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Romantasy: Alles, was du über das Genre wissen musst


Schmachten, während das Böse bekämpft wird: In der Romantasy (Romantic Fantasy) bildet eine Liebesgeschichte den Kern der fantastischen Handlung. Doch zu einem etablierten Subgenre ist sie erst in den letzten beiden Jahrzehnten avanciert, seit Gestaltwandler und Vampire richtig sexy geworden sind.

Eine Person trifft auf eine zweite Person, die beiden verlieben sich, es gibt Probleme, aber am Ende sind sie glücklich miteinander.

Klingt nach einer vertrauten Handlung? Kein Wunder, schließlich dürften etwa 80 Prozent aller erzählten Geschichten diese Elemente wenigstens am Rande beinhalten. (Okay, das mit dem glücklichen Ende war schon bei „Romeo und Julia“ so eine Sache ...) Wird diese Liebesbeziehung nun aber zum Dreh- und Angelpunkt der Handlung und beinhalten besagte Probleme Drachen, Vampire oder irgendwas mit Tentakeln, so bewegen wir uns vermutlich auf dem Boden der Romantasy.

Zwei Begriffe, (k)ein Genre

Im englischsprachigen Raum wird der Begriff eher selten verwendet. Stattdessen ist hier meist von der „Romantic Fantasy“ die Rede, die auch noch zu den „Fantasy Romances“ abgegrenzt wird. Der Unterschied besteht lediglich in der Frage, ob nun die Anteile der Fantasy (= Romantic Fantasy) oder der klassischen Romanze (= Fantasy Romance) überwiegen. Hierzulande hält man sich damit nicht auf und schließt beide Genres zum Neologismus der „Romantasy“ zusammen. In enger Verwandtschaft existieren aber die Paranormal Romance, eine Verknüpfung aus Romanze und Mystery, sowie Romantic Thrill, ein Subgenre, das Thriller und Romanze oft mit Dark-Fantasy-Elementen kreuzt.

Über Jahrzehnte hinweg bestand die Romantasy nur implizit. Ihre eingangs erwähnten Elemente sind auch für viele Vorfahren der Fantasy, wie Mythen, Sagen oder die höfische Epik, typisch. Die dort auftauchenden Beziehungsstrukturen und Geschlechterrollen rund um wackere Helden, edle Damen und obligatorische Nebenbuhler waren auch lange für die Fantasy vorherrschend. Unter dem Einfluss einer Welle an feministischer Fantasy entstanden allerdings ab Ende der 1970er Jahren Romane wie Elizabeth A. Lynns „Chroniken von Tornor“ oder Robin McKinleys „Das blaue Schwert“. Beide machten die Auseinandersetzung der Figuren mit ihrer Sexualität zum Thema und hinterfragten dabei ebenso heteronormative wie auch erzählerische Traditionen.

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Ein Happy End als Markenkennzeichen

Dennoch würden beide Werke heute nicht in erster Linie zur Romantasy gerechnet werden – ebenso wenig wie Terry Goodkinds „Das Schwert der Wahrheit“ oder William Goldmans „Die Brautprinzessin“, obwohl beide Handlungen sich zu großen Teilen um ein Pärchen drehen. Erst als die Dark Fantasy in Mode kam und verstärkt Liebesbeziehungen zwischen Menschen und Andersweltlern thematisiert wurden – oft mit einer gehörigen Portion Erotik –, entwickelte sich in den nuller Jahren aus „romantischer Fantasy“ eine eigene Marke. Liebe, ein Konflikt, phantastische Zutaten und durchaus auch ein Happy End: Das sind seither die wichtigsten Zutaten des Subgenres, dessen Werke oft aus Sicht einer weiblichen Figur geschrieben sind.

Die Rezeptur schlug schnell ein: Das Magazin LOCUS ermittelte beispielsweise, dass von 460 Fantasyromanen, die 2007 veröffentlicht wurden, 243 der Romantasy zuzurechnen waren.

Dark Fantasy und „Twilight“ als Wegbereiter

Viele dieser Titel tragen noch eine enge Verwandtschaft zur Dark Fantasy in sich, beispielsweise die „Sookie Stackhouse“-Reihe von Charlaine Harris, „Midnight Breed“ von Lara Adrian, „Black Dagger“ von J. R. Ward oder die Gestaltwander-Reihe von Nalini Singh („Leopardenblut“, „Jäger der Nacht“ u. a.). Romane wie die humorvollen Bände rund um Vampirkönigin Betsy Taylor („Weiblich, ledig, untot“, „Untot lebt’s sich auch ganz gut“ u. a.) machten zudem eine Form von (Dark) Fantasy populär, die das Genre mit Chick-Lit-Elementen mischte.

Auch „Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen“ von 2005 lässt sich der Dark Fantasy zuordnen. Zugleich brachte es der Jugend-Romantasy einen unvergleichlichen Boom, von dem bis heute ganze Verlage zehren. Ob Lauren Kates „Fallen“, Jennifer L. Armentrouts „Obsidian“ oder Cassandra Clares „Die Chroniken der Unterwelt“: Vermutlich hätte es keiner dieser Titel ohne den Erfolg von „Twilight“ auf die Bestseller-Listen geschafft, womöglich nicht einmal in die Verlagsprogramme. Und selbst dem Dystopie-Genre verhalf der Trend zu einer neuen Blüte. Zu den beliebtesten Titeln in diesem Bereich gehören nicht nur „Die Tribute von Panem“, sondern auch die sich deutlich stärker an Romantasy-Motiven orientierende „Selection“-Pentalogie von Kiera Cass.

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Fairytale, Celtic und Historical Fantasy: Typische Genreverflechtungen

Aber nicht nur Werwölfe, Vampire und postapokalyptische Rebellen sind typische Love Interests in der Romantasy. Besonders beliebt sind beispielsweise auch Märchen-Nacherzählungen, die von so unterschiedlichen Interpretationen wie Robin McKinleys „Die Schöne und das Ungeheuer“ und Malinda Los „Ash“ über Jackson Pearces „Blutrote Schwestern“ bis hin zu Jessica Khourys „Ein Kuss aus Sternenstaub“ reichen. Auch die Celtic Fantasy hat mit Romanen wie „Flamme und Harfe“ von Ruth Nestvold, der „Ring“-Trilogie von Nora Roberts („Grün ist die Hoffnung“ u. a.) oder Maggie Stiefvaters „Lamento“ einige Romantasy-Titel zu bieten. Im Bereich Historical Fantasy wiederum lassen sich Titel wie Sally Gardners kontrovers diskutiertes „Ich, Coriander“ und Romanreihen wie Jacqueline Careys „Kushiel“- oder Diana Gabaldons „Highland“-Saga der Romantasy zuordnen. Grundsätzlich kann aber jedes Subgenre als Romantasy gelesen werden, sofern die Liebesbeziehung ein zentrales Handlungselement darstellt, welches auch als Motivator für die Figuren fungiert.

Romantasy aus dem deutschsprachigen Raum

Auch im deutschsprachigen Raum ist Romantasy beliebt. Ganze Imprints wie Impress oder Loomlight und Verlage wie Drachenmond haben vorwiegend Romantasy im Programm, zudem schreiben zahllose Selfpublisher in diesem Bereich. Erfolgreiche deutschsprachige Genre-Autor*innen sind beispielsweise Stefanie Hasse („Heliopolis“, „Neumondschatten“), Isabel Abedi („Lucian“), Bianca Iosivoni („Soul Mates“, „Sturmtochter“), Fabienne Siegmund („New York Seasons“, „Das Herz der Nacht“) oder Kai Meyer mit der „Arkadien“-Trilogie. Einen vergleichsweise ungewöhnlichen Weg geht Tanja Rast, die in Titeln wie „Arrion“ oder „Cajan“ Romantasy mit Sword&Sorcery kreuzt.

Romantasy als zweischneidiges Schwert

Für Autorinnen bedeutet die Romantasy Fluch und Segen zugleich: Als einziges vornehmlich von Frauen bedientes Subgenre ebnet es diesen den Weg in die Buch- und Verlagswelt, wodurch das zuvor eher männlich dominierte Fantasygenre etwas weiblicher geworden ist. Zugleich ist es für viele Autorinnen aber umso schwieriger, in anderen phantastischen Genres zu veröffentlichen – wo ein weiblicher Name drauf steht, wird offenbar prompt eine prominente Liebesgeschichte erwartet.

Doch auch in sich ist das Genre paradox. Einerseits betont es auf den ersten Blick klassische Geschlechterrollen und Beziehungsstrukturen. Andererseits beweisen Autorinnen wie Rhiannon Thomas („Ewig“-Reihe) oder die bereits genannte Malinda Lo, dass sich gerade die Romantasy (immer noch) eignet, um Handlungselemente, Normen oder Strukturen „typischer“ Romanzen zu hinterfragen. Wenn Person A auf Person B trifft, gibt es eben noch viel Raum für Interpretationen und Variationen auf dem Weg zum Happy End. 

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