John Scalzi – eine Einführung für Leserinnen und Leser

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John Scalzi – eine Einführung für Leserinnen und Leser


Bernhard Kempen verantwortet seit rund zehn Jahren sämtliche Übersetzungen von John Scalzi ins Deutsche – und da ist es umso schöner, wenn man liest, dass er dieser Arbeit noch immer mit großer Begeisterung fröhnt. Einige sehr persönliche Gedanken zu den Romanen von John Scalzi ...

Wenn man, wie ich, schon so einige Bücher übersetzt hat, entwickelt man zu manchen Autoren ein etwas innigeres Verhältnis als zu anderen. Es ist einfach so, dass manche Übersetzungen großen Spaß machen oder einen besonderen Reiz haben, während das für andere weniger gilt. Unter »meinen« Autoren gibt es da einen, der für mich gleich in mehreren Kategorien etwas ganz Besonderes ist, und dieser Autor ist John Scalzi. Zum einen hat es etwas damit zu tun, dass alle Bücher, die von ihm auf Deutsch erschienen sind, von mir übersetzt wurden. Zum anderen habe ich das Glück, dass ich mit seinem Stil ausgesprochen gut zurechtkomme. Er schreibt ungefähr so, wie ich selbst schreibe, wenn ich mich literarisch ungehemmt austoben darf.

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Krieg der Klone

Ich gebe zu, dass ich am Anfang meiner Beziehung zu John Scalzi etwas skeptisch war. Als ich das Angebot erhielt, seinen Erstling Krieg der Klone (Old Man’s War) zu übersetzen, hatte ich Bedenken, weil Military SF eigentlich gar nicht mein Ding ist. Aber dann wurde mir klar, dass Scalzi ohne eine Spur von Militarismus über Militär schreibt. Er spricht schonungslos und manchmal recht flapsig aus, wie es ist, wenn man in den Krieg zieht. Und dann kann er auch noch richtig witzig sein!

Und er erzählt gern aus der Ich-Perspektive. Auch das liegt mir, und auch das mache ich am liebsten, wenn ich selbst etwas schreibe. Weil man dabei sehr tief in eine Romanfigur eintauchen kann. Reizvoll wird es, wenn man als Leser merkt, dass der Erzähler einem offensichtlich nicht die ganze Wahrheit sagt – oder vielleicht eine Weile herumdruckst, bis er mit der Sprache herausrückt.

Und die Grundidee von Krieg der Klone ist natürlich genial! Warum werden eigentlich junge Menschen in den Krieg geschickt? Warum werden Generationen verheizt, die noch ihr ganzes Leben vor sich hätten? Warum nicht alte Menschen, die viel mehr Erfahrung haben, die wissen, wofür sie kämpfen, und die eher bereit sind zu sterben, weil ihnen ohnehin nicht mehr so viel Zeit bleibt? Eine provokante Idee, die von Scalzi gekonnt in Romanform gebracht wurde.

Auf Krieg der Klone folgten die Bände Geisterbrigaden (The Ghost Brigades)Die letzte Kolonie (The Last Colony)Zwischen den Sternen (Zoe’s Tale)Die letzte Einheit (The Human Division) und Galaktische Mission (The End of All Things), und laut Scalzi ist die Serie damit abgeschlossen. Allerdings muss man gerade bei diesem Autor immer wieder mit Überraschungen rechnen.

Ursprünglich war auch Krieg der Klone nur als Einzelband gedacht, bis sein Verleger ihn zu einer Fortsetzung überredete. Jedenfalls kamen dann noch ganz andere Wendungen hinzu, bis es am Ende überwiegend um galaktische Machtpolitik geht. Aber auch das wird von Scalzi durchgängig spannend, unterhaltsam und immer wieder äußerst witzig erzählt. Eine Besonderheit stellt der dritte Band Zoe’s Tale dar, der zeitlich parallel zum zweiten Band spielt und sich stellenweise mit dessen Handlung überschneidet. Für mich als Übersetzer eine interessante Aufgabe, weil ich während der Arbeit immer wieder nachgucken musste, wie ich bestimmte Szene im Band davor übersetzt hatte.

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Agenten und Androiden

Zwischendurch widmete sich Scalzi immer wieder ganz anderen Themen, und die Resultate fallen in meinen Augen sehr unterschiedlich aus. Ich gebe zu, dass ich mit Androidenträume (The Android’s Dream) nie so richtig warm geworden bin. Es geht viel um Fürze, die nicht so mein Lieblingsthema sind. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass die Geschichte nicht aus der Ich-Perspektive erzählt wird.

Richtig gut und witzig dagegen finde ich Agent der Sterne (Agent to the Stars), eigentlich Scalzis erster Roman, der für ihn eher eine »Schreibübung« war, wie er selbst sagt. Bis er sich recht spät zu einer Veröffentlichung entschloss und sehr erstaunt über den Erfolg des Buches war. Es geht um friedliebende Aliens, die gern Kontakt mit uns aufnehmen würden, aber ein Image-Problem haben, weswegen sie einen Hollywood-Agenten anheuern. Hat mir großen Spaß gemacht, vielleicht auch, weil der Roman wieder aus der Ich-Perspektive erzählt wird.

Metatropolis (Metatropolis) besteht aus mehreren thematisch zusammenhängenden Storys von verschiedenen Autoren. Scalzi selbst war »nur« der Projektleiter und hat »nur« das Vorwort und eine Story beigesteuert. Nicht so richtig spannend, kann man aber ruhig mal lesen, weil man einen Eindruck bekommt, wie man sich in den USA eine ökologisch saubere Zukunft vorstellt – mit ganz anderen Denkansätzen als hierzulande. Auf jeden Fall interessant!

In Der wilde Planet (Fuzzy Nation) entdeckt man niedliche Aliens auf einem fremden Planeten, doch aus bestimmten Gründen wird den Menschen erst spät klar, dass die Fuzzys eine intelligente Spezies sind. Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist, dass Scalzi hier den Roman Der kleine Fuzzy (Little Fuzzy) von H. Beam Piper neuerzählt. Leider kann ich beide Versionen nicht miteinander vergleichen, da ich das Original von Piper nie gelesen habe. Klingt das seltsam? Vielleicht, aber ich wollte mich bei der Übersetzung nicht beeinflussen lassen. Immerhin kann ich sagen, dass Scalzis Roman für mich als eigenständiges Werk funktioniert!

Mein Lieblingsbuch von John Scalzi ist eindeutig Redshirts (Redshirts). Es hat nur einen Haken: Man muss schon eine gewisse Mindestanzahl von Star Trek-Folgen gesehen haben, um es genießen zu können. Es geht darum, wie den niederen Rängen an Bord des Raumschiffs Intrepid irgendwann klar wird, dass bei Außeneinsätzen immer Leute mit roten Uniformen hopsgehen. Geniale Anspielungen, Überschneidungen verschiedener Fiktionsebenen, gut und witzig erzählt – und man sollte unbedingt auch den Anhang lesen!

Das Syndrom (Lock In) wiederum hat mich nicht so gepackt, obwohl das Buch mit ein paar sehr gelungenen Szenen aufwarten kann. Die Fortsetzung steht bereits ganz unten auf meiner Übersetzungsliste, und trotz allem bin ich gespannt und freue mich schon auf diesen Job!

Das Imperium der Ströme

Vor Kurzem habe ich die Übersetzung von Kollaps (The Collapsing Empire) abgeschlossen, dem ersten Band von Scalzis brandneuer Serie. John Scalzi urteilt in seinem Blog-Artikel, dass er nach der letzten Überarbeitung rundum zufrieden mit dem Buch ist – »eine verdammt runde Geschichte« und »einige Teile sind richtig toll«. Klingt vielleicht ein bisschen nach Selbstbeweihräucherung, aber ich kann nur sagen: Er hat in allen Punkten recht! Das Buch ist spannend und witzig zugleich, die Figuren sind wunderbar gezeichnet. Eine patente junge Frau, die sich überraschend als Thronfolgerin eines mächtigen Sternenimperiums entpuppt, eine Aristokratin, die nichts anbrennen lässt und alles andere als auf den Mund gefallen ist, überraschende Wendungen in der Handlung, die ich hier natürlich nicht verraten werde.

Vielleicht hat Krieg der Klone die genialere Grundidee, vielleicht ist Agent der Sterne etwas besser erzählt, und vielleicht ist Redshirts deutlich witziger, aber Kollaps hat von allem etwas, und insgesamt betrachtet ist es für mich Scalzis bisher gelungenster Roman. Ich kann es gar nicht abwarten, die Folgebände übersetzen zu dürfen!

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