehr interessanten Buches inspiriert.

Amitav Ghosh hat mit seinem 2016 erschienenen Sachbuch „Die große Verblendung – Der Klimawandel als das Undenkbare“ („The Great Derangement – Climate Change and the Unthinkable“) eine spannende, interdisziplinäre Betrachtung des Klimawandels geschrieben. Das dreigeteilte Buch behandelt den Klimawandel auch unter den Gesichtspunkten von Geschichte und Politik, aber im längsten Abschnitt des Buches geht es um „stories“. Hier erkundet Ghosh die sonderbare Abwesenheit des Klimawandels in der „ernsten Literatur“ der Gegenwart, deren Ursachen und Implikationen.

Er identifiziert mehrere Gründe dafür, darunter die literarische und wissenschaftliche Tradition des 19. Jahrhunderts, die das Bild einer Welt winziger, gradueller Veränderungen zeichnet. In dieser Welt gibt es keinen Platz für sprunghafte Entwicklungen und unwahrscheinliche Ereignisse, welche die Welt nachhaltig verändern. Natur und Kultur, Kunst und Wissenschaft, „ernste“ Literatur und Science Fiction seien in dieser Tradition scharf voneinander getrennt. Auch gehe es oft um individuelle Figuren, kollektives Handeln und große Kontexte spielen traditionell eine weniger große Rolle. Diese Art des Erzählens sei wenig geeignet, um die Situation der Gegenwart einzufangen. Und diese Denkgewohnheiten erschwerten es, das schiere Ausmaß des Klimawandels zu begreifen und sich auf die Häufung zunehmend extremer Wetterereignisse und Naturkatastrophen vorzubereiten und sich dem Fakt zu stellen, wie sehr nicht-menschliche Kräfte unser Leben beeinflussen.

Dem stellt Ghosh andere literarische Traditionen gegenüber: Epen, einige Werke der romantischen Literatur und Romane, die auch größeren sozialen Entwicklungen Raum geben. Hier gebe es epochale Veränderungen, und auch nichtmenschliche Akteure treten ins Rampenlicht. Seine Idee, einen Roman zu schreiben, der diese Tradition aufgreift und auf die Realitäten unserer Zeit zugeschnitten ist, hat er mit „Die Inseln“ („Gun Island“) realisiert. In diesem Roman geht es um den Klimawandel und Migration und um die Verbindungen zwischen weit auseinanderliegenden Orten und Jahrhunderten.

Ghoshs Fokus liegt auf „serious literature“. Er sieht die Distanz, die Genre-Fiction schafft, als den Grund, wieso sie oft nicht geeignet ist, das Anthropozän zu beschreiben – die Verortung ihrer Geschichten in anderen Welten oder Zeiten blende die jüngere Vergangenheit und Gegenwart aus und lenke davon ab, dass das Anthropozän genau hier, genau jetzt geschieht (vgl. „The Great Derangement“, S. 72). Er sieht jedoch Hoffnung in hybridem Erzählen.

Das Anthropozän in der Fantasy bei Steven Erikson

Doch trotz dieser Skepsis gegenüber Genre-Fiction war es in den letzten Monaten ausgerechnet ein Fantasy-Epos, dass mich immer wieder dazu gebracht hat, an „The Great Derangement“ zu denken und den Teil über „stories“ noch einmal zu lesen. Es geht um „The Malazan Book of the Fallen“ von Steven Erikson, das auf Deutsch als „Das Spiel der Götter“ erschienen ist.

Erikson ist Archäologe und Anthropologe, und dieser Hintergrund kommt bei seinem bekanntesten Epos zum Tragen. Immer wieder geht es um Geschichte. Mal, weil sich Figuren als Amateurarchäolog*innen versuchen oder als Historiograph*innen oder Figuren von historischer Bedeutung über Geschichte philosophieren. Oft ist der Bezug zur Vergangenheit auch da, weil viele der Figuren uralt sind und die Ausläufer und Ursachen der Konflikte der Gegenwart weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Das Figurenensemble ist groß, die Handlung spielt auf drei Kontinenten und wie bereits erwähnt, wird eine lange Zeitspanne abgedeckt. Es werden die Geschichten zahlreicher individueller Figuren erzählt, aber die Reihe nimmt sich auch viel Zeit, um kollektives Handeln zu erkunden – die Gezeiten von Traditionen und Überzeugungen, die Individuen einfach mitreißen.

Erikson schildert eine Welt, die schwerwiegende Veränderungen durchlaufen hat und weiterhin durchläuft: Politische Machtstrukturen, aber auch so grundlegende Dinge wie die Art, wie Magie funktioniert und ökologische und geographische Gegebenheiten, sind ständigen und tiefgehenden Entwicklungen unterworfen.

Besondere Aufmerksamkeit kommt hier der Art zu, wie Mensch und Natur interagieren. Immer wieder nimmt sich Erikson die Zeit, zu erzählen oder eine Figur erzählen zu lassen, wie menschliche Interventionen Landschaften und Ökosysteme verändert haben – oft auf unvorhergesehene und schädliche Weise. Er erzählt von Tieren, die bis zum Aussterben gejagt wurden, von der Einführung invasiver Fischarten komplett veränderten Gewässern und vielen weiteren Beispielen. Menschliche Naturzerstörung ist der Gegenstand historischer Exkurse wie auch – gelegentlich sehr brutal – ausgetragener ethischer Debatten.

Die Auseinandersetzung mit Geschichte und Geschichtsschreibung in „Das Spiel der Götter“ ist umfang- und facettenreich, und eine Facette ist, wie Menschen trotz der Anerkennung ihrer tiefen Eingriffe in die umliegende Welt auch immer wieder aus dem Zentrum der Ereignisse geholt werden. Dazu trägt bei, dass es noch mehrere, weitaus ältere menschenähnliche Wesen gibt, im Vergleich zu deren langer Geschichte die Ausbreitung moderner Menschen eine relativ neue Entwicklung ist. Aber Erikson lässt die Lesenden auch hin und wieder aus der Perspektive von Tieren sehen oder lädt zu einer Art Vogelperspektive ein, einem Herauszoomen, das den Blick auf große Zusammenhänge und Wandlungsprozesse lenkt.

Es gibt eine Stelle in Band sechs des „Malazan Book of the Fallen“, „The Bonehunters“, in der eine wichtige Figur erklärt, wie seine Schwester militärische Konflikte betrachtet. Laut ihm sieht sie alle Akteur*innen – nicht nur lebende Menschen oder menschenähnliche Personen, sondern auch die Toten, deren Legenden instrumentalisiert werden können, und weitere verborgene Spieler*innen, darunter das Land selbst mit seinen Wäldern, Hügeln und Flüssen. Diese Stelle hat sich mir eingeprägt, weil sie nicht nur etwas über die beschriebene Figur enthüllt, sondern gleichzeitig die Erzählperspektive der gesamten Buchreihe zu spiegeln scheint.

Das Epos als geeignetes Erzählmittel

Eriksons Art des Erzählens erscheint mir wie die Art epischen Erzählens, die gut geeignet ist, um das Anthropozän abzubilden, und die Aufmerksamkeit der Lesenden auf die großen kulturellen, aber auch biologischen Systeme zu lenken, in die sie eingebunden sind. Auch beschwört sie das Gefühl herauf, dass man sich eben nicht darauf verlassen kann, dass Dinge im Großen und Ganzen bleiben, wie sie sind, und dass es manchmal nötig ist, sich auf scheinbar nicht gewinnbare Konflikte einzulassen.

Allerdings wimmelt es in „Das Spiel der Götter“ eben auch von Gottheiten und Magier*innen. Unsterbliche und Dinosaurier mit Schwerthänden (ja, wirklich) haben ihren Einfluss auf die Handlung. Immer wieder werden wir also daran erinnert, dass es eine Sekundärwelt, ein Fantasy-Setting ist, über das wir lesen. Kann also eine Romanserie, deren Genre-Verortung zu einer gewissen Distanz einlädt, uns zu einer neuen Perspektive auf unsere Welt inspirieren?

Ich persönlich denke, dass es in Geschichten in der Zukunft und in Sekundärwelten noch einmal stärker den Lesenden überlassen ist, wie sehr sie diese auf die Gegenwart beziehen wollen, aber die Bezüge sind da. Und auch wenn Büchern, die aktiv und nicht mit der allzu leichten Abkürzung der Dystopie über mögliche Schadensbegrenzungs- und Krisenmanagementstrategien der Gegenwart und Zukunft schreiben, eine besondere Bedeutung zukommt, glaube ich, dass uns auch eine Fantasy-Reihe ausgezeichnete Anregungen dafür liefern kann, wie man über das Anthropozän nachdenken und erzählen kann.

Swantje Niemann
© privat

Swantje Niemann

Swantje Niemann wurde 1996 in Berlin geboren. Als Leserin, aber auch als Autorin ist sie am liebsten in den verschiedenen Subgenres der Phantastik unterwegs und teilt auch gerne in Blogposts und Rezensionen ihre Eindrücke von Büchern. Sie schreibt unter anderem für das Fanzine „Phantast“. 2021 erschien ihr vierter Roman, „Das Buch der Augen“. Mehr Informationen findet ihr unter https://www.swantjeniemann.de

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