Marc Lawrence: Waffenschwestern

FISCHER TOR

Leseprobe: Waffenschwestern (Mark Lawrence)


TOR Team
05.11.2018

Lest hier die ersten paar Seiten vom Auftaktband "Waffenschwestern" - der neuen Fantasy-Trilogie von Mark Lawrence.

Darum geht's in »Waffenschwestern«: Das Kloster zur barmherzigen Gnade ist kein gewöhnlicher Konvent. Hier leben Mystikerinnen, die das Gewebe der Welt manipulieren, Schwestern der Verschwiegenheit, die sich der Kunst der Täuschung widmen, und hier werden Mädchen zu tödlichen Kriegerinnen ausgebildet. Als die junge Nona von einer Äbtissin in den Konvent geholt wird, ahnt sie nicht, dass ihre Ausbildung sie bis an ihre Grenzen führen wird – und weit darüber hinaus.

 

*** Leseprobe ***

Prolog

Will man eine Nonne töten, so gilt es sicherzustellen, dass man über ein Heer von hinreichender Größe verfügt. Für Schwester Dorn vom Kloster zur süßen Gnade führte Lano Tacsis zweihundert Mann heran.

Von der Stirnseite des Konvents aus sieht man sowohl das Nord- als auch das Südeis, den schöneren Ausblick bieten jedoch die Hochebene und dahinter die Flucht des schmalen Lands. An einem klaren Tag erhascht man vielleicht sogar einen Blick auf die Küste mit der Marnsee als Andeutung in Blau.

An irgendeinem Punkt der quälend langen Geschichte hat ein längst vergessenes Volk eintausendvierundzwanzig Säulen auf der Hochebene errichtet: korinthische Riesen, dicker als eine tausendjährige Eiche, höher als eine Langkiefer. Ein Wald aus Stein ohne Ordnung oder Muster, der sich von der einen Seite bis zur anderen erstreckt, so dass man darin an keiner Stelle weiter als zwanzig Meter von einer Säule entfernt ist. Schwester Dorn wartete inmitten dieses Waldes, allein und auf der Suche nach ihrer Mitte.

Lanos Männer schwärmten zwischen den Säulen aus. Dorn konnte den Feind weder sehen noch hören, seine Position jedoch war ihr bekannt. Sie hatte zuvor beobachtet, wie die Männer den Westweg aus dem Styxtal heraufgeschlichen waren, jeweils im Dreier- oder Viererglied: Pelarthi-Söldner aus den Randlanden, Felle des Weißbärs und des Schneewolfs überm Lederzeug, manche in Fetzen von Kettenhemden gehüllt, die uralt und geschwärzt waren oder wie neu glänzten, je nach Glück. Viele trugen Speere, manche Schwerter, einer von fünfen einen kurzen Reflexbogen aus Horn. Hünen hauptsächlich, blond, die Bärte gestutzt oder geflochten, die Frauen mit blauen Strichen auf Stirn und Wangen wie die Strahlen einer kalten Sonne.

Dieser eine Moment.

Die ganze Welt und mehr kam durch die Ewigkeit herangerast, schrill den Strang der Jahre herab, um bei diesem Schlag deines Herzens anzugelangen. Und wenn du es zulässt, wird das Universum sich, ohne Luft zu holen, durch dieses Bruchstück einer Sekunde zwängen und zur nächsten rasen, fort in eine neue Ewigkeit. Alles, was ist, der Nachhall von allem, was war, die Wurzeln von allem, was je sein wird, all das muss durch diesen Moment hindurch, der dir gehört. Du hast lediglich die Aufgabe, ihn innehalten zu lassen – ihn aufmerksam werden zu lassen.

Dorn stand dort ohne Regung, denn nur wenn man wirklich still ist, kann man die Mitte sein. Ohne einen Laut stand sie da, denn lauschen kann man nur lautlos. Stand da ohne Furcht, denn nur die Furchtlosen vermögen die Gefahr zu erfassen.

In ihr die Stille des Waldes, verwurzelte Rastlosigkeit, eichen­langsam, kiefernschnell, eine brausende Geduld. In ihr die Stille von Eiswänden, die dem Meer trotzen, klar und tief, die blaue Geheimnisse kühl halten vor der Wahrheit der Welt und dicht gepackt einem unvermittelten Abfall trotzen, eine Geduld von Äonen. In ihr die Reglosigkeit eines schmerzgeborenen Kindes, das sich in seiner Krippe nicht rührt. Und die der Mutter, erstarrt in ihrer Entdeckung, kurz nur und doch endlos lang.

Dorn bewahrte ein Schweigen, das alt gewesen war, bevor die Nonne das Licht der Welt erblickt hatte. Eine über Generationen weitergegebene Ruhe. Den Frieden, der uns ermahnt, die Morgendämmerung zu betrachten, das stillschweigende Bündnis mit Welle und Flamme, die uns verstummen lassen und uns verleiten, vor dem Wogen und Schwellen innezuhalten oder zu warten, bis wir den verschlingenden Freudentanz der Flammen mitangesehen haben. In ihr das Schweigen eines Kindes, das zu Fremden gegeben wurde: stumm, unbewusst, gezeichnet für Jahre. In ihr all das Unausgesprochene der ersten Liebe, die Zunge gelähmt, um Worte verlegen und keinesfalls willig, eine so überwältigende und einmalige Empfindung mit etwas so Plumpem wie Worten zu beschmutzen.

Dorn wartete. Furchtlos wie Feldblumen, leuchtend, zart, dem Himmel offen. Tapfer wie nur diejenigen sein können, die bereits verloren haben.

Stimmen drangen zu ihr, Rufe der Pelarthi, die einander auf den unterbrochenen Freiflächen der Ebene aus dem Blick verloren. Schreie schallten über das Gelände, hallten von den ­Säulen wider, Fackellicht flackerte, eine Vielzahl von Schritten, ­lauter, näher. Dorn rollte unter der Schwarzhautrüstung mit den Schultern. Sie verstärkte ihren Griff um die scharfen Gewichte der beiden Wurfsterne, ihr Atem ruhig, das Herz rasend.

»An diesem Ort sehen mir die Toten zu«, flüsterte sie. Ein plötzlicher Ruf nahebei, huschende Gestalten zwischen zwei Säulen, erneut Deckung suchend. Viele Gestalten. »Ich bin eine Waffe im Dienst der Lade. Wer mich angreift, der erfährt, was Verzweiflung ist.« Mit der steigenden Anspannung, Vorbote jeden Kampfes, wurde ihre Stimme lauter. Ein summendes Kribbeln über ihren Wangenknochen, eine Enge in der Kehle, das Gefühl, sich tief in ihrem Körper zu befinden und zugleich über ihm und um ihn herum.

Der erste Pelarthi kam in Sicht getrabt und blieb bei ihrem Anblick stolpernd stehen. Ein junger Mann, bartlos, doch mit harten Augen unter dem Eisen seines Helms. Weitere drängten heran, verteilten sich auf dem Schlachtfeld.

Die Rotschwester neigte zum Gruß den Kopf.

Dann ging es los.

Kapitel 1

Kein Kind glaubt ernsthaft, dass es hängen wird. Noch ­unter dem Galgen, mit dem kratzenden Strick um die Handgelenke und dem Schatten der Schlinge im Gesicht, sind sie überzeugt, dass jemand vortreten wird, eine Mutter, ein lang verschollener Vater, ein König, der Gnade gewähren will … ­irgendjemand. Wenige Kinder haben lange genug gelebt, um die Welt zu begreifen, in die sie hineingeboren wurden. Das gilt wohl auch für manche Erwachsene, doch die haben dann zumindest einige bittere Lektionen gelernt.

Saida erklomm die Stufen des Schafotts, wie sie so viele Male die hölzernen Sprossen zum Dachboden der Caltess hinaufgestiegen war. Dort schliefen sie alle, die jüngsten Arbeiter, aus­gestreckt zwischen den Säcken, dem Staub und den Spinnen. Heute Abend würden die anderen diese Sprossen hinaufklettern und im Dunkeln von Saida flüstern. Morgen Abend würde das Geflüster verklungen sein und ein neuer Junge, ein neues Mädchen den leeren Platz ausfüllen, den Saida unter dem Dachstuhl hinterlassen hatte.

»Ich hab nichts gemacht«, sagte sie ohne Hoffnung, mit längst wieder trockenen Augen. Der Wind schnitt von Westen her, ein Schneiswind, die Sonne glühte rot und nahm den halben Himmel ein, ohne viel Wärme zu spenden. Saidas letzter Tag?

Eher gleichgültig als grob schob der Wärter sie weiter. Sie sah zu ihm hoch. Groß, alt, mit festem Fleisch, als hätte der Wind es bis auf die Knochen abgeschliffen. Noch ein Schritt, die Schlinge baumelte dunkel vor der Sonne. Der Gefängnishof lag nahezu ausgestorben da, eine Handvoll sahen von den schwarzen Schatten aus zu, wo der Außenwall Schutz bot, alte Frauen, deren graue Haare flatterten. Saida fragte sich, was sie hergelockt hatte. Vielleicht waren sie so alt, dass sie sich Sorgen über das Sterben machten und sehen wollten, wie es ging.

»Ich war das nicht. Nona war’s. Hat sie doch selber gesagt.« Sie hatte diese Worte so oft ausgesprochen, dass jede Bedeutung herausgelaugt worden war und nur noch bleiche Laute übrig blieben. Und doch stimmten sie. Von vorn bis hinten. Wie Nona selber gesagt hatte.

Der Henker bedachte Saida mit dem allerschmalsten Lächeln, beugte sich herunter und überprüfte den Strick an ihren Handgelenken. Der saß zu fest und juckte, und ihr tat der Arm weh, wo Raymel ihn gebrochen hatte, aber Saida sagte nichts, sondern suchte nur mit Blicken den Hof ab, die Türen zu den Zellentrakten, die Nebengebäude, sogar das große Tor zur Außenwelt. Jemand würde kommen.

Drüben beim Zapfen, einem gedrungenen Turm, in dem der Gefängnisvorsteher angeblich in einem Luxus lebte, der jeder hohen Familie zur Ehre gereicht hätte, flog eine Tür auf. Ein Wärter blinzelte in die Sonne. Bloß ein Wärter. Die Hoffnung, die das Mädchen prompt durchrieselt hatte, verflüchtigte sich wieder.

Hinter dem Wärter trat eine kleinere, breitere Gestalt heraus. Saida sah wieder auf, hoffte wieder. Eine Frau in dem langen Habit einer Nonne stand im Hof. Nur der Stab in ihrer Hand mit seiner gebogenen goldenen Spitze bezeichnete ihre Stellung.

Der Henker bemerkte sie, und sein Lächeln verflog. »Die Äbtissin …«

»Die hat sich hier unten noch nie blicken lassen.« Der alte Wärter packte Saidas Schulter fester.

Saida öffnete den Mund, der jedoch zu trocken für ihre Gedanken war. Die Äbtissin kam ihretwegen. Kam, um sie zum Orden des Ahnen mitzunehmen. Um ihr einen neuen Namen und neues Obdach zu geben. Saida war nicht einmal überrascht. Sie hatte nie ernsthaft geglaubt, dass sie hängen würde.

 

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