Portal Fantasy – Alles, was du über das Genre wissen musst

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Portal Fantasy – Alles, was du über das Genre wissen musst


Einmal nicht aufgepasst, schon purzelt man durch ein Kaninchenloch in eine andere Welt. Zumindest für die Portal Fantasy ist das kein ungewöhnliches Szenario, denn in diesem Subgenre kann fast alles zu einem Tor in Wunder- und andere Länder werden.

Ein verwitterter Torbogen, ein Steinkreis oder auch nur die eingemauerte Tür im Keller – so etwas schreit doch quasi nach einem Pfad in andere Welten, oder?

Orte, die auf irgendeine Art ungewöhnlich wirken, haben schon immer Faszination auf Menschen ausgeübt. Kein Wunder also, dass Mythen verschiedenster Kulturen voll sind von Höhlen oder Hügeln, die in Ander- und Unterwelten führen. Mit vagem Bezug zu keltischen Sagen und in Einklang mit dem elisabethanischen Volksglauben, hat das außerdem im 16. Jahrhundert insbesondere auf den britischen Inseln eine Reihe von Feengeschichten wie die Ballade um Tam Lin oder Shakespeares „Sommernachtstraum“ inspiriert. Die wiederum sind noch heute wichtige Vorläufer der Portal Fantasy, des wohl populärsten Subgenres neben der High Fantasy.

Der Name bezieht sich auf die Portale, die verschiedene Welten miteinander verbinden und in Form von Steinkreisen und Höhlen, aber auch als Spiegel, Kleiderschränke oder Kamine in Erscheinung treten können. Im deutschsprachigen Raum ist auch der Begriff Zwei-Welten-Fantasy geläufig, obwohl mitunter mehr als zwei Welten erreicht werden können (z. B. in Matthew Sturges‘ „Midwinter“ oder im Marvel Cinematic Universe).

Die frühe Portal Fantasy als Kinderliteratur

Als frühes Beispiel der Portal Fantasy kann George MacDonalds „Phantastus. Ein Feenmärchen“ (1858) gesehen werden, das gleichermaßen in Tradition der oben genannten Feengeschichten wie auch der Gothic Novels des späten 18. Jahrhunderts steht. Nur wenige Jahre später erschien mit „Alice im Wunderland“ (1865) von Lewis Carroll ein wahrer Evergreen des Genres, der bis heute starken Einfluss auf die Popkultur nimmt. Ähnliches gilt für „Der Zauberer von Oz“ von L. Frank Baum aus dem Jahr 1900. 1926 wiederum wurde Hope Mirrlees‘ „Flucht ins Feenland“ erstveröffentlicht. Die poetische Geschichte ist hierzulande zwar nie so bekannt geworden wie jene von Alice oder Dorothy, wird jedoch von vielen Akteuren der modernen Fantasy wie Neil Gaiman oder Robin McKinley als Einfluss genannt.

Die genannten Bücher haben zwei Dinge gemeinsam: Erstens verbinden Portale jeweils unsere Welt mit einem auf „natürlichem Weg“ unerreichbaren Land. Und zweitens handelt es sich um Kinderbücher. Tatsächlich liegt es wohl vor allem an der Portal Fantasy, dass Fantasy allgemein noch immer als Kinder- oder Jugendliteratur verstanden wird. Denn anders als viele andere Subgenres hat sie im Bereich der Kinderunterhaltung ihren Anfang genommen. Und auch wenn es durchaus Portal Fantasy gibt, die sich primär an Erwachsene richtet, gilt es noch immer als ein klassisches Genre für den Young-Adult-Bereich.

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Nach Narnia und in eine neue Ära

Nicht ganz unschuldig daran dürfte auch C. S. Lewis „Narnia“-Reihe sein, die von 1950 bis 1956 erstmals erschien. Aber nicht nur die jugendlichen Protagonisten waren prägend für die nachfolgende Geschichte der Portal Fantasy: Auch der Wechsel von unserer in eine ausgearbeitete High-Fantasy-Welt (auch wenn der Begriff damals noch nicht geläufig war) wurde zu einem typischen Genre-Merkmal. Und auch der Topos des Reisenden aus unserer Welt als Retter des Fantasyreichs wurde endgültig etabliert, sollte später aber auch als kolonialistisches Element kritisiert werden.

Nach Lewis bedienten sich unzählige Genreautoren der Portal Fantasy. 1961 gelang Norton Juster mit „Milos ganz und gar unmöglicher Reise“ ein internationaler Erfolg. Kurz darauf verband Andre Norton mit ihrem „Hexenwelt“-Zyklus Portal und Space Fantasy, Alan Garner wiederum nutzte in der „Alderley“-Reihe Elemente der Celtic Fantasy. Besonders diese Kombination aus (mehr oder weniger) unserer Gegenwart mit einer keltisch angehauchten Anderwelt ist in der westlichen Fantasy bis heute sehr beliebt. Sie findet sich gleichermaßen in Jugendabenteuern („Die Kinder von Erin“ von Helmut W. Pesch) und Romantasy („Lamento“ von Maggie Stiefvater, „Faeriewalker“-Reihe von Jenna Black), aber auch in Dark-Fantasy-Varianten wie Broms „Der Kinderdieb“ oder Darren Shans „Dämonicon“ wieder.

In den 1970er Jahren wurde das Genre auch außerhalb des angloamerikanischen Raums sehr populär und brachte mit „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende und „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren in Europa zwei Romane hervor, die weit über das übliche Fantasy-Publikum hinaus Leser fanden.

Portale als Überwindung von Beschränkungen und Krankheit

1977 starteten auch die „Chroniken von Thomas Covenant dem Zweifler“ von Stephen R. Donaldson, die in drei Trilogien bis in die 2000er Jahre fortgesetzt wurden. Die erste Trilogie folgte noch typischen Genreregeln und blieb beim Topos des Erdenretters, der eine andere Welt vor dem Untergang retten muss – und das, obwohl sich besagter Retter selbst in der Alternativwelt, die er als nicht real erachtet, extrem unmoralisch verhält. Mit den nachfolgenden Trilogien hinterfragte Donaldson diesen Ansatz jedoch.

Bemerkenswert an den Geschichten um Thomas Covenant ist zudem, dass der Protagonist in der Realität krank, in der Alternativwelt jedoch gesund ist. Dieses Motiv der Überwindung eines gebrechlichen Körpers durch die Reise in eine andere Welt taucht häufig in der Portal Fantasy auf, etwa in Mary Hoffmans „Stravaganza“-Saga, Nicola M. Brownes „Fuchsfrau“ oder auch in Tad Williams‘ „Otherland“.

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Portal Fantasy als Dauerbrenner

Auch in den nachfolgenden Jahrzehnten blieb die Portal Fantasy präsent. In den 1980ern erschienen internationale Klassiker wie „Die Herren von Fionavar“, der weitschweifige „Midkemia“-Zyklus oder die „Pliozän“-Saga. Im deutschsprachigen Raum wurde „Der weiße Wolf“ aus der Feder der österreichischen Schriftstellerin Käthe Recheis zu einem beliebten Jugendbuch.

In den 1990ern wiederum wurden u. a. K. A. Applegates „Everworld“ oder Philip Pullmans „Der Goldene Kompass“ veröffentlicht, eine der bis heute erfolgreichsten Trilogien des Genres.

Im neuen Jahrtausend wurde das Genre oft mit neuen Trends wie Dark Fantasy oder Romantasy gekreuzt. Spätestens nach dem Erfolg des Anime „Chihiros Reise ins Zauberland“ fanden außerdem japanische Motive ihren Weg in westliche Portal Fantasy, etwa im bereits genannten „Fuchsfrau“ oder den Romanen von Hiromi Goto (z. B. „The Kappa Child“).

Welten inner- und außerhalb der unseren

Die Lokalisierung und das Verständnis der jeweiligen Parallel- oder Anderwelt können ebenso variieren wie die Wege, die zu ihr führen. Oft handelt es sich tatsächlich um eine ganz eigene Welt. Manchmal ist sie aber auch Teil der uns bekannten Erde, kann jedoch nur über bestimmte Wege erreicht werden. Beispiele dafür sind die Zaubererwelt in „Harry Potter“ oder die urbanen Unterwelten aus Neil Gaimans „Niemalsland“, Christoph Marzis „Uralte Metropole“-Reihe und Cassandra Clares „Chroniken der Unterwelt“.

Selbst Anderwelten außerhalb unserer Erde müssen aber nicht zwangsläufig aus völlig anderen Ländern bestehen. Das Talia aus „Stravaganza“ etwa ist im Prinzip ein magisches Italien, und Heldinnen wie Bernhard Hennens „Alica“ oder Kerstin Giers Gwendolyn („Liebe geht durch alle Zeiten“) reisen eher durch Zeiten denn durch Welten.

Fast schon als eigenes Genre können jene Varianten wie Cornelia Funkes „Tintenherz“ oder Diana Menschigs „Hüter der Worte“ gesehen werden, in denen Autor*innen in die Welten ihrer Geschichten gezogen bzw. umgekehrt ihre Figuren in unsere Welt gespült werden. Eine vergleichsweise neue, zuletzt aber sehr beliebte Variante ist zudem die des Eintritts in Cyberwelten. Beispiele dafür sind „Otherland“, „Ready Player One“, „Boy in a White Room“, (wenn so viel Eigenwerbung erlaubt ist) „Spielende Götter“ oder die „Tron“-Filme.

Anders als viele andere Genres durchlebte die Portal Fantasy keine Durststrecken. Seit der Geburt der Fantasy war sie immer da, und ein Ende ist nicht abzusehen. Novellen wie jene von Seanan McGuire („Der Atem einer anderen Welt“) zeigen zudem, dass die Möglichkeiten des Genres noch nicht erschöpft sind. Die Portale werden auch in Zukunft variieren, und wir wissen nicht, was uns auf der anderen Seite erwartet. Aber auf die eine oder andere Art wird das Genre bestehen bleiben, solange es Fantasy gibt.

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